Hallo,
Mich würde es interessieren, ob Jünger immer in solch einer poetischen Sprache schreibt, wie er es in den
Mamorklippen tut. Allein schon durch diese poetische Kraft, wird man der Wirklichkeit enthoben und flieht in eine idyllische Welt, in der sich zwei Brüder in einer Rautenklause bei den Mamorklippen ein Herbarium errichten und Bibliotheksarbeit verrichten. Das Sammeln von Pflanzen erinnert daran, das Ernst Jünger ein fleißiger Käfersammler war. Das Erforschen der umgebenden Natur steht für die Kultur des Menschen. Die Natur wird intensiv umschrieben, da denkt man gerne an Adalbert Stifter, obwohl Ernst Jüngers Stil natürlich ein völlig anderer ist. Man kann durchaus sagen, dass die Prosa der
Mamorklippen nicht weit entfernt von Lyrik ist. Dadurch wird alles ästhetisiert, auch die Gewalt. Die Gewalt bricht nämlich in die Idylle ein. Vom Oberförster wird die Idylle bedroht und schließlich vernichtet. Der Oberförster, da mag man an Hermann Göring denken, der Reichsjägermeister in der Rominter Heide (Ostpreußen) war (hierzu vgl. man Michel Tournier „Der Erlkönig“) und auf seine Initiave hin, die ersten Konzentrationslager erbauen ließ. In den Mamorklippen ist
„Köppelsbleek“ die
„Schinderstätte“, von der es heißt:
Über dem dunklen Tor war am Giebelfelde ein Schädel festgenagelt, der dort im fahlen Lichte die Zähne bleckte und mit Grinsen zum Eintritt aufzufordern schien.
Übrigens ist
„Köppelsbleek“ ein kleines Wäldchen bei Goslar, in dem im Mittelalter der Scharfrichter seinen Dienst tat. Ob Jünger davon gewusst hat, weiß ich nicht, möglich wäre es.
Auch ein anderes Zitat weist eindeutig auf den Nationalsozialismus hin:
Dann wiederholten sich die Banditenstreiche, die man schon aus der Campagna kannte, und die Bewohner wurden bei Nacht und Nebel abgeführt. Von dort kam keiner wieder, und was wir im Volk von ihrem Schicksal raunten hörten, erinnerte an die Kadaver der Perlenechsen, die wir geschunden an den Klippen fanden, und füllte unser Herz mit Traurigkeit.“
In dem biographischen Lexikon
„Literatur in Nazi-Deutschland“ von Hans Sarkowicz und Alf Mentzer (Europa-Verlag, 2002) wird Ernst Jünger so zitiert:
„Der >Öberförster< sollte bald Hitler, bald Göring, bald Stalin sein. Dergleichen hatte ich zwar vorausgesehen, doch nicht beabsichtigt“ (Sämtliche Werke, Bd. 3, S.436).
Neben dem Bezug zum Nationalsozialismus, bieten die Mamorklippen auch noch andere Interpretationsmöglichkeiten. Jünger umschreibt den natürlichen Vorgang des Werdens und Vergehens, den er dann in einem Nebensatz ins mythisch-religiöse erhöht:
Es wird kein Haus gebaut, kein Plan geschaffen, in welchem nicht der Untergang als Grundstein steht, und nicht in unseren Werken ruht, was unvergänglich in uns lebt.
Oft meinte Bruder Otho, wenn wir auf der Höhe der Marmorklippen standen, dass dies der Sinn des Lebens sei - die Schöpfung im Vergänglichen zu wiederholen, .
Bruder Otho meint die Wiederholbarkeit der Schöpfung (wie im Koran):
„Allah ist es, der die Schöpfung bewirkt, also wiederholt er sie“ (Koran, Sure IV,4)
Das Aufblühen einer Kulturlandschaft und dessen Zerstörung wiederholt sich auch. Auf die rituelle Handlung bezogen, die ein göttliches Model als Urbild hat, sagt man in Indien: „So haben die Götter getan, so tun die Menschen“(Taittiriya-Brahmana, zitiert in Mircea Eliade, Kosmos und Geschichte).
Wie wir gesehen haben, können sich interessante Gedankengänge aus dieser Lektüre entwickeln, trotzdem wirkt die Erzählung auf mich recht seltsam und abgehoben. Das mag an der äshetischen Sprache liegen, die aus einer jenseitigen Welt zu kommen scheint.
Liebe Grüße
mombour