Hallo mombour!
Entschuldige bitte meine Saumseligkeit! Ich hatte in den letzten Wochen dauernd Probleme mit der Internetverbindung und musste mir gestern einen neuen Router zulegen. Momentan komme ich sowieso nicht viel zum Lesen, denn in Italien haben die Ferien begonnen, und meine Kinder hauen fröhlich auf den Putz, ebenso wie ihre etwa zweitausend Freunde, die rund um die Uhr antelefonieren oder persönlich vorbei schauen. Mein Sohn schreibt gerade Abitur, Klavierabende und Sportvorführungen sind auch noch durchzustehen, nichts für schwache Nerven also. Außerdem bin ich immer noch mit der wunderbaren „Strudlhofstiege“ beschäftigt, die die Balzac-Lektüre nicht nur zeitlich ein wenig ins Hintertreffen geraten lässt. Man kann Doderers komplexes und witziges Meisterwerk eigentlich niemandem guten Gewissens empfehlen, weil es einen erstmal für die nächsten Romane verdirbt.

Dabei gibt es zwischen den beiden Büchern sogar einige Gemeinsamkeiten: einen auktorialen Erzähler, der sich immer wieder kommentierend in das Geschehen einschaltet, eine breite Palette an Figuren und Lebenssituationen und einen Romanplot, den man überspitzt als Seifenoper bezeichnen könnte, denn es geht ausschließlich um private Beziehungen, um Liebe, Krisen, Betrug und Intrigen. Im Vergleich mit der „Strudlhofstiege“ fällt allerdings auf, wie exemplarisch „Vater Goriot“ ist, wie zielgerichtet die Handlung, wie typenhaft die Figuren.
Ich finde es sehr schön, wie Balzac den Leser in den Roman einführt. Das hat Atmosphäre, und ist eben etwas völlig anderes wie Zola.
Meine Lektüre von „Nana“ liegt schon zu weit zurück, als dass ich Vergleiche zwischen Zola und Balzac anstellen könnte. Ich weiß nur noch, dass ich „Nana“ ziemlich langweilig fand, was man von „Vater Goriot“ nicht sagen kann. Balzac schreibt unterhaltsam und amüsant, seine Beobachtungen und Bemerkungen zur menschlichen Natur sind intelligent und pointiert. Die Beschreibung der Pension und ihrer Bewohner gefällt mir auch gut: das schäbige, heruntergekommene Etablissement, das dumpfe Kleinbürgermilieu, der Egoismus und die Geldgier, die sich hinter dem scheinbar familiären Umgangston verbergen. Die habgierige, kaltherzige und intrigante Madame Vauquer ist übrigens ein Typus, der mir in der französischen Literatur immer wieder begegnet, meist als Concierge, Zimmerwirtin oder Restaurantbesitzerin.
Mit der Figur des alten Goriot habe ich meine Schwierigkeiten. Als einziger unter den Personen des Romans scheint er zwar uneigennütziger Liebe fähig zu sein - Liebe, so die Definition Balzacs, ist das „lebendige Dankgefühl aller freimütigen Seelen für den Gegenstand ihrer Freuden“ (Fischer Klassik/S. 95) -, aber diese „Leidenschaftlichkeit des Vaterseins“ ist fürchterlich überzogen dargestellt. Auch wenn man die Entstehungszeit des Romans berücksichtigen muss, ist der Gefühlsüberschwang in allen Szenen, in denen Goriot auftritt, doch schwer erträglich. Ich weiß nicht, ob Balzac hier einem breiten Publikumsgeschmack Rechnung trug oder glaubte, das „Märtyrertum“ Goriots ganz besonders herausstreichen zu müssen, jedenfalls war er klug genug, ein Gegengewicht in der Gestalt Vautrins zu schaffen. Dieser gewissenlose, anarchistische und gar nicht mal so unsympathische Gauner mit seiner Eloquenz und seinem Zynismus ist die interessanteste Figur im Roman (das sind die bösen Buben ja immer) und verhindert, dass die Geschichte allzu flach und melodramatisch erscheint.
Wie verführbar der Mensch ist, wie schnell die Aussicht auf Reichtum und gesellschaftliches Ansehen ihn seine Ideale und Skrupel über Bord werfen lassen, führt Balzac an der Figur des Eugéne de Rastignac auf sehr exemplarische und simplifizierende Art und Weise vor: auf der einen Seite der selbstlose Vater Goriot, auf der anderen Seite der amoralische Vautrin, dazwischen Rastignac, der sich ständig zwischen seinem Gewissen und seinen Interessen entscheiden muss. Wenn man einen Blick auf die Biographie Balzacs im Anhang des Buches wirft, stellt man fest, dass auch er sich zeitlebens die Zuneigung verschiedener adliger Damen zu verschaffen wusste, die ihn bei seinem gesellschaftlichen Aufstieg und der Finanzierung seiner kostspieligen Projekte unterstützten. Nun bleibt abzuwarten, wie lange Rastignac sich noch den teuflischen Einflüsterungen des schurkischen, aber unterhaltsamen Vautrin erwehren kann. Ich habe jetzt gut die Hälfte des Buches gelesen.
Gruß
Anna