Luigi Pirandello: Mattia Pascal. Berlin: Propyläen Verlag 1999.(Bd. 9 von Luigi Pirandello: Gesammelte Werke: in sechzehn Bänden. Hrsg. Von Michael Rössner)
Hallo zusammen,
mein Lesejahr hat unter einem guten Stern angefangen. Nachdem ich letztes Jahr Pirandello durch seine Stücke kennen gelernt und sehr gemocht habe, bin ich nun zu einem seiner Prosawerke gekommen, angeblich sein meistgelesener Roman. (erschienen 1904)
Der Roman hat 2 Prämissen vorangestellt.
Die
erste Prämisse fängt so an:
Eines der wenigen Dinge, vielleicht sogar das einzige, was ich wusste, war, dass ich Mattia Pascal hieß. [..]
Mir schien das zwar, ehrlich gestanden, auch nicht sonderlich viel zu sein. Damals aber wusste ich noch nicht, was es bedeutet, nicht einmal das zu wissen, nötigenfalls nicht mehr antworten zu können:
„Ich heiße Mattia Pascal“(S. 7)
Danach erfahren wir, dass Mattia seit 2 Jahren in einer verkommenen Bibliothek arbeitet, keiner weiß ob eher als Mäusejäger oder als Hüter der Bücher. (S.
Und am Ende heißt es:
In diesem Augenblick nämlich [..] bin ich tot, ja, ich bin schon zweimal gestorben, das erste Mal freilich irrtümlich, und das zweite Mal … Nun, ihr werdet es hören.(S. 9)
Die
zweite (philosophische) Prämisse zeigt uns die Sinnlosigkeit / Wertlosigkeit eines Berichtes über ein Menschenleben angesichts der kopernikanischen Entdeckung, die uns die Vorstellung von unserer unendlichen Kleinheit (S. 13) beschert hat.
Glücklicherweise lässt sich der Mensch nämlich leicht ablenken und da Mattias Fall durch seine Merkwürdigkeit heraus sticht bekommen wir auf den folgenden Seiten seinen Bericht zu lesen.
Zum Inhalt: Verarmt und unglücklich verheiratet, in dem sizilianischen Dorf Miragno wohnend, bricht Mattia Pascal aus seinem jämmerlichen Leben aus. In Monte Carlo angekommen, wird er regelrecht vom Glück verfolgt und gewinnt ein Vermögen. Auf dem Rückweg nach Hause liest er seine eigene Todesanzeige in der Zeitung (angeblich Selbstmord) und sieht in dieser Begebenheit die Chance, endlich frei zu sein. Er erfindet sich eine neue Identität und zieht als Adriano Meis durch die Welt. Doch das klappt alles nicht so richtig, so dass am Ende Mattia Pascal wiederauferstehen wird.
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Das wahre Abenteuer in diesem Roman war für mich weder die tragikomische Geschichte des jungen Mattia Pascal, noch die romantische Story des Adriano Meis sondern das, was sie verbindet: die Entstehung einer neuen Identität. Wie erfindet man sich neu? Was gehört dazu? Wo anfangen? Ist es möglich, an das wahre Leben, bzw. an die Wirklichkeit anzuknüpfen? Heißt eine neue Identität Freiheit? Und weiter: was ist die Beziehung zwischen Phantasie / Fiktion und Wirklichkeit?
Das und vieles mehr wird in diesem Buch problematisiert. Es ist teilweise ein „kopflastiges“ Buch, mit Ausflügen in die Essayistik, Philosophie usw.
Der Humor fehlt auch nicht, herrlich ist z.B. die Darstellung einer spiritistischen Sitzung, Ironie ist auch dabei, Anspielungen auf / Abrechnung mit diversen literarischen Strömungen usw.
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Meine Ausgabe hat auch ein
Nachwort mit dem Titel Bemerkungen über die Skrupel der Phantasie, von Luigi Pirandello geschrieben, in dem er mit diversen Vorwürfen seitens der Kritik abräumt. Einer davon wäre die Unglaubwürdigkeit des Geschehens, worauf Pirandello meint:
Die Absurditäten des Lebens haben es nicht nötig, wahrscheinlich zu wirken, weil sie wahr sind – im Gegensatz zu denen der Kunst, die, um wahr zu wirken, wahrscheinlich sein müssen.
Und noch mehr kann Pirandello, 20 Jahre nach dem Erscheinen des Romans, die Wahrhaftigkeit seines Romans mit einem Beispiel aus dem reellen Leben belegen.
Ein anderer Vorwurf wäre die „Kopflastigkeit“ des Buches, es wird zu viel überlegt / gedacht, was die Figuren unwahrscheinlich und unmenschlich machen würde. Ein Paradox an sich, meint Pirandello, zumal der Mensch sich gerade durch seine Fähigkeit zu Denken vom Tier unterscheidet.
Und zu guter letzt gibt es ein
Kommentar des Herausgebers Michael Rössner unter dem Titel: Mimesis oder Mise en abyme.
Das zusammenzufassen würde meinen Bericht hier (noch mehr) in die Länge ziehen deswegen nur ein paar Stichwörter:
- Autobiographische Spuren -> Roman als Therapie?
- Mattia = Matthias (aber auch: Irrsinn)
- Kein veristischer Roman -> als solcher misslungen
- Eigentliches Thema des Romans: Schritt aus dem Mimesis-Gebot des Naturalismus heraus zur Autoreferentialität des modernen Romans, d.h. zur Thematisierung des eigenen Schreibvorgangs
- Meis wird selber zum Autor, d.h. die literarische Figur macht sich selbständig. (Die Idee ist nicht neu, taucht auch in dem Theaterstück „Sechs Personen suchen einen Autor“, oder in der Novelle „Gespräche mit den Personen“ auf.)
- Meis kann als „lebende Figur“ nicht an das reelle Leben knüpfen. (Vgl. „Morels Erfindung“ von Adolfo Bioy Casares) -> die Figur bleibt bloß ein Schatten (ironischer Verweis auf die deutschen Romantiker)
- der Roman des Adriano Meis ist ein gelebter Roman -> Vorwegnahme der Theorien der Surrealisten (20 Jahre später – Verschmelzung Kunst & Leben)
- Interessante Ausführungen über „Laternosophie“ oder das „Marionettentheater mit dem Loch im Papierhimmel“, die angeblich Pirandellos philosophische und ästhetische Überzeugungen ausformulieren.
- die Humor-Poetik Pirandellos wird auch vorgeführt: das plötzliche Umschlagen vom Lächerlichen ins Erhabene / Erschreckende (siehe spiritistische Sitzung)
PS: Übrigens: Kluges über die 2 Prämissen und über das Buch überhaupt findet man auch
hier.
PPS: Zur Zeit wird diese schöne Propyläen-Ausgabe (nicht nur dieses Buches, sondern des Gesamtwerkes Pirandellos) sowohl bei jokers als auch bei booklooker für etwa 10 Euro pro Band verkauft. Ich finde, es lohnt sich.
Lieben Gruß von
mascha