Author Topic: Frans de Waal: Der Affe in uns  (Read 1665 times)

Offline orzifar

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Frans de Waal: Der Affe in uns
« on: 10. Februar 2010, 18.15 Uhr »
Hallo!

Frans de Waal ist ein äußerst empfehlenswerter Autor und auch dieses Buch kann jedem nur ans Herz gelegt werden. Der Primatenforscher vermittelt ungleich mehr Einsichten in das Verhalten des Menschen als es so manch gelehrte Fachliteratur aus der Soziologie oder Politologie vermag. Ideologisch weitgehend unbelastet, einzig seine Beobachtungen über Menschenaffen heranziehend versteht er es, Licht ins so manch spezifisch "menschliche" Verhaltensweisen zu bringen - ob es sich nun um Krieg und Frieden, Sexualität, Geschlechterrollen oder schlicht soziale Interaktion handelt. Kaum jemand, der das Buch liest, wird nicht schmunzelnd zur Kenntnis nehmen müssen, sich in seinem Leben schon sehr häufig wie ein Schimpanse oder Bonobo benommen zu haben, wird des weiteren die nur geringen (und nicht immer zugunsten der Menschen ausschlagenden) Unterschiede zwischen uns und den haarigen Verwandten konstatieren müssen.

Gerade darin liegt das Erhellende wie die Chance des Lesers (und Menschen). Erst diese Kenntnisnahme, das Bewusstwerden unseres tierischen Erbes kann das dort angelegte, wenig angenehme Betragen korrigieren und das ebenfalls in diesem tierischen Erbe liegende positive, sozial-altruistische Verhalten fördern. De Waal liegt besonders an der Darstellung dieser Doppelnatur: Wir wurden von dieser Natur nicht nur mit mörderischen Anlagen sondern auch mit der Fähigkeit der Empathie, des Mitgefühls, der Liebe ausgestattet. Beides ist gleichermaßen unser Erbe, beides ist auch gleichermaßen mit den Strategien der Evolution vereinbar. Denn es überlebt nicht nur der Stärkere, sondern sehr oft auch der Klügere, derjenige, der sich um größeren Zusammenhalt bemüht, diesen durch altruistische Maßnahmen aufzuhalten versucht.

Das wundervoll Lehrreiche dieses Buches ist der implizit augenzwinkernde Anstoß zur Selbstironie, die ich persönlich für eine der wichtigsten Eigenschaften halte. Wer denn da manchmal über sich selbst lachen kann, muss (und das sollte man denn doch, wenn einem ein haariger Spiegel in der Form des Buches von de Waal vorgehalten wird), der wird sein Eingebundensein in die Natur erkennen, wird sich nicht dämlich und arrogant für das Ebenbild eines Gottes halten, das sich den Rest der Natur untertan macht, sondern als ein Teil von ihr begreifen. Und wird kraft seiner erkenntnistheoretischen Fähigkeit ein seine Natur kontrollierendes, rationales Verhalten an den Tag legen. Wobei - was ist denn schon "Natur": Möglicherweise eben genau dieses Überschreiten der Grenzen.

Selten nur habe ich ein Buch so rückhaltlos empfehlen können.

lg

orzifar
« Last Edit: 06. August 2012, 16.31 Uhr by orzifar »
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