Hallo,
Mário de Sá-Carneiro (1890-1916) gilt mit Fernando Pessoa zu den Erneuerern der portugiesischen Literatur. Zusammen gaben sie die Zeitschrift „Orpheu“ heraus, die 1915 nur in zwei Ausgaben erschien. Sá-Carneiro ist Lyriker, dessen Werk erst posthum erschien.
„Lúcios Bekenntnis“ ist sein einzigster Roman und das einzigste Werk des Autors, welches bisher in deutscher Sprache zu lesen ist. Inzwischen ist die Ausgabe in der Reihe „Bibliothek Suhrkamp“ vergriffen.
„Lúcios Bekenntnis“ ist ein Künstlerroman (vielleicht auch eher eine Novelle), der in den letzten Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in Paris spielt. Für ein Verbrechen, das er nicht begangen hat, saß Lúcio Vaz zehn Jahre im Gefängnis. Rückblickend erzählt er von seiner Freundschaft mit dem Lyriker Ricardo de Loureiro und seiner Frau Marta, die Lúcio begehrt. Hier setzt ein Verwirrspiel um Geschlechterrollen ein, welches in einem Mord gipfelt. Verwirrspiel deswegen, weil der Leser erst glauben muss, dass Lúcio und Ricardo eine homosexuelle Beziehung pflegen, und schließlich läßt sich anhand von Textstellen mit Leichtigkeit doch die These untermauern, die besagt, Lúcio, Ricardo und Marta seien ein und dieselbe Person. Natürlich kann man, da de Sá-Caneiro mit Pessoa befreundet war, an Heteronyme denken, warscheinlich handelt es sich hier aber wirklich nur um ein Tripelgänger-Motiv, eine gespaltene Persönlichkeit, die in seinem Inneren um seine geschlechtliche Identität ringt, ein schwanken zwischen homosexueller und heterosexueller Empfindungen.
Das Spiel mit den Geschlechtern hat in der Literatur eine lange Tradition über Platon („Symposion“), Shakespeare („Was ihr wollt“), Théophile Gautier („Mademoiselle de Maupin“), man denke auch an Hosenrollen in der
Hochzeit des Figaro, im
Rosenkavalier usw.
In Mário de Sá-Carneiros Roman kann nicht genau abgegrenzt werden, was real und was Fantasie ist. An einer Stelle heißt es treffend:
Risse man uns plötzlich die Augen heraus, so hörten wir darum keineswegs zu sehen auf.
Interessant ist die These
"über die Wollust in der Kunst" - keine Unzucht, sondern
"die Wollust als Rohstoff" benutzen, um
"überirdische Werke" zu schaffen. Sá-Carneiro meint warscheinlich Sublimation. So läßt uns der Portugiese im ersten Kapitel durch einen orgiastischen Bilderreigen gleiten, kunstvoll natürlich.
Leser, die auf der Suche nach Außergewöhnlichem sind, die Neues entdecken wollen, sei dieses kleine Büchlein empfohlen. Dieser Text hat seinen Reiz, weil dem Leser genügend Interpretationsspielraum überlassen wird, außerdem diese Prosa heute immer noch sehr modern klingt. Ich empfehle auch die interessante Rezension von
Sven LimbeckLiebe Grüße
mombour