Hallo!
Ein Wiederlesen nach langer Zeit. Dieses Buch war in meiner Jugend in aller Munde, Konstruktivismus klang für viele nach einem "anything goes", wobei das (ohne Lektüre Feyerabends) dahingegehend interpretiert wurde, dass man alles nur Erdenkliche behaupten und für richtig halten kann und darf (was wohl so nicht gemeint war, aber das ist eine andere Baustelle).
Das Buch ist auch heute noch lesbar (wenngleich manche Sachen nach 35 Jahren ein wenig überholt sind), interessant war für mich, an wie viele Dinge ich mich noch zu erinnern vermochte bzw. wie viele dieser Erinnerungen noch präsent waren, ohne dass ich gewusst hätte, dass sie aus diesem Buch stammen.
Eigentlich geht's um Kommunikation in allen Facetten und weniger um Philosophie bzw. Wirklichkeitsauffassungen, auch wenn Watzlawick genau dort hin will. Er analysiert die Fallstricke jeglicher Kommunikation, Paradoxien (mal wieder Eubulides und dessen Lügnerparadoxon), die Probleme bewusster Desinformation (wodurch Bereiche der Kryptographie gestreift werden, dieser Teil des Buches unterhält mit einer Unzahl Anekdoten aus Geheimdienstkreisen, wobei mir manche eher gut erfunden scheinen: Aber das passt ja zur konstruktivistischen Weltsicht

). Viele der geschilderten Experimente (deren Versuchsanordnung manchmal fragwürdig erscheint) kenne ich noch von der Uni und schienen mir wie eine Art Zeitreise.
Teile der Tierpsychologie (Schimpansen, Delphine) scheinen mittlerweile obsolet, amüsant die Beschreibung möglichen Informationsaustausches mit außerirdischer Intelligenz, die noch vom Weltraumboom der 60iger und 70iger geprägt ist (samt der Problematik von Zeitreisen und der Analyse kosmischen Codes, den man seinerzeit mit einer Sonde auf Reise schickte).
Die Konklusio wirkt allerdings seltsam, Watzlawick bietet drei Möglichkeit an, die er selbst allesamt als schwer akzeptabel betrachtet (und mir wird nicht ganz klar, warum er trotzdem auf diesen drei Varianten beharrt):
Eine Welt, die keine Ordnungsprinzipien aufweist (und daher einen Bewohner derselben in völliger Konfusion zurücklassen würde). - Wahrscheinlich aber gäbe es einen solche Bewohner gar nicht, weil Leben in welcher Form auch immer eines Ordnungsprinzips bedarf.
Eine Welt, in der die Wirklichkeit ausschließlich durch uns erzeugt wird, in der es also keine objektiven Ordnungsstrukturen gibt. - Das würde alle Wissenschaft ad absurdum führen, auch die Frage aufwerfen, warum jemals eine Wirklichkeitsauffassung korrigiert werden sollte (womit wir ja mehr-weniger ständig beschäftigt sind).
Es besteht eine von uns unabhängige Ordnung im Sinne des Laplaceschen Dämons. Das würde zur Verneinung der Willensfreiheit und völliger Determination führen (diesen Dämon haben Quantenphysiker weitgehend den Garaus gemacht).
Man wird sich als Wirklichkeit wohl irgendetwas zwischen zweiter und dritter Variante wählen und auf die Radikalität dieser Auffassungen verzichten. Wie auch immer: Das Buch unterhält (mich auch auf nostalgische Weise) und kann trotz seines Alters noch immer empfohlen werden.
lg
orzifar