Author Topic: Honoré de Balzac: Vater Goriot  (Read 5653 times)

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Honoré de Balzac: Vater Goriot
« on: 17. Juni 2010, 10.25 Uhr »
Hallo Anna,

 Da doch diese Woche ziemlich voll ist, und ruhiges Lesen auf der Strecke bleibt, habe ich noch nicht so vierl gelesen.

 Ich finde es sehr schön, wie Balzac den Leser in den Roman einführt. Das hat Atmosphäre, und ist eben etwas völlig anderes wie Zola. Balzac kann mich mit diesem Start schon einlullen. Im Roman wird zuerst die Pension beschrieben, die ja ziemlich schäbig, einfach eingerichtet und ziemlich abseitig für sich gelegen ist. Balzac versucht mit der Beschreibung des Lokalkolorits eine Verbindung mit den Bewohnern herzustellen, die hier irgendwie mal gestrandet sind. Merkwürdige Typen, verschiedene Charaktere.

Die Einheit zwischen der Pension und den Pensionären wird wie folgt sehr schön in Worte gefasst:
Quote from: Balzac
In diesem ersten Zimmer herrscht ein fader Geruch, für den es keine Bezeichnung gibt, man müßte ihn >>Pensionsgeruch<< nennen. Es riecht nach Ungelüftetem, Ranzigem und Schimmel; der Geruch erweckt ein feuchtes Kältegefühl, das alle Kleider durchdringt; man spürt den stehengebliebenen Essensgeruch; der Raum stinkt nach Speisekammer und Restaurant. Vielleicht könnte man diesen Geruch definieren, wenn man ein Verfahren erfände, um die widerwärtigen Ausdünstungen jedes einzelnen jungen oder alten Pensionärs festzustellen.

Ich habe Gefallen an solchen Umschreibungen, auch wenn es ziemlich miefig ist.

Diese Pension scheint Menschen anzuziehen, die vom Unglück des Lebens verfolgt worden sind. Balzac sagt, die Pensionäre seien ein Abbild der menschlichen Gesellschaft, d.h. das damalige Leben in Paris zur Zeit der Restauration als Konzentrat. So versteht Balzac seinen Roman. In dieser Gesellschaft gab es
Quote from: Balzac
wie im Leben, ein armes ausgestoßenes Geschöpf, einen Sündenbock, eine Zielscheibe des allgemeinen Spottes.
- und das ist Vater Goriot.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline Anna

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 155
Re:Honoré de Balzac: Vater Goriot
« Reply #1 on: 28. Juni 2010, 09.48 Uhr »
Hallo mombour!

Entschuldige bitte meine Saumseligkeit! Ich hatte in den letzten Wochen dauernd Probleme mit der Internetverbindung und musste mir gestern einen neuen Router zulegen. Momentan komme ich sowieso nicht viel zum Lesen, denn in Italien haben die Ferien begonnen, und meine Kinder hauen fröhlich auf den Putz, ebenso wie ihre etwa zweitausend Freunde, die rund um die Uhr antelefonieren oder persönlich vorbei schauen. Mein Sohn schreibt gerade Abitur, Klavierabende und Sportvorführungen sind auch noch durchzustehen, nichts für schwache Nerven also. Außerdem bin ich immer noch mit der wunderbaren „Strudlhofstiege“ beschäftigt, die die Balzac-Lektüre nicht nur zeitlich ein wenig ins Hintertreffen geraten lässt. Man kann Doderers komplexes und witziges Meisterwerk eigentlich niemandem guten Gewissens empfehlen, weil es einen erstmal für die nächsten Romane verdirbt.;D Dabei gibt es zwischen den beiden Büchern sogar einige Gemeinsamkeiten: einen auktorialen Erzähler, der sich immer wieder kommentierend in das Geschehen einschaltet, eine breite Palette an Figuren und Lebenssituationen und einen Romanplot, den man überspitzt als Seifenoper bezeichnen könnte, denn es geht ausschließlich um private Beziehungen, um Liebe, Krisen, Betrug und Intrigen. Im Vergleich mit der „Strudlhofstiege“ fällt allerdings auf, wie exemplarisch „Vater Goriot“ ist, wie zielgerichtet die Handlung, wie typenhaft die Figuren.

Ich finde es sehr schön, wie Balzac den Leser in den Roman einführt. Das hat Atmosphäre, und ist eben etwas völlig anderes wie Zola.

Meine Lektüre von „Nana“ liegt schon zu weit zurück, als dass ich Vergleiche zwischen Zola und Balzac anstellen könnte. Ich weiß nur noch, dass ich „Nana“ ziemlich langweilig fand, was man von „Vater Goriot“ nicht sagen kann. Balzac schreibt unterhaltsam und amüsant, seine Beobachtungen und Bemerkungen zur menschlichen Natur sind intelligent und pointiert. Die Beschreibung der Pension und ihrer Bewohner gefällt mir auch gut: das schäbige, heruntergekommene Etablissement, das dumpfe Kleinbürgermilieu, der Egoismus und die Geldgier, die sich hinter dem scheinbar familiären Umgangston verbergen. Die habgierige, kaltherzige und intrigante Madame Vauquer ist übrigens ein Typus, der mir in der französischen Literatur immer wieder begegnet, meist als Concierge, Zimmerwirtin oder Restaurantbesitzerin.

Mit der Figur des alten Goriot habe ich meine Schwierigkeiten. Als einziger unter den Personen des Romans scheint er zwar uneigennütziger Liebe fähig zu sein - Liebe, so die Definition Balzacs, ist das „lebendige Dankgefühl aller freimütigen Seelen für den Gegenstand ihrer Freuden“ (Fischer Klassik/S. 95) -, aber diese „Leidenschaftlichkeit des Vaterseins“ ist fürchterlich überzogen dargestellt. Auch wenn man die Entstehungszeit des Romans berücksichtigen muss, ist der Gefühlsüberschwang in allen Szenen, in denen Goriot auftritt, doch schwer erträglich. Ich weiß nicht, ob Balzac hier einem breiten Publikumsgeschmack Rechnung trug oder glaubte, das „Märtyrertum“ Goriots ganz besonders herausstreichen zu müssen, jedenfalls war er klug genug, ein Gegengewicht in der Gestalt Vautrins zu schaffen. Dieser gewissenlose, anarchistische und gar nicht mal so unsympathische Gauner mit seiner Eloquenz und seinem Zynismus ist die interessanteste Figur im Roman (das sind die bösen Buben ja immer) und verhindert, dass die Geschichte allzu flach und melodramatisch erscheint.


Wie verführbar der Mensch ist, wie schnell die Aussicht auf Reichtum und gesellschaftliches Ansehen ihn seine Ideale und Skrupel über Bord werfen lassen, führt Balzac an der Figur des Eugéne de Rastignac auf sehr exemplarische und simplifizierende Art und Weise vor: auf der einen Seite der selbstlose Vater Goriot, auf der anderen Seite der amoralische Vautrin, dazwischen Rastignac, der sich ständig zwischen seinem Gewissen und seinen Interessen entscheiden muss. Wenn man einen Blick auf die Biographie Balzacs im Anhang des Buches wirft, stellt man fest, dass auch er sich zeitlebens die Zuneigung verschiedener adliger Damen zu verschaffen wusste, die ihn bei seinem gesellschaftlichen Aufstieg und der Finanzierung seiner kostspieligen Projekte unterstützten. Nun bleibt abzuwarten, wie lange Rastignac sich noch den teuflischen Einflüsterungen des schurkischen, aber unterhaltsamen Vautrin erwehren kann. Ich habe jetzt gut die Hälfte des Buches gelesen.

Gruß
Anna

Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
Regina Dieterle - Theodor Fontane
Charles Dickens - David Copperfield
Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline mombour

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 593
    • Martin Stauder  Prosa & Lyrik
Re:Honoré de Balzac: Vater Goriot
« Reply #2 on: 28. Juni 2010, 11.24 Uhr »
Wie verführbar der Mensch ist, wie schnell die Aussicht auf Reichtum und gesellschaftliches Ansehen ihn seine Ideale und Skrupel über Bord werfen lassen,

Geradezu erschreckend verderblich fand ich, als Rastignac viel Geld von seinen Verwandten einsackt, sich damit feine Kleider kauft, damit er bei den Damen der Oberklasse ankommt.  Die reichen Töchter des Jean Goriot, die den Vater finanziell aussaugen, dadurch in der Adelsklasse ein prunkes Leben führen können, ist doch eine Kritik an dieser gesellschafzsklasse. Rastignac ist ein Möchtegernreicher, der  über Goriots Töchter, Anschluss ins prunkvolle Leben sucht. Die Verführbarkeit durch Geld und Prunk, was Balzac anprangert. Auf der anderen Seite ist Rastignac mit Goriot befreundet. Die Suche nach Tugend findet sich in Goriot, der sich in seiner Liebe zu Goriot selbst aufopfert. Dieses mag man nun als märtyrerhaft veredeln, als eine bedingungslose Liebe, die an sich ehrhaft ist. Trotzdem, so glücklich bin ich damit nicht, denn diese schamlose Ausbeutung, die die Töchter mit ihrem Vater anstellen, veranlasst mich zu dem Gedanken, dass die Liebe des Vaters von BLindheit geschlagen ist. UNd da gebe ich dir eben recht, wenn es keine anderen Charaktere in dem Roman gebe, würde es mir sehr flau in dem Magen, und der Roman könnte leicht in Trivialitäten ausarten. Dieses nämllich recht triviale Bild eine abgöttisch blindverliebten  Frau, die von ihrem Liebesobjekt schamlos ausgenutzt und in die Armut getrieben wird,  hat Sándor Márai in seinem Roman "Das Vermächtnis der Esther" entworfen. Dieser Inhalt alleine ist sehr einseitig und wirft die Frage auf, mit wieviel Dummheit ein Mensch noch geschlagen sein kann. Meiner Ansicht nach ist das schon Hörigkeit. Und es stellt sich eben die Frage, ob Goriot nicht einfach einer Hörigkeit unterliegt, die andere Leser warscheinlich mit selbstloser Liebe definieren würden. Es ist eben zu überlegen, ob Balzac in der Figur des Goriot nicht einfach ein Opfer der geldgierigen Adelsklasse schaffen wollte.

Die Einleitung des Romans ist gewissermaßen  prosaisch gesehen schon ein Höhepunkt des Romans. Das langsame Übergleiten in die Handlung ist sehr gelungen.

Von Doderer habe ich  "Ein Mord den jeder begeht gelesen", das ist kaum zu übertreffen, ja.

Liebe Grüße
und dein Router bekommt eine Streicheleinheit, damit er lange heile bleibt ;D

mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline orzifar

  • Administrator
  • *****
  • Posts: 2 942
Re:Honoré de Balzac: Vater Goriot
« Reply #3 on: 28. Juni 2010, 14.05 Uhr »
Von Doderer habe ich  "Ein Mord den jeder begeht gelesen", das ist kaum zu übertreffen, ja.

Doch  ;D - ganz im Gegenteil: Der "Mord" ist eines der schwächeren Bücher Doderers, v. a. die Konstruktion der Geschichte hanebüchen und an den Haaren herbeigezogen. Was im übrigen davon kommt, wenn Schriftsteller Romantheorien entwerfen und dann in den Büchern dieser ihrer Theorie zu genügen versuchen. Dass er aber schreiben kann, ist auch beim "Mord" nicht zu übersehen ;).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline Anna

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 155
Re:Honoré de Balzac: Vater Goriot
« Reply #4 on: 07. Juli 2010, 17.56 Uhr »
Hallo mombour!

Ich komme momentan zu nix, außerdem klappt es mit der Verbindung immer noch nicht. Jetzt nutze ich die Gunst der Stunde, um einige Leseeindrücke zu schildern.

Die reichen Töchter des Jean Goriot, die den Vater finanziell aussaugen, dadurch in der Adelsklasse ein prunkes Leben führen können, ist doch eine Kritik an dieser gesellschafzsklasse.

Sicher, wobei sie ebenso wie allen anderen Figuren des Romans auch Opfer des „Systems“ sind. Geld regiert die Welt nicht nur des Adels, sondern aller sozialen Schichten, wie man in der Pension Vauquer so schön beobachten kann. Selbst Vater Goriot ist keineswegs ein Tugendbold, immerhin hat er sein Vermögen mit Spekulationsverkäufen während der Revolutionszeit gemacht. Neben seiner Kritik am aufkommenden Kapitalismus beschreibt Balzac vor allem die Verlogenheit des Adels, der den noblen Schein einer privilegierten, dem Bürgertum überlegenden Gesellschaftsschicht aufrechterhält, während Unmäßigkeit und Geldgier längst schon die Standesprinzipien untergraben haben. Goriots Schwiegersöhne sind zwar durchaus bereit, um einer stattlichen Mitgift willen bürgerliche Mädchen zu heiraten, den Schwiegervater dulden sie allerdings nicht im Haus, weil dessen schlichte Manieren dann doch zu stark an die kleinbürgerliche Herkunft ihrer Ehefrauen erinnern.

Geradezu erschreckend verderblich fand ich, als Rastignac viel Geld von seinen Verwandten einsackt, sich damit feine Kleider kauft, damit er bei den Damen der Oberklasse ankommt.


Gehst Du mit Rastignac nicht zu streng ins Gericht? Er ist ein junger, ehrgeiziger Mann, der aus der Provinz nach Paris kommt, tagtäglich aus der Ferne das prunkvolle Leben der adligen Gesellschaft beobachtet und dann wieder zu den trostlosen Gestalten in der Pension Vauquer zurückkehren muss. Er will im Leben vorwärts kommen, auf ihm ruhen ja auch die Hoffnungen der Familie. Seine Berufschancen sind gering, wie ihm Vautrin zwar sehr suggestiv, aber überzeugend erklärt. Erst nach vielen elenden Jahren am Gerichtshof irgendeines kleinen Nests, während er seinem „Gewissen so manchen Stoß versetzen“ muss (S. 112), bietet sich ihm vielleicht die Aussicht auf die Position eines Gerichtspräsidenten. Und auch das nur mit Protektion und einer geschickten Eheschließung. „Die Ehrenhaftigkeit hilft zu nichts“ (S. 113), weder in der adligen noch in der bürgerlichen Welt. Außerdem ist Rastignac anders als sein bürgerlicher Freund Bianchon nicht der Typ, sich zu bescheiden. Vautrin erkennt das sofort, darin sind sie sich ähnlich (bzw. darin sind sie beide wohl Balzac ähnlich): „Wenn Sie bleich und eine Molluskennatur wären, so hätten Sie nichts zu fürchten; aber wir haben das fiebernde Blut des Löwen und einen Heißhunger, um täglich zwanzig Dummheiten zu begehen“ (S.111). Der Grad zwischen „dem Gewissen einen Stoß“ und „dem Gewissen einen Todesstoß“ zu versetzen ist allerdings schmal. Rastignac hat sich zwar den schurkischen Pläne Vautrins in Bezug auf Mademoiselle Taillefer versetzt und sie sogar zu vereiteln versucht, aber was wäre geschehen, wenn er sich beim Spiel noch weiter verschuldet hätte, wenn Vautrin nicht festgenommen worden wäre oder wenn es mit Madame de Nucingen nicht geklappt hätte? Wäre dann nicht doch „Plan B“ Mlle. Taillefer in Kraft getreten? Hätte Rastignac überhaupt eine Wahl gehabt?

Die Ereignisse, die sich unmittelbar vor Vautrins Festnahme abspielen, haben etwas von einer Räuberpistole an sich. Der Abgang Vautrins aber ist stark. Nicht nur, dass er es schlau verhindert, bei seiner Festnahme von den Polizisten sozusagen kostengünstig erschossen zu werden, er wirkt auch sehr beeindruckend, am allermeisten offenbar auf Balzac selbst:

Quote
„Collin glich einem infernalischen Dichter, in dessen Werken alle menschlichen Leidenschaften sich spiegeln, ausgenommen eine einzige: Reue. Sein Blick war der des gefallenen Engels, der immer den Kampf will“ (S: 206).

Und wie wahr sind seine Abschiedsworte an die übrigen Pensionsgäste:

Quote
„Sind Sie besser als wir? Wir haben weniger Nichtswürdigkeiten auf dem Buckel, als ihr im Herzen, ihr faulenden Glieder einer verderbten Menschenklasse! Der Beste von Euch steht noch tief unter mir!“ (S. 206).

In der Tat sind die gierigen, verschlagenen Kleingeister wie Madame Vauquer, Mademoiselle Michonneau und Monsieur Poiret die allerschlimmsten Typen. Köchin Sylvie findet für Vautrin die richtige Würdigung: „Nun, er war trotz allem ein Mann“ (S. 209). Ein Mann allerdings, der die Frauen nicht liebt, wie wir vom Polizeipräsidenten erfahren. Geschickt, wie Balzac die Homosexualität Vautrins schon andeutet, bevor dieser Satz fällt.

Und es stellt sich eben die Frage, ob Goriot nicht einfach einer Hörigkeit unterliegt, die andere Leser warscheinlich mit selbstloser Liebe definieren würden. Es ist eben zu überlegen, ob Balzac in der Figur des Goriot nicht einfach ein Opfer der geldgierigen Adelsklasse schaffen wollte.

Goriot ist in erster Linie Opfer seiner Obsession: der Vernarrtheit in seine Töchter. Aber natürlich ist er auch Opfer der Adelsklasse, die ihn ausbeutet.

Ich habe das Buch natürlich schon längst durch und hoffe, meine abschließende Meinung in den nächsten Tagen schreiben zu können

Gruß
Anna


« Last Edit: 07. Juli 2010, 18.02 Uhr by Anna »
Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
Regina Dieterle - Theodor Fontane
Charles Dickens - David Copperfield
Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline Anna

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 155
Re:Honoré de Balzac: Vater Goriot
« Reply #5 on: 30. Juli 2010, 18.54 Uhr »
Hallo mombour!

Da haben wir aber eine stürmische kleine Leserunde hingelegt! Der Roman bietet allerdings auch nicht allzu viel Diskussionsstoff, vielleicht sind andere Bücher von Balzac da ergiebiger. Hier aber noch ein kurzes Fazit von mir:

Die Sterbeszenen Goriots fallen wie immer sehr wortreich und melodramatisch aus, beeindruckend hingegen ist die Beschreibung seines Begräbnisses, mit der der Roman endet. Die völlige Gleichgültigkeit der Pensionsgäste, das einsame Leichenbegängnis, dem nur Rastignac und sein Freund beiwohnen, die lieblos heruntergespulte Zeremonie des desinteressierten Priesters und das gespenstische Auftauchen der von den Töchtern geschickten leeren Trauerkutschen sind Bilder, die die ganze Trostlosigkeit und Tragik dieses zu Ende gegangenen Lebens zum Ausdruck bringen.

Der Roman ist auch die Geschichte einer Desillusionierung. Der aus der vergleichsweise heilen Welt der Provinz nach Paris gekommene Rastignac muss bei der Beerdigung Goriots endgültig erkennen, dass Egoismus und Gier das Mitgefühl und den menschlichen Anstand in allen Bevölkerungsschichten verdrängt haben. Dass er sich unter diesen Umständen für ein luxuriöses Leben in der adligen Gesellschaft entscheidet, kann man ihm nicht verdenken. In Anbetracht der Tatsache, dass seine Gönnerin ins Kloster gegangen und die finanzielle Lage im Hause Nucingen angespannt ist, sind seine Aussichten allerdings nicht gerade rosig.

„Vater Goriot“ gilt als einer der besten Romane Balzacs. Ich habe ihn gern gelesen, wenn er mich auch nicht sonderlich gefesselt oder über sein Ende hinaus beeindruckt hat. Das mag, wie gesagt, auch an der gleichzeitigen Lektüre der „Strudlhofstiege“ gelegen haben, die mir ein ungleich komplexeres und intensiveres Lesevergnügen beschert hat. Die Stärken Balzacs sind sein psychologisches Einfühlungsvermögen, die gut gezeichneten Figuren und seine pointiert-bissigen Bemerkungen zur menschlichen Natur. Als schwächer empfand ich die ausufernden, exaltierten Monologe Vater Goriots und einige ins Kolportagehafte abgleitende Szenen wie z. B. die Aktion mit den verschiedenen Schlafmitteln, die Geschehnisse um die Festnahme Vautrins und die melodramatische Liebesgeschichte der Gräfin. Ich verspüre nicht wie Thomas Mann das Bedürfnis, alle Romane der „Menschlichen Komödie“ hintereinander weg zu konsumieren, aber ich werde sicherlich noch den einen oder anderen Balzac lesen. Fürs Erste habe ich mir „Verlorene Illusionen“ auf meiner Bücherliste notiert.

Gruß
Anna
Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
Regina Dieterle - Theodor Fontane
Charles Dickens - David Copperfield
Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie

Offline Anita

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 239
    • Literaturblog
Re:Honoré de Balzac: Vater Goriot
« Reply #6 on: 30. Juli 2010, 20.14 Uhr »
Ich verspüre nicht wie Thomas Mann das Bedürfnis, alle Romane der „Menschlichen Komödie“ hintereinander weg zu konsumieren, aber ich werde sicherlich noch den einen oder anderen Balzac lesen. Fürs Erste habe ich mir „Verlorene Illusionen“ auf meiner Bücherliste notiert.

Ist das also auch dein erster Balzac gewesen, Anna? Mir macht "Verlorene Illusionen" richtig Lust auf Balzac, doch ich verspüre diese Lust. Gibt da so einen schönen Schuber, eine Werkausgabe, mit der ich gerade ein wenig flirte: Soll ich oder soll ich nicht  ;D

LG
Anita
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.  Nietzsche in "Also sprach Zarathustra"

Offline Anna

  • Full Member
  • ***
  • Posts: 155
Re:Honoré de Balzac: Vater Goriot
« Reply #7 on: 30. Juli 2010, 20.27 Uhr »
Ist das also auch dein erster Balzac gewesen, Anna?

Nein, ich habe vor ein paar Jahren schon "Vetter Pons" gelesen, habe aber keinerlei Erinnerungen mehr an das Buch, außer dass es mir ganz gut, wenn auch nicht übermäßig, gefallen hat. Auch "Vater Goriot" würde ich nicht als großes Leseerlebnis bezeichnen, aber es war eine amüsante und intelligente Lektüre.

Gibt da so einen schönen Schuber, eine Werkausgabe, mit der ich gerade ein wenig flirte: Soll ich oder soll ich nicht  ;D

Es geht ja nicht um einen Seitensprung, also was fragst Du noch lang?  ;)

Gruß
Anna
Bodo Kirchhoff - Verlangen und Melancholie
Regina Dieterle - Theodor Fontane
Charles Dickens - David Copperfield
Traudl Bünger, Ella Berthoud, Susan Elderkin - Die Romantherapie