Hallo,
„Ein anderes Leben“ ist die Autobiografie des schwedischen Schriftstellers und Dramatikers Per Olov Enquist. Von Enquist kannte ich bisher nur
„Der fünfte Winter des Magnetiseurs“ und
„Das Buch von Blanche und Marie“, und ich vermute, zufällig gerade auf die Romane gestoßen zu sein, die wohl nicht zu seinen besten gehören. Enquists Autobiografie veranlasst mich zu einer weiteren Beschäftigung mit dem Autor, denn in
„Ein anderes Leben“ habe ich literarische Glanzstücke gefunden. Die Kapitel über seinen Alkoholismus, der ganze Teil über seine Kindheit ist große Literatur, gerade hier wird, als ob es ein Roman wäre, mit literarischen Mitteln gearbeitet. Es ist bemerkenswert, dass man am Buch äußerlich nicht ausmachen kann, dass es sich um eine Autobiografie handelt. Vielleicht hat der Autor darauf keinen besonderen Wert gelegt.
„Ein anderes Leben“ - das ist das Leben nach dem Alkoholismus, als er wieder Romane schrieb, begonnen mit
„Kapitän Nemos Bibliothek“. Er stand am Rande totaler Selbstvernichtung, und glaubte nicht mehr, schreiben zu können, erzählt von Jean Sibelius, er habe seine achte Symphonie komponieren wollen, setzte sich an den Komponistentisch, wo ihm dann die Sehnsucht nach einer Branntweinflasche überkam.
Die Entscheidung des Autors, seine Autobiografie aus der Perspektive der dritten Person zu erzählen, hat sich bewährt, denn dieser Blickwinkel gewährt dem Autor einen Blick von außen auf sich selbst, und der Leser gerät niemals in den Verdacht, hier möchte sich jemand auf den Präsentierteller hieven. Die Gefahr banaler Schreiber besteht ja darin, sich autobiografisch in ihrem Leid zu suhlen, hier ein „weh“ und dort ein „ach“. Per Olov Enquist, der sich hier als vorzüglicher Schriftsteller erweist, ist über solche Banalitäten erhaben. Seine Offenheit und Ehrlichkeit, die er in seinem Werk ausbreitet, ist bewundernswert, das betrifft natürlich auch die Kapitel über seine Sucht. Trotzdem, nie hatte ich das Gefühl, dem Herrn Enquist zu intim auf die Füße getreten zu sein. Das ist das Wunder der „Er“- Perspektive und die Größe des Autors.
Riecht es nicht nach Formalin in der Anlage? Man bewahrt die Leichen der Selbstmörder bestimmt im Kühlraum auf. Seine Aufnahmepromille werden ihm mitgeteilt, aber gegen seine Gewohnheit vergisst er sie und will nicht noch einmal fragen.
Obwohl Per Olov Enquist natürlich weiß, dass die Ursache seiner Sucht irgendwo in der Vergangenheit liegen muss, begibt er sich nicht auf Ursachenforschung. Er weiß nicht, woher seine Sucht kommt, lässt aber die Vokabel
„Alkohol“ durch das Buch gleiten. Natürlich stutze ich,, als ich Per Olov Enquists Reaktion auf die überschwengliche Rezension zu
"Der Sekundant" von Olaf Lagercrantz las, der geschrieben hat, Enquist sei in seinem siebenundreißigsten Lebensjahr zur Meisterschaft gelangt. Enquists Reaktion:
Das genau ist es. Siebenundreißig Jahre und auf dem Höhepunkt seiner Karriere, und was soll jetzt kommen? Leere?
Anfang der 60er Jahre infolge von Magnecylmissbrauch Operation wegen eines Magengeschwürs und zur Enthaltsamkeit gezwungen. Mehrere Jahre kein Tropfen. Damals fiel ihm das leicht. Per Olov Enquist, 1934 im Dorf Hjoggböhle,
„zwanzig Kilometer von der Küste und tausend Kilometer nördlich von Stockholm, tief im Wald gelegen“, geboren, aufgezogen von einer christlich sektiererischen Mutter, Bigotterie - es muss gesündigt werden, um regelmäßig beichten zu können - , sein Vater starb, da war er ein halbes Jahr alt. Seine Großmutter sprach im Sterbebett zu Per Olov:
Herzlieb Per-Ola, jetzt sterb ich und du darfst keine Dummheiten machen oder in' Alk'hol g'raten wie e Papa.
1990 beginnt sein anderes Leben. Ein Jahr zuvor ist er in Prag und legt in dieser Autobiografie sein persönliches Zeugnis vom neunten November ab. Am 04. Mai 2001 wurde
„Der Besuch des Leibarztes“ im
Literarischen Quartett besprochen. Damals trat Per Olov Enquist in mein Bewusstsein ein.
Liebe Grüße
mombour