Ein wirkliches Lesevergnügen, auch jenen ans Herz gelegt, die nur allzu froh waren, dem schulischen Mathematikunterricht entronnen zu sein. Sautoy erzählt die Geschichte der Primzahlen, ihrer Faszination für Generationen von Mathematikern und auch von dem bisher ergebnislosen Versuch, die Ordnung dieser Zahlen genau bestimmen zu können.
Ergebnislos aber nur bezüglich des Versuches, diese seltsame Zahlenreihe dingfest zu machen. Denn das, was sich rund um die Erforschung rankt, ist faszinierende Wissenschaftsgeschichte: Vom wunderbaren Euklidschen Beweis, dass es unendlich viele dieser Zahlen gibt, über das kleine Fermatsche Theorem (das bei seiner Überprüfung während einer Zugfahrt meinen Uralt-Taschenrechner überforderte und mir - leise - einiges Unanständige entlockte), über die Goldbach- und Gaußsche Vermutung bis hin zur - derzeit - letzten dieser Vermutungen: Derjenigen von Riemann, welche zu beweisen man bislang sich vergebens bemüht hat. (Die Riemannsche Vermutung, nach der alle Nullstellen einer bestimmten Funktion bei 0,5 liegen, ist auch eine schöne Bestätigung des Induktionsproblemes in der Wissenschaft: Man hat bisher einige Millionen dieser Nullstellen gefunden, alle brav bei 1/2 geparkt - aber dies ist eben noch lange kein Beweis. Denn eine einzige Nullstelle, die sich erfrecht, irgendwo anders aufzutauchen, würde das ganze Gebäude einstürzen lassen. Es ist wie mit der Sonne: Die Tatsache, dass sie heute aufzugehen geruhte, beweist nichts für den morgigen Tag. Popper (auch Hume) lassen grüßen.)
Faszinierend die Zusammenhänge der Primzahlen mit der Quantenpysik und der Chaostheorie, Verbindungen, mit denen niemand vor ihrer (höchst zufälligen) Entdeckung rechnete. Und für jemanden, der von Zahlen, ihrer nackten Existenz, die sich einzig im Denken manifestiert, fasziniert ist, sind solche Zusammenhänge zwischen Realität (aber was ist das schon?) und Kopfwelt besonders frappierend.
Diese Faszination zu erwecken ist Sautoy mit diesem Buch gelungen. So nebenher erzählt er auch eine fesselnde Geschichte der Mathematik, der Erkenntnis, von den Möglichkeiten des menschlichen Denkens. Einziger kleiner Wermutstropfen: Auch in diesem Buch kommen Formeln ein wenig zu kurz. Unverständlich eigentlich, denn wer sich für das Thema interessiert, vermag auch einfacheren Beweisen oder Ableitungen zu folgen. Es muss ja nicht gleich die Riemannschen Vermutung sein (auch wenn die ursprüngliche Zeta-Funktion für jeden Gymnasiasten verständlich sein sollte).
lg
orzifar