Author Topic: Harrison E. Salisbury: Die neuen Kaiser - China in der Ära Maos und Dengs  (Read 3929 times)

Offline finsbury

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Hallo,

durch das obenstehende Sachbuch habe ich mich in den letzten Monaten gewühlt. Es hat sich durchaus gelohnt.
Das Alterswerk des amerikanischen Journalisten Salisbury beschäftigt sich mit China unter der Ära Maos und Dengs - also ungefähr von der Gründung der kommunistischen Partei Chinas in den 20er Jahren in Shanghai bis zum Tian an men- Aufstand 1989 und etwas darüber hinaus.

Die umfangreiche historische Darstellung (ich habe eine alte S.Fischer.Ausgabe von 1992, mit Anmerkungen über 600 Seiten) beruht auf Recherchen Salisburys, der dafür in den 80er Jahren und auch schon früher und bis in die 90er Jahre hinein in China zahlreiche Interviews mit Funktionsträgern der KPC und wichtigen weiteren Personen aus dem Umkreis Maos und Dengs führte sowie viele weitere Quellen  nutzte.
In einer unprätentiösen und gut verständlichen Sprache wird der oben umrissene Zeitraum dargestellt, wobei Salisbury durchaus ausgewogen Verdienste und Problematik von Maos und Dengs Wirken darstellt und dabei sehr schlüssig seine These nachweist, dass beide - vor allem Mao - weniger auf den Lehrsätzen des Marxismus-Leninismus fußten als auf ihrem Verständnis der chinesischen Kaisertradition. So las Mao Zeit seines Lebens in den überkommenen Lehrschriften für die chinesischen Kaiser und den klassischen historischen Darstellungen, während er noch nicht mal eine Gesamtausgabe von Marx/Engels besaß und man ihn wohl nie in jenen Büchern lesen sah.
Auch wenn das Buch mit dem Beginn der 90er Jahre endet, und der Autor wohl inzwischen verstorben ist, lohnt sich das Werk als gut lesbare und interessante Darstellung zu den jüngeren historischen Entwicklungen dieser kommenden Weltmacht.

Grüße

finsbury
« Last Edit: 25. April 2011, 15.33 Uhr by finsbury »

Offline mombour

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Hallo finsbury,

bei den Chinesen habe ich Angst, dass sie an die Weltmacht kommen, weil Regimekritiker verfolgt werden und Kunst zensiert wird. Natürlich wirds mir dann mulmig. Darum gleich eine Frage: Handelt das Buch von Salisbury in erster Linie von politischen /wirtschaftslichen Verhältnissen oder wird auch vom Leben selbst unter der Diktatur erzählt.

Es mag ja sein, dass Mao Marx/Engels oder den Marxverdreher Lenin nie gelesen hat, trotzdem, was ich so höre, eine menschenverachtende Diktatur, die lügt und schönredet.

Liebe Grüße
mombour
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline finsbury

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Hallo Mombour,

Salisbury schildert sehr eingehend die kaum erträglichen Lebensbedingungen unter Maos abstrusen Projekten: vor allem des großen Sprungs nach vorn und der Kulturrevolution. Auch die Umstände, die zum Tian an men-Aufstand geführt haben, wie sich die Studenten und die andere Pekinger Bevölkerung dabei verhielten und was sie erlitten, wird ausführlich thematisiert. Dabei bleibt Salisbury trotz allen Leids aber relativ sachlich. Wenn du eine emotionalere Schilderung der Zeit der Kulturrevolution aus der Sicht einer betroffenen Familie lesen willst, rate ich dir zu Jung Chang: Wilde Schwäne. Die nach USA emigrierte Autorin schreibt hier die Geschichte ihrer Familie unter Maos Regierung so auf, dass man mitleidet.
Ich persönlich schätze allerdings mehr die sachliche Darstellung, ohne dass Unrecht verschwiegen oder verharmlost werden sollte. Das macht Salisbury beides nicht.
Persönlich bin ich mir nicht so sicher, dass China eine aggressive Politik verfolgen will, wenn es noch mehr Einfluss gewinnen wird (und das wird es ganz sicher). Im Moment ist man dort auf Regierungsebene verängstigt, was es bedeuten würde, den aus ihrer Sicht wilden Hund der Demokratie loszulassen. Das Land hat ja keinerlei Erfahrung damit. Natürlich wollen die alten Machthaber auch an der Regierung bleiben und gestatten daher breiten Schichten der Bevölkerung, wirtschaftlich zu prosperieren, aber freie Meiungsäußerung ist ihnen suspekt. SIe haben Angst, dass dann neben Tibet auch die ganzen anderen Minderheiten nach Autonomie und sogar Unabhängigkeit schreien. Daraus resultiert auch ihre völkerrechtlich illegale Siedlungspolitik, bei der sie alle Minderheitengebiete mit Han-Chinesen überfluten.
In Bezug auf uns glaube ich jedoch, dass die chinesische Regierung auch in Zukunft weniger ein Interesse an Meinungsführerschaft in Bezug auf die "Führung" von Völkern anstrebt, sondern noch auf lange Sicht eher auf wirtschaftliche Beziehungen baut. Auch hier haben die Chinesen durch ihre jahrhundertealte isolationistische und  protektionistische Wirtschaftspolitik viel nachzuholen.

Grüße

finsbury

Offline orzifar

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Hallo finsbury,

zuerst mal willkommen   :hi:. Deine Besprechung lässt mich ein Buch vermuten, dass meinen Wünschen bezüglich Darstellung weitgehend entsprechen könnte (ich muss mal meine kleine Chinaabteilung aus Studiumszeiten durchforsten, ob sich dort das Buch findet, zu erinnern vermag ich mich nicht). Deine Einschätzung Chinas Zukunft betreffend kann ich weitgehend teilen: Man muss dieses Land wohl tatsächlich mit anderen Maßstäben messen, jedenfalls vermute ich auch, dass es der chinesischen Führung viel mehr um wirtschaftliche Macht zu tun ist als um eine Art ideologische Weltführerschaft.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline mombour

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Hallo,

Ideologisch wird China die Welt nie erobern. Klar. Was ich meine, wenn wir, d.h. Deutschland, chinesische Waren importieren, unterstützen wir eine kommunistische Diktatur. In diesem Dilemma stecken wir. Und was wir bekommen ist bedenkliches Kinderspielzeug, welches Gift in unsere Kinder streut, und dann vergiftete Babylätzchen (hier). Und  Plagiate – der Smart- haha (hier)– schließlich haben skrupelose chinesische Wirtschaftler eigene Babies durch vergiftetes Milchpulver in den Tod getrieben (hier ). Das ist eine verkorkste Wirtschafterei.

Was ich sagen will. In der chinesischen Wirtschaft krankt Arges. Hier muss einiges verbessert werden, mehr Verantwortung, mehr Ethik, genauso wie im internationalen Bankwesen, welches uns die Krise beschert hat.

Es ist etwas faul im Staate Erdkugel.

Wir können nur hoffen, dass sich der Kommunismus in China im Laufe des 21. Jahrhunderts von selbst erledigt, dass dort geistig verkrampfte Mauern fallen wie die Steinmauer in Berlin. Das wirkliche Dilemma was wir haben ist, wir müssen weiterhin in China einkaufen, auch wenn die Krampfmauer steht, denn ausgrenzen darf man so ein Land  nicht. Wie es Barack Obama auf diplomatischem Wege macht, ist natürlich richtig.

Das chinesische Theater auf der letzten Frankfurter Buchmesse erspare ich mir hier, das haben wir noch in guter Erinnerung. Ich habe mich allerdings gefragt, ob es bereits geistige Zensur ist, wenn ich mich weigere, Bücher von chinesischen Schriftstellern zu lesen, die Mitglied im dortigen Schriftstellerverband sind.

Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als Feind Chinas aufzutreten, möchte nur Gedanken formulieren, die mir im Kopf kreisen. Wenn China immer mehr wirtschaftlichen Einfluss gewinnt, sind wir  automatisch dazu aufgefordert, uns mit diesem Land zu beschäftigen, genauso wie es heute ratsam ist, sich mit dem Islam auseinandersetzten.

Wenn es keine Romane gäbe, würde ich vielmehr Literatur zur Historie lesen. :)

@finsbury: Wenn ich mich mit Mao beschäftigen möchte, werde ich zuerst auf Salisbury zurückgreifen, gerne auch mal einen regimekritischen Roman. Vielen Dank für die ausführliche Darstellung.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 20. November 2009, 21.43 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline finsbury

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Hallo mombour,

ganz lange war ich nicht mehr in diesem Forum, da es mir meist an Zeit fehlt, in mehreren Foren zu schreiben.

Dennoch jetzt noch ein kleiner Tipp zu regimekritischen Romanen, die du im November ansprachst.
Ganz interessant ist von
Murong Xuecun: Chendgu, vergiss mich heut Nacht,(Zweitausendeins 2008

ein Roman, der zunächst nur im Internet  veröffentlicht worden war und dort laut Verlagswerbung "millionenfach" gelesen wurde.
Es geht um einen jungen Autoteilehändler in Chengdu, der zwischen Karriere, Korruption, Eheproblemen und der chinesischen Realität an sich hin und her oszilliert. Dabei werden viele Aspekte des chinesischen Alltagslebens und des kapitalistischen Parforcegalopps der letzen Jahre sehr deutlich.

finsbury