Edward Gibbon ist im englischen Sprachraum ein Begriff und braucht dort niemandem vorgestellt zu werden. Obwohl er lange Zeit auch die deutsche Geschichtsschreibung mit seinem Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire beeinflusst hat, kennt man ihn hierzulande unterdessen wohl weniger.
Ich habe dieses Monumentalwerk vor 10 Jahren zum ersten Mal gelesen, auszugsweise, dann vor ca. 5 Jahren ein zweites Mal, diesmal in Gänze. Das sind in meiner Ausgabe 8 Bände à rund 400 Seiten. 26 cm Rückenhöhe, also Lexikonformat, nicht Quart, wie ich vermutet hatte.
Der Inhalt: Die Geschichte des Römischen Reiches seit Marc Aurel, als ca. 150 u.Z., bis zum endgültigen Fall von Konstantinopel, dem Ende des Byzantischen Reiches (ein Begriff, den Gibbon offenbar geprägt hat, da er Ostrom nicht als legitimen Nachfolger des Römischen Reiches betrachten konnte), also praktisch bis zum Ende des Mittelalter, ca. 1500.
Wir verdanken Gibbon vieles: Die Ansicht, dass das Christentum zum Fall des Römischen Reiches beitrug, stammt von ihm. Die Ansicht, dass die Dekadenz der nach-aurelianischen Kaiser das ihre beitrug ebenfalls. Die Ansicht, dass Ostrom nur noch dekadent und despotisch war, ebenfalls. Die Fachleute haben m.W. Gibbons Ansichten relativiert und/oder korrigiert. Im Volk (und ich meine mich damit durchaus mit) sind Gibbons Ansichten allerdings noch gang und gäbe.
Nur schon deswegen lohnt sich die Lektüre. Ähnlich wie bei Burckhardts Die Cultur der Renaissance in Italien, das unser Bild jener Epoche geprägt hat, ist es durchaus interessant zur Quelle unserer Vorurteile zurückzukehren. Es braucht zugegebenermassen einen langen Atem, um mit dem Werk zu Ende zu kommen. Zu oft wiederholt sich Gibbon im Laufe der Jahrhunderte. Dennoch: Er bemüht sich, objektiv zu sein, ist es auch meistens im Rahmen des zu seiner Zeit und überhaupt dem Menschen Möglichen; ein gewisser Pessimismus und deshalb leicht ironische Sicht der Dinge entschädigt einen vollständig für die kleinen Längen.
Fazit: Empfehlenswert.