Auch ich wünsche Dir alles Gute Anna und eine baldige Rückkehr in unsere Leserunden.
Ich habe heute den Roman beendet, das 20. Quartheft und den Nachtrag des Inspektors gelesen.
Nachtrag zum Eisenbahn-Heft: auch ich liebe Digressionen à la Sterne, Jean Paul, Thelen oder Burger. Und ich kann die inhaltliche Bedeutung, die Aussage durchaus nachvollziehen, dass sich der Kantönligeist mitunter selbst in den einzelnen Bahnlinien manifestiert. Mir gerieten die diesbezüglichen Ausführungen einfach zu lang, aber vielleicht lese ich das Kapitel nochmals. Die Monologe (im Grunde ist das Buch ja ein(!) Monolog) im 14. Heft zum Harmoniumsstreit (ist der nun recherchiert oder erfunden?) und dem Nebelunterricht mit mythologischer Grundierung fand ich wiederum vorzüglich.
Eines wurde für mich bei der Lektüre klar: Hermann Burger ist ein überaus sprachmächtiger Autor, ein Stilist, der die Worte wägt und um den treffenden Ausdruck (das "mot juste" wie Strässle im Nachwort richtig festhält) bemüht ist, ohne dass aber die Beschreibungen bemüht wirken (mit wenigen Ausnahmen vielleicht). Das sprachliche Feuerwerk ist ein formal-ästhetischer Genuss, der aber keineswegs die Geschichte in den Hintergrund verdrängt. Die existentielle Situation des verzweifelten, manischen Schildknecht einerseits und die digressive, opulente und wortgewaltige Sprache andererseits scheinen einander zu bedingen und gegenseitig noch zu intensivieren.
Burger hat zu einem eigenen Stil gefunden, auch wenn einige literarischer Vorbilder zu erkennen sind, wie wir festgestellt haben: z.B. Jean Paul oder Thomas Bernhard, bzgl. der Schulmeister-Thematik natürlich Gotthelf, aus dessen "Freuden und Leiden eines Schulmeisters" Schildknecht ja sogar eine längere Passage zitiert. In "Schilten" findet aber im Grunde eine Reduktion auf die "Leiden eines Schulmeisters" statt.
Gibt es ihm "verwandte" Schweizer Literaten? In meinen Augen steht er in der Schweizer Literaturlandschaft ziemlich allein dar, ist auch dort ein Solitär. Aber um dies wirklich beurteilen zu können, kenne ich die Schweizer Literatur noch zu wenig (eine Vermutung - Gerold Späth - konntest Du Sandhofer ja nicht bestätigen).
Strässle betont in seinem Nachwort die Macht des Schauplatzes. In der Tat musste ich diesbezüglich an E.Y. Meyers "In Trubschachen" denken. Beide Werke haben überdies ja noch die Gemeinsamkeit des Winters. Die Jahreszeit spielt eine nicht unwesentliche Rolle, symbolisiert vielleicht die geistige und menschliche Kälte, die Erstarrtheit, abgetötete Natur etc.
So viel für den Moment. Die Wigger-Figur würde sicher auch noch eine Diskussion lohnen.
Schöne Wochenendgrüsse,
Imrahil