Author Topic: Edward Gibbon: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire  (Read 2667 times)

Offline sandhofer

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Edward Gibbon ist im englischen Sprachraum ein Begriff und braucht dort niemandem vorgestellt zu werden. Obwohl er lange Zeit auch die deutsche Geschichtsschreibung mit seinem Werk The History of the Decline and Fall of the Roman Empire beeinflusst hat, kennt man ihn hierzulande unterdessen wohl weniger.

Ich habe dieses Monumentalwerk vor 10 Jahren zum ersten Mal gelesen, auszugsweise, dann vor ca. 5 Jahren ein zweites Mal, diesmal in Gänze. Das sind in meiner Ausgabe 8 Bände à rund 400 Seiten. 26 cm Rückenhöhe, also Lexikonformat, nicht Quart, wie ich vermutet hatte.

Der Inhalt: Die Geschichte des Römischen Reiches seit Marc Aurel, als ca. 150 u.Z., bis zum endgültigen Fall von Konstantinopel, dem Ende des Byzantischen Reiches (ein Begriff, den Gibbon offenbar geprägt hat, da er Ostrom nicht als legitimen Nachfolger des Römischen Reiches betrachten konnte), also praktisch bis zum Ende des Mittelalter, ca. 1500.

Wir verdanken Gibbon vieles: Die Ansicht, dass das Christentum zum Fall des Römischen Reiches beitrug, stammt von ihm. Die Ansicht, dass die Dekadenz der nach-aurelianischen Kaiser das ihre beitrug ebenfalls. Die Ansicht, dass Ostrom nur noch dekadent und despotisch war, ebenfalls. Die Fachleute haben m.W. Gibbons Ansichten relativiert und/oder korrigiert. Im Volk (und ich meine mich damit durchaus mit) sind Gibbons Ansichten allerdings noch gang und gäbe.

Nur schon deswegen lohnt sich die Lektüre. Ähnlich wie bei Burckhardts Die Cultur der Renaissance in Italien, das unser Bild jener Epoche geprägt hat, ist es durchaus interessant zur Quelle unserer Vorurteile zurückzukehren. Es braucht zugegebenermassen einen langen Atem, um mit dem Werk zu Ende zu kommen. Zu oft wiederholt sich Gibbon im Laufe der Jahrhunderte. Dennoch: Er bemüht sich, objektiv zu sein, ist es auch meistens im Rahmen des zu seiner Zeit und überhaupt dem Menschen Möglichen; ein gewisser Pessimismus und deshalb leicht ironische Sicht der Dinge entschädigt einen vollständig für die kleinen Längen.

Fazit: Empfehlenswert.
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BigBen

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Re:Edward Gibbon: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire
« Reply #1 on: 13. Februar 2010, 18.06 Uhr »
Danke für die Rezi. Ich habe mir mal zwei Auswahlbände bestellt.

Offline orzifar

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Re:Edward Gibbon: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire
« Reply #2 on: 26. Februar 2010, 21.04 Uhr »
Wir verdanken Gibbon vieles: Die Ansicht, dass das Christentum zum Fall des Römischen Reiches beitrug, stammt von ihm.

Ich weiß nun nicht, was genau du mit dieser Zeile sagen willst, wörtlich genommen scheint sie falsch: Gibbon war beileibe nicht der erste, der dem Christentum die Schuld am Untergang des Römischen Reiches zuschrieb - im Gegenteil: Sogar bevor unter Constantin das Christentum zur Staatsreligion wurde, hat man diesem (etwa bei Porphyrius) die Schuld für Verfallserscheinungen zugeschrieben, später wurde das - besonders unter heidnischen Autoren - zum allgemein gebräuchlichen Topos (Symmachus, bis Zosimus um 500 n. Chr., später selten, da die meisten Geschichtsschreiber Christen waren und sich als eine Art Fortsetzung des röm. Reiches verstand). Schuld war die Abkehr von der ursprünglichen Religion, weshalb Jupiter seine schützende Hand vom Imperium abgezogen habe. Das Dekadenzmodell, der Sittenverfall wurden häufig in eins mit der Abkehr von der ursprünglichen Religion genommen, etwas, das natürlich auch heute mutatis mutandis zu beobachten ist (und immer war).

Indirekt können aber sogar Kirchenväter wie Augustinus als Gewähr dafür verwendet werden, dass diese Anschuldigung sehr oft erhoben wurde, da sich diese gegen genau diese Anschuldigung verteidigen. Ich seh schon, es wird Zeit für den Gottesstaat ;).

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re:Edward Gibbon: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire
« Reply #3 on: 27. Februar 2010, 06.26 Uhr »
Ich weiß nun nicht, was genau du mit dieser Zeile sagen willst, wörtlich genommen scheint sie falsch: Gibbon war beileibe nicht der erste, der dem Christentum die Schuld am Untergang des Römischen Reiches zuschrieb [...]

Mit "Wir" meinte ich uns Kinder des 20. Jahrhunderts. Natürlich greift Gibbon Älteres auf. Aber das war vorher doch eher Parteimeinung, durch Gibbon wurde es nicht nur Gemeinplatz (das mag es schon vorher gewesen sein), sondern vor allem wissenschaftlich fundierte Ansicht, meinungsneutrales Forschungsresultat. Aber ich bin kein Historiker; vielleicht liege ich damit wirklich falsch ...
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Offline orzifar

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Re:Edward Gibbon: The History of the Decline and Fall of the Roman Empire
« Reply #4 on: 27. Februar 2010, 22.24 Uhr »
Nachdem A. Demandt 300 Seiten ausschließlich darauf verwendet, welche Ursachen Historiker (et alii) für den Untergang Roms verantwortlich gemacht haben, hoffe ich, diese Frage erschöpfend beantworten zu können ;). Derzeit sieht's nicht danach aus, dass Gibbon für diese These das Erstlingsrecht beanspruchen kann. Möglicherweise hat er sie aber als erster nachdrücklich in den Köpfen verankert.

lg

orzifar
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