Author Topic: Stanislaw Lem: Phantastik und Futurologie  (Read 3669 times)

Offline sandhofer

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Stanislaw Lem: Phantastik und Futurologie
« on: 12. September 2010, 06.35 Uhr »
Hallo zusammen

Nun habe ich auch das dritte und letzte in meinem Besitz sich befindende theoretische Werk Lems begonnen. Phantastik und Futurologie behandelt genau das: die Schnittmenge oder den Übergang von Futurologie (als Wissenschaft) und Phantastik (als Literatur) bzw. umgekehrt. Das bei weitem beste theoretische Werk Lems von den dreien. Man merkt, dass die Phantastik sein ureigenstes Gebiet ist. Ich mag nicht in jedem Punkt seiner Kritik an Werken von Kollegen oder auch an seinen eigenen zustimmen, aber diese Kritik ist fundiert. Lem hat seine Gründe, diesem oder jenem Werk dieses oder jenes vorzuwerfen, auch wenn mir sein Begriff von Literatur bisher zu kurz greift.

Grüsse

sandhofer
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Offline sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Phantastik und Futurologie
« Reply #1 on: 13. September 2010, 19.54 Uhr »
Letzteres muss ich vielleicht noch ausführen. Mir will scheinen, dass für Lem die Geschichte eine Moral haben muss. Bzw. eine ganz klare Interpretation. Wo das nicht geht, ist er - will mir scheinen - ein wenig verloren.
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Re:Stanislaw Lem: Phantastik und Futurologie
« Reply #2 on: 14. September 2010, 20.06 Uhr »
Von den theoretischen Werken Lems, die ich gelesen habe, das bisher beste. Allerdings muss man Science Fiction ein bisschen mögen. Lem kritisiert so manches Werk seiner Zeit. Gut, mit der amerikanischen Erzählweise - die ja nicht nur bei Steinbeck, Faulkner oder Hemingway anzutreffen ist, sondern die auch übergeschwappt ist in seichtere Gewässer - mit der amerikanischen Erzählweise also hat Lem offenbar so seine Mühe. Er scheint z.B. Heinlein nicht besonders zu mögen, und wenn er auf Werke von ihm eingeht, dann schon fast prinzipiell auf die schwächeren und schwächsten. Dass er Asimovs drei Roboter-Gesetze kritisiert, indem er festhält, dass ein Wesen entweder einen freien Willen hat, der dann auch impliziert, dass es "Böses" tun kann, oder dass es eben in seinen Handlungsmöglichkeiten beschränkt und damit unfrei bleibt, hat natürlich auch seine philosophisch-theologischen Konsequenzen, auf die Lem aber nicht weiter eingeht. Zum Glück für den Leser, denn wann immer Lem theoretische Konzepte auszuführen pflegt, scheint er mir unweigerlich im des langen, des breiten und des queren ausgewalzten Vergleich von Bioevolution und Technoevolution zu landen. Ein Vergleich, dessen Sinn sich mir immer noch nicht erschlossen hat.
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Offline sandhofer

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Re:Stanislaw Lem: Phantastik und Futurologie
« Reply #3 on: 15. September 2010, 08.06 Uhr »
wann immer Lem theoretische Konzepte auszuführen pflegt, scheint er mir unweigerlich im des langen, des breiten und des queren ausgewalzten Vergleich von Bioevolution und Technoevolution zu landen.

Das sind im übrigen keine leeren Befürchtungen gewesen. Noch am selben Abend habe ich das Kapitel zu "Phantastik und Religion" gelesen. Da Lem selber zugeben muss, dass wenig Science Fiction sich mit diesem Thema befasst (jedenfalls zum Zeitpunkt, als er das Buch geschrieben hat, war das wohl wirklich so), lässt er sich eine theoretische Abhandlung ein. Und landet prompt bei der Technoevolution ...  >:(
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Re:Stanislaw Lem: Phantastik und Futurologie
« Reply #4 on: 17. September 2010, 19.29 Uhr »
Kleine Korrektur: Lem kann zumindest Ray Bradburys Martian Chronicles eine sprachliche Schönheit abgewinnen. Womit er m.M.n. auch Recht hat. Dass Bradbury dabei eine Kleinstadtidylle lobt, scheint Lem weniger zu gefallen. Lems unbedingter Glaube an die fortschreitende Technisierung unserer Welt gefällt allerdings ja auch nicht unbedingt jedem.

Daneben ist der einzige Autor, den Lem beinahe uneingeschränkt lobt, Olaf Stapledon. Insbesondere dessen Last and First Men und teilweise auch Odd John scheinen es ihm angetan zu haben. Ist es ein Zufall, dass Stapledon als Agnostiker und Sozialist gilt? Aber insbesondere Last and First Men gilt als Klassiker der SF, ein Klassiker, den ich noch nicht kenne. Diese Lücke werde ich bei Gelegenheit schliessen müssen. Hat es jemand von Euch schon gelesen?
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Re:Stanislaw Lem: Phantastik und Futurologie
« Reply #5 on: 18. September 2010, 06.08 Uhr »
Daneben ist der einzige Autor, den Lem beinahe uneingeschränkt lobt, Olaf Stapledon.

Und vielleicht noch H. G. Wells. Ist es ein Zufall, dass beide Engländer sind und Sozialisten, während er mit der US-amerikanischen SF praktisch nichts anfangen kann?
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