Author Topic: Paracelsus  (Read 5973 times)

Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #15 on: 10. Juli 2010, 14.42 Uhr »
Nun wendet er sich an die Wundärzte. Da klingen seine Vorschriften höchst modern: keinen Schmutz an und in die Wunde lassen. Nicht das Wiederanwachsen von abgehauenen Körperteilen versprechen, etc., etc.

Was in mir die generelle Frage auslöst: Wieweit ist es eigentlich selbstverständlich, dass ich als Laie des 21. Jahrhunderts Fachschriften früherer Jahrhunderte verstehe? Wieweit ist es eigentlich selbstverständlich, dass ich-hier-heute Newton und Paracelsus lesen und verstehen kanm, die zu ihrer Zeit die Spitze ihrer Fachforschung darstellten?
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #16 on: 11. Juli 2010, 19.17 Uhr »
Jetzt bin ich in Band 3, den philosophischen Schriften. Und da wiederum in einem von Paracelsi Hauptwerken - Astronomia Magna: oder die ganze Philosophia sagax. Interessant, wie schon Paracelsus den überweltliche, jenseitigen Bereich strikte getrennt haben will vom diesseitigen: Ähnlich wie viel später Kant plädiert er für eine Trennung des Erkenn-, Lern- und Beeinflussbarem vom Übernatürlichen, Jenseitigen.
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Offline sandhofer

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Re:Paracelsus
« Reply #17 on: 04. August 2010, 10.49 Uhr »
Mittlerweile in Band 4 und mitten in Paracelsi Predigten und Bibelauslegungen. Da scheint er mir recht konservativ zu sein, vielleicht mit Ausnahme dessen, dass er eine Art urchristliches Güterteilen predigt. Nicht, dass allen alles gehören soll, sondern dass jedem gleich viel gehören soll. Wer Reichtum anhäuft, das heisst, mehr als den ihm zustehenden Teil sich erwirbt, ist ein Dieb an dem, dem dies nicht gelingt. (Marx lässt grüssen! Na ja - eigentlich Proudhon ...) Dennoch bin ich hier ein wenig enttäuscht, nachdem Paracelsus im dritten Band eine doch recht gewagte Theorie der menschlichen Existenz entwickelt hat. Gemäss Paracelsus ist der Mensch nämlich in gewisser Weise auch dreifaltig: Da ist erstens der Mensch aus - wie wir sagen würden - Fleisch und Blut. Der stirbt eines Tages und verwest. Vom dem bleibt nix. Dann ist da ein "siderischer" Mensch. "Siderisch", also von den Sternen kommend bzw. deren Lenkung unterworfen, das Objekt der Astrologie also. Auch dieser Mensch stirbt, manchmal ein bisschen langsamer und später als der aus Fleisch und Blut. Das sind dann die Gespenster,die man sehen kann. Aber auch dieser Mensch vergeht schlussendlich, weshalb man eines Tages die Gespenster nicht mehr sieht, die vorher da waren. Last but not least gibt es dann den Menschen, dem der Heilige Geist göttliches Fleisch gegeben hat. Das ist das Fleisch, das unverweslich ist und am Jüngsten Tag wieder aufersteht. (Über seine Konsistenz oder darüber, wo es zwischengelagert wird, schweigt sich Paracelsus allerdings aus.) Eine Kombination, die mir so neu war. (Und die mich daran erinnert hat, dass ich seit rund einem Vierteljahrhundert Jacob Böhme lesen wollte/sollte. Den habe ich mir nun endlich bestellt.)
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