Author Topic: Neulich - im Zug  (Read 3670 times)

Offline sandhofer

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Neulich - im Zug
« on: 17. Juni 2010, 20.26 Uhr »
Hallo zusammen!

Dass es Leute gibt, die im ÖV lesen, weiss wohl jeder, der denselben benutzt. Auch ich weiss es, obwohl ich ihn selten benutze. Neulich aber musste ich wieder mal. Ein paar Stationen später steigt eine junge Frau ein (früher hätte man gesagt, ein Mädchen, aber heute sind die schon ab ca. 12 "junge Frauen" und man wundert sich über eine Zunahme der Pädophilie - aber die hier war zwischen 19 und 23) - eine junge Frau also, die sogleich ein Buch aus ihrer Tasche nimmt, sorgfältigst in Plastik eingewickelt, damit es nicht durch einen eventuellen Unfall mit der Thermoskanne Schaden nehmen kann, die in derselben Handtasche (Frauen-Handtaschen ... unergründlich) transportiert wird. Nichts Ungewöhnliches, wenn da nicht zwei Dinge gewesen wären. Erstens war die junge Frau vom Typ Nubierin (ich stelle mir Kleopatra so ähnlich vor - die Zeichner von Asterix übrigens auch, den voll-lippigen Mund mal abgerechnet), sehr hübsch also, und mit einem Kopftuch, das den ziemlich konservativen mohammedanischen Papa verraten hat. Zweitens das Buch: Ein Lyrikband, betitelt "Gedichte", darauf ein Autorenporträt, das ich zuerst für eines von E.T.A. Hoffmann gehalten habe, das aber ein anderes gewesen sein muss. (Welcher Verlag gibt diese Bände heraus: Hardcover mit (Pseudo-?)Leinen - ich habe auch schon eine Goethe-Ausgabe davon gesehen.) Ich sass zu weit entfernt, um Autor und Verlag identifizieren zu können, nahe genug, um zu sehen, dass die junge Frau tatsächlich Lyrik las.

Nicht, dass ich die Lektüre von Gedichten in der morgendlichen S-Bahn empfehlen würde. Aber witzig war's schon ...

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline Sir Thomas

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Re:Neulich - im Zug
« Reply #1 on: 18. Juni 2010, 11.36 Uhr »
Nicht, dass ich die Lektüre von Gedichten in der morgendlichen S-Bahn empfehlen würde ...

Warum eigentlich nicht? Als mehr oder weniger regelmäßiger S- und U-Bahnnutzer habe ich immer ein Lesekleinod in der Tasche, manchmal sogar einen Lyrikband. Ein oder zwei Benns (oder Goethes oder  ...) zwischen dem Ein- und Aussteigen können recht inspirierend sein.

Es grüßt

Tom

Offline orzifar

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Re:Neulich - im Zug
« Reply #2 on: 18. Juni 2010, 14.07 Uhr »
Natürlich spricht nichts dagegen (ich habe auch bei praktisch jeder Gelegenheit 1 - 3 Bücher dabei), aber häufig ist solches nicht. Und wenn ich Sandhofer richtig verstanden habe, war er darüber verwundert, dass so etwas überhaupt bzw. in diesem Alter, im sozialen Umfeld der Kleopatra passiert.

Ich bin regelmäßiger Zugbenutzer und sehe - leider - selten jemanden lesen. Leider deshalb, weil die Alternative diverse elektronische Kleingeräte sind, die auf unterschiedlichste Weise zur akustischen Umweltverschmutzung beitragen. Oder aber es wird telefoniert, und zwar in einer Lautstärke, die beim Besitzer eine Unkenntnis darüber vermuten lassen, was durch das altgriechische "tele" zum Ausdruck gebracht werden solle: Dass nämlich das Gerät zur Entfernungsüberbrückung dient und man nicht durch Gebrüll sich den anderen über weite Strecken verständlich machen muss.

Wie wär's mit Handyverbot und Lesezwang in öffentlichen Verkehrsmitteln? ;) Beim Einstieg wird ein dünner Lyrik- oder Prosaband ausgehändigt, alles sitzt, liest, leises Rascheln beim Seitenwenden. Utopia ...

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Neulich - im Zug
« Reply #3 on: 18. Juni 2010, 20.33 Uhr »
Nicht, dass ich die Lektüre von Gedichten in der morgendlichen S-Bahn empfehlen würde ...

Warum eigentlich nicht?

Nun, wie mein Meister Toyota-San zu sagen pflegte: Nichts ist unmöglich, aber wenn ich Zug fahre, dann fahre ich Zug, und wenn ich lese, dann lese ich.

Aber jeder nach seinem Geschmack. Die Nubierin habe ich übrigens seither nicht mehr getroffen...
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Offline orzifar

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Re:Neulich - im Zug
« Reply #4 on: 18. Juni 2010, 23.50 Uhr »
Nun, wie mein Meister Toyota-San zu sagen pflegte: Nichts ist unmöglich, aber wenn ich Zug fahre, dann fahre ich Zug, und wenn ich lese, dann lese ich.

 ??? Ich habe das Zugfahren bislang nicht als eine Tätigkeit empfunden, die mein Denken so sehr in Anspruch nehmen würde, dass ich neben der schweißtreibenden Angelegenheit des Befördert-Werdens nicht auch noch anderes zu tun in der Lage gewesen wäre. Außer man wäre in lok-führender Position am Werke (wovon ich aber in deinem Falle nicht ausgehe) ...

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Neulich - im Zug
« Reply #5 on: 19. Juni 2010, 06.57 Uhr »
??? Ich habe das Zugfahren bislang nicht als eine Tätigkeit empfunden, die mein Denken so sehr in Anspruch nehmen würde, dass ich neben der schweißtreibenden Angelegenheit des Befördert-Werdens nicht auch noch anderes zu tun in der Lage gewesen wäre. Außer man wäre in lok-führender Position am Werke (wovon ich aber in deinem Falle nicht ausgehe) ...

Nö. Obwohl ich als Junge natürlich auch davon geträumt habe. Umso mehr als mein Vater bei der Bahn arbeitete ...

Aber, abgesehen davon, dass mir meist bis immer übel wird, wenn ich beim Fahren lese (Auto sowieso, Zug aber auch, v.a., wenn's denn vor oder nach Bahnhöfen allzu arg rüttelt), abgesehen davon also, finde ich meist die Landschaft und v.a. die Mitreisenden interessant genug. Ausserdem mag ich es nicht, wenn mich alle 5 Minuten ein Schaffner oder ein randalierendes Kind aus der Konzentration reisst, die Lesen (v.a. Gedichte-Lesen!) für mich bedeutet. Von der bereits angesprochenen übrigen kakaphonischen Umweltverschmutzung mal ganz zu schweigen. Oder davon, dass sich ein halbes Auge in meinem Hinterkopf ja trotzdem der Fahrt widmen muss, damit ich an der richtigen Station aus- bzw. umsteige ...  ;)
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Offline sandhofer

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Re:Neulich - im Zug
« Reply #6 on: 03. Januar 2011, 12.59 Uhr »
Neulich wieder mal Zug gefahren. Da er relativ gut besetzt war, habe ich mich dann zu zwei jungen Frauen gesetzt, die am Kreuzworträtsellösen waren. "Männliche Ente?" - "Keine Ahnung. Eber?" Etwas später zückt die eine Blondine dann ein Buch zwecks Lektüre. Ich falle fast vom Sitz: H. C. Andersen: Die Schneekönigin. Auch wenn ich glaube, dass es Schullektüre war: Sie schien es gern zu lesen. Aber männliche Enten ...

(Schräg gegenüber übrigens ein Mann mittleren Alters - Typ Gymnasiallehrer -, der in Ingeborg Bachmanns Das dreissigste Jahr vertieft war.)

Ich kann im Zug immer noch nicht lesen ...
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