Author Topic: Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution  (Read 20924 times)

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #15 on: 27. Juni 2010, 10.30 Uhr »
Kommen wir zum Abschluss des typhonischen Zeitalters:

im letzten Teil über „Das Zeitalter des Typhon“ geht es auf einer Reise ins Unbewussste. Der Schamane kann sich nach belieben in Trance versetzen, die schamanische Erfahrung ist ein „Durchbruch zu höheren Formen des Seins.“ Das seperate Ich wird, nachdem es sich eben erst aus der archaisch-uroborischen Zeit gelöst hat, „.. hier zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit transzendiert.“

Ich glaube, um wirklich in die Welt der schamanischen Trance und Wirklichlichkeit einzudringen, müsste ich Mircea Eliades Buch über den Schamanismus lesen, oder ein Buch von Joseph Campbell. Die Bewusstseinserweiterung eines Schamanen in Trance  ist trotzdem noch recht primitiv, aber es hat der damaligen Welt der Jäger und Sammler aufgezeigt, dass es noch andere  Dimensionen menschlichen Daseins gibt, als die tägliche mechanische Nahrungsbeschaffung. Das Psychiater die Welt der Schamanen als Geisteskrank angesehen haben, habe ich noch in meiner Ausbildung zum Krankenpfleger erfahren, in der es hieß, normal ist das, was in einer Gesellschaft als normal angesehen wird, und einen Schamanen, würde man in unserer Gesellschaft als einen Geisteskranken bezeichnen. Mircea  Eliade war der erste, der den Schamanismus aus dem Dunstkreis psychiatrischer Diagnosen ausgehebelt hat. Hierzu also  sicher sehr spannend zu lesen, sein Buch „Schamanismus und archaische Extasetechnik.“  

Da ich ein oller Skeptiker bin, und mir bei solch bewusstseinserweiternden Methoden naturgemäß Skepsis mitschwingt, kann mich am besten mit Wilbers Vergleich zu Freud anfreunden, demnach neurotische Symptome

Quote from: Wilber
genau der Logik des magischen primitiven Vorganges folgen und daher im Grunde nichts als unverdaute Reste aus den unteren Stadien der Evolution darstellen.

Als Beispiel dazu erzählt Ken Wilber von einem erwachsenen Menschen mit einer Phobie vor rothaarigen Frauen. Als Kind hatte er Angst vor der rothaarigen Tante, von der er verhauen wurde.

Quote from: Wilber
Im Bann des magisch primären Vorganges, dier diese frühe Kindheitsphase dominierte, verwechselte er hinfort die Gruppe aller rothaarigen Frauen mit dem einem Mitglied dieser Gruppe. Dadurch gerät er höchst unrealistisch in Gegenwart jeder beliebigen rothaarigen Frau in Panik -  was zu neurotischer Phobie, Angst, Zwangsvorstellungen und so weiter führt.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #16 on: 27. Juni 2010, 12.57 Uhr »
Als Beispiel dazu erzählt Ken Wilber von einem erwachsenen Menschen mit einer Phobie vor rothaarigen Frauen. Als Kind hatte er Angst vor der rothaarigen Tante, von der er verhauen wurde.

Da Prügelstrafen in Europa jahrhundertelang gang und gäbe waren, müssten dann aber nach dieser "Logik" praktisch alle Menschen eine Vater- und/oder Mutterphobie gehabt haben ...  :angel:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #17 on: 27. Juni 2010, 15.59 Uhr »
Als Beispiel dazu erzählt Ken Wilber von einem erwachsenen Menschen mit einer Phobie vor rothaarigen Frauen. Als Kind hatte er Angst vor der rothaarigen Tante, von der er verhauen wurde.

Da Prügelstrafen in Europa jahrhundertelang gang und gäbe waren, müssten dann aber nach dieser "Logik" praktisch alle Menschen eine Vater- und/oder Mutterphobie gehabt haben ...  :angel:

Weißt du wie diese rothaarige Frau gehauen hat  ;D Mit einem Knüppel klitschko-faustdick  ;)

Nach dem ich dieses Kapitel gelesen habe, ist mein Beispiel "Der alte Mann und das Meer" wohl eher ein Beispiel dafür wie man zur schamanischen Stufe gelangt, diese physische Stufe, dieses Eins werden mit X. Nur denke ich nicht, dass man dazu in Ekstase, Trance oder Gedöns verfallen muss, ja okay beim Sex wäre es sinnvoll. Eine schöne Übung ist es, wenn man vor einem Baum steht, sitzt oder liegt, und versucht Schritt für Schritt den Baum zu atmen, seinen Sauerstoff einatmen, den eigenen Kohlendioxid ihm schenken, wenn man Glück hat wird man "eins" mit ihm. Wenn man richtig gut ist, kann man sich auch den Baum vorstellen  ;)

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline sandhofer

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 6 764
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #18 on: 27. Juni 2010, 17.25 Uhr »
Als Beispiel dazu erzählt Ken Wilber von einem erwachsenen Menschen mit einer Phobie vor rothaarigen Frauen. Als Kind hatte er Angst vor der rothaarigen Tante, von der er verhauen wurde.

Da Prügelstrafen in Europa jahrhundertelang gang und gäbe waren, müssten dann aber nach dieser "Logik" praktisch alle Menschen eine Vater- und/oder Mutterphobie gehabt haben ...  :angel:

Weißt du wie diese rothaarige Frau gehauen hat  ;D Mit einem Knüppel klitschko-faustdick  ;)

Und weshalb hat der junge Mann eine Phobie entwickelt und nicht einen masochistischen Komplex? Oder Rachephantasien? Was ich sagen will: Das Problem der Psychoanalyse ist, dass sie zwar im Nachhinein erklären kann (erklären zu können glaubt) aber Vorhersagen nicht erlaubt. Nicht jeder, der von einer Rothaarigen verprügelt wurde, entwickelt deshalb eine Phobie vor Rothaarigen. Das macht aber die Psychoanalyse als wissenschaftliches Modell ziemlich dürftig.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #19 on: 27. Juni 2010, 20.45 Uhr »
Was ich sagen will: Das Problem der Psychoanalyse ist, dass sie zwar im Nachhinein erklären kann (erklären zu können glaubt) aber Vorhersagen nicht erlaubt. Nicht jeder, der von einer Rothaarigen verprügelt wurde, entwickelt deshalb eine Phobie vor Rothaarigen. Das macht aber die Psychoanalyse als wissenschaftliches Modell ziemlich dürftig.

Doch, doch, das war mir bewusst, dass du das meintest, ich wollte jetzt nur so einen Schlag verursachen, unvorstellbarer Schlag, dass jeder davon eine Phobie erlitten hätte. Nun gut nicht gelungen  ;D

Eben! Das meinte ich doch mit der Beweisführung bei nicht materiellen Dingen, das ist unmöglich, da alles Bewusstsein von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ist und jeder anders reagiert. Da kann Wilber anführen wen er möchte, es wird nie einen Beweis geben  ;)

Wohlgemerkt, dass ich ganz viele Dinge davon als sehr logisch empfinde und auch so denke, dass es wohl so ist  :D  Aber immer dieses wohl gebrauche  ;)

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #20 on: 28. Juni 2010, 13.11 Uhr »
Der Zukunftsschock

Der Ackerbau hat eine neue Ära der Evolution eingeleitet. Denn der Ackerbau schützt vor den Tod. Wer heute sät, muss morgen ernten, also lebt man auch solange.  ;)

Aber was haben große Grabstätten damit zu tun, und wie können sie den Tod vertreiben? Man verehrt und verherrlicht doch den Tod bei solchen Ritualen.

Also das alles begann vor 10.000 Jahren, die Verdrängung des Todes begann, die Sprache entwickelte sich, eine Symbolwelt entstand, das Geld kam ins Spiel, Orte entstanden und Gemeinschaften. Der Dualismus wurde geboren.

Persönlich mag ich immer noch nicht den Stil Wilbers in diesem Buch. Im Grunde ist es eine Aneinanderreihung von Zitaten, und im Grunde müsste man diese Werke alle lesen, um zu überprüfen ob Wilber auch richtig zitiert, Aussagen kann man schnell verdrehen. Nein, ich will diesen Menschen gar nichts, nur fehlt mir einfach sein Wort. Ich will diese ständigen Zitate nicht lesen!

Wie ist denn das bei seinen anderen Werken mombour?

Und ist unsere Entwicklung wirklich nur eine Verdrängung des Todes? Was meinst du?

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #21 on: 29. Juni 2010, 11.32 Uhr »
Die Große Mutter

4500 v. Chr. die Zivilisation beginnt.

"Die Herrscher der ägyptischen Dynastien nahmen an sie seien Gott."

Dieses Kapitel wird von den Zitaten her wesentlich angenehmer, da Wilber sie nicht ständig benutzt um diese Todesfurcht zu beweisen, und sie insgesamt weniger werden.

Großre Mutter
  • gut als Beschützerin
  • schlecht als Zerstörerin
Diese Archetypin macht die gleiche Bewusstseinsentwicklung durch wie jeder, und wie die Geschichte. Die Große Mutter wird mit Mond, Zyklus, Wasser, Blut und Leben und Jungfrau assoziiert. Das weibliche Prinzip herrscht, der männliche Samen ist noch nicht entdeckt, die Leibesfrucht entsteht aus dem zurückgehaltenen Blut der Mutter.
Die Große Mutter fordert Blutopfer. Die Zivilisation, egal wo, beginnt immer mit Menschenopfer/Blutopfer. Der Mensch ansich ist noch ein "Muttersöhnchen". Opferung als Ersatz für Transzendenz.
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #22 on: 02. Juli 2010, 21.03 Uhr »
Hallo Anita,

endlich komme ich dazu, über das Kapitel „Der Zukunftsschock“ zu schreiben, bzw. einiges herauszugreifen, was mir wichtig erscheint und werde auch versuchen auf deine Fragen und   Gedanken  einzugehen..

Die Ära des Ackerbaus: Das Bewusstsein des Menschen hat sich nun so weit verändert, dass das Leben nicht nur auf die Gegenwart ausgerichtet ist, also nicht so, wie in der typhonischen Ära, in der gejagt wurde, um am Abend etwas zum essen zu haben, sondern, die Planung des Ackerbaus setzt ein Bewusstsein voraus, welches auf die Zukunft von Ernten schaut zum  Zweck für größere Menschengruppen eine geregelte Nahrungsversorgung zu gewährleisten. Das ist nun wirklich ein großer Sprung. Menschen organisieren sich zusammen. Ich sehe hierin die ersten Atemzüge größerer Zivilisationen und gehe davon aus, diese Menschen sehen sich jetzt schon als einzelne Individuen, die in Gemeinschaften ihr Leben organisieren. Wilber sagt ja auch, instinktive, körpergebundene Handlungen und Magie werden auifgeschoben, kanalisiert, sublimiert und ausgeschaltet – eine ganz neue Ära bricht an. Wilber formuliert es ganz knapp und wunderbar:
Quote from: Ken Wilber
Wenn die Jagd das Körper-Ich unterhielt, dann unterhielt der Ackerbau da neu entstehende mentale Ich.

Man kann hier wirklich sagen, die Menschen setzen hier erstmals ihren Verstand ein, setzen ihn in Bewegung und waren keine Wesen mehr, die sich auf die Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und Sex reduzierten, sondern es entstand Kultur. Ackerbau ist eine kulturelle Errungenschaft.

Quote from: Anita
Aber was haben große Grabstätten damit zu tun, und wie können sie den Tod vertreiben? Man verehrt und verherrlicht doch den Tod bei solchen Ritualen.

Ich glaube nicht, dass der Tod verherrlicht und verehrt wird. Ich kann hier allerdings nur von der Ägytischen Kultur reden, in der der Tod insofern verdrängen wurde, indem der Tod eine Verlängerung des irdischen Lebens sein sollte. Darin waren sie große Spezialisten, und was für Mühen sie sich gegeben haben, damit jemand gut ins Jenseits herüberkommen konnte, und nicht durch das Jenseitsgericht zu ewiger Verdammnis verflucht, einer Welt, auf der alles auf dem Kopf stand. Natürlich ist hier auch eine Erfurcht vor dem Tode vorhanden, was sicher auch für die Menschen um 10000 Jahren vor Chr. galt, auch wenn die Menschen damals vielleicht noch nicht im Geiste großartige Jenseitsmythologien entwarfen. Die gehäuften  Grabzeremonien können aber schon darauf hinweisen, diese Leute  sich Gedanklen über den Tod gemacht haben, sonst hätten sie diese Zeremonien nicht entworfen. Ob das nun wirklich so war, wie Joseph Campbell meint: „Gräber weisen auf den Versuch hin, mit der Drohung des Todes fertigzuwwerden.“, sei dahingestellt, das kann ich nicht beurteilen – aber irgendein Bewusstsein war da, welches ihnen sagte, mit dem Leben ist irgendwann auch mal Schluss. Das ist für mich leicht nachvollziebar.

Quote from: Anita
Und ist unsere Entwicklung wirklich nur eine Verdrängung des Todes? Was meinst du?

Ob sich die Leute damals, die  den Ackerbau erfanden, dieses nur deshalb taten, um sich „Zeit zu erkaufen“, auf diese Weise den Tod vermeiden wollten, finde ich durchaus anfechtbar. Ich glaube nicht daran. Die Menschheit entwickelte sich einfach. Durch das mentale Ich kam auch das Bewusstsein über die die Zeit und Endlichkeit des Lebens. Das ist erst mal alles. Die Leute, die den Ackerbau betrieben, konnten sehen, wie Pflanzen, Getreide sprossen (wie leben enstand), dieses Leben dann zerstört wurde, weil man es aufaß. Das ist für mich im Umkreis des Ackerbaus der einzigste Bezug zu Leben und Tod (Allerdings hat der typhonische Jäger auch getötet um zu speisen, aber offentsichtlich ohne ein Todesbewusstsein zu haben).

Ein aktuelles Beispiel unserer Zeit: Jemand sammelt Werkausgaben (Bücher) und möchte alle haben. Hierin kann man natürlich einen Versuch erkennen, den Tod vermeiden zu wollen, weil dieser Mensch, der all diese Bücher besitzen will, nach Vollkommenheit strebt und niemals sterben will. Solche Versuche nennt Wilber das „Atman-Projekt“. Eigentlich will man nach Vollkommenheit streben, zum Atman-Bewusstsein, doch man sucht nur nach Ersatzbefriedigungen, in dem man Bücher sammelt oder anderes anstellt. Es ist schon so, wir kleben alle an unserem begrenzten Ich, welches wir nicht einfach so aufgeben wollen. Natürlich sammelt nicht jeder irgendwas. Auch Versuche, mit Drogen in andere Bewusstseinszustände zu kommen, sind meiner Meinung zum scheitern verurteilt. Der Mensch will  mehr als nur Arbeiten und Essen. Er will irgendwohin, manche verschlägts in  Sekten, Religionen, Esoterik. Menschen suchen  einen tieferen Sinn des Daseins. Ich glaube, dass kann ich einfach mal nur so festschreiben. Nach Ken Wilbers Vorstellung ist diese Suche des Menschen erst beendet, wenn der Mensch bewusstseinsmäßig sein begrenztes Ich aufgibt und eins mit dem GEIST (Atman) wird.

Nun, meine Meinung wolltest du wissen. Auch wenn mich Ken Wilber mit seinen Theorien beeindruckt und sogar in einem altägyptischen Papyrus Atman findet, habe ich meine Zweifel. An sich bin ich irdisch orientiert, ich meine nicht unbedingt im Konsumwahn weltlicher Kurzfreuden, sondern, ich strebe danach,  mein Leben so hinzunehmen wie es mir gegeben ist, und spüre seit einigen Jahren die Endlichkeit meiner Physis, strebe danach, mit mir zufrieden zu sein, bin froh auf dieser Erde zu leben. Früher hätte ich nie geglaubt, dass mich ein Absurdist, Existentialist, Sinn und Trost schenken könnte. Dann habe ich aber Albert Camus gelesen:

Quote from: Albert Camus
Ich lerne, dass es kein übermenschliches Glück gibt und keine Ewigkeit außer dem Hinfließen der Tage....Die anderen „idealen“ Wahrheiten zu begreifen, fehlt es mir an Seele...Ich weiß nur dies: dass der Himmel länger dauern wird als ich.“ ((aus "Hochzeit in Tipasa", 1936/37)

Je mehr ich mich von der Welt trenne und mich anklammere an das Los des lebenden Menschen, statt in den überdauernden Himmel zu schauen, desto größer wird meine Todesangst. Bewusst sterben bedeutet: die Kluft zwischen uns und der Welt verringern und freudlos und im Bewußtsein, dass die Herrlichkeit dieser Welt für immer vorbei ist, das Ende auf sich nehmen.

(aus "Der Wind in Djemila", 1936/37)

Sterben ist Hingabe.  

Interessant finde ich Wilbers Auseinandersetzung mit dem Existentialisten Ernest Becker. ;D

Ken Wilber zitiert allgemein in seinen Werken andere Denker und Forscher, würde ihm aber niemals unterstellen, dass er falsch zitiert.. Ich halte ihn für einen gewissenhaften Denker, der inzwischen  wirklich unheimlich viel gelesen hat. Wilber sagt selber sinngemäß, er lehne nicht ab, was andere vor ihm gesagt und geschrieben haben, sondern er führt deren Gedanken weiter fort. In anderen Werken zitiert er auch andere, man kann aber, so auch in diesem Buch, durchaus erkennen, was von Ken Wilber kommt.  In unserem Buch merkt man allerdings, das Wilber hier noch in der transpersonalen Psychologie  drinhängt, davon er sich später aber gelöst hat und ein Integraler Denker wurde.

Bis Montag lese und schreibe ich bis Ende des dritten Teils. Das kann ich versprechen. ;D

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 02. Juli 2010, 22.04 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #23 on: 02. Juli 2010, 22.35 Uhr »
An sich bin ich irdisch orientiert, ich meine nicht unbedingt als Konsumist weltlicher Kurzfreuden, sondern, ich strebe danach,  mein Leben so hinzunehmen wie es mir gegeben ist, und spüre seit einigen Jahren die Endlichkeit meiner Physis, strebe danach, mit mir zufrieden zu sein, bin froh auf dieser Erde zu leben.

Geht mir ähnlich. Meine Physis hat mit 15 plötzlich nachgelassen  ;) und so musste ich einen anderen Weg gehen. Dass man damit kein Geld wie Heu ergattern kann, ist auch logisch. Ich habe mich eingefügt, und bin zufrieden. (Außer meine Büchersucht bin ich auch kaum materialistisch veranlagt.) Wilber redet immer wieder von buddhistischen Riten und natürlich der Meditation. Unser Weg kommt allerdings dann eher der Kontemplation näher. Ich hätte mich auch nie in diese Leere des Buddhismus einlassen können, ansonsten finde ich diese Philosophie die freundlichste und harmonischste der Welt. Schade das Wilber diesen Weg, den mystischen westlichen Weg wie zB. auch die Kabbala nie erwähnt (Kabbalistische Erfahrung soll die Grenze zwischen Subjekt und Objekt aufheben können. Ein Kabbalist durchbricht demnach die Mauer „härter als ein Diamant“ und erfährt die All-Einheit. sagt wiki dazu). Der Dalai Lama schreibt in seinen Büchern oft, dass man den Weg der Erleuchtung auch über die christliche Mythologie beschreiten kann, dass es als Westler sehr schwierig wäre den östlichen Weg zu gehen, genau wie umgekehrt.

Wilber hat also durchaus Recht, wenn er sagt, dass Religionen und andere Denkformen mit Gott um Gott in die gleiche Richtung geht/zielt. Nur finde ich dieses Buch jetzt extrem einseitig, ich hoffe, dass er in "Naturwissenschaft und Religion: Die Versöhnung von Wissen und Weisheit" auch den Westen mit in den Kahn zieht  ;)

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #24 on: 04. Juli 2010, 21.38 Uhr »
Hallohallo,

Die Große Mutter

Großre Mutter
  • gut als Beschützerin
  • schlecht als Zerstörerin
Diese Archetypin macht die gleiche Bewusstseinsentwicklung durch wie jeder, und wie die Geschichte. Die Große Mutter wird mit Mond, Zyklus, Wasser, Blut und Leben und Jungfrau assoziiert. Das weibliche Prinzip herrscht, der männliche Samen ist noch nicht entdeckt, die Leibesfrucht entsteht aus dem zurückgehaltenen Blut der Mutter.
Die Große Mutter fordert Blutopfer. Die Zivilisation, egal wo, beginnt immer mit Menschenopfer/Blutopfer. Der Mensch ansich ist noch ein "Muttersöhnchen". Opferung als Ersatz für Transzendenz.

Nun beginnt es wirklich interessant zu werden ;)

Der Kult um "die große Mutter" gehört zu den ältesten Kulten der Menschheit. Wilber unterscheidet zwei Aspekte dieser Göttin: den naturhaft biologischen Aspekt und den transzendenten Aspekt.

„Die große Mutter“ ist die Erdgöttin, ihr Gefährte, der Liebhaber, ist der Mond, der immer in ihrer Nähe ist. Am Ende des Mondzyklus verschwindet, bzw. stirbt der Mond (Neumond) und wird nach drei Tagen wiedergeboren. So entstehen Mythen, die bis in die christliche Ära reichen. An dieser Stelle ist mir nämlich in den Sinn gekommen, auch Christus fuhr nach dem Kreuzestod drei Tage in die Unterwelt und ist am dritten Tage wieder auferstanden, bzw. wurde wiedergeboren.

Ein anderer Aspekt der Großen Mutter ist eben die Sache mit dem Blutopfer. Für uns heute nicht nachvollziehbar, weil wir nicht nach magisch/typhonischer Logik vorgehen.

Quote from: Wilber
Das Menstruationsblut fließt periodisch während der ganzen Reife der Frau aus ihrem Schoß – ausgenommen wenn sie schwanger ist.

Daraus schlussfolgerten die Primitiven, um neues Leben hervorzubringen, brauche die Große Mutter Blut.  Der Gefährte der großen Mutter (z.B. der Mond) opfert sein Blut der Großen Mutter. Sie und ihr Gefährte gehen für drei Tage in die Unterwelt, wo die Göttin die Auferstehung beider vorbereitet und sichert durch die Auferstehung einen neuen Lebenszyklus, neue Fruchtbarkeit und einen neuen Mond. Bei der Auferstehung wird der Gefährte der Göttin sein eigener Vater. Wilber weist auf die Parallele zu Maria , der Mutter Jesu hin, die Mutter des toten und auferstandenen Gottes ist, gleichzeitig auch die jungfräuliche Braut Gottes.

Christen hängen einem Kult an, dessen Ursachen in mythischer Zeit lagen, als der Ackerbau erfunden wurde, nur, wahrscheinlich wissen nicht so viele Christen davon. Wenn man so überlegt, das ist doch verrückt. Ich war mal in Ephesos. Im Konzil dort (431 n. Chr.) wurde das Thema angestoßen, ob Maria eine Gottesgebärerin sei oder nicht. In späteren Verhandlungen (433 n. Chr.) über den Konzil, wurde man sich einig, Maria sei eine Gottesgebärerin. Im nahen Umkreis des Konzils zu Ephesos stand der Artemis (Diana)-Tempel. Die Artemis in Ephesos galt als Ernährerin aller Lebewesen und als Göttin der Fruchtbarkeit. Das sind  wichtige biologische Aspekte der Großen Mutter.

Nach Wilber sind Opferrituale (Menschen - oder Tieropfer) magischer Ersatz für Transzendenz.

Es gibt aber auch den transzendenten Aspekt der Großen Mutter, die Wilber dann als „Große Göttin“ beschreibt, der transzendente Aspekt der Göttin, der natürlichen Mutter aller Dinge ,( aus Campbell,  The Masks of God“) von den alten Ägyptern erkannt worden ist. Die meisten Menschen dieser mythischen Zeit hingen den magischen Ritualen nach, in denen Blut geopfert wurde, nur wenige, Priester o.ä., erkannten die Transzendenz der großen Göttin, opferten kein Blut,  sondern ihr Opfer war die Ichauflösungf im Gottesbewusstsein.

Wilber weist sehr treffend auf die Verweltlichung des heutigen Christentums hin, in welcher jegliche Transzendenz verlorengegangen ist.

Hier passt  gut ein Hinweis auf  Thomas Manns indischer Legende  „Die vertauschten Köpfe“ hinein, in dem es um ein Blutopfer an die Göttin Kali geht. Der Konflikt der Legende wird gelöst, in dem sich die Betroffenen verbrennen, d.h., sie lösen ihr seperates Ich auf, welches an ihre Körper gebunden ist und gehen ein in Transzendenz. :angel: :angel:

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 04. Juli 2010, 21.48 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #25 on: 05. Juli 2010, 12.49 Uhr »
So! Heute bin ich wieder restlos mit Wilber versöhnt!

Vierter Teil : Das solare Ego

10. Etwas noch nie Dagewesenes

„Das Ego führte zum Blick nach innen und zur Selbstanalyse, zur tiefschürfender Naturwissenschaft und Philosophie.
Das Heraustreten aus dem unbewußten Bereich und damit das Ich zum Überbewußten zurückkehren konnte.
Das Ego wurde aber so aggressiv zum Typhonischem und der Gruppenzugehörigkeit, es wollte/will die Altlasten bekämpfen, vernichten, verdrängen.“ Atman-Projekt

„Der Geist aus dem Körper entsteht, der freie Wille!“

Quote from: “Wilber“
In der gesamten jüdisch-christlich-islamischen Religion such man vergeblich nach authentischen Spuren der subtilen Göttin – und das sollte zum bezeichneten und erschreckenden Charakteristikum einer ganzen Zivilisation werden.

Stimmt nicht so ganz. Shekhinah existiert in der jüdischen Kabbala schon, sie ist das weibliche System, die weibliche Göttin, das Matriarchat, welches vom Patriarchat ins Exil verbannt wurde. Also genau das was Wilber sagt, die Göttin wurde verdrängt. Darüber habe ich mir sogar schon meine Gedanken gemacht:

Shekhinah

hörst du sie weinen
wenn sie entbehrt
ihren Gatten

siehst ihre Tränen
aus den Tiefen
ihres Exils

Lichthafte Urkraft
will gebären

LICHT
FORM
KLANG
und
WORT

schenk ihr
Ekstase
schenk ihr
das Licht


Deshalb finden wir also keinen Ansatz bei Wilber aus den westlichen Traditionen, denn im Gegensatz zu Kali, die das wahre Opfer des Ich-Empfindens fordert, existiert das weibliche Prinzip bei uns nicht mehr.

11. Der Typhon wird erschlagen

Der Mensch vernichtet die Natur, Erde, die große Mutter.

Quote from: “Wilber“
Die Entfremdung des Ich von der Natur ist die Entfremdung des Ich vom Körper.
In der Europäischen Dissoziation stehen Verstand und Instinkt miteinander im Krieg.

Das ist ja genau meine Rede. „Zwei Seelen in meiner Brust“ sagt Hermann Hesse im Steppenwolf, genau das ist es was ich im Hesse Fred sagen wollte, und was Hesse fast ununterbrochen in seinen Büchern sagt.

Und noch eins, ein bisschen Off-Topic, aber Doderes Melzer und René finde ich in diesem Buch wieder. Also schildert Doderer auch die gesamte Menschheitsentwicklung im Buch „Strudlhofstiege“, alle Achtung!

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #26 on: 05. Juli 2010, 14.15 Uhr »
Dass die katholische Kommunion ein Überrest heidnischer Kulte ist, kann man auch in anderen Büchern lesen. Das anthropophagische Motiv, Christi Leib ist das Brot, Christi Blut ist der Wein, wird transformiert, in dem die Menschenfresserei zu einer Symbolhandlung wird, die dazu dient, Transzendenz zu erlangen. In dem  der Gläubige den Laib Brot und den Wein zu sich nimmt, nimmt er sakraltheologisch gesehen, den Geist Christi in sich auf, d.h. er erfährt Christusbewusstsein. Nun wissen wir aber, dass es in der Christenpraxis nicht so aussieht, und diese heilige Handlung im Geiste nichts bewirkt. Wilber sagt, die meisten Christen praktizieren ihren Glauben in exoterischer Weise und praktizieren nichts weiter als Überreste des heidnischen Kultes der großen Göttin. Die Kontemplation, Mystik, Spiritualität ist den meisten Christen heutzutage verpflogen. Ein Beispiel aus meiner Kirchengemeinde, in der ich mich seit  Jahren nicht mehr blicken lasse: Dort werden Tanzkurse angeboten. Wie bitte? Ja, Tanzkurse. Erotik als Ersatz  für Transzendenz.. Haha!  Ken Wilber würde sagen, der Tanzkurs sei ontologischer Hunger.  ;D

Quote from: Ken Wilber
Eros ist ontologischer Hunger

Im Eros drückt sich der Wunsch aus, Ganzheit wiederzuerlangen. Um die Ganzheit zu erlangen, muss das seperate Ich, welches an den Körper gebunden ist, durch Thanatos aufgelöst werden. Da sich das seperate Ich aber gegen diesen Vorgang wehrt, kann durch den Eros die Ganzheit nicht erlangt werden. In Wilbers Buch kommen wir immer wieder auf diese grundlegende Aussage zurück.

Quote from: Ken Wilber
Eros ist also die nie ruhende Macht des Suchens, Ergreifens, Verlangens, Liebens, Lebens, Wollens. Eros ist niemals befriedigt, weil es nur Ersatzbefriedigungen findet. Eros ist ontologischer Hunger.

Was für wahnwitzige Wege sich gestalten, wenn wir an Ersatzhandlungen für Transzendenz denken. Da werden bei den Maki-Zeremonien auf der Insel Malekula im Archipel der Neuen Hebriden nahezu funfhundert Schweine erstochen.

Quote from: Ken Wilber
Heiliger Krieg ist nichts weiter, als eine oberflächlich rationalisierte Verehrung der Großen Mutter.

Ein Gottkönig als Ersatz von Transzendenz (heute der Papst). Die ersten Könige ließen sich freiwillig rituell Opfern, um wiedergeboren zu werden (bei den Sumerern soll es ja noch Menschenopfer gegeben haben, Königsgräber von Ur).


OK, das wollte ich noch wenigstens loswerden ;D

zum solaren Ego dann später noch.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #27 on: 06. Juli 2010, 10.32 Uhr »
Hallo Anita,

kannst du in wenigen Worten sagen, wer Shekhinah ist? Ich kenne diese Dame nicht. Die Marienverehrung in der katholischen Kirche ist ein Überbleibsel des Kultes der Großen Göttin. Maria ist Gottesmutter, Regina Coeli, die entschlafende Maria steigt in den Himmel auf (Orthodoxie). Trotzdem, und das ist eben die Verdrängung, hat es in der Kirche immer wieder Diskussionen gegeben, wie man  Maria theologisch ausdeuteln soll. Normallerweise müsste der christliche Gott, wenn Maria in die Theologie vollwertig aufgenommen wäre, viereinig sein. Es hat eben patriacharlische Gründe, warum die Große Göttin verdrängt worden ist. Es gibt auch kein feminin von "Pharao".

So ganz habe ich die Krise nicht verstanden, in die die Menschheit nun gefallen ist. Die ichhafte Struktur hat sich ausgebiltet, dass Ego des Individuums zeigt sich nun. Die Ackerbauern hatten ein großes Gemeinschaftsgefühl, und nun entwickelten sich die Menschen zu selbstbewussten Individualisten. Vielleicht ist die Krise darin zu verstehen, weil sich der Mensch,  in dem er sich von der chtonischen Großen MUtter losriss, sich aus einer inneren Naturverbundenheit herausgerissen hat, war doch die Große Mutter mit ihren biologisch naturhaften Aspekten eine Naturgöttin. Den Menschen ging die Erfurcht vor der Natur abhanden, die natürlichen Instinkte lagen nun brach, stattdessen bekam der Verstand einen enormen Entwicklungsschub, der Mensch einen sog. freien Willen (der allerdings heuzutage hier und dort angezweifelt wird. ;D ).  Auf Seite 220 entdecke ich gerade zu meinen Ausführungen das treffende ZItat:

Quote from: Ken Wilber
Um sich arrogant über die Schöpfung erheben zu können, musste die Ego-Struktur die Große Mutter mythologisch, psychologisch und soziologisch unterdrücken und verdrängen.

Erich Fromm schreibt in seiner "Anatomie der menschlichen Destruktivität", dass in der Zeit der ersten Hochkulturen erstmals in der Geschichte der Menschheit destruktive Agressionen vorkommen. Das ist der Preis, den die Menschheit mit dieser Entwicklung zahlen musste.

Die Sache mit der Europäischen Dissoziation habe ich aber nicht verstanden. Warum driftet das Handeln in der Gegenwart auseinander mit den Erinnerungen an vergangene Handlungen. Wie sieht es praktisch aus, wenn das Gehirn dazu neigt, "Aufzeichnungen aus der Vergangenheit zu betonen, während die übermittelnden Nervenprozesse den Organismus mit den Herausforderungen seiner gegenwärtigen Welt verbindet" (L.L. Whyte "Die nächste Stufe der Menschheit").

Hier fehlt mir doch eine intensivere Auseinandersetzung damit, was das eigentlich für KOnsequenzen hat. Genauso verhält es sich ja mit Wilbers Agressionstheorie (Mord als Ersatz für Transzendenz usw.). Zum Thema Agression oder dem Bösen im Menschen sind massig Bücher geschrieben worden, und Wilber fasst diese Thema sehr vage, sehr dünn an. Es ist nicht einsehbar, warum Mord aus Eifersucht oder aus Habgier eine Ersatzhandlung für Transzendenz sein soll. Dieses hat ja Wilber auch nicht behauptet, aber der Heilige Krieg z.B. soll ein oblerflächlich rationalisiertes Überbleibsel des Mutterkultes sein. Ist dieser gewaltige Sprung nicht zu hoch? Das muss doch eingehend begründet werden, wenn ich etwas damit anfangen soll. Allerdings gibt es auch Morde, in dem sich der Mörder mächtig fühlt, weil er dem anderen das Leben weggenommen hat, der andere schwach war, der Mörder sich nun sehr stark fühlt, in einem Moment sich vielleicht sogar unsterblich fühlt. Angelehnt dazu gibt es eine Szene aus dem Roman "Die schlafenden Schönen" von Yasunari Kawabata, in dem ein alter Mann den Gedanken hat, einem schlafenden Mädchen die Kehle zuzudrücken. Dieser Aspekt eines Mordes, die absolute Macht über einen anderen Menschen zu haben, darin mag allerdings schon ein innerer krankhafter Trieb zu bestehen, ein Gefühl der Unsterblichkeit zu gewinnen.

 Der Existentialist Ernest Becker

Quote from: Wilber
behauptet zwar zu Recht, daß der Mensch nach dem Unendlichen und höchster Transzendenz hungert, erkennt jedoch nicht, daß er das vor allem deswegen tut, weil er intuitiv erfaßt, daß der unendliche GEIST sein Wahres Wesen ist.

Diesen unendlichen GEIST, die Transzendenz, lehnt Becker strickt ab.

„Zwei Seelen in meiner Brust“ sagt Hermann Hesse im Steppenwolf, genau das ist es was ich im Hesse Fred sagen wollte, und was Hesse fast ununterbrochen in seinen Büchern sagt.

Goethe spricht von zwei Seelen in der Brust, Hesse von 1000.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 06. Juli 2010, 10.54 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #28 on: 06. Juli 2010, 13.24 Uhr »
Hallo mombour.

"Shekhinah" ist einfach das weibliche matriarchlische System/Prinzip, ähnlich der Göttin Kali in Indien, Mutter Erde, Mondprinzip. Die Bibel als solches ist ein patriarchlisches System, Frauen tauchen nicht mehr auf. Ich denke, das Weibliche wurde verstoßen in den monotheistischen Religionen, weil die Opferforderung falsch interpretiert wurde. Das hat mir Wilber nun sehr gut erklärt.
Aber um wirklich zur Transzendenz zu kommen, das Allumfassende, wie kann das ohne das weibliche Prinzip existieren? Und das ist der Kern, woran Europa scheitert.
Ich habe die Katastrophe bisher immer auf das Wegdenken und Ausbeuten von Natur gedeutet, gekoppelt mit dem Streben nach Geld und Macht. Wilber setzt Natur mit dem Weiblichen-System gleich, die Ebene 1 und 2, bevor der Geist/Verstand sich entwickelt. Anstatt dass der Mensch seine inneren Triebe, Instinkte, also seine Natur mit den Verstand integriert, beides miteinander verbindet, sondert er den Geist vom Körper ab. Wenn man Menschen fragt:"Haben Sie das Gefühl, ein Körper zu sein, oder haben Sie das Gefühl, einen Körper zu haben?" (Wilber "Wege zum Selbst") Keiner identifiziert sich mehr mit seinen Körper, es ist als ob man von oben als Geist/Verstand den Körper betrachtet  :o (Ich weiß ja nicht, ob ich das hier darf, aber dass der Mensch scheißen und furzen muss, das ist dermaßen peinlich, und wird unter´m Teppich gekehrt, das kann nicht sein.)

Mir persönlich gefällt dieser Ansatz sehr gut, dass Natur, also die Ebene 1 und 2, die in der Geschichte das Matriarchat darstellen, deshalb das weibliche Prinzip verkörpern, mit der Großen Göttin bei Wilber gleichgesetzt.

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Wilber, Ken - Halbzeit der Evolution
« Reply #29 on: 06. Juli 2010, 15.01 Uhr »
12. Neue Zeit, neuer Körper

"Das Ego begriff von Anfang an nicht, daß ein Angriff auf die Natur bereits ein Angriff auf den eigenen Körper ist, ---> selbstmörderisch"

Alles andere wurde ja schon vorweg genommen, ich denke sogar das 13. Kapitel auch schon  ;D

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"