Hallo Anita,
endlich komme ich dazu, über das Kapitel
„Der Zukunftsschock“ zu schreiben, bzw. einiges herauszugreifen, was mir wichtig erscheint und werde auch versuchen auf deine Fragen und Gedanken einzugehen..
Die Ära des Ackerbaus: Das Bewusstsein des Menschen hat sich nun so weit verändert, dass das Leben nicht nur auf die Gegenwart ausgerichtet ist, also nicht so, wie in der typhonischen Ära, in der gejagt wurde, um am Abend etwas zum essen zu haben, sondern, die Planung des Ackerbaus setzt ein Bewusstsein voraus, welches auf die Zukunft von Ernten schaut zum Zweck für größere Menschengruppen eine geregelte Nahrungsversorgung zu gewährleisten. Das ist nun wirklich ein großer Sprung. Menschen organisieren sich zusammen. Ich sehe hierin die ersten Atemzüge größerer Zivilisationen und gehe davon aus, diese Menschen sehen sich jetzt schon als einzelne Individuen, die in Gemeinschaften ihr Leben organisieren. Wilber sagt ja auch,
instinktive, körpergebundene Handlungen und Magie werden auifgeschoben, kanalisiert, sublimiert und ausgeschaltet – eine ganz neue Ära bricht an. Wilber formuliert es ganz knapp und wunderbar:
Wenn die Jagd das Körper-Ich unterhielt, dann unterhielt der Ackerbau da neu entstehende mentale Ich.
Man kann hier wirklich sagen, die Menschen setzen hier erstmals ihren Verstand ein, setzen ihn in Bewegung und waren keine Wesen mehr, die sich auf die Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und Sex reduzierten, sondern es entstand Kultur. Ackerbau ist eine kulturelle Errungenschaft.
Aber was haben große Grabstätten damit zu tun, und wie können sie den Tod vertreiben? Man verehrt und verherrlicht doch den Tod bei solchen Ritualen.
Ich glaube nicht, dass der Tod verherrlicht und verehrt wird. Ich kann hier allerdings nur von der Ägytischen Kultur reden, in der der Tod insofern verdrängen wurde, indem der Tod eine Verlängerung des irdischen Lebens sein sollte. Darin waren sie große Spezialisten, und was für Mühen sie sich gegeben haben, damit jemand gut ins Jenseits herüberkommen konnte, und nicht durch das Jenseitsgericht zu ewiger Verdammnis verflucht, einer Welt, auf der alles auf dem Kopf stand. Natürlich ist hier auch eine Erfurcht vor dem Tode vorhanden, was sicher auch für die Menschen um 10000 Jahren vor Chr. galt, auch wenn die Menschen damals vielleicht noch nicht im Geiste großartige Jenseitsmythologien entwarfen. Die gehäuften Grabzeremonien können aber schon darauf hinweisen, diese Leute sich Gedanklen über den Tod gemacht haben, sonst hätten sie diese Zeremonien nicht entworfen. Ob das nun wirklich so war, wie Joseph Campbell meint:
„Gräber weisen auf den Versuch hin, mit der Drohung des Todes fertigzuwwerden.“, sei dahingestellt, das kann ich nicht beurteilen – aber irgendein Bewusstsein war da, welches ihnen sagte, mit dem Leben ist irgendwann auch mal Schluss. Das ist für mich leicht nachvollziebar.
Und ist unsere Entwicklung wirklich nur eine Verdrängung des Todes? Was meinst du?
Ob sich die Leute damals, die den Ackerbau erfanden, dieses nur deshalb taten, um sich
„Zeit zu erkaufen“, auf diese Weise den Tod vermeiden wollten, finde ich durchaus anfechtbar. Ich glaube nicht daran. Die Menschheit entwickelte sich einfach. Durch das mentale Ich kam auch das Bewusstsein über die die Zeit und Endlichkeit des Lebens. Das ist erst mal alles. Die Leute, die den Ackerbau betrieben, konnten sehen, wie Pflanzen, Getreide sprossen (wie leben enstand), dieses Leben dann zerstört wurde, weil man es aufaß. Das ist für mich im Umkreis des Ackerbaus der einzigste Bezug zu Leben und Tod (Allerdings hat der typhonische Jäger auch getötet um zu speisen, aber offentsichtlich ohne ein Todesbewusstsein zu haben).
Ein aktuelles Beispiel unserer Zeit: Jemand sammelt Werkausgaben (Bücher) und möchte alle haben. Hierin kann man natürlich einen Versuch erkennen, den Tod vermeiden zu wollen, weil dieser Mensch, der all diese Bücher besitzen will, nach Vollkommenheit strebt und niemals sterben will. Solche Versuche nennt Wilber das „Atman-Projekt“. Eigentlich will man nach Vollkommenheit streben, zum Atman-Bewusstsein, doch man sucht nur nach Ersatzbefriedigungen, in dem man Bücher sammelt oder anderes anstellt. Es ist schon so, wir kleben alle an unserem begrenzten Ich, welches wir nicht einfach so aufgeben wollen. Natürlich sammelt nicht jeder irgendwas. Auch Versuche, mit Drogen in andere Bewusstseinszustände zu kommen, sind meiner Meinung zum scheitern verurteilt. Der Mensch will mehr als nur Arbeiten und Essen. Er will irgendwohin, manche verschlägts in Sekten, Religionen, Esoterik. Menschen suchen einen tieferen Sinn des Daseins. Ich glaube, dass kann ich einfach mal nur so festschreiben. Nach Ken Wilbers Vorstellung ist diese Suche des Menschen erst beendet, wenn der Mensch bewusstseinsmäßig sein begrenztes Ich aufgibt und eins mit dem GEIST (Atman) wird.
Nun, meine Meinung wolltest du wissen. Auch wenn mich Ken Wilber mit seinen Theorien beeindruckt und sogar in einem altägyptischen Papyrus Atman findet, habe ich meine Zweifel. An sich bin ich irdisch orientiert, ich meine nicht unbedingt im Konsumwahn weltlicher Kurzfreuden, sondern, ich strebe danach, mein Leben so hinzunehmen wie es mir gegeben ist, und spüre seit einigen Jahren die Endlichkeit meiner Physis, strebe danach, mit mir zufrieden zu sein, bin froh auf dieser Erde zu leben. Früher hätte ich nie geglaubt, dass mich ein Absurdist, Existentialist, Sinn und Trost schenken könnte. Dann habe ich aber Albert Camus gelesen:
Ich lerne, dass es kein übermenschliches Glück gibt und keine Ewigkeit außer dem Hinfließen der Tage....Die anderen „idealen“ Wahrheiten zu begreifen, fehlt es mir an Seele...Ich weiß nur dies: dass der Himmel länger dauern wird als ich.“ ((aus "Hochzeit in Tipasa", 1936/37)
Je mehr ich mich von der Welt trenne und mich anklammere an das Los des lebenden Menschen, statt in den überdauernden Himmel zu schauen, desto größer wird meine Todesangst. Bewusst sterben bedeutet: die Kluft zwischen uns und der Welt verringern und freudlos und im Bewußtsein, dass die Herrlichkeit dieser Welt für immer vorbei ist, das Ende auf sich nehmen.
(aus "Der Wind in Djemila", 1936/37)
Sterben ist Hingabe.
Interessant finde ich Wilbers Auseinandersetzung mit dem Existentialisten Ernest Becker.

Ken Wilber zitiert allgemein in seinen Werken andere Denker und Forscher, würde ihm aber niemals unterstellen, dass er falsch zitiert.. Ich halte ihn für einen gewissenhaften Denker, der inzwischen wirklich unheimlich viel gelesen hat. Wilber sagt selber sinngemäß, er lehne nicht ab, was andere vor ihm gesagt und geschrieben haben, sondern er führt deren Gedanken weiter fort. In anderen Werken zitiert er auch andere, man kann aber, so auch in diesem Buch, durchaus erkennen, was von Ken Wilber kommt. In unserem Buch merkt man allerdings, das Wilber hier noch in der transpersonalen Psychologie drinhängt, davon er sich später aber gelöst hat und ein Integraler Denker wurde.
Bis Montag lese und schreibe ich bis Ende des dritten Teils. Das kann ich versprechen.

Liebe Grüße
mombour