Author Topic: William Gaddis: Die Fälschung der Welt  (Read 3137 times)

Offline orzifar

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William Gaddis: Die Fälschung der Welt
« on: 17. August 2010, 00.11 Uhr »
Hallo!

Eigentlich erlauben mir die Umstände keine Lesevorhaben dieses Umfangs - aber der Zufall wollte es anders. Also denn: 1240 Seiten, relativ eng bedruckt, die mich wohl einige Zeit beschäftigen werden.

Zuerst: Kennt irgendjemand diesen Roman? Mir vom Hörensagen bekannt als ein ebenso umfängliches wie schwieriges Werk, das bei seinem Erscheinen durchfiel, mittlerweile Kultstatus erreicht hat. Wobei ein solcher Status bei weit über 1000 Seiten zumeist auf Hörensagen beruht.

Die ersten 40 Seiten haben mich mehr als überrascht. Von schwierig im Sinne eines obskuranten Tiefsinns keine Spur, wenngleich es Sätze von beachtlicher Länge zu bewältigen galt. Aber äußerst vergnüglich, eleganter Wortwitz, boshaft, sarkastisch, gespickt mit Bösartigkeiten und zynischen Randbemerkungen. Die Übersetzung offenbar vorzüglich, Perioden von beachtlicher Sprachgewalt, manchmal an Thomas Mann erinnernd. Wie gesagt - erst 40 Seiten, da können sich noch allerhand Abgründe auftun und es gilt den Anspruch - oder das Versprechen - des Anfangs durchzuhalten, was denn kein leichtes Unterfangen ist. Aber wirklich vielversprechend, versetzt mit allerhand Bildungsballast, mit Anspielungen und Abschweifungen, die richtig Spaß machen.

Würde mich wirklich interessieren, welchen Eindruck andere von diesem Wälzer hatten.

lg

orzifar
« Last Edit: 17. August 2010, 00.18 Uhr by orzifar »
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Offline sandhofer

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Re:William Gaddis: Die Fälschung der Welt
« Reply #1 on: 17. August 2010, 07.52 Uhr »
Zuerst: Kennt irgendjemand diesen Roman?

Es geht mir wie Dir:

vom Hörensagen bekannt

 ;D

Aber da ich definitiv dieses Jahr kein Unterfangen dieser Grössenanordnung mehr in Angriff nehmen will, lehne ich mich zurück und erwarte Deine Zwischen- und Endberichte.  :)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline orzifar

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Re:William Gaddis: Die Fälschung der Welt
« Reply #2 on: 21. August 2010, 14.01 Uhr »
Zwischenbericht: Langsam beginne ich die Kritik zu verstehen. Gaddis verzettelt sich in Beschreibungen, übertriebene Abschweifungen und verletzt eines der wichtigsten Gebote des Schriftstellers: Sich zu bescheiden und nicht jedem Einfall die Zügel schießen zu lassen. Außerdem, da die Hauptfigur sich v. a. mit Malerei beschäftigt, droht mir zusätzliches Ungemach: Ich hasse Beschreibungen von Kunstwerken, Bildern, Statuen, Reliefen etc. Nichts langweiliger (für mich) als seitenlange Schilderungen bildnerischer Kunst, die dann doch immer nur Stückwerk bleiben, blasse Schemen.

Kurz zum Inhalt: Anfangs eine Art Familiensaga der Gwyons, die über viele Generationen als Pastoren tätig waren. Dieser Beginn ist äußerst vielversprechend, mit viel Witz wird etwa die bigotte Schwester des Pastors geschildert, deren Hass auf den Katholizismus, der keine Abstrusität auslässt, ihre Verachtung für den Schwiegervater des Pastors, ein dem Alkohol zugeneigter, gutmütig-bodenständiger Mann. Die Erziehung Wyatts, des einzigen Sohnes, ist durch die Familienstruktur nicht dazu angetan, den Knaben Sicherheit, Geborgenheit zu vermitteln; er entdeckt seine Begabung für die Malerei, muss aber auch diese Neigung vor seiner Tante verbergen, da sie in einem eigenständigen Gemälde eine Art Gotteslästerung zu erkennen meint.

Im zweiten Kapitel sieht man den jungen Mann in Paris, sich erfolglos als Maler betätigend, schließlich verheiratet mit einer eher dubiosen Person namens Esther. Der Lesefluss aber geht zusehends verloren, zu viele Abschweifungen, manchmal auch kryptische Schilderungen (Übersetzung?). Etwa: "Als er hier (...) mit der Restaurierung alter Gemälde begonnen hatte, schlug sich das in der Anmutung des Zimmers zunächst kaum wieder." Was bitte ist eine "Anmutung"? Mutet jedenfalls seltsam an.

Schade, dass der Schwung des ersten Kapitels so schnell verebbt ist. So könnten die 1240 Seiten tatsächlich zur Qual werden. Und ich bin völlig ohne masochistische Ader ...

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Re:William Gaddis: Die Fälschung der Welt
« Reply #3 on: 27. August 2010, 15.16 Uhr »
Ich schaff' es nicht  >:( - die Umstände hindern mich daran, dem Buch die gebührende Aufmerksamkeit und Zeit zu widmen. Aber ich werde mich sicher nochmals am Gaddis versuchen. Vielleicht könnte eine Leserunde Motivation sein  :hi:

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:William Gaddis: Die Fälschung der Welt
« Reply #4 on: 27. August 2010, 20.44 Uhr »
Ach ja - die Umstände. Wir brauchten jemand, der uns die Lesezeit finanziert und uns alle privaten Sorgen vom Hals hält ...

PS. Hat nicht Goehte so ähnlich gejammert?  :angel:
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Offline orzifar

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Re:William Gaddis: Die Fälschung der Welt
« Reply #5 on: 28. August 2010, 17.27 Uhr »
PS. Hat nicht Goehte so ähnlich gejammert?  :angel:

Tja, wir jammern eben auf hohem, höchstem Niveau  ;)
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