Author Topic: Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet  (Read 3185 times)

Offline sandhofer

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Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet
« on: 06. September 2009, 17.39 Uhr »
Hallao zusammen!

Nachdem hier im Forum zwei verschiedene Meinungen zum letzten (unvollendet gebliebenen) Roman Flauberts geäussert wurden

Bouvard et Pecuchet hat mich sehr enttäuscht, die Idee spannend, die Umsetzung mühsam und langatmig (obwohl ich Flaubert gern mag).

vs.

Also ich habe mich beim Lesen großartig amüsiert. Vielleicht muß man Naturwissenschaftler sein, um das richtig würdigen zu können.  ;)

habe ich mir selber ein Bild gemacht. Fazit: Weder die grosse Enttäuschung noch das grossartige Amüsement, sondern irgendwas zwischendrin. Eingentlich beginnt Flaubert grandios: Die beiden Kopisten, die sich auf der Parkbank treffen, sich annähern und schliesslich zusammen einen Gutshof in der Provinz kaufen, sind herrlich. Auch der Beginn ihres Lebens in der Provinz, wo sie, wie jeder Städter, der neu aufs Land zieht, natürlich alles in puncto Landwirtschaft und Gartenbau besser zu wissen glauben als der Einheimische (auch wenn oder gerade weil sie all ihr Wissen frisch aus irgendwelchen Büchern ziehen) - das hat Schwung und Frische. Doch dann versinkt der Roman im Mittelmass. Eine Wissenschaft nach der andern wird vorgenommen, die beiden Helden kommen vom Hundersten ins Tausendste. Das ist nicht nur unwahrscheinlich und von daher absolut realitätsfern (während ansonsten Flaubert doch recht realistisch bleibt), es wird auch zusehends weniger organisch und folgerichtig, bis die Figuren sogar selber zugeben, eigentlich nur noch die Wissenschaften der Reihe nach abklopfen zu wollen. Spätestens nach ihrer geologischen Phase ist aber offenbar für Autor wie für die beiden Kopisten die Luft draussen. Bouvard und Pécuchet sind zu wenig närrisch, um lustig, und allzu närrisch, um interessant zu sein. Die politischen Kapitel vermögen nicht zu interessieren; im Gegensatz zu seinem Rivalen Hugo in Les misérables kann Flaubert aus den politischen Verwirrungen und -irrungen der Zeit kein Kapital für seine Helden schlagen, die parteipolitischen Faktionen und Rivalitäten langweilen im 21. Jahrhundert. Ich würde jedem potentiellen Leser raten, spätesten nach dem der Geologie und der Erdgeschichte gewidmeten Kapitel das Buch zu schliessen. Diesen Teil kann ich aber nur empfehlen.

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline dumbler

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Re:Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet
« Reply #1 on: 06. September 2009, 18.43 Uhr »
Mir gefielen eher die späteren Kapitel, weil die fortgeschrittenen Themen an Substanz zunehmen: Politik, Religion und Philosophie. Mir gefielen die Theorien, an deren Lösung sie scheiterten. Und woran scheitern sie eigentlich? Am Mangel, die Theorie in die Praxis umzusetzen oder an den Fachlern, die sich nicht wie Normalsterbliche ausdrücken können?

Offline sandhofer

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Re:Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet
« Reply #2 on: 06. September 2009, 19.41 Uhr »
Mir gefielen eher die späteren Kapitel, weil die fortgeschrittenen Themen an Substanz zunehmen: Politik, Religion und Philosophie.

Die Politik fand ich, wie gesagt, äusserst langweilig. Die Religion ebenfalls, was auch daran liegen mag, dass ich nie katholisch war. Bei der Philosophie ist es halt so, dass es sich m.M.n. unangenehm bemerkbar macht, dass leider auch der Autor, nicht nur Bouvard und Pécuchet, keine Ahnung davon gehabt hat, und auch nichts verstanden hat von dem, was er da überhaupt liest ...
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Offline orzifar

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Re:Gustave Flaubert: Bouvard und Pécuchet
« Reply #3 on: 07. September 2009, 13.24 Uhr »
Hallo!

Soweit meine Erinnerung mich nicht täuscht, kann ich sandhofers Eindrücke nur bestätigen. Auch mir hat der Beginn besser gefallen, später verliert sich das Buch in einer krampfhaften Wissensauflistung, die steril und künstlich wirkt. Es fehlt dem Ganzen die Einbettung in ein Handlungskonstrukt, die bloße Aufzählung empfand ich als beschränkt amüsant.

Bei mir rührte die Enttäuschung wohl aus einer übergroßen Erwartungshaltung her, kenne ich doch nicht wenige solcher tatsächlichen oder scheinbaren Enzyklopädiefetischisten. Streitigkeiten in Wirtshäusern über vermeintlich wissenschaftliche Fakten, etwa zwei Pensionisten beim Schachspiel, die sich während eines Turmendspieles über die Entfernung der Sonne zur Erde in die Haare bekamen (bzw. über die Zeit, die das Licht von der Sonne zur Erde benötigt), wobei ihre Angaben zwischen ca. 5 - 10 Minuten und 14 Tagen schwankten. (Dummerweise machte sich gerade Letzterer anheischig, seine Tagesthese durch ein Astronomiebuch zu belegen, sprang während der Partie auf und lief nach Hause, um den Beleg schwarz auf weiß führen zu können. Dort wird ihm dann einige Erkenntnis zuteil geworden sein, er hat auf ein baldiges Wiedererscheinen verzichtet, hingegen später einen Ehrenbeleidigungsprozess angestrebt (der glücklicherweise nicht stattfand); allerdings haben die beiden nie wieder miteinander gesprochen noch Schach gespielt, wobei letzteres ihnen besonders schwer geworden sein dürfte.)

Übrigens finden sich meiner Erfahrung nach unter pensionierten Beamten oder Lehrern (und hier wieder besonders unter Schachspielern) ausnehmend viele Bouvards und Pechuchets, die Diskussionen über historische Daten, Definitionen von Fremdwörtern oder der sogenannten (Bernhard) Erdwissenschaften sind Legion und haben nicht wenig zu meiner Erheiterung beigetragen. Wobei ich mich stets vor einer aktiven Teilnahme an solchen Auseinandersetzungen gehütet habe - im Gegenteil: Ich bestärkte auch noch abstrusesten Behauptungen, zeigte mich über manches zwar verwundert, war aber immer dankbar für weitergehende Aufklärung. Darüber ließe sich tatsächlich ein Buch schreiben ;).

lg

orzifar
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