Die Autorin startet gemeinsam mit ihrem Mann Paul einen Selbstversuch: Ein Jahr lang auf "Shopping" zu verzichten, kein Luxus, nur das Lebensnotwendige. Schon bei der Definition von "lebensnotwendig" scheiden sich die Geister; während der Mann als Italiener Wein für unverzichtbar hält, geht es ihr ähnlich mit einem Friseurbesuch.
Das alles wird humorig erzählt, ist leicht lesbar - und ohne Tiefgang. Auch wenn Levine den einen oder anderen Philosophen bemüht und zitiert, so demonstriert sie damit doch nur die oberflächliche Kenntnis derselben, sie schmückt ihren Text mit Platon oder Mill, aber in diesem sinnfreien Verwursten von Zitaten könnte auch jede andere Geistesgröße zu zweifelhaften Ehren kommen. Das ist ein Verfahren, das in der Adoleszenzphase - mit Recht - zur Anwendung kommt, das dort zur Abgrenzung und Konkretisierung von Begriffen dient, einer über 50jährigen Frau aber schlecht ansteht.
Das Buch versteht sich als konsumkritisch und in vielen Bereichen möchte man den Aussagen beipflichten. Jedoch: So manche Schlussfolgerung beruht auf den falschen Prämissen, "deine Briefträger", heißt es bei Brandstetter, "lügen die Wahrheit". Denn diese ganze Kritik krankt an drei Kardinalfehlern, welche in Büchern solchen Zuschnitts häufig vorkommen.
So spricht Levine immer wieder von Verzicht und verleiht, indem sie dies tut, dem Konsum selbst eine positive Note. Auf diese Weise akzeptiert sie stillschweigend die Werte jener Gesellschaft, die sie zu kritisieren sich vornimmt, ohne zu bedenken, dass gerade eine solche Position dem Konsumieren Vorschub leistet. Derzeit findet man solche Verkaufsstrategien häufig, man verkauft allerorten ökologische, linksdrehende elektronische Geräte, Autos mit bis zu fünf grünen Punkten und garantiert abbaubare und wiederverwertbare biologische Zweithandys. Die entscheidende Frage, ob denn derlei überhaupt notwendig sei bzw. ob der Ersatz alter Autos durch schadstoffarme Neuwagen (die suggerieren, dass sich die versammelte Baumlandschaft am Straßenrand über diesen Anblick freut und man endlich naturschonend durchs grüne Allerlei fahren kann) überhaupt notwendig ist, ob nicht vielmehr die Erzeugung an sich schon ungleich belastender für die Umwelt ist als die Weiterverwendung der alten Karossen, stellt sich nie. Darf sich nicht stellen, da es das geheiligte Wirtschaftswachstum untergraben würde. Und auch eine weitere, entscheidende Frage für den Einzelnen wird vermieden: Was mache ich in X oder Y, muss ich des winters tatsächlich kunstschneebewehrte Pisten runterwedeln und sommers nach eingehender Solarienvorbereitung meinen Kadaver in die Karibiksonne legen? Fast alles Konsumieren dient der Vertreibung der Langeweile, der Unfähigkeit, ohne äußere Anreize und Berieselung zu existieren. Die vielbegehrte Freizeit will verbraucht werden, sie wird industriell vermanscht und kaum ein Terminus ist treffender als der des Urlauberschichtwechsels auf den Autobahnen.
Und wenn Levine von Verzicht spricht, dann neigt sie alsbald zur radikalen Technikfeindlichkeit, zur Askese, ohne zu bedenken, dass weder Fernseher noch Auto, weder Computer oder Handy per se ein Negativum sind, dass es einzig vom Menschen selbst abhängt, was er aus solchen Dingen macht, wozu er sie verwendet. Keines dieser Dinge schaltet sich von selbst ein (leider auch nicht aus), jedes kann sowohl vernünftig als auch zum Totschlagen der Zeit verwendet werden. Das Ding ist, was der Mensch draus macht - nicht mehr, nicht weniger. Nicht der Fernseher ist das Problem, sondern der Einfaltspinsel, der sich selbst in einer Realityshow beim Leben zusieht ...
Und noch ein Klischee wird bedient: Ständig wird von der spirituellen Ebene geschwafelt, die sich durch den Konsumverzicht, ein bewussteres Leben erschließe - und diese Ebene wird transzental-metaphysisch-esoterisch verstanden. Warum mir allerdings eine solch zweifelhafte Geisteshaltung wie automatisch zuteil werden sollte, sofern ich kein Cabrio kaufe, nicht ins Kaffeehaus gehe oder mir Gucci-Schuhe versage, bleibt unklar und unbegründet.
Es fehlt eine Analyse der für das gezeichnete Konsumverhalten mit- oder gar hauptverantwortlichen Elemente: Die Unfähigkeit des Menschen, seine Zeit selbst auszufüllen, nicht auf Reize der Umwelt angewiesen zu sein und der Punkt d) aus Obelix GmbH & Co KG: Gekauft wird, was den Nachbarn neidisch macht. Die Wichtigkeit von Statussymbolen, ihre Relevanz in bezug auf die Umwelt, die Bedeutung der Meinung jener Menschen, die man oft zu verachten vorgibt, bleiben weitgehend unberührt. Und so wird Sein und Schein vermischt, wird nicht differenziert zwischen kompensatorischer Kaufwut und einer der Ratio geschuldeten Anschaffung von Gütern. Dies vor allem deshalb, weil die Autorin viel stärker in jene Gesellschaft eingebunden ist, als es ihr selbst bewusst zu sein scheint, es gelingt ihr kaum, ihre Kritik vom Fundament des zu Kritisierenden zu lösen. Deshalb liest sich das Ganze recht humorig, kann aber darüber hinaus wenig Anregendes bieten.
lg
orzifar