Author Topic: Hans Erich Nossack: Der Untergang  (Read 7922 times)

Offline Gontscharow

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Hans Erich Nossack: Der Untergang
« on: 25. September 2010, 14.13 Uhr »

Mein Buch ist da, wir können beginnen!

Offline Gontscharow

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Re:Hans Erich Nossack: Der Untergang
« Reply #1 on: 26. September 2010, 13.28 Uhr »

So, die ersten dreißig Seiten habe ich gelesen.
Das dem ganzen vorangestellte Motto aus Dostojewskis Aus einem Totenhaus lässt - merkwürdige Koinzidenz(?) - genau die Fragestellung aus Sebalds Luftkrieg und Literatur anklingen: Schweigen der Opfer angesichts grauenhafter Erfahrungen.
Anders Nossack: Der Untergang ist ein Bericht über die Zerstörung Hamburgs im Juli/August 1943, verfasst nur drei Monate danach von einem Zeugen und Betroffenen. Am Anfang gibt Nossack  - als wenn das nötig wäre - noch Gründe für sein Schreiben an: Ich fühle mich beauftragt ... Ich habe das Gefühl, dass mir der Mund für alle Zeiten verschlossen bleiben würde, wenn ich nicht dies zuvor erledigte.
Nossack befand sich bei den ersten Angriffen in der Heide nur wenige Kilometer südlich von Hamburg zur Sommerfrische. Während seine Frau in dem Erdloch unter der Ferienhütte kauert, sieht er sich das "Schauspiel"  der Vernichtung Hamburgs an. Schon in der Nacht setzt der Exodus der Überlebenden aus Hamburg ein, die wie in Trance in der Gegend herumirren. Das Verhältnis der Menschen, die alles, auch ihre Vergangenheit, in wenigen Stunden verloren und grauenhaftes erlebt haben, und der (noch) Besitzenden, die ihren Untergang noch vor sich haben, schlägt innerhalb kürzester Zeit von anfänglicher Solidarität in gegenseitiges Misstrauen, ja Hass um.
 
Hier musste ich erstmal die Lektüre unterbrechen und durchatmen.

Offline orzifar

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Re:Hans Erich Nossack: Der Untergang
« Reply #2 on: 26. September 2010, 13.40 Uhr »
Hallo!

Kurze Leserunde: Ich bin schon fertig. Werde heute Abend (eher morgen) berichten. Das Gefühl bei dieser Lektüre: Froh darüber sein, dass man in einer privilegierten Epoche des Friedens, Wohlstands lebt. Das oft nicht wirklich zu schätzen weiß.

lg

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Offline orzifar

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Re:Hans Erich Nossack: Der Untergang
« Reply #3 on: 27. September 2010, 15.41 Uhr »
Nossack schildert im "Untergang" die Bombardierung Hamburgs, die er durch einen zufällig angetretenen Aufenhalt in einem Ferienhäuschen aus 15 km Entfernung erlebt. Die Bombardierung dauerte über eine Woche (25. Juli bis 3. August), forderte rund 35 000 Tote, wobei Nossack mit den Daten, auch wenn er bereits 3 Monate später über dieses Ereignis schreibt, keineswegs im Sinne eines Historikers umgeht (bei ihm dauert das Bombardement 3 bis 4 Tage). Dies zu erwähnen scheint deshalb wichtig, weil es sich hier um einen Prosatext handelt, der nicht bloß Fakten referiert.

Auch die Konzeption ist eine teilweise literarische: Den tragischen Ereignissen wird zu Beginn die Idylle des Häuschens in der Heidelandschaft gegenübergestellt, aus dieser Gegenüberstellung bezieht das Kriegsgeschehen eine Art besonderer Tragik. Das Wichtigste für Nossacks persönliches Erleben aber ist die Vernichtung seiner eigenen bürgerlichen Existenz, der Wohnung, seines Kontors am Hamburger Hafen, die ihn endgültig den Beschluss fassen lässt, nur noch für das Schreiben leben zu wollen. Es ist ein Initialereignis, das in allen seinen späteren Büchern in unterschiedlichen Verwandlungen wieder erscheint - verbunden mit Krieg und Diktatur.

Im "Untergang" beschreibt Nossack den psychischen Ausnahmezustand desjenigen, der alles verliert, dem die Welt eigenartig fremd erscheint unter diesen völlig veränderten Voraussetzungen, dessen Blick sich für immer gewandelt hat. Bei der Rückkehr erscheint alles unbekannt: Selbst die geographische Orientierung will angesichts der zerstörten Stadt nicht mehr gelingen, er findet Orte nicht, die er Tag für Tag besucht hat. Er steht vor seinem zerstörten Haus, erinnert sich der unzähligen Dinge: Materielles, das für ihn von Leben erfüllt war, von seinem Leben, er spürt die Hilflosigkeit, wenn er andere über ihre normale Existenz reden hört: Das alles hatte ich auch einmal. Er geht durch Vororte und sieht Menschen leben, Geranien gießen, den Garten harken. Ein groteskes Nebeneinander angesichts der Tatsache, dass die Stadt von Millionen Fliegen bevölkert wird, die sich an den Toten genüsslich tun. Unbegreiflich und selbstverständlich, dass das Leben weiter geht.

Die Haltung gegenüber den Ausgebombten ist ambivalent: Zwischen anfänglicher Hilfsbereitschaft und dem Wunsch, mit all dem nicht konfrontiert zu werden. (In Qualtingers "Herr Karl" gibt's den "Versprecher" von Bombengeschädigten zu Bombenschädlingen.) Die Opfer sind lebende Mahnmale dessen, was auf die noch nicht Betroffenen zukommen könnte, stumme Anklage für die Herbeiführung jener politischen Umstände, die dies alles verursacht hat.

Der Text, die Sprache beeindrucken durch Hilflosigkeit: Man fühlt das Grauen, das Entsetzen, merkt aber auch die Unzulänglichkeiten der Darstellung. Nossack versucht literarisch zu verarbeiten, was noch viel zu sehr präsent ist, um zu einem einheitlichen Stück Prosa zu werden. Die Verzweiflung ist spürbar, auch Sprachlosigkeit. Manchmal meint man zwischen den Zeilen das Seufzen zu hören, das Suchen, Tasten nach Ausdruck für das eigentlich nicht in Worte Fassbare. Im Grunde kann er's nicht, noch nicht schildern - und so ist dieser Text kein einheitliches Ganzes, kein sprachliches Kunstwerk. Der Reiz und das Berührende liegt aber gerade in dieser überall spürbaren Hilflosigkeit, dass da einer zu verarbeiten sucht, was noch immer unbegreiflich, unverstehbar ist.

lg

orzifar
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Re:Hans Erich Nossack: Der Untergang
« Reply #4 on: 27. September 2010, 16.08 Uhr »
Ich bin schon fertig.

Auch ich bin nun fertig mit dem Buch.
Ich habe selten etwas Erschütternderes gelesen als diesen Bericht, die Beschreibung der Fahrt nach Hamburg hinein, z.B., in diese Mondlandschaft, die Suche nach der Straße, wo er gewohnt hat etc.! Der Bericht geht manchmal, wenn die nüchterne Sprache nicht ausreicht, die ganz eigenartigen Seelenzustände der Menschen  zu beschreiben, fast unmerklich über in kleine Märchen und Parabeln, die man zur Veranschaulichung gut ertragen kann:
Es war einmal ein Mensch, den hatte keine Mutter geboren. Eine Faust stieß ihn nackt in die Welt hinein, und eine Stimme rief: Sieh zu, wie du weiter kommst. Da öffnete er die Augen und wusste nichts anzufangen mit dem, was ihn umgab. Und er wagte nicht, hinter sich zu blicken, denn hinter ihm war nichts als Feuer.

Das Gefühl bei dieser Lektüre: Froh darüber sein, dass man in einer privilegierten Epoche des Friedens, Wohlstands lebt. Das oft nicht wirklich zu schätzen weiß.

Dieses Gefühl hatte ich gar nicht. Eher so etwas wie Trauer und das Bewußtsein, dass da etwas bis heute fortwirkt. Ich gehöre zu denen, die Phantomschmerzen haben beim Anblick kahl geschorener und überall ähnlich wiederaufgebauter Innenstädte, von Autotrassen, wo mal Gassen gewesen sind etc.
Nossack nimmt sich bei allem Ungeheuerlichen, über das er berichten muss, Zeit für die Trauer um ein vertrautes Gebäude. Sein Kontor findet er zerstört und geplündert wieder:
Plötzlich stockten wir, unser Blick war durch die Hinterfenster auf die Katharinenkirche gefallen. Wir sahen uns erschrocken an. "Ja, als sie einstürzte, habe ich geweint", sagte der Ingenieur, der neben uns stand .... Es nützte uns nichts, dass wir uns einredeten: Es ist nur eine Kirche, die hunderttausend Wohnungen und die Menschen, das ist schlimmer. Es war wohl ein Symbol. Wir alle, die dort zu tun hatten, liebten den Turm über alle Maßen, jeder auf seine Art, vielleicht ohne es zu wissen. Wir merkten es erst jetzt. Das Blaugrün des barocken Kirchendaches verzauberte das opalisierende Wasser des Fleets. Besonders im Frühjahr und Herbst wurde man dadurch zu Träumereien verführt. Das Wissen um die alte Orgel und dass diese Kirche als einzige den Brand Hamburgs hundert Jahre früher überlebt hatte, war gar nicht notwendig.
Nun stand nur noch ein kläglicher Stumpf des Turmes da, verrottet und schwarz angeraucht. Er war genau über der Uhr abgebrochen, der Zeiger wies auf kurz nach Eins; aber mittags oder um Mitternacht? Und an welchem Datum? Über der Uhr sah man noch in goldenen Lettern das Wort: Gloria. Das Kupfer des Kirchendaches hatte sich wie ein Leichentuch nach innen über das Kirchenschiff gelegt. Nur ganz hinten auf einem Mauerrest der Sakristei stand noch der goldene Heilige mit seinem Steuerrad und wies mit dem Finger in die Ferne.

« Last Edit: 27. September 2010, 18.03 Uhr by Gontscharow »

Offline Gontscharow

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Re:Hans Erich Nossack: Der Untergang
« Reply #5 on: 30. September 2010, 23.32 Uhr »

Unsere Beiträge haben sich wohl überschnitten. Ich finde, deine Besprechung ist wieder exzellent!

Zwei Anmerkungen:

Der Text, die Sprache beeindrucken durch Hilflosigkeit ... und so ist dieser Text kein einheitliches Ganzes, kein sprachliches Kunstwerk.

Nossack beobachtet, wie ich finde, sehr genau und differenziert und setzt das sehr gut in Sprache um. Die im Text sich etwa über zwei Seiten erstreckende Schilderung der Fahrt auf dem offenen Lastwagen  in das verwüstete Hamburg hinein ließ Bilder entstehen, einen Film vor meinem inneren Auge ablaufen, fast als sei das gar nicht durch Worte vermittelt. Eigentlich ein gutes Zeichen. Und er muss in Worte fassen, was vor ihm noch niemand beschrieben hat.
"Sprachliches Kunstwerk" - eigentlich möchte man sich das angesichts des Themas verbitten. Seine schnörkellose, unpathetische, genaue Sprache, die "zur Not" auch mal metaphorisch oder auch sarkastisch wird, überzeugt mich und scheint mir angemessen. Da gibt es keine komplizierten Erzählstrukturen, kunstfertige Ellipsen, Unsagbarkeitstopois, kunstfertiges Betroffenheitsgestammel o. ä.
Für das Torsohaft des Textes bin ich fast dankbar.

Die Opfer sind lebende Mahnmale, ...  Anklage für die Herbeiführung jener politischen Umstände, die dies alles verursacht hat.

Ja, "objektiv" sind sie das. Das war ja auch das Kalkül der Bomber, aber die Rechnung ging nicht auf. Aus dem Leid der Betroffenen oder ihrem abschreckenden Beispiel entstand kein Widerstand gegen das Regime oder gegen den Krieg. Die Gründe sind vielfältig. Ansätze  werden hier ja angedeutet: die Frau, die der Staatsmacht, vertreten durch die Polizisten, ihre Furchtlosigkeit entgegenschleudert.. aber das waren wohl Strohfeuer.
Grauenvoll die Vorstellung, dass dieser Wahnsinn noch zwei Jahre weitergeht.

Noch eine Frage: Weißt du, warum Nossack nicht an der Front war? Dieser Tatsache verdanken wir ja den Bericht.

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Re:Hans Erich Nossack: Der Untergang
« Reply #6 on: 01. Oktober 2010, 15.33 Uhr »
Hallo!

Danke für das Lob ;). Was die Fahrt in das zerstörte Hamburg betrifft bin ich ganz bei dir: Das ist auch literarisch gelungen. Wie ich überhaupt den Eindruck habe, dass das Buch zu Anfang ein Kunst-Werk ist, dass eine Konzeption dahinterstand, Nossack aber bei Fortschritt seiner Arbeit immer mehr mit dem "Unsagbaren" konfrontiert schien. Er will Schicksal, Not, Unglück beschreiben, aber all das Erlebte ist so ungeheuerlich, dass die Worte nicht ausreichen, die kleinen Szenen (neben der bereits erwähnten Fahrt auch jene einer anachronistischen Bürgerlichkeit) gelingen, aber das gesamte Unglück war zu groß, zu unbegreiflich, um dargestellt werden zu können.

Ja, "objektiv" sind sie das. Das war ja auch das Kalkül der Bomber, aber die Rechnung ging nicht auf. Aus dem Leid der Betroffenen oder ihrem abschreckenden Beispiel entstand kein Widerstand gegen das Regime oder gegen den Krieg.

Solches Kalkül geht praktisch nie auf, jedenfalls fallen mir nur Gegenbeispiele ein. Weshalb ich den Eindruck habe, dass dies ein vorgeschobenes Motiv derer ist, die sich schlicht rächen, wütend-hilflos zerstören wollen, eine Rache allerdings, die angesichts des ausgelösten, ungeheuerlichen Leides verständlich erscheint.

Noch eine Frage: Weißt du, warum Nossack nicht an der Front war? Dieser Tatsache verdanken wir ja den Bericht.

Nein, ich weiß es nicht, habe mir diese Frage auch gestellt. Er galt wohl als politisch unzuverlässig (da früher Kommunist), dann als Kaufmann ev. unabkömmlich. Aber reine Vermutungen.

lg

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