Author Topic: Briefe - Tagebücher - Notizbücher  (Read 6257 times)

arbor

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Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« on: 09. September 2009, 18.27 Uhr »
Da mich Schreiben in jeder Hinsicht interessiert, lese ich auch gerne in Briefen und Tagebüchern nach, wie Werke entstanden sind, welche Gedanken die Dichter und Schriftsteller beschäftigten...

Unter den Tagebuchausgaben rangiert für mich ganz vorne KAFKA, ferner fand ich beachtlich die Tagebuchausgaben des André Gide, der Sylvia Plath, Virginia Woolf oder eines Albert Camus.

Unter den Briefausgaben, die ich im Regal wiederfinde, sind es die folgender Autoren:
Hermann Broch, Peter Huchel, Else Lasker-Schüler, Wolfgang Hildesheimer, Franz Fühmann, Lion Feuchtwanger, Uwe Johnson und vor allem Paul Celan (unter den älteren der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller, in Auswahlbänden Briefe von Heinrich Heine und Rainer Maria Rilke).

Bei der Sparte Notizbücher fallen mir vor allem die von Peter Weiss zur Entstehung seines Spätwerkes "Die Ästhetik des Widerstands" ein.

Vielleicht teilt ja jemand diese Neigung.

Offline Sir Thomas

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #1 on: 09. September 2009, 19.13 Uhr »
Vielleicht teilt ja jemand diese Neigung.

Briefe und Tagebücher von Autoren können in der Tat sehr interessant und aufschlußreich sein. Außer einigen Kafka-, T. Mann-, Proust- und Rilke-Briefen habe ich allerdings diesbezüglich kaum etwas gelesen, dieses Wenige aber mit Genuß und Gewinn.

Ich denke, dass man zunächst das Werk eines Schriftstellers so vollständig wie möglich kennen sollte, bevor man zu diesen "sekundären" Erzeugnissen greift. 

LG

Tom

Offline wanderer

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #2 on: 10. September 2009, 02.42 Uhr »
Vielleicht teilt ja jemand diese Neigung.


Ich denke, dass man zunächst das Werk eines Schriftstellers so vollständig wie möglich kennen sollte, bevor man zu diesen "sekundären" Erzeugnissen greift. 

LG

Tom


Ich habe auch gern Briefe und Tagebücher gelesen, aber ich finde auch, man kann sie gut genießen erst wann die wichtige Werke schon gelesen hat. Briefe und Tagebücher bieten eine Vertiefung des Verhältnis mit den Autoren, fast ein persönliches Treffen an.


LG

alamire

arbor

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #3 on: 10. September 2009, 05.40 Uhr »
...vielleicht habe ich die Kenntnis des jeweiligen Werkes stillschweigend vorausgesetzt...  ;)

Offline sandhofer

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #4 on: 10. September 2009, 19.25 Uhr »
Vielleicht teilt ja jemand diese Neigung.

Die Neigung zu Briefwechseln teile ich durchaus. Gerade eben habe ich den zwischen Flaubert und den Brüdern Goncourt zu Ende gelesen. (Nebenbei gesagt: eine Enttäuschung. Grösstenteils waschweiberartiges Geplapper über die literarische High Society des damaligen Paris und gegenseitige Lobhudeleien, bei denen nie ganz klar wird, ob sie nun gar ernst gemeint sind oder nicht.)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

BigBen

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #5 on: 11. September 2009, 08.56 Uhr »
Ich lese mich zur Zeit stückweise durch die Tagebücher Helmut Kraussers. Direkt, bissig, authentisch. Des weiteren liegen die Tagebücher der Brüder Goncourt und von Ernst Jünger in Griffweite, um demnächst gelesen zu werden.

Offline orzifar

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #6 on: 11. September 2009, 14.51 Uhr »
Ich lese solche Sachen ebenfalls ausnehmend gern, allerdings beschleicht mich manchmal das Gefühl, als ob ich da in Bereiche Einblicke nehmen würde, die mich nichts angehen. Das mag von Fall zu Fall unterschiedlich sein (so sind etwa viele Briefe und die Tagebücher von Th. Mann mit dem Blick auf ihre prospektive Veröffentlichung geschrieben), aber Kafkas Briefe an Milena oder Felice sind anderer Natur und hier zweifle ich manchmal, ob ich das "dürfe". (Erwähnt seien nebenher, weil sie noch nicht aufgezählt wurden, die sehr lesenswerten Tagebücher Hebbels).

Wie erwähnt: Natürlich sind diese Skrupel stark von der Natur der Briefe, Aufzeichnungen abhängig. Der Briefwechsel Schiller-Goethe ist vielmehr ein literaturhistorisches Dokument als dass er etwas mit einem unstatthaften Blick in private Gemächer zu tun hätte. Aber Liebesbriefe? Persönliche Bekenntnisse, die keineswegs für den Außenstehenden bestimmt waren? In solche würde ich weder bei Bekannten noch Unbekannten in meinem Leben ansonsten einen Blick werfen, wenn sie nicht für mich bzw. dezidiert für die Öffentlichkeit bestimmt wären. Rechtfertigt Berühmtheit oder der Tod des Betreffenden eine solche Neugier?

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

arbor

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #7 on: 11. September 2009, 14.57 Uhr »
Ja, sicher bleiben immer Zweifel und Skrupel - aber die meisten Literaten haben sicher auch solche Schriften mit einem Blick auf Leser geschrieben.
Ansonsten haben sie vorgebaut wie Heinrich Heine in seinen "Memoiren": "...es ist eine unerlaubte und unsittliche Handlung, auch nur eine Zeile von einem Schriftsteller zu veröffentlichen, die er nicht selber für das große Publikum bestimmt hat."

Schlimmer finde ich, wenn eine testamentarische Verfügung von der Nachwelt einfach ignoriert wird; m.W. hat James Joyce das Verfassen einer Biografie so untersagt - aber es gibt eine Reihe Frevler...

Offline mombour

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #8 on: 12. September 2009, 10.33 Uhr »
Hallo,

ich empfehle euch

Mihail Sebastian: "Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt",
                              Tagebücher 1935 - 44


Mihail Sebastian (1907-1945) war ein glänzender Literatur- und Musikkritiker.  Er schrieb Romane, Essays und Theaterstücke. Seine Tagebücher gewähren uns  aus erster Hand Einblicke in die dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts in Rumänien.  Was diese Zeit betrifft, da denken wir im Westen an die NSDAP in Deutschland. In Rumänen, so lernte ich aus den Tagebüchern, und die Schuppen fielen mir aus den Augen, gab es parallell zu den Geschehnissen in Deutschland, eine terroristische, faschistische  Bewegung, die den Antisemitismus in Rumänien anfachte: die "Eiserne Garde".

Mihail Sebastian musste mit ansehen, wie in Rumänien eine geistige Elite dem braunen Sumpf zumindest zeitweise verfiel; darunter Mircea Eliade und Emile Cioran, die wir auch im Westen kennen. Sebastian hielt sich von faschistischen Ideen fern und protokolliert eine finstere Zeit in Rumänien. Mihail Sebastians Tagebuch ist ein kulturhistorisches Dokument ersten Ranges.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 12. September 2009, 14.51 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

Offline sandhofer

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #9 on: 12. September 2009, 14.03 Uhr »
Was mir Klemperers Kriegstagebücher in Erinnerung ruft. Vielleicht typisch für das Genre: mal beeindruckend, mal bedrückend, mal auch ausufernd und selbstverliebt. Ich ziehe Briefwechsel im allgemeinen den Tagebüchern vor.  :hi:
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline mombour

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #10 on: 12. September 2009, 16.12 Uhr »
Weil es in Tagebüchern um den Tagebuchschreiber geht, bestehen natürlich Gefahren, dass sie in Selbstverliebtheit abstürzen können. Mihail Sebastian sehe ich in erster Linie als betroffenen Zeitzeugen, der aus nächster Nähe über politische Verhältnisse berichten kann. Er schreibt auch über den unter widrigen Umständen enstandenen Roman "Der Unfall" (einen Teil des Manuskriptes hatte er in Paris verloren). Für mich war das interessant, weil hier ein Künstler um die Verwirklichung seines Werkes kämpft.

Was Briefwechsel betrifft, so bin ich komplett unerfahren, habe nur mal gelesen, dass Sigmund Freud ein Epistolograph gewesen ist. Sein Briefwechsel mit Arnold Zweig soll lohnenswert sein.

Weiterhin sprang mir damals die Neuerscheinung des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ("Herzzeit") in die Augen. Das interessiert mich schon.

Was Tagebücher betrifft, möchte ich gerne die von Sándor Márai durchforsten. Ich las mal ausschnittweise aus dem Tagebuch 1984-1989. Diese vielleicht besonders interessant, weil er über seine letzten Lebensjahre schreibt. Er vereinsamter Mann, man stößt hier auf tiefgehende Gedanken. Ich weiß, manche im Forum mögen Márai nicht, man sollte aber die Romane von den Tagebüchern trennen; ist ja eine völlig andere literarische Form. (lohnenswert auch Márais autobiographischen Texte, z.B. "Bekenntnisse eines Bürgers").

Liebe Grüße
mombour
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arbor

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Re:Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #11 on: 12. September 2009, 18.38 Uhr »
...
Weiterhin sprang mir damals die Neuerscheinung des Briefwechsels zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan ("Herzzeit") in die Augen. Das interessiert mich schon.


Suhrkamp betreibt ja die Politik, die Briefwechsel alle einzeln zu publizieren; es gibt derzeit Briefbände Paul Celans mit Nelly Sachs, Franz Wurm, Hanne & Hermann Lenz, Ilana Shmueli, Rudolf Hirsch, Peter Szondi, Diet Kloos-Barendregt, zwei Bände mit seiner Frau Gisèle Lestrange und den mit Ingeborg Bachmann (der Titel ist unmöglich, obwohl es eine Wortschöpfung Celans ist und - wie in anderen Briefwechseln mit Celan auch - ist die Frau diejenige, die den konstruktiveren Blick auf die Wirklichkeit hat).

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Ein Tagebuch / Notizbuch ganz eigener Art sind die sog. "Q-Tagebücher", die Kurt Tucholsky zuletzt geschrieben hat, klare Einsichten wechseln mit tiefer Melancholie, sehr bewegend...

BigBen

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Re: Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #12 on: 20. Januar 2012, 10.27 Uhr »
Kennt jemand von Euch die Tagebücher von Martin Walser? Lohnt sich deren Lektüre?

Offline sandhofer

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Re: Briefe - Tagebücher - Notizbücher
« Reply #13 on: 20. Januar 2012, 12.31 Uhr »
Kennt jemand von Euch die Tagebücher von Martin Walser? Lohnt sich deren Lektüre?

Keine Ahnung. Lohnt sich Martin Walser? Die Ehen in Philippsburg = kein übles Zeitbild. Seine Theaterstücke wenig befriedigend. Der Tod eines Kritikers greift in vielem auf die frühen Ehen zurück. Dazwischen und danach: Viele Geschichten um alte Männer und junge Frauen. Hm ...

Wie wär's mit Goethes Tag- und Jahresheften:angel:
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