Author Topic: Johannes Kepler: Tertius interveniens (1610)  (Read 2200 times)

Offline sandhofer

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Johannes Kepler: Tertius interveniens (1610)
« on: 27. Juli 2009, 14.58 Uhr »
Der von Kepler selber gesetzte deutsche Untertitel dieses Werks erklärt, was der kaiserliche Hofmathematiker in seinem Büchlein erreichen will: Warnung an etliche Theologos, Medicos und Philosophos, sonderlich D. Philippum Feselium , daß sie bei billicher Verwerfung der Sternguckerischen Aberglauben/ nicht das Kindt mit dem Badt ausschütten, und hiermit ihrer Profession unwissendr zuwiderhandeln.

Eine Rettung der Astrologie also - von einem, der als "Erfinder" der modernen Astronomie und Wissenschaft gilt? Ja. Zum einen, und Kepler gibt dies auch offen zu, ist diese Rettung in gewissem Sinne ein Muss für einen, der "Astrologie" quasi in seinem Pflichtenheft wiederfindet (wie es Kepler auch tat als kaiserlicher Mathematiker), Astrologie also als Mittel zum Zweck, dem Zweck nämlich der Erforschung des Himmels. Dann aber war es wohl auch Kepler ehrliche Ansicht, dass es sozusagen zwei Arten von Astrologie gäbe: Die eine, die den Sternen bzw. den Planete die Gewalt über alles unser Sein und Tun zuspricht - die andere, die sozusagen nur vordisponiert, es aber dem Menschen und/oder andern irdischen (oder auch göttlichen) Eingriffen zugesteht, relevante Ädnerungen am Schicksal anbringen zu können. Die Sterne setzen Zeichen, und es ist am Astrologen, diese Zeichen zu interpretieren und entsprechende Massnahmen zu ergreifen. Hier greift für Kepler nämlich der Vergleich mit dem Arzt, der auch aus Zeichen auf Ereignisse schliesst und diese zu beeinflussen sucht. (Feselius, ein Arzt, hatte ein Traktat geschrieben, in dem er die Astrologie völlig ablehnte. Gegen dieses war Kepler Schrift primär gerichtet.)

Möglich ist diese Einflussnahme der Planeten aufgrund der Harmonie der Welt / der Sphären, dem pythagoreischen Weltbild, an dem Kepler 1610 immer noch festhält, und das solche Einflüsse fast automatisch fordert. So könenn wir hier einen schon fast modernen Wissenschafter sehen, wie er in vielem zwar die Eierschalen der alten Zeit schon abgestreift hat, in vielem aber noch Kinder der alten und natürlich auch der eigenen Zeit ist und bleibt. (Und so nebenbei liefert Kepler natürlich auch die grundlegende Rechtfertigungsstruktur der heute immer noch praktizierten Astrologie ;).)
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

BigBen

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Re:Johannes Kepler: Tertius interveniens (1610)
« Reply #1 on: 27. Juli 2009, 15.02 Uhr »
Ich habe das Werk auch in meinen Regalen stehen und es schon wiederholt in der Hand gehabt. Nur leider ist die Sprache dermaßen sperrig, das mir eine zusammenhängende Lektüre unmöglich erscheint.

Offline sandhofer

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Re:Johannes Kepler: Tertius interveniens (1610)
« Reply #2 on: 27. Juli 2009, 16.18 Uhr »
Na ja - ich habe auch immer wieder mal Pause machen müssen, bzw. im Inhaltsverzeichnis nachgeschlagen, in welchem Zusammenhang Kepler jetzt gerade argumentiert. Ist halt (deutsche) Wissenschaft des 17. Jahrhunderts - Du weisst, dass das (s. Alexander von Humboldt) bis ins 19. Jahrhundert so geblieben ist.  8)
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