Hallo!
Zeilinger versucht sich in diesem Buch an einer populärwissenschaftlichen Darstellung quantenphysikalischer Phänomene - wie schon mit seinem ersten, ähnlich klingenden Buch "Einsteins Schleier". Die Thematik ist verwandt, die Form der Präsentation hingegen geändert durch die Einführung von "Alice und Bob" nebst einem Professor Quantinger, der sich erklärend zu den beiden Studenten gesellt.
Und gerade diese (vielleicht mit der Hoffnung seitens des Verlages auf hohe Verkaufszahlen verbundene) Darstellung ist irgendwo zwischen peinlich und dümmlich angesiedelt. Die Dialoge zwischen den Studenten würden einem 12jährigen Dramenschreiber wenig Ehre einbringen, das, was da unterhaltend und vergnüglich wirken soll, vermag wohl nur ein sehr schlichtes Gemüt zum Lachen zu reizen. Aber Derartiges hat - leider - Tradition in solchen Büchern, ist wohl der Überlegung geschuldet, dass man über naturwissenschaftliche Themen nur dann fesselnd sprechen zu können glaubt, wenn man sich nicht irgendwelcher Witzeleien enthält.
Dem aber ist nicht so! In jedem Fall ist das Thema weit faszinierender als es der mühsam lustige Ton vermuten lässt. Außerdem ist Zeilinger in der Lage, auch ohne dieses Brimborium auszukommen: Das Kapitel über das Bell'sche Theorem verzichtet auf die unselige Alice, welche in ihrer Verstehensverlegenheit an ihren Löckchen dreht - und es ist ungleich spannender zu lesen als die 100 Seiten Kasperletheater mit den menschlich-kaffeetrinkenden Studenten und den wirklich gräulichen Dialogen.
Statt 350 Seiten hätte man mit derer 100 sein Auslangen gefunden. (Und mir wäre das immer wiederkehrende Bedürfnis, dem Autor sein Buch über den Schädel zu ziehen, erspart geblieben.) Trotzdem - und das mag nach diesen wenig freundlichen Bemerkungen überraschen - ist das Buch sehr lesenswert, dort, wo es sich auf sein eigentliches Thema beschränkt. Auf die theoretische Darstellung der Quantenphänomene (die durchaus hätte ausführlicher sein können) nebst ihren philosophischen Implikationen, die das Bild, das wir von der Wirklichkeit haben, in Frage stellen. Gerade was diese Überlegungen betrifft ist das Buch ein Beweis dafür, dass die Naturwissenschaften ungleich mehr an Fasznierendem zu unserem Weltbild beizutragen vermögen als so manches geisteswissenschaftlich - und philosophisch sich gebärdende - Gespinst.
Wer also sich für die fesselnden, dem gesunden Menschenverstand widersprechenden Implikationen der Bell'schen Ungleichung interessiert (die für "Nichtmathematiker" aufbereitet wird, wobei ich nicht immer der Meinung bin, dass der Verzicht auf Formeln das Verständnis in jedem Fall erhöht), wird mit diesem Buch fündig werden. Für mich stellt sich hingegen vielmehr die Frage, wem die Art der Darstellung tatsächlich gefällt, welche Art des Lesers damit erreicht wird (oder werden soll). Denn diese leicht infantile Präsentation erleichtert mitnichten das Verständnis - im Gegenteil: Das Redundante dieser Dialoge macht in einer Form ungeduldig, dass man zum einen geneigt ist, ganze Kapitel zu überspringen (was ohne Vorkenntnisse dann auch wieder wenig empfehlenswert ist) oder aber das Buch ganz wegzulegen.
Schade um Thema und Autor, beide werden hier unter Wert geschlagen.
lg
orzifar