Hallo!
Eine kurze, zweigeteilte Darstellung von Leben und Werk Perutz', die die Neugier einigermaßen zu befriedigen versteht. Perutz gehört zu jenen, welche - wie Doderer - den hinter dem Werk stehenden Menschen gänzlich von den Büchern zu trennen wünschten und der noch gegen Ende seines Lebens einen Journalisten die Stiege hinunterzuwerfen drohte, weil er sich an seinem Leben allzu interessiert gezeigt hatte. Hans-Harald Müller macht - in einer Art posthumen Willfahrens - denn auch einige Konzessionen und schließt von der Darstellung viele persönliche Bereiche aus (als da sind: Familienleben, private Streitigkeiten und die - angeblich - zahlreichen Liebesaffären).
Das mag löblich und im Sinne des Verstorbenen sein, ist aber dennoch veritabler Unsinn. Ein solches Beschränken und Bescheiden darf nie ein Prinzipielles sein, sondern muss sich organisch aus der Lebensbeschreibung ergeben. Ansonsten wird das Ganze zu einem Torso und bleibt unverständlich. Perutz' Wünsche in allen Ehren: Aber hier muss sich ein prospektiver Biograph entscheiden, gilt ein "entweder - oder". Denn eigentlich schien Perutz gegen eine Aufbereitung seines Lebens nichts zu haben, hat er doch seine Korrespondenzen und Aufzeichnungen brav geordnet zurückgelassen, sondern wollte bloß manche Aspekte seines Lebens nicht beleuchtet sehen. Im Sinne einer wahrheitsgetreuen Darstellung kann und darf aber einem solchen Wunsche nicht entsprochen werden: Wenn mir an meinem Porträt gelegen ist, muss ich mich auch mit der - vielleicht wenig ansprechenden - Warze auf der Nase abfinden. Auch wenn das nicht bedeutet, dass jede Intimität breitgetreten werden muss: Ein Verschweigen aller "privaten" Kalamitäten führt zu einem falschen Bild.
Davon abgesehen ist Müller eine ansprechende Darstellung gelungen. Auch die Zweiteilung in Leben und Werkinterpretation bewährt sich und bewirkt eine bessere Lesbarkeit als bei vergleichbaren Büchern. Perutz, dem in den 20iger Jahren große Erfolge beschieden waren, fiel - u. a. durch den Verlust des Buchmarktes in Deutschland als Jude während der Hitlerherrschaft - der Vergessenheit anheim. Und noch nach dem Krieg wurde sein "Nachts unter der steinernen Brücke" vom Zsolnay Verlag als zu "jüdisch" zurückgewiesen.
Er selbst war weitgehend unpolitisch, hing dem Pazifismus an, wenngleich er die Schwierigkeiten einer solchen Haltung keineswegs verleugnete. Seine Romane behandeln immer wieder Identitätsprobleme, Diskontinuitätsphänomene, wie sie von der um die Jahrhundertwende populären Philosophie Machs ("Das ich ist unrettbar") vertreten wurde. Sein Zivilberuf als Versicherungsmathematiker (er war eine Zeitlang bei der gleichen Versicherungsgesellschaft angestellt wie Franz Kafka) wird auch in der Komposition seiner Romane spürbar: Die Lösungen seiner Handlungsabläufe sind überraschend, aber immer streng logisch durchkomponiert, wenngleich man mancher Abgründe dieser Logik gewärtig sein muss. Diese Art der Darstellung wurde zum Anlass genommen, ihn als "Krimiautor" zu klassifizieren, wogegen er sich immer verwehrt hat.
Als Einführung in das Schaffen Perutz' ist dieses Bändchen durchaus geeignet, wobei es meines Wissens ohnehin nur noch ein weiteres Werk zur Person des Schriftstellers gibt: Ulrike Siebauers Buch "Ich kenne alles, nur nicht mich".
lg
orzifar