Author Topic: Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution  (Read 20923 times)

Offline sandhofer

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #30 on: 06. Juli 2010, 20.41 Uhr »
Goethe spricht von zwei Seelen in der Brust, Hesse von 1000.

Hesse neigte schon immer zur Übertreibung ...  ;D
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Offline Anita

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #31 on: 07. Juli 2010, 13.42 Uhr »
13. Solarisierung

Puh, hier kommen wieder alte Bekannte hoch, ich muss aber auch ehrlich zugeben, dass ich bisher das Problem im Nicht-vorhanden-sein vom weiblichen Prinzip erkannt, aber nicht beschrieben habe. Für zukünftige Debatten bin ich gerüstet.

Also das weibliche Prinzip fehlt dem Westen ganz und gar, deshalb tappt unsere Gesellschaft im Dunkeln.

Hat Freud das wirklich schon so gesehen und erkannt? Ist sein Ödipuskomplex wirklich darauf gemünzt? Hat sich Ödipus geblendet, weil er seinen Fehltritt erkannte?
„Freud hat alle niederen Ebenen als Körper (Libido) zusammengefasst und sah in dessen Verdrängung das Kernstück der Neurosen.“ Ja, wenn es so gewesen wäre, aber für Freud war doch Libido, die sexuelle Energie, hm. Nun ja, er schreibt ja auch schon, dass er auf den weiteren Ebenen ein Problem mit Freud hat, ich eben auch *hi*

Das Problem von heute ist sicherlich immer noch das, dass die Gesellschaft das weibliche Prinzip, darin auch Erde, Natur und Körper, aber auch weibliche Spiritualität und Intuition, und im Besonderen das Mütterliche nicht integriert hat. Die Gleichberechtigung läuft immer noch darauf hinaus, dass die Frau der bessere Mann werden soll. Und der Mann von heute tut mir eh Leid, weil wenn er das Weibliche transzendieren möchte, muss er es erst einmal definieren, da nicht vorhanden.

LG
Anita
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Offline sandhofer

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #32 on: 07. Juli 2010, 17.38 Uhr »
Hat sich Ödipus geblendet, weil er seinen Fehltritt erkannte?

Oder weil er nicht wagte, sich zu kastrieren? So oder so: Er kann die Frauen nun nicht mehr "erkennen" ...
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Offline mombour

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #33 on: 07. Juli 2010, 20.17 Uhr »
Total interessant fand ich, was Wilber aus der Sicht postfreudianischer Tiefenpsychologie zur Entwicklung des Kleinkindes zu erzählen weiß. Die Entwicklung des Kleinkindes ist durchdrungen von hermaphrodisischer Atmosphäre und von bisexuellen Gefühlen.

Dem Kleinkind erscheint

Quote from: Wilber
als kämen der männliche (Penis) Vater und die individuelle (weibliche) Mutter beide aus der großen Mutter. Das heißt, der magische primäre Vorgang der typhonischen Ebene stellt sich vor, die Große Mutter besitze tatsächlich sowohl die männlichen als auch die weiblichen Genitalien.

 In diesem Stadium des Kindes wird keine bestimmte sexuelle Neigung differenziert, aber kommt es zum Erwachen, welches zur Erkenntnis der Wirklichkeit führt, daraus der Ödipus – und Elektrakomplex folgt.

Das Entscheidende, die Große Mutter galt auch als hermaphroditisch.  Durch Spaltung von Körper und Geist (Europäische Dissoziation) , spaltete sich die chthonische  Große Mutter  (der Körper) vom mentalen Ich (Geist, maskulin). Die Große Mutter wurde verdrängt, das Patriachart folgte. Sehr schön wie Wilber darlegt, dass Matriachat und Patriachart keine sexistische Ursache hatte. Es steckt sehr viel drin in diesem wunderbaren Kapitel. Schwärm. ;D  Eine mehrmalige Lektüre dieser Buchseiten lohnt, um den Inhalt wirklich zu verinnerlichen.
.

„Freud hat alle niederen Ebenen als Körper (Libido) zusammengefasst und sah in dessen Verdrängung das Kernstück der Neurosen.“ Ja, wenn es so gewesen wäre, aber für Freud war doch Libido, die sexuelle Energie, hm. Nun ja, er schreibt ja auch schon, dass er auf den weiteren Ebenen ein Problem mit Freud hat, ich eben auch *hi*

 Da es bei Freud verschiedene Anwendungen des Begriffs Libido gibt, ist Wilber hier ungenau. Eine höhere Ebene als die des Körpers ist die Sublimierung libidinöser Energie (kulturelle Tätigkeit.). Übrigens haben wir an anderer Stelle schon mal über Neurosenlehre gesprochen, hihi (bei dieser Gelegenheit mir es versagt blieb, dich zu bekehren.  ::), und einen erneuten Bekehrungsversuch meinerseits von vorneherein für gescheitert erachte. ;D ).

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 07. Juli 2010, 20.23 Uhr by mombour »
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Offline Anita

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #34 on: 08. Juli 2010, 12.49 Uhr »
Da es bei Freud verschiedene Anwendungen des Begriffs Libido gibt, ist Wilber hier ungenau. Eine höhere Ebene als die des Körpers ist die Sublimierung libidinöser Energie (kulturelle Tätigkeit.).

Ich würde eher sagen, dass Freud sehr schwammig ist, so wie wir das in "Massenpsychologie und Ich-Analyse" gelesen und bestätigt haben. Freud springt mit seinem Libido Begriff hin und her, mir kam es so vor, als ob er selber nicht genau wüsste was Libido ist und was zur Neurose führt  ;)
Mein persönlicher Einwand nach wie vor ist diese sexistische oder Sex Theorie, der Mensch wird von weit aus mehr Trieben gesteuert als den Fortpflanzungstrieb, wobei z. B. der Überlebenstrieb, der am meisten ausgeprägteste ist.

Kapitel 14. Ich und der Vater sind eins

Ganz zum Schluss hat Wilber etwas zu Papier gebracht, dass hat mich innerlich mehr gefreut als gestern ein  evtl. Anschlusstreffer von Deutschland ;D Da geht mein Herz auf, jawohlja!

Quote from: Wilber
So wie das männliche Prinzip einst das Bewusstsein aus dem chthonischen Matriarchat errettet hat, könnte heute das weibliche helfen, das Bewusstsein aus dem Patriarchat zu erretten.
Heute müssen wir Intuition und wache, aber passive Bewusstheit entwickeln, so wie wir gestern unbedingt selbstbehauptende Logik und aktive Mentalität entwickeln mussten. Der neue Held wird zentaurisch sein, mit einem ganzheitlichen Körper, mental androgyn, psychisch, intuitiv und rational, männlich und weiblich. Auf den Weg dorthin könnten die Frauen die Führung übernehmen, da unsere Gesellschaft bereits maskulin angepasst ist. Das Patriarchat, das mentale Ego, hat seine notwendige Zwischenfunktion erfüllt.

Das weibliche Prinzip muss sich nun schnell entwickeln, es darf keine 4000 Jahre dauern. Ja genau vor allem Körperbewusstsein und Intuition braucht die Welt  :)

LG
Anita
« Last Edit: 09. Juli 2010, 21.26 Uhr by Anita »
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline sandhofer

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #35 on: 08. Juli 2010, 20.24 Uhr »
hermaphrodisischer Atmosphäre

Hallo mombour!

Ist das nun ein Tippfehler oder mischt Wilber tatsächlich Hermaphroditisches mit Aphrodisischem? Über so eine Mischung wäre nachzudenken, unabhängig von Freud und Post-Freud ...
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Offline mombour

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #36 on: 08. Juli 2010, 22.21 Uhr »
hermaphrodisischer Atmosphäre

Hallo mombour!

Ist das nun ein Tippfehler oder mischt Wilber tatsächlich Hermaphroditisches mit Aphrodisischem? Über so eine Mischung wäre nachzudenken, unabhängig von Freud und Post-Freud ...

Kein Schreibfehler. Wilber schreibt, die Große Mutter sei die phallische oder hermaphroditische Mutter - die Mutter, die männlich und weiblich zugleich ist, die Schlangenmutter, die uroborische Mutter.

Quote from: Wilber
Und das gilt nicht nur für die Mythologie. Die moderne Tiefenpsychologie hat herausgefunden, daß die gesamte Entwicklung des Kleinkindes von einer hermaphroditischen Atmosphäre und bisexuellen Gefühlen durchdrungen ist.

Und irgendwann kam dann eben die Trennung von feminin und maskulin. Das Kind wächst aus dem typhonischen Zustand heraus und differenziert die Geschlechter, auf gesellschaftlicher Ebene entwickelte sich eine Trennung vom Matriachart (allerdings ohne Unterdrückung der Männer, deshalb der Ausdruck Mariachart in diesem Zusammenhang eher verwirrend ist) zum Patriachart.


In diesem Matriarchat, ja was man so nennt, es war ja im Grunde die Zeit der Großen Mutter, die primitive Körper Ebene, wo man aß um satt zu werden, also die Zeit der Instinkte. Ich kann mir nicht vorstellen, dass da die Männer unterdrückt worden, warum, weshalb und wieso sollte es so gewesen sein? Woran machen Historiker das fest?

Ach, das glaube ich gar nicht, dass Historiker und Anthropologen behaupten, dass die Männer in dieser Zeit unterdrückt wurden. Das ist ein Humbug von Feministinnen, das deutet Wilber ja an, auch wenn er sich gewählter ausdrückt. Auch die Inhalte, die ich  bei Erich Fromm, "Anatomie der menschlichen Destruktivität" gelesen habe, lassen darauf schließen, dass niemand unterdrückt wurde. Als Beispiel für eine neolithische Kultur lese man über die anatolische Siedlung Çatal Hüyük, in der auch die Große Mutter veeehrt wurde. In dieser Ausgrabungsstätte hat man viele Knochenreste gefunden, niemand scheint dort durch Gewalt umgekommen zu sein. Mord und Totschlag gab es nicht. In so einer Atmosphäre kann ich mir auch keinen Sexismus vorstellen, was letzten Endes auch eine Form der Gewalt ist.

Quote from: Erich Fromm
Nach der älteren Arbeitsteilung zu schließen, in der die Männer auf die Jagd gingen und die Frauen Wurzeln und Früchte sammelten, dürfte der Ackerbau die Entdeckung der Frauen und die Viehzucht die der Männer gewesen sein...Die Fähigkeit der Erde und der Frau Leben zu gebären..gab der Mutter ganz natürlich eine Vorrangstellung in der Welt der frühen Ackerbauern.

Mircea Eliade
schreibt in der "Geschichte der religiösen Ideen Band 1

Quote from: Mircea Eliade
Da die Frauen bei der Züchtung der Pflanzen eine entscheidende Rolle gespielt haben, gehören ihnen auch die bebauten Felder...

 :) mombour

Zum Thema rauer Auswüchse des Feminismus und Sexismus passt an dieser Stelle gut ein Werbehinweis über meine Rezension zu Robert Merle: Die geschützten Männer hinein.  ;D
« Last Edit: 08. Juli 2010, 22.34 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
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Offline sandhofer

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #37 on: 09. Juli 2010, 08.32 Uhr »
hermaphrodisischer Atmosphäre

Hallo mombour!

Ist das nun ein Tippfehler oder mischt Wilber tatsächlich Hermaphroditisches mit Aphrodisischem? Über so eine Mischung wäre nachzudenken, unabhängig von Freud und Post-Freud ...

Kein Schreibfehler. Wilber schreibt, die Große Mutter sei die phallische oder hermaphroditische Mutter

Also doch ein Tippfehler? Mir ging's um den Buchstaben hier: "hermaphrodisischer Atmosphäre", der mir eine interessante Mischung von hermaphroditisch (=zweigeschlechtlich) und aphrodisisch (=luststeigernd) schien. Zu "Uroboro" will ich lieber nichts sagen ...  ;D
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Offline mombour

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #38 on: 09. Juli 2010, 10.12 Uhr »

Also doch ein Tippfehler? Mir ging's um den Buchstaben hier: "hermaphrodisischer Atmosphäre", der mir eine interessante Mischung von hermaphroditisch (=zweigeschlechtlich) und aphrodisisch (=luststeigernd) schien. Zu "Uroboro" will ich lieber nichts sagen ...  ;D

Doch ein Schreibfehler. Hermaphroditisch mit t ist richtig. Da stupst er mich auf meine Nas', und ich erkenne meinen Schreibfehler nicht. Das liegt wohl daran, dass ich bewusstseinsmäßig im Nirmanakaya-Körper gefangen bin. ;D

Kap.14. Ich und der Vater sind eins

Ken Wilber benutzt buddhistische Begriffe, und ich weiß nicht, warum er nicht sagt, dass diese Begriffe  im Mahayana-Buddhismus gepflegt werden.. Vielleicht deswegen, weil er dieses Buch für westliche Menschen schrieb. Zwar ist der Buddhismus z.Zt. im Westen recht beliebt, aber ich zweifle sogar daran, dass jeder westliche Buddhist den Buddhismus wirklich innerlich durchdringen hat. Vielleicht will Wilber deswegen nicht über den Buddhismus reden, weil der Buddhismus für den westlichen Menschen eine sehr große Herausforderung ist, wenn er es denn wirklich ernst meint. Ken Wilber will mit seinen Büchern viele Menschen erreichen, darum schreibt er nie direkt über den Buddhismus, sondern lieber indirekt.

Es geht um die Begriffe Nirmanakaya, Sambhogakaya, Dharmakaja.,  um Trikaya, die Lehre der drei Körper des Buddha. Die Wurzeln dieser Lehre sind schon im frühen Buddhismus zu finden. Es geht um die Unterscheidung eines materiellen Leibes (Nirmankaya) mit einem subtilen Leib (Sambhogakaya) und einem reinen geistigen Körper (dharmakaya). Diese Lehre wurde im 4. nachchristlichen Jahrhundert ausgebaut und verfeinert.

Quote from:  Michael von Brück: Einführung in den Buddhismus
Jeder dieser  Körper oder >Manifestationsebenen< entspricht bestimmten geistigen Wahrnehmungen und Erscheinungen, Welche Art der Wahrnehmung eintritt, hängt daran, womit (und mit welcher Ebene) sich der Meditierende indentifiziert.

Im Grunde genommen reicht dieses als Hintergrund. Wilber setzt diese Begriffe ein, wenn er von der Evolution der religiösen Erfahrung spricht:
Quote from: Wilber
Historisch gesehen beginnt die Große Göttin im Nirmankaya und verschwindet in den Sambhogakaya; Gott der Vater beginnt im Sambhogakaya und verschwindet in den Dharmakaya; die LEERE beginnt im Dharmakaya und verschwindet in den Svabhavikaya (und der  Svabhavikaya ist der Urgrund und die Bedingung von ihnen allen).

Die LEERE ist auch ein buddhistischer Begriff, die Auflösung sämtlicher Dualitäten und Individualität. Einfach nur GEIST (was immer man sich darunter vorzustellen mag, es ist unvorstellbar), ist aber, wenn es bewusstseinsmäßig erfasst ist, das Ziel buddhistischer Erfahrung, und Wilber sagt, behauptet, die Evolution des Menschen geht bewusstseinsmäßig eben dorthin.....in zwei Millionen Jahren (diese Zahl fasst er ins Auge).

Nun versucht Wilber, Moses und Christus aus buddhistischer Sicht zu erfassen. Moses stieg vom Berg Sinai herab und brachte das Wissen vom Sambhogakaya  mit. Als er nun vom Sinai herabgestiegen war, wurde er mit der Nirmanakaya-Religion (Goldenes Kalb) konfrontiert, diese er bekämpfen und transzendieren musste.

Christus machte einen evolutionsnären Fortschritt, indem er die Offenbarung  „Ich und der Vater sind eins“ verkündete.

Quote from: Wilber
Er wurde gekreuzigt, weil er es wagte, vom Sambhogakaya zum Dharmakaya zu evolvieren

d.h., weil er sich selbst zum Gott erhoben hat. Im Dharmakaya werden Subjekt und Objekt identisch.
Quote from: Wilber
..der Schöpfer und die Kreatur werden so sehr eins, daß beide als seperate Einheiten verschwinden.

Das hört sich alles sehr schön an....
ABER

wir wissen heute nicht, was Jesus gesagt hat. Am Johannesevangelium, worin dieses steht, „Ich und der Vater sind eins“ , ist bis zur Mitte des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts herumgeschrieben und korrigiert worden, damit es theologische Tiefe bekommt. Es war also ein Schreiber aus dem zweiten Jahrhundert, der gesagt hat, „Ich und der Vater sind eins“. Daran ändert sich nichts, wenn Wilber eine Entsprechung aus den Upanishaden findet: „Tat tvam asi“ (Du bist Das).

Für Buddhisten selber ist es kein Problem, wenn buddhistische Texte erst nach Siddharta Gautama Sakyami 's  irdischem Dasein erschienen sind, denn, so sagen sie, es gibt viele Buddhas. Jedem Menschen ist es grundsätzlich theoretisch möglich, dass er die drei Körper Buddhas bewusstseinsmäßig erfassen kann. Darum ist jeder Mensch ein Buddha, wenn man so will. Von einem theologischen Schreiber gehe ich aber nicht davon aus, dass er im  Sambhogakaya oder Dharmakaya  ist, schon deshalb nicht, weil die christliche Kirche ziemlich exoterisch durch ihre Geschichte gegangen ist. Es mag den Schreibern des Johannesevangelium bestenfalls die Sehnsucht nach Transzendenz durch den Kopf gegangen sein, mehr aber nicht. Natürlich hat es christliche Mystiker wie Jakob Böhme gegeben, die der Dharmakaya-Religion, dem Buddhismus, sehr nahe kommen. Über die LEERE schreibt Böhme:

„Wer es findet, findet Nichts und alle Dinge. Aber wie findet er Nichts? Derjenige, der es findet, der findet einen übersinnlichen Abgrund, der keinen Grund hat, auf dem man stehen könnte; und er findet auch, daß nichts ihm gleicht, weshalb man es zu Recht mit Nichts vergleichen kann, denn es ist tiefer als jedes Ding. Und weil es Nichts ist, ist es frei von Allen Dingen und ist es jenes einzige Gut, das ein Mensch weder ausdrücken noch aussprechen kann, weil es Nichts gibt, mit dem man es, um es auszudrücken, vergleichen könnte.“

(zitiert in "Halbzeit der Evolution")

Hier erkennt man schon den integralen Wilber. Integration von Buddhismus und christlicher Mystik, und vorher Integration von Tiefenpsychologie und neolithischer Gesellschaft. :)

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 09. Juli 2010, 10.18 Uhr by mombour »
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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #39 on: 09. Juli 2010, 11.08 Uhr »
Die LEERE ist auch ein buddhistischer Begriff, die Auflösung sämtlicher Dualitäten und Individualität. Einfach nur GEIST (was immer man sich darunter vorzustellen mag, es ist unvorstellbar),

Ich persönlich ziehe die andere Definition vor, dem genauen Gegenteil von Leere nämlich dem ALLES. Für mich ist es wesentlich schwieriger sich alles wegzudenken  ;D, als alles zusammen zu fügen. Sicher wir müssen aus dem Dualismus und Individualismus heraus, aber man kann den Weg auch nach oben begehen und nicht nach unten wie der Buddhismus  ;)
Deswegen falle ich auch nicht in einen Abgrund "der findet einen übersinnlichen Abgrund, der keinen Grund hat," so wie Böhme das formuliert (das ist nämlich das Problem von uns Wessis, das ist ein ganz schreckliches Gefühl wenn man diese Leere empfindet, davor haben wir meist Angst), sondern ich lande ganz sanft und leicht auf ALLEM, ALLES trägt mich und ich bin ALL  :)

LG
Anita, die gleich Kapitel 15 liest
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Offline mombour

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #40 on: 09. Juli 2010, 11.21 Uhr »
Ja....das hört sich grausam an...LEERE :teufel:....das ist mir auch alles zu theoretisch. Ich werde zu Erde in Mutter Erde.  ;D

mombour (typhoniker)
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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #41 on: 12. Juli 2010, 13.00 Uhr »
Ich bin durch  :)

Aus Kapitel 17. Die Erbsünde möchte ich noch etwas erwähnen:

>Herausgefallen aus Erde, Natur, Instinkt, Gefühl und Unbewusstheit und dem Erwachen der Sterblichkeit und Endlichkeit, aber auch durchdrungen von Selbstbewusstsein und mentaler Reflexion.

Der Mensch ist nicht aus einem höheren Zustand in einen niederen gefallen.

Die einzige Ebene, die bewusst bleibt, oder auf manifeste Weise existiert, ist die der Materie, der physischen Natur, Ebene 1, alle höheren Ebenen sind unbewusst.

Evolution ist kein statischer Zufall, sondern eine Antriebskraft zum Höheren.

Erst die Entfremdung (Ilias), dann das Zurück (Odyssee).

Urknall, Gott bricht in Stücke auseinander, die Trennung aller Dinge.<

LG
Anita
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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #42 on: 12. Juli 2010, 14.06 Uhr »
Ich bin durch  :)

Bei mir dauert es noch ein bisschen.  ;D

Wir befinden uns im dritten vorchristlichen Jahrtausend am Beginn zivilisatorischer Hochkulturen. Es hat sich eine ichhafte selbstbewusste Persönlichkeitsstruktur entwickelt: Das Ego. Die Menschheit hebte sich aus dem Gemeinschaftsgefühl neolithischer Gesellschaftsstrukturen heraus. Der Vater hatte nun Besitz, sein legales Eigentum wurde geschützt. Dem König gehörte nicht mehr alles.
Quote from: Wilber
Das Bewußtsein rang zu dieser Zeit heldenhaft darum, sich aus seiner infantilen Einbettung in die instinktive Natur zu befreien und sich über den Besitz zu erheben.


Ken Wilber beschäftigt sich mit der Philosophie Hegels, und der Neubewertung von Habermas. Nun, weil mir Philosophie schwer fällt und ich an Primärliteratur meist die Finger lasse, möchte ich aber trotzdem das eine wichtige, was mir aufgefallen ist,  unbedingt erwähnen. Hegel erkannte, „daß die Identität des Selbstbewusstseins dem Menschen nicht von Anfang an mitgegeben wurde, sondern nur als eine verstanden werden kann, die sich entwickelt hat.“ Wilber zitiert das aus  T. McCarthy: The Critical Theory of Jürgen Habermas, Cambridge, Mass., 1978 und Wilber bemerkt:

Quote from: Wilber
Heute mag das selbstverständlich erscheinen; vor Hegel hätte das kein Philosoph verstanden.

Ken Wilber hat völlig Recht, wenn er die Entwicklung zum Patriarchat tragisch heraushebt. Es ist eine „Morgendämmerung des Elends“ unter der wir heute noch leiden.

Es folgt wichtiges Zitat von Ken Wilber, was ich hier in voller Länge wiedergebe, weil es das Grundproblem unserer Zeit wiederspiegelt, und Wilbers Art, wie er es dem Leser präsentiert:
Quote from: Wilber
Nicht die Existenz der ichhaften Struktur selbst ist unser Gefängnis, sondern die exklusive Identifizierung unserer Bewußheit mit dieser Struktur. Die Struktur selbst enthält viel Gutes – eine logische und syntaktische Brillianz, die die Medizin, Naturwissenschaft und Technologie hervorbrachte. Wir lassen diese Struktur jedoch nicht für uns arbeiten, weil wir diese Struktur selbst sind. Vielmehr haben wir uns völlig mit ihr identifiziert, dadurch dem Ego das Atman-Projekt aufgebürdet und die Erzeugnisse des Ego mit Forderungen korrumpiert, die sich nicht erfüllen können. So haben wir beispielsweise an die Technologie die unsinnige Forderungen gestellt, sie solle unsere Erde zum Himmel machen, was im Grunde bedeuten würde, sie solle das Endliche zum Unendlichen machen.

Man möge sich gar nicht vorstellen wollen, was passiert, wenn alle Server auf der Erde gleichzeitig ihren Geist aufgeben würden.

Zum Atman-Projekt gehört auch Sadismus und Krieg (Macht!!)


Kurz  wende ich mich  Erich Fromm zu:

Quote from: Erich Fromm in "Anatonie der menschlichen Destruktivität"
Ich selbst bin aufgrund meiner klinischen Erfahrung in der psychoanalytischen Therapie seit langem zu der Überzeugung gekommen, daß Sadismus seinem Wesen nach das leidenschaftliche Begehren nach unbegrenzter, gottähnlicher Beherrschung von Menschen und Dingen ist (E.Fromm, 1941).

Aus diesem Blickwinkel kann ich dann doch nachvollziehen, warum der Heilige Krieg pervertierte  Große-Mutter-Religion ist.

Liebe Grüße
mombour

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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #43 on: 12. Juli 2010, 19.41 Uhr »
Aus diesem Blickwinkel kann ich dann doch nachvollziehen, warum der Heilige Krieg pervertierte  Große-Mutter-Religion ist.

Noch mehr, was wir mit Afrika gemacht haben, und den Menschen, die dort lebten. Was wir mit den Menschen von Amerika gemacht haben. Wenn Dummheit denkt, sie wäre Gott ...

Irgendwann, so meint Wilber, hätten wir die Nase voll von diesem Streben. Er macht es daran fest, dass Geld/Macht irgendwann langweilig wird, weil es eben nicht befriedigt, sondern ganz im Gegenteil uns anöden wird.

LG
Anita
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Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #44 on: 15. Juli 2010, 10.51 Uhr »
Weiter geht's:

Im Kapitel „Die Erbsünde“ unterscheidet Wilber zwischen naturwissenschaftlicher und theologischer Erbsünde und es zeigt sich noch einmal deutlich, dass Ken Wilber ein Vertreter der philosophia perennis ist.

Naturwissenschaftliche Erbsünde:

Der Mensch ist aus dem uroborischen Zustand (Ebene 1), aus dem Eingebettetsein in der Natur (Paradies) herausgefallen, und hat sich seitdem bewusstseinsmäßig weiterentwickelt, über die typhonisch/magische Bewusstseinsstruktur (Ebene2) zur mythischen (Ebene3), bis hin zur Ebene 4, der modernen ichhaften Ära, Entwicklung des Selbstbewusstseins, des Ego. Der Beginn der Ebene vier liegt etwa in der Mitte des drittenvorchristlichen Jahrtausends. In dieser Ära befinden wir uns heute noch. Diese Bewusstseinsentwicklung hatte  arge Konsequenzen: Schuldgefühle, Verwundbarkeit, Wissen um Sterblichkeit und Endlichkeit. Weil Wilber die Theorie vertritt, wir entwickeln uns vom Niederen zum Höheren, geht diese Entwicklung noch weiter, bis wir unsere Entwicklung abgeschlossen haben, und die Ganzheit des Kosmos erfahren, das Absoltute, GEIST, bzw. Atman. Weil dieEvolution zum Höheren führt, begrüßt Wilber selbstverständlich den Schritt den Eva getan hat. Durch das Essen vom Baum der Erkenntnis verließ der Mensch  „das Unbewusste des Garten Eden“ und musste das Leben in voller Verantwortung tragen.

Die  theologische Erbsünde

Sie geht davon aus, es habe mal auf der Erde ein Paradies gegeben. Aus diesem wunderbaren Paradiese, aus einem Leben mit Harmonie mit Gott,  sei er durch eine Sünde herausgesoßen wurden und wurde ein unvollkommener Mensch, der sich durchs Leben ackern muss, von einem Überbewusstsein herabgefallen zu niederem Bewusstsein. Wilber meint dazu, er habe nirgendwo Hinweise gefunden, dass es auf der Erde mal so einen paradiesischen Zustand gegeben habe.

Ken Wilber macht einen Ausflug in die christliche Mystik, in den Vedanta Hinduismus und Mahayana-Buddhismus, um den Gegensatz zwischen naturwissenschaftlicher und theologischer Erbsünde aufzuheben und kommt zu dem Ergebnis.

Quote from: Wilber
Dieser Urknall war in Wirklichkeit das dröhnende Gelächter Gottes, der sich freiwillig zum millionsten Mal verlor. Es war dies die äußerste Grenze der Involution, der Höhepunkt des theologischen Sündenfalls – die illusorische Trennung aller Dinge von der Gottheit.

(Involution= Die Entwicklung vom höchtsten zum niedrigsten Bewusstsein).

Nach dem Urknall war also Materie da. Nun konnte die Entwicklung vom Niederen zum Höchsten beginnen.

Ken Wilber sagt, die Naturwissenschaft könne den Sinn der Evolution nicht erklären. Damit hat er recht. Die Naturwissenschaft kann nur erklären, das etwas ist, für Sinnfragen ist die Naturwissenschaft nicht zu haben.

Warum nur hat der GEIST, Gott, oder wie will man es nennen, dieses Spiel zwischen Involution und Evolution erfunden. Eine Erklärung kann es dafür doch niemals geben. Wenn Wilber sagt „nur so zum Spaß, als göttliches Spiel“ so ist das doch nur reine Spekulation. So etwas könnte jedem Menschen einfallen, der Erklärungen sucht, aber niemals eine findet – oder ist das so im Verdanta Hinduismus formuliert, oder in der christlichen Mystik, oder im Mahayana Buddhismus?  Mit“  natürlicher Auslese“ und dem Zufall kann Wilber nichts anfangen, besonders mit dem Zufall nicht, scheint mir, denn nach den esoterischen Schriften, die Wilber gelesen hat, ist das so, wie ich es versucht habe, wiederzugegen: Involution: vom Höherem zu Niederen. - achließend Evolution vom Niederen zum Höheren.

Auch wenn  Kritik geübt werden muss, beeindruckt doch, das Wilber sich auch von westlichen Denkern bestätigt fühlt: Schelling, Hegel, Berdjajew.

Liebe Grüße
mombour
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