Author Topic: Amos Oz: Mein Michael  (Read 4442 times)

Offline orzifar

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Amos Oz: Mein Michael
« on: 16. Dezember 2009, 11.34 Uhr »
Hallo!

Teilnehmer: orzifar, dora



Ich bin bis Kapitel 12 gekommen, etwa ein Fünftel des Buches. Eine Frau erzählt die Geschichte ihrer Ehe - und schon der erste Absatz des Buches, dass sie erzähle, weil Menschen gestorben seien und weil sie selbst nicht sterben wolle, ist Hinweis auf den traurig-melancholischen Grundton des Buches.

Der Roman spielt zu Beginn im Israel des Jahres 1950, der erste arabisch-israelische Krieg und die damit verbundenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind noch spürbar. "Mein Michael" ist der Mann Hannahs, das Kennenlernen, die Hochzeit, die konservativen, der Ehe reserviert gegenüberstehenden Verwandten werden beschrieben. Immer wieder auch Rückblicke in die Kindheit der Erzählerin, dazu - mich (ver-)störend, Träume, die mit allzu viel metaphorischen Ballast befrachtet sind.

Es gibt kleine, schön beschriebene Szenen, aber eigentlich lässt mich das Buch bislang ein wenig ratlos zurück. Ich weiß nicht recht, warum mir das alles erzählt wird, warum ich mir es erzählen lassen soll. Umstände halber kann ich derzeit nur in sehr kleinen Portionen lesen, vielleicht erschließt sich mir das große Ganze noch im Verlauf der weiteren Lektüre.

lg

orzifar
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Offline dora

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Re:Amos Oz: Mein Michael
« Reply #1 on: 16. Dezember 2009, 21.15 Uhr »
Hallo Orzifar!

Ich bin etwas weiter als du (Kapitel XVI) und bis jetzt habe ich hier nichts dazu geschrieben, weil ich wenig über diese Geschichte zu sagen weiß...

Ein gut lesbarer Roman, der einfach so dahin fließt, eine "nette" Geschichte, deren Sinn mir aber vollkommen verborgen bleibt. Wieso er zum Besten, was Amos Oz geschrieben hat gehört, ist mir genauso wenig ersichtlich.
Eine Auseinandersetzung mit dem Sechs-Tage-Krieg, soll es sein, habe ich irgendwo gelesen... und auch die schwierige Beziehung zwischen jüdischen und arabischen Israelis... hm, bis jetzt konnte ich nichts in irgendeine dieser Richtungen herauslesen.

Begeistert bin ich keinesfalls, depressive Schwangere bzw. junge Mütter konnten mich irgendwie noch nie in ihren Bann ziehen.

Immer wieder auch Rückblicke in die Kindheit der Erzählerin, dazu - mich (ver-)störend, Träume, die mit allzu viel metaphorischen Ballast befrachtet sind.

Da muss ich mich dir anschließen. Beim Lesen habe ich noch gedacht, dass mich auch allgemein Träume in Romanen nur nerven.

liebe Grüße
dora



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Offline dora

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Re:Amos Oz: Mein Michael
« Reply #2 on: 18. Dezember 2009, 00.27 Uhr »
Hallo Orzifar!

Ich muss nun doch meine eher negative Meinung revidieren. Ob es an mir oder an der Entwicklung liegt, weiß ich jetzt noch nicht (die Zeit zum Lesen raube ich meinem schon eh zu kurz kommenden Schlaf), doch Oz verlässt immer länger Hannahs vier Wände und seine Reise durch Jerusalem und seine Gedanken machen die Lektüre immer angenehmer.
Mehr in den nächsten Tagen...

gute Nacht
dora
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Offline orzifar

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Re:Amos Oz: Mein Michael
« Reply #3 on: 18. Dezember 2009, 00.37 Uhr »
Hallo dora,

ich bin mit dem Buch ziemlich unzufrieden. Zwischendurch war ich schon kurz vorm Weglegen (das ist auch ein Vor-, Nachteil von Leserunden, dass die Hemmschwelle größer ist), nun bin ich bei Kapitel XXIV angelangt. Hysterische Frau nebst Weichei von Mann, Ehehölle mit Nachwuchs. Dabei ist's doch nie das Thema an sich, das langweilt, sondern die Darstellung. Halbgraue Tristesse unterfüttert mit Belanglosigkeiten, eigentlich "leicht" zu lesen, doch ich quäl mich damit doch sehr. Biedere Hausmannskost mit depressiver Note. (Allerdings bin ich auch - das muss ich dem Buch zugute halten - in äußerst ungnädiger Lesestimmung.)

Die Träume (werden nicht weniger) nerven, ich meine, dass wir im alten Forum schon eine Diskussion darüber hatten. Die hier eingeflochtenen sind jedenfalls der Inbegriff des hilflosen, literarischen Kunstgriffs, jedes Traumdeuters Freude. Sollte das noch ärger werden, kann ich tatsächlich nicht für mein Durchhaltevermögen garantieren.

Ich kannte bislang nur "Black Box", das mir so schlecht nicht in Erinnerung ist. Ein anderes habe ich wegen exzessiver Träumereien abgebrochen (muss den Titel nachschlagen), hier könnte die Kürze des Romans solchem Tun vorbeugen. Aber Lesegenuss sieht anders aus.

Das mit dem Sechstagekrieg kann nicht stimmen, da das Geschehen sich auf den Zeitraum 1950 - 1960 beschränkt.

lg

orzifar
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Offline orzifar

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Re:Amos Oz: Mein Michael
« Reply #4 on: 30. Dezember 2009, 15.18 Uhr »
Hallo!

Die Leserunde ist leider ein Torso geblieben, das Buch habe ich allerdings abgeschlossen. Insgesamt hinterließ es einen recht zwiespältigen Eindruck bei mir, keinesfalls ein ungetrübtes Lesevergnügen.

Am besten gefiel mir der Mittelteil, die Beschreibung, in der die Protagonistin immer mehr an sich, ihrer Umwelt (ver-)zweifelt, sie die Sinnhaftigkeit ihres Tuns und Lebens gar nicht mehr zu begreifen vermag. Dieses langsame Versinken in Trübsinn, Antriebslosigkeit, die deprimierende Darstellung eines in Staub und seltsamen Aufbauwahn versinkenden Jerusalems ist gut gelungen.

Seltsam an der Ich-Erzählerin: Dass man keine Innenansicht der Person erhält, dass sie sich darstellt, als würde sie von außen, ihrer Umgebung beschrieben. Die Geschichte einer Verzweiflung, einer Depression, eines Leidens an den gesellschaftlichen Zwängen von einer Person, die "ich" sagt, die aber diesem "ich" keinen emotionalen Ausdruck verleiht. (Vielleicht ein typisches Symptom einer Depression, die nur durch das Einnehmen einer Metaposition ihre Lage betrachten kann.) Wie sie die Biographien ihrer Umgebung schildert, so auch ihr eigenes Schicksal, die Verzweiflung eine mittelbare.

Hannah als der Prototyp einer eigentlich starken, intelligenten Frau mit eigenen Plänen, die - sich selbst kaum bewusst - all dies einer plötzlichen Liebe opfert (die so groß gar nicht ist). So stellt sich dem Leser die Frage nach dem Warum ihrer Verbindung mit dem etwas farblosen, netten und zuverlässigen Michael - und man erwartet, dass sie selbst sich diese Frage auch vorlegen würde. Dies bleibt unausgesprochen, nur durch die Umstände bedingt erfährt man, dass diese ihre Entscheidung (für sie) falsch war, sie in eine völlig unbefriedigende Lebenssituation geführt hat.

Das Buch hat gelungene Passagen (etwa dort, wo das Leben der jungen, verheirateten Mutter geschildert wird, die in Hilflosigkeit, Aussichtslosigkeit versinkt, ohne sich über die wirklichen Gründe Rechenschaft geben zu können), dann wieder diese stupend aufdringlichen Tagtraumpassagen, betulich-belehrend und aufgesetzt wirkend, welche die Befindlichkeit Hannahs genauer zu akzentuieren vorgeben, aber doch nur geschwätzig sind. Ebenfalls gelungen die Darstellung des politischen Lebens im Israel der 50iger, wenngleich mir diese Stellen zu kurz und ein bisschen zu schablonenhaft geraten sind. (Der einzig ausführlichere Teil der Einberufung Michaels zu einem kurzen Feldzug hat mir ausgezeichnet gefallen.)

lg

orzifar

der dem Buch aufgrund seiner eigenen mediokren Körperlichkeit und der damit verbundenen Stimmungslage ein wenig Unrecht getan hat und sich deshalb vornimmt, in solchem Zustand seine Meinung über Gelesenes für sich zu behalten (da die Schriftsteller nun wirklich nichts für diese Stimmungsschwankungen können).
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