Author Topic: W. G. Sebald: Die Ausgewanderten  (Read 8037 times)

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« on: 09. August 2010, 14.55 Uhr »
Hallo,

Ich freue mich, wieder etwas von Sebald zu lesen, dessen Prosastil mir außerordentlich gefällt. In der ersten Erzählung um Dr. Henry Selwyn geht Sebald in detailierte Beschreibungen, verliert sich aber nicht darin. Ich war ja immer gespannt, wann wird denn endlich über den zweiten Weltkrieg erzählt? Und dann: Gar nicht. Das ist das außerordentliche an dieser Geschichte, sie kommt ganz leise daher und endet mit einem Knall. Während des Lesens habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, warum Selwyn im Garten liegt, warum er mit dem Gewehr in die Luft schießt. Erst so ziemlich am Schluss wache ich auf: Eine Scheidung und Selwyn spricht mit Pflanzen und Tieren. Jetzt erst wird die Psychodramatik des Herrn Selwyn erahnbar. Die Heimatlosigkeit hat ihn in die Einsamkeit getrieben, ließ er sich doch auch nur selten bei seinen Gästen blicken. Als er im Gras lag, na ja, da hat er mit den Pflanzen geredet, eine fast unerträglich schmerzvolle Metapher für das Abgedriftetsein aus dem Leben. Dass die Psychodramatik so still und leise herumschleicht ist das besondere an dieser Geschichte. Amüsant für mich dagegen, im Buch ein Bild von Vladimir Nabokov als Schmetterlingsfänger zu finden, welches mir zufällig bekannt ist.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 09. August 2010, 20.05 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #1 on: 10. August 2010, 01.02 Uhr »
Ich freue mich, wieder etwas von Sebald zu lesen, dessen Prosastil mir außerordentlich gefällt.

Mir geht es genauso! ;)
Die erste Erzählung habe ich ebenfalls hinter mir.
Der nackte Plot: Hersch Seweryn, alias Henry Selwyn, als Siebenjähriger 1899 mit seinen Eltern aus Litauen emigriert, wächst in ärmlichen Verhältnissen in London auf, schafft es aufgrund von Anpassungsfähigkeit und enormem Fleiß, Medizin zu studieren, anglifiziert seinen jüdischen Namen, heiratet unter Verleugnung seiner Herkunft eine vermögende Schweizer Industriellentochter, führt als praktizierender Chirurg mit Hilfe des Vermögens seiner Frau zwei Jahrzehnte lang das luxuriöse Leben eines englischen Landadligen. Im Alter zunehmend verarmt, vereinsamt und mit seiner immer noch vermögenden Frau entzweit, meldet sich seine verdrängte und verleugnete Herkunft in Form von Heimweh und Depression zurück. Schließlich erschießt er sich.
Natürlich wird die Geschichte nicht so linear erzählt. Da ist wieder (wie in Austerlitz) der Ich-Erzähler, dem das alles zufällig, fast beiläufig, eingebettet in Situationen mit vielerlei Bezügen und Gedankenverbindungen, erzählt wird.
Lange braucht die Erzählung, bis sie zum "Eigentlichen" kommt. Da wird (meisterhaft) die englische Landschaft beschrieben, das im Verfall begiffene Landhaus mitsamt Personal, der verwilderte Garten, die Marotten des (entmachteten) Hausherrrn etc.

In der ersten Erzählung um Dr. Henry Selwyn geht Sebald in detailierte Beschreibungen, verliert sich aber nicht darin.

Nein, denn das alles ist voller Bedeutung, Metaphorik und Vorausdeutung. Bei einem Diaabend z. B., an dem im Beisein eines Reisebegleiters Dr.Selwyns (alte) Urlaubsbilder aus Kreta gezeigt werden, fühlt der Ich-Erzähler sich bei einem kretischen Landschaftbild, das lange schweigend angeschaut wird, an eine lange Einstellung  aus dem Film Kaspar Hauser erinnert. Das ist so raffiniert vielschichtig. Ja, Heimatlosigkeit ist das Thema der einen und der anderen Geschichte, Dr. Selwyn ist so etwas wie ein Kaspar Hauser:... ich habe es nie fertig gebracht, etwas zu verkaufen, except perhaps, at one point, my soul. Das ist wohl eine Schlüsselstelle.

Von berührender Metaphorik ist auch der Schluss der Geschichte: Dr. Selwyn hatte dem Ich- Erzähler von einem Bergführer erzählt, mit dem er während seines Berner Studienjahres 1913 Bergtouren ins Oberland gemacht hatte und der seit1914 verschollen war, was bei ihm zu Depressionen geführt hatte.. Nun erfährt er nach dem Tod Selwyns zufällig aus der Zeitung (der Artikel ist beigefügt - wieder dieses Spiel mit der Authentizität!), dass die Überreste der Leiche des seit dem Sommer 1914 als vermisst geltenden Berner Bergführers Johannes Naegeli nach 72 jahren vom Oberaargletscher wieder zutage gebracht worden waren, - so kehren sie wieder die Toten. Manchmal nach mehr als sieben Jahrzehnten kommen sie heraus aus dem Eis und liegen am Rand der Moräne, ein Häufchen geschliffener Knochen und ein Paar genagelter Schuhe.

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #2 on: 10. August 2010, 12.38 Uhr »
Ja, da steckt viel Metaphorik drinnen, Vorbedeutung. Aber das allein macht's nicht: Bei Sebald kommt das auf leisen Sohlen, ganz nebenher, manchmal wird dieses allegorische Spiel erst im nachhinein deutlich, als ein stilles Augenzwinkern. "Still und leise" schreibt mombour - und das ist's, eine bescheidene, genaue Prosa, die leicht wirkt trotz - oder wegen - ihrer sorgfältigen Komposition. Oder der zitierte Satz von Gontscharow über den Verkauf der Seele: Melancholie im Vorbeigehen, Traurigkeit eines Daseins, ohne aufdringlich zu sein.

Die gedämpfte Stimmung dieser Erzählungen nimmt gefangen, sie hat sie mich in einem Zuge lesen lassen - ohne von des Gedankens Blässe angekränkelt zu sein. Man könnte sie analysieren, den Bildern nachspüren - aber ich weiß nicht, ob man sich damit etwas Gutes tut. Sebald erzeugt ein Gefühl, eine Atmosphäre, die im Leser nachklingt, etwas, das nur wenige Schriftsteller zu schaffen in der Lage sind.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #3 on: 10. August 2010, 15.44 Uhr »
Hallo,

"..so kehren sie wieder die Toten"-

 indem Sebald über Emigranten erzählt, die alle durch Suizid in den Tod gegangen sind, kehren eben auch diese Toten wieder. Der Verlust von Johannes Naegli, der in den Bergen umgekommen ist, war für Herrn Selwyn wie ein Stück Heimat, welches zu Bruch gegangen ist. Nach über siebzig Jahren kehrt dieser Tote wieder in das Bewusstsein von Menschen. Bemerkenswert auch die Auswanderung aus Litauen/Riga. Selwyn glaubt, er sei in New York, dabei ist er in London angekommen; das ist ein Bild von Verlust und Wirrnis in Zeiten der Emigration, wenn man so will eine Bodenlosigkeit, ein Leben in der Schwebe.

Die Erwähnung und Abbildung des Fotos von Nabokov mit Schmetterlingsnetz ist auch Programm, denn auch Nabokov war Emigrant, zumal außerdem noch in der zweiten Erzählung die Autobiografie des Exilrussen Erwähnung bekommt.

In der zweiten Erzählung geht es um den engagierten Dorfschullehrer Paul Bereyter, dem die Nazis ein Lehrverbot erteilt hatten, obwohl er zu dreivierteln doch ein Arier war. Warscheinlich war er noch nicht mal ein Jude sondern ein Katholik, der den Katholizismus erbittert bekämpfte, vielleicht inzwischen sogar ein Atheist, kannte er doch einen atheistischen Schusterund verfasste  Pamphlete gegen die alleinseligmachende Kirche. Es wird  ein Judenprogrom in der Heimatstadt seines Vaters erwähnt, der letzten Ende zwei Jahre später daran aus Wut und Furcht gestorben ist, dessen Frau eine Christin war. Hier wird natürlich der brutale Unsinn der Nazis vorgeführt. Das Böse ist immer unlogisch und dumm.

Natürlich ist es riskant, die Texte mehr und mehr zu zerpflücken. Der Lesefluss, dieses dahintreiben, ist wunderbar. Alles in einem Rutsch zu lesen, wäre natürlich eine Wohltat. Diese Zeit steht mir leider nicht zur Verfügung (vielleicht später mal, zwei Tage in der KLause oder so).

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 10. August 2010, 15.52 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #4 on: 10. August 2010, 16.52 Uhr »
Alles in einem Rutsch zu lesen, wäre natürlich eine Wohltat. Diese Zeit steht mir leider nicht zur Verfügung (vielleicht später mal, zwei Tage in der KLause oder so).

"Alles" meinte ich nicht, nur Geschichte für Geschichte. Und ja - auch diese Erzählung über den Volksschullehrer ist ganz wunderbar.

lg

orzifar

p. s.: Dass ich dieses Buch nicht besitze (was ich die nächsten Tage zu ändern die Absicht habe), ist eine Schande; allerdings freue ich mich jetzt schon auf ein baldiges Wiederlesen.
« Last Edit: 11. August 2010, 13.46 Uhr by orzifar »
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #5 on: 11. August 2010, 20.37 Uhr »

In der zweiten Erzählung geht es um den engagierten Dorfschullehrer Paul Bereyter, dem die Nazis ein Lehrverbot erteilt hatten...

...auch diese Erzählung über den Volksschullehrer ist ganz wunderbar.

Ja, mir gefällt an dieser Geschichte besonders, dass - obwohl sie im Verhältnis zur vorangegangenen und zur folgenden nüchterner, stringenter, strenger erzählt ist und Bereyters Lebenslauf fast lückenlos rekonstruiert wird -  so vieles offen und in der Schwebe bleibt:
Warum kommt B. 1939, nach allem was ihm angetan wurde, ohne Not nach Deutschland zurück und lässt sich dann in den Krieg schicken?
Was ist der Grund seiner Schwermut, die im Alter zur Depression und schließlich zum Suizid führt? Das Berufsverbot, das Schicksal seiner Eltern, seiner Wiener Freundin (was wußte er überhaupt darüber?), die Tatsache, dass er nichts verhindert hat oder verhindern konnte? Das alles -  oder seine Rückkehr nach Deutschland, seine Kriegsteilnahme, seine Rückkehr nach dem Krieg nach S., wo man ihm die Tür gewiesen hatte und wo jetzt verdrängt und geschwiegen wird? Verletzung, Kränkung, Ohnmacht, Zerrissenheit, Schuld?

...Paul, wie mir Mme Landau erklärte, ...mochte an die von blinden Flecken durchsetzte Vergangenheit nicht rühren. Erst während seines letzten Lebensjahrzehnts... war ihm die Rekonstruktion jener Ereignisse ... wichtig, sie glaube sogar lebenswichtig, geworden.

Manche Nebelflecken löset kein Auge auf ist das Motto der Erzählung.

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #6 on: 13. August 2010, 11.15 Uhr »
Hallo,

was für eine schaurige Wahl der Todesart. Freiwillig lässt sich jemand in die Psychiatrie einweisen, mit Elektroschocks behandeln, genauer gesagt , zu Grunde richten, um aus dem Leben zu scheiden. Im Text schwingt eine Psychiatriekritik der alten Schule mit. Die Elektrokrampfbehandlung, angeblich ein Segen für die  Psychiatrie der fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, machte so manchen Patienten wie den Onkel des Erzählers, dem Herrn Ambrose Adelwarth, zum körperlich- und geistigen Krüppel, in unserer Geschichte vom Patienten allerdings gewollt, der, so scheint es, mit einer Fehldiagnose, also noch ein Schlag ins Gesicht der antiquierten Psychiatrieschule, in der Anstalt seinen Tod entgegenfiebert.

Bei Ambros, die gleichen Beobachtungen wie beim Dorfschullehrer Bereyter: er steht irgendwo und sein Gesicht von unendlichem Leid gekennzeichnet. Zu Beginn seiner Karriere war Ambros ein angesehener Koch in diversen  Hotels in Europa/Japan. Wie Gontscharow beobachtet hat, wissen wir nicht, warum in der zweiten Erzählung Bereyter wieder nach Deutschland gegangen ist, wir wissen auch nicht, was er genau im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Bei Ambros Adelwarth wird auch einiges in der Schwebe gehalten. Im Zuge der großen Auswanderungswelle zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kommt er nach Long Island, arbeite als Butler bei den Solomons, einer reichen jüdischen Bankiersfamilie. Wir wissen nicht, was für eine besondere Verbindung Ambros zu dem Solomon-Sohn Cosma hatte,  nur, dass die Verbindung tragisch gewesen sein soll. Dem Vater fiel das auschweifende Leben des Sohnes, ein Leben ohne Zukunft auf, wollte dem Sohn die Geldzufuhr kappen, da beschließt Cosma, mit Ambros durch Europa zu reisen. Anhand dieser Reise macht Sebald deutlich, was für ein Riss der Welt bevorsteht. Wir befinden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. In Europa hat Cosma unverschämt viel Glück im Roulette, dass es schon entrückt und unrealistisch ist. Der Ausbruch des Krieges drängt ihn in eine erste Nervenkrise, an deren Folgen er erst viel später stirbt -  Ambros, dann im Hause der Solomons wie eine entrückte einsame Gestalt seinen Dienst tut. Der Zusammenbruch der Familie Solomon als Metapher für eine zusammengebrochene Zeitepoche, die nie wieder auferstehen wird.

Auffallend ist, in dieser Erzählung erzählt nicht nur unser vertrauter Erzähler, sondern auch Onkel Kasimir und Tante Fini, auch der Psychiater Abramsky, die einiges über des Onkel Adelwarth zu sagen wissen. Es gibt hier also mehrere Ich-Erzähler, die Sebald geschickt im Text einverleibt.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #7 on: 14. August 2010, 11.32 Uhr »
My field of corn is/ but a crop of tears - das Motto der dritten Erzählung ist eine Verszeile aus einem Gedicht von Chidiock Tichborne. Allerdings leicht abgewandelt, der Erzählung angepasst.
So verfährt Sebald ja auch innerhalb der Erzählungen: Er verwandelt Vorhandenes seinen Geschichten an, mischt Authentisches , Autobiographisches mit Fiktivem, anderen Materialen, Fundstücken. Was dabei herauskommt, ist trotzdem verblüffend echt und glaubwürdig, eben auch, weil sich der Erzähler den Personen vorsichtig recherchierend nähert und dem Leser verschiedene (Zeugen)aussagen und Bruchstücke vermittelt, die dieser erst ergänzen,zusammensetzen und einordnen muss.

Ein solches Bruchstück in dieser Erzählung ist Ambros Adelwarths Tagebuch, in dem er Etappen und Eindrücke der 1913 von Deauville aus mit Cosmo unternommenen (klassischen) Orientreise festhält. Es ist ein Wandeln auf den Spuren anderer Orientbegeisterter, z. B. Pierre Loti in Eyüp, die Schilderung einer Welt am Vorabend ihres Untergangs. Faszinierend , wie die Trostlosigkeit des geschändeten und zerstörten Jerusalem, einem wird plötzlich bewusst: Ausgangspunkt und Ziel , das "Urbild" aller Emigration, geschildert wird. Cosmo sagt wiederholt, ihn grause es maßlos vor dieser Stadt.
Hier beginnt seine Krankheit, hier brechen sie die Reise ab, um in der psychiatrischen Klinik von Ithaca(!) (Ambros zwanzig Jahre später als Cosmo) ihr Leben zu beenden.

Auf diese Erzählung trifft mMn besonders zu, was Susan Sonntag über die Ausgewanderten sagt:

Ich kenne kein Buch, das mehr über das komplexe Schicksal vermittelt, ein Europäer am Ende einer europäischen Zivilisation gewesen zu sein.
« Last Edit: 15. August 2010, 12.04 Uhr by Gontscharow »

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #8 on: 15. August 2010, 14.30 Uhr »
Hallo mombour!

Beim Recherchieren, was wohl Candlewick, der von Sebald in Max Aurach erwähnte Schlafzimmerstoff der englischen Unterschicht für ein Stoff sei, stieß ich auf ein Sebald-Lexikon
Äußerst kurios und hilfreich! Sebalds Texte sind ja gespickt mit z. T. erklärungsbedürftigem Bildungsgut und Anspielungen!

Irgendwie erinnert mich Sebald immer mehr an Alexander Kluge, wenn dir der Name etwas sagt, auch so ein (eher filmischer) Archäologe, der ausgräbt, was er selbst versteckt und arrangiert hat.

Edit: Link korrigiert (orzifar)
« Last Edit: 15. August 2010, 15.05 Uhr by orzifar »

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #9 on: 16. August 2010, 16.33 Uhr »
Hallo Gontscharow,

vielleicht ist ja die dritte Erzählung die schönste, obwohl es ja Unfug ist, hier noch die sog. schönste Erzählung herauszuperlen. Alle Erzählungen sind wunderbar. Sebald bleibt seinem Stil treu. Den Erzählungen liegen wahre Begebenheiten zu Grunde, diese Exilanten hat es wirklich gegeben. Das Lexikon klärt auch auf, wer Max Aurach war. Dieses hat mich doch erstaunt. Man könnte hier wirklich noch sehr viel entdecken. Seitdem ich "Austerlitz" gelesen habe, gehört Sebald für mich zu den großen Deutschen. Ein Platz in Walhalla gefällig?

Max Aurach ist der Maler Frank Auerbach. Aucherbachs Workaholic kommt auch in der Erzählung zur Geltung, er komme oft wochenlang nicht aus dem Haus und arbeite, wenn wir die herrliche Beschreibung von Aurachs Schaffen eines Portraits betrachten, sehr intensiv, wenn nicht verbissen:

Quote from: Sebald
Entschloß sich Aurach, nachdem er vielleicht vierzig Varianten verworfen beziehungsweise in das Papier zurückgerieben und durch weitere Entwürfe überdeckt hatte, das Bild, weniger in der Überzeugung, es fertiggestellt zu haben, als aus einem Gefühl der Ermattung, endlich aus der Hand zu geben, so hatte es für den Betrachter den Anschein, als sei es hervorgegangen aus einer langen Ahnenreihe grauer, eingeäscherter, in dem zerschundenen Papier nach wie vor herumgeisternder Gesichter.
. Seite 240

Mir kommt dabei die Assoziation, hinter dem Portrait geistern Gesicher von Juden herum, die den Holocaust nicht überlebt haben. In dem oben gegebenen link zu den Werken des Malers, ist leider nicht das Schwarzweißportrait aufgeführt, welches im Buch angebildet ist, doch auch bei diesen abgebildeten  Portraits hat man den Eindruck, der Maler habe diverse Vorstudien übermalt. Sebald hat  wunderbar den Eindruck von Auerbachs Portraikunst charakterisiert.

Liebe Grüße
mombour



Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #10 on: 16. August 2010, 21.24 Uhr »

Hallo mombour!

vielleicht ist ja die dritte Erzählung die schönste

Meinst du die vierte? Max Aurach? Wenn ja, schließ ich mich dir an. Es ist aber wohl auch die düsterste, düster wie Manchester, der Hauptschauplatz der Erzählung, der aus verschiedenen Perspektiven und von unterschiedlichen Zeitbezügen her eindringlich und beklemmend beschrieben wird.


Max Aurach ist der Maler Frank Auerbach.

Aber eben nur zum Teil. Sebald sagt selbst, Max Aurach habe zwei Vorbilder: seinen Vermieter in Manchester und einen bekannten Künstler... Übrigens war Auerbach ja auch nicht bereit, seine Bilder zur Verfügung zu stellen und er wollte auch nicht mit der Geschichte assoziiert werden. Daher heißt die Erzählung in der englischen und amerikanischen Version Max Ferber und das Bild fehlt. Es ist wie bei seinen anderen Gestalten, es gibt reale Vorbilder, ja, aber oft sind sie kompiliert wie bei Aurach und es ist immer ein Schweben zwischen Fiktion und Realität! Ich glaube, dass Sebald den Leser auf die Fiktionalität auch immer hinweist. Dir ist doch auch aufgefallen, dass Nabokov in den Geschichten vorkommt. Und zwar in jeder einzelnen! Immer taucht der Schmetterlingsmann irgendwann blitzartig auf. Das war das einzige, was mich ein bisschen genervt hat. Wie Hitchcock, der in seinen Filmen immer einen Augenblick lang in persona auftritt. Dann hab ich aber gedacht, es könnte so etwas wie ein Verfremdungseffekt sein, der den Leser aus der Illusion reißen soll, er lese etwas "wirklich Wahres".

Quote from: Sebald
Entschloß sich Aurach, nachdem er vielleicht vierzig Varianten verworfen beziehungsweise in das Papier zurückgerieben und durch weitere Entwürfe überdeckt hatte, das Bild, weniger in der Überzeugung, es fertiggestellt zu haben, als aus einem Gefühl der Ermattung, endlich aus der Hand zu geben, so hatte es für den Betrachter den Anschein, als sei es hervorgegangen aus einer langen Ahnenreihe grauer, eingeäscherter, in dem zerschundenen Papier nach wie vor herumgeisternder Gesichter.
. Seite 240

Mir kommt dabei die Assoziation, hinter dem Portrait geistern Gesicher von Juden herum, die den Holocaust nicht überlebt haben.


Ja, das habe ich auch gedacht. Dann aber auch: der Maler versucht vielleicht ein aus früherer Zeit vertrautes Gesicht, etwa das seiner Mutter, zu rekonstruieren, und es gelingt ihm nicht, so ähnlich wie Austerlitz in dem Theresienstadtfilm das Gesicht seiner Mutter sucht und  es zu vergrößern, zu fixieren versucht.
Außerdem nennt der Erzähler die Bilder Aurachs Zerstörungsstudien und bei dem ständigen Übermalen, Auslöschen, Ausradieren und Abkratzen ginge es ihm vorab um die Vermehrung des Staubs.

Der Staub, sagte er, sei ihm viel näher als das Licht, die Luft und das Wasser... nirgends befinde er sich wohler als dort, wo die Dinge ungestört... daliegen dürfen unter dem grausamtenen Sinter, der entsteht, wenn die Materie, Hauch um Hauch, sich auflöst in nichts.

@ orzifar: Danke für die Korrektur! Warum ging das nicht?

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:W. G. Sebald: Die Ausgewanderten
« Reply #11 on: 17. August 2010, 14.01 Uhr »
@ orzifar: Danke für die Korrektur! Warum ging das nicht?

Du scheinst irrtümlich auf den ftp-Button geklickt zu haben; das falsche Protokoll hat dann die Fehlermeldung ausgelöst. Einfach den zu verlinkenden Teil markieren, auf "Link einfügen" klicken, und dann nach "url" ein = und den http-Link einfügen.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany