Untertitel: Über den richtigen Umgang mit Zahlen und Risiken
Unser Verhältnis zu Zahlen ist eigentümlich gespalten: Zum einen sind sie der Inbegriff des Exakten, Sinnbild der Wissenschaftlichkeit (weshalb man in politischen Diskussionen das Gegenüber und den Zuseher mit - vorgeblich - exakten Zahlenmaterial eindeckt), zum anderen erzeugen sie eine schier unüberwindliche Abneigung, erinnert sich doch fast jeder an seine Schulzeit und den damit verbundenen wenig geliebten Mathematikunterricht.
Gigerenzer versucht die Fallstricke eines solchen Umgangs mit - vor allem statistisch aufbereiteten - Zahlen aufzuzeigen; dem, was er als "vernebeltes Denken" bezeichnet, durch eine alternative Darstellung, Herr zu werden. Hierzu dienen ihm vor allem natürliche Häufigkeiten anstatt bedingter Wahrscheinlichkeiten - und tatsächlich ist für einen Großteil etwa die Aussage über Wirksamkeit oder Nutzlosigkeit medizinischer Methoden auf diese Weise sehr viel verständlicher. (Amüsanterweise verfällt Gigerenzer im Glossar selbst wieder in eine sehr theoretische Darstellung, die manche Leser des Buches verstört haben dürfte.)
Vor allem der - vermeintliche - Nutzen des Brustkrebs- oder Prostatascreenings wird aufgezeigt (wie überhaupt die Medizin ihm häufig die Beispiele liefert), Screenings, deren Nutzen in keinem Verhältnis zum Aufwand oder den Nachteilen steht. Nun ist das eine der ökonomisch motivierte Einsatz solcher Maßnahmen, das andere aber die Tatsache, dass viele tatsächlich einen Sinn in solchen Untersuchungen sehen; nicht weil sie egoistische Ziele einer Gewinnmaximierung verfolgen, sondern weil sie die vorhandenen Daten nicht richtig zu interpretieren in der Lage sind. Bedingte Wahrscheinlichkeiten, die im Grunde jeder mit Hausverstand versehene 12jährige zu berechnen vermag, wurden von rund 95 % der Fachärzte falsch angegeben - und diese Fehler waren keineswegs marginal. Den alles entscheidenden Grund für dieses exorbitante Unverständnis benannte einer dieser sich mit der Rechnerei quälenden Ärzte: "Ich weiß, es gibt eine Regel. Die hab' ich früher mal gelernt, aber ich habe sie wieder vergessen."
Genau hier liegt das Problem, ein Problem, das in Lehrplänen und Unterrichtsmethoden begründet ist und sich seit Ewigkeiten vom Schüler auf den Studenten und den Lehrer überträgt. Man lernt Formeln, ohne aber je den Sinn dieser Formel zu verstehen, man lernt Rechenregeln, Begriffsdefinitionen - und weiß überhaupt nicht, wozu dies alles dient. Die Mathematik hat vom Deutschunterricht das Auswendiglernen übernommen, nun wird nicht mehr Schillers "Glocke" memoriert, sondern logarithmische Rechenregeln oder das Auflösen quadratischer Gleichungen. Weshalb ein Abiturient die Infinitesimalrechnung einigermaßen beherrscht, aber mit einer simplen indirekten Schlussrechnung so seine Probleme hat. (Wobei den allermeisten vorgenannte Rechnung ein absolutes Abstraktum bleibt: Man diferenziert und integriert, nachdem man sich die Regeln gemerkt hat und trägt Punkte in einem Koordinatensystem auf. Das "wozu" bleibt völlig im Verborgenen.)
Eine Regel kann nicht gelernt, nur verstanden werden. Ginge es um eine bloße Gedächtnisübung, könnte man auch das zypriotische Telefonbuch auswendig lernen lassen. Tatsächlich aber krankt das System des Mathematikunterrichtes an dieser jahrzehntelangen Praxis eines viel zu umfänglichen, nur in ganz kleinen Teilen auf Verstehen ausgerichteten Lehrstoffes. Und es gibt durchaus Gymnasiallehrer, die bereits integraler Bestandteil dieser Unsinnigkeit geworden sind und selbst gar nicht mehr in der Lage zu einem verständnisorientierten Unterricht wären. Weil sie (empirischer orzifarscher Wert) selbst nicht verstehen, was sie da vermitteln wollen. Und so sehe ich nicht, wie sich die hier angeprangernde Zahlenblindheit vermindern ließe. (Nunja, Geld vermöchte manches: Kleine Klassen, auf Verstehen - und das Vermitteln dieses Verstehens - ausgerichtete Ausbildung etc.)
Das Buch ist lesbar, empfehlenswert, wenn auch mit Längen: Denn Gigerenzer wiederholt sich ständig auf den 350 Seiten - und nachdem man zum xten Male auf die Schwierigkeiten des Normalbürgers bei der Berechnung von bedingten Wahrscheinlichkeiten hingewiesen wurde, darf man als Leser dieser Redundanz wegen schon mal genervt sein. Trotzdem ein wichtiges Buch: Denn einzig derjenige, der das zu politischen Zwecken häufig verunstaltete Zahlenmaterial einer Kritik zu unterziehen vermag, ist auch in der Lage, platt-populistische Argumentationen zu durchschauen. Ein als mündig gedachter Staatsbürger sollte ein wenig rechnen können.
lg
orzifar