Nossack schildert im "Untergang" die Bombardierung Hamburgs, die er durch einen zufällig angetretenen Aufenhalt in einem Ferienhäuschen aus 15 km Entfernung erlebt. Die Bombardierung dauerte über eine Woche (25. Juli bis 3. August), forderte rund 35 000 Tote, wobei Nossack mit den Daten, auch wenn er bereits 3 Monate später über dieses Ereignis schreibt, keineswegs im Sinne eines Historikers umgeht (bei ihm dauert das Bombardement 3 bis 4 Tage). Dies zu erwähnen scheint deshalb wichtig, weil es sich hier um einen Prosatext handelt, der nicht bloß Fakten referiert.
Auch die Konzeption ist eine teilweise literarische: Den tragischen Ereignissen wird zu Beginn die Idylle des Häuschens in der Heidelandschaft gegenübergestellt, aus dieser Gegenüberstellung bezieht das Kriegsgeschehen eine Art besonderer Tragik. Das Wichtigste für Nossacks persönliches Erleben aber ist die Vernichtung seiner eigenen bürgerlichen Existenz, der Wohnung, seines Kontors am Hamburger Hafen, die ihn endgültig den Beschluss fassen lässt, nur noch für das Schreiben leben zu wollen. Es ist ein Initialereignis, das in allen seinen späteren Büchern in unterschiedlichen Verwandlungen wieder erscheint - verbunden mit Krieg und Diktatur.
Im "Untergang" beschreibt Nossack den psychischen Ausnahmezustand desjenigen, der alles verliert, dem die Welt eigenartig fremd erscheint unter diesen völlig veränderten Voraussetzungen, dessen Blick sich für immer gewandelt hat. Bei der Rückkehr erscheint alles unbekannt: Selbst die geographische Orientierung will angesichts der zerstörten Stadt nicht mehr gelingen, er findet Orte nicht, die er Tag für Tag besucht hat. Er steht vor seinem zerstörten Haus, erinnert sich der unzähligen Dinge: Materielles, das für ihn von Leben erfüllt war, von seinem Leben, er spürt die Hilflosigkeit, wenn er andere über ihre normale Existenz reden hört: Das alles hatte ich auch einmal. Er geht durch Vororte und sieht Menschen leben, Geranien gießen, den Garten harken. Ein groteskes Nebeneinander angesichts der Tatsache, dass die Stadt von Millionen Fliegen bevölkert wird, die sich an den Toten genüsslich tun. Unbegreiflich und selbstverständlich, dass das Leben weiter geht.
Die Haltung gegenüber den Ausgebombten ist ambivalent: Zwischen anfänglicher Hilfsbereitschaft und dem Wunsch, mit all dem nicht konfrontiert zu werden. (In Qualtingers "Herr Karl" gibt's den "Versprecher" von Bombengeschädigten zu Bombenschädlingen.) Die Opfer sind lebende Mahnmale dessen, was auf die noch nicht Betroffenen zukommen könnte, stumme Anklage für die Herbeiführung jener politischen Umstände, die dies alles verursacht hat.
Der Text, die Sprache beeindrucken durch Hilflosigkeit: Man fühlt das Grauen, das Entsetzen, merkt aber auch die Unzulänglichkeiten der Darstellung. Nossack versucht literarisch zu verarbeiten, was noch viel zu sehr präsent ist, um zu einem einheitlichen Stück Prosa zu werden. Die Verzweiflung ist spürbar, auch Sprachlosigkeit. Manchmal meint man zwischen den Zeilen das Seufzen zu hören, das Suchen, Tasten nach Ausdruck für das eigentlich nicht in Worte Fassbare. Im Grunde kann er's nicht, noch nicht schildern - und so ist dieser Text kein einheitliches Ganzes, kein sprachliches Kunstwerk. Der Reiz und das Berührende liegt aber gerade in dieser überall spürbaren Hilflosigkeit, dass da einer zu verarbeiten sucht, was noch immer unbegreiflich, unverstehbar ist.
lg
orzifar