Author Topic: Cesare Pavese: Erzählungen  (Read 2843 times)

Offline mombour

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Cesare Pavese: Erzählungen
« on: 25. Juli 2009, 14.10 Uhr »
Hallo,

Erstmal eine kleine Einführung:


Von mir bebutzte Buchausgaben:

"Die Nacht von San Rocco", Erzählungen Band I (1936-1938 )
"Die Wiese der Toten", Erzählungen Band II (1940-1946)
beides Claassen Verlag, Hamburg, 1992

Biografie: Davide Lajolo: Kadenz des Leidens, Leben und Werk des Cesare Pavese, Claassen Verlag, Hamburg, 1964

Cesare Pavese sagte über sich selbst:

"Ich bin kein Mensch für eine Biographie. Das einzige, was ich einmal hinterlasse, sind ein paar Bücher, worin alles von mir gesagt ist..."(*Lajolo, S. 9)

Trotzdem zu Beginn ein paar Worte über ihn selbst. Pavese ist am 09. September 1908 in dem Dorf S.Stefano Belbo geboren. Geografisch im Piemont gelegen, befindet sich sein Geburtsort an der Grenze zwischen den Provinzen Asti und Cuneo, den bäuerlichsten Gegenden des Piemont. Dort in der hügeligen Landschaft mit seinenWeinbergen und Wäldern, verbringt Pavese seine Kindheit. Cesare ist sechs Jahre alt, da stirbt sein Vater am Gehirntumor, seine Mutter übernimmt die Verantwortung über die Familie.

Paveses Biograf Davide Lajolo schreibt über die Mutter:

"Cesares Mutter gehört zu den Frauen, die mutig, streng und stark sind. Eine Piemonteserin; sie machte nicht viel Worte, sie hatte gelernt, tüchtig zu arbeiten, zu sparen, die Kinder kurz am Zügel zu halten. Ihre Liebe kann sie nur darin zeigen, daß sie für sie arbeitet."(Lajolo, S.16)

Unter mütterlicher Strenge wächst Pavese auf. Damals schon spürt er eine innere Leere und wird schweigsamer. Als ihm eine Brille verschrieben wird, sei sein Blick hinter der Brille noch scheuer geworden, heißt es bei Lajolo. In der Schule schweifen seine Gedanken im in andere Sphären. Zusätzlich zum Zeugnis, wird den Eltern ein Bemerkungsheft ausgehändigt, in dem regelmäßig zu lesen ist:

"Euer Sohn erreicht die Note Genügend, könnte jedoch sehr viel mehr leisten. Er ist klug, aber zu uninteressiert."(Lajolo, S.27)

Als ob Pavese irgendwas gesucht hätte, verwandelt sich Pavese durch die Lektüre von D'Annunzio und entwickelt sich zu einem äußerst fleißigen Schüler. Im Lyceum „Massimo D'Azeglio“ in Turin schwärmt er für den piemonteser Dichter Vittorio Alfieri und gilt unter Freunden als „Büffler“. Obwohl Pavese unter Asthma leidet, versäumt er keinen Schultag. Im Lyceum wird er vom Professor Augusto Monti entscheidend gefördert, der ihm die Klassiker nahebringt und in seinem Unterricht geschickt seine antifaschistische Überzeugung einstreut, wenn sie Dantes „De monarchia“ und Machiavellis „Il principe“ lesen; also verdeckt. Seine Schüler verlassen den Unterricht als „Tyrannenhasser.“

Als er in Turin ins Gymnasium ging (vor der Zeit im Lyceum) schaut er heimlich den Mädchen nach. Sein scheuer Blick wirkt unfreundlich. „Doch“, so meint sein Biograf, „die Beharrlichkeit dieses Blickes zeigt, daß es gerade eine zärtliche Empfindung ist, die ihn so scheu macht und ihn zwingt, sich noch mehr in sich selbst zu verschließen.“

Hier entdecken wir schon ein Motiv aus einigen Erzählungen: Die Unerreichbarkeit von Frauen.

Selbstverständlich ist es grundsätzlich so, dass literarische Werke unabhängig von der Person des Autors verstanden werden müssen. Auf diese Weise kann auch das Werk Paveses gelesen werden. Trotzdem spiegelt sich Pavese oft genug selbst in seinem Werk wieder.

So verhält es sich in der Erzählung "Die Langa" (1941), wenn hier der Dichter selbst über sein Heimatdorf spricht:

>Mein Dorf, das sind ein paar ärmliche Häuser und ein großer Schlamm, aber es wird von der Provinzstraße durchquert, auf der ich als Kind spielte.....“Habt ihr diese paar Dächer niemals nennen hören? Nun, von dort komme ich...“<


ERZÄHLUNGEN (Auswahl)


„Land der Verbannung“ (1936)

In der Erzählung "Land der Verbannung"(1936) spaziert der Erzähler am Strand:

"Der Strand war trostlos, aber nicht abstoßend. Gern ging ich, so entsetzlich langweilig war es im Dorf, am Morgen oder gegen Abend den Strand entlang, auf den vom Wasser rund geschliffenen Steinen, weil ich mich nicht im Sand abplagen wollte."

Der Aufenthalt in diesem Dorf, abgeschieden von der Welt, da können sich Besucher schon verbannt vorkommen. Der Erzähler ist Ingenieur, eine Straße soll geteert werden, so fühlt er sich für eine längere Zeit dorthin verbannt.

„Die Wellen kamen am Ufer fast gerauschlos an, als wären sie von der ungeheuren Wasserfläche zermalmt.“

Otino ist wirklich hierhin verbannt worden, weil er einen Soldaten verprügelte, der sich an seine Frau heranmachen wollte. An diesem Ort ist man von Frauen verlassen, da wird in regelmäßigen Abständen eine Hure aus der Stadt geholt. Das Dorf, so heißt es wirkte unfreundlich, weil sich die „blühenden Frauen“ nicht auf der Straße blicken ließen. Cicco der Bettler ist ein wenig verrückt, weil seine Frau mit einem anderen verschwunden war, und Otino, wartet umsonst auf seine Frau, er wird sie niemals wiedersehen, zwei Jahre lang hat er sinnlos gewartet. Und der Ingenieur?

„Die Qual, fast waren es Gewissensbisse, die mir die Erbitterung des Verbannten bereitete, nahm mir das letzte Interesse, das ich für das Leben dort aufbringen konnte. Ich sehnte mich nun danach, von hier, wie von einer öden Insel, fortzukommen. Und doch – je näher der erhoffte Tag des Anschieds heranrückte, um so mehr überließ ich mich mit einem Vergnügen der trostlosen Atmosphäre dieses Ortes.“

Cesare Pavese wurde verbannt, weil er im engen Kontakt mit einer Gruppe von Antifaschisten stand, alles Freunde vom Lyceum D' Azeglio. Als Pavese nach einem Jahr aus der Verbannung zurückkam, war die Frau, die für ihn am meisten bedeutet hat, mit jemanden anders verheiratet. Pavese hat das nie verwinnden können. In Gedichten taucht die Freundin als „die Frau mit der rauhen Stimme“ auf. Im Konzept hatte unsere besprochene Geschichte den Titel „Sterilità".

In der Erzählung "Die Selbstmörder" begegnen wir diese Frau auch, wenn wir lesen

"Ich habe innerhalb weniger Jahre Enttäuschungen und brennende Gewissensqualen erlitten..."


„Kanaillen“ (1937)


In „Kanaillen“ begegnen wir wieder einen Pfarrer, diesmal ist es ein Geistlicher, der in die Verbannung geschickt werden soll. Das Gefängnis, in dem diese Geschichte spielt, ist ein Übergangsgefängnis, wo straffällige ersteinmal hinverfrachtet werden, bevor sie richterlich verurteilt werden. (es wäre natürlich interessant zu wissen, warum Geistliche unter Mussolini in Verbannung geraten konnten). In „Kanallien“ finden wir über die Gründe nur Andeutungen.

Die Verantwortung und der Druck von Vorgesetzten gegenüber den Gefängniswärtern war groß. Ein Insasse, Rocco, ist geflüchtet, und der zuständige Gefängniswärter Angst vor Konsequenzen. Die Diktatur spürt man im Nacken.

Mir gefällt es sehr, wie sich die Geschichte aus Andeutungen entwickelt. Wie ein heißes Eisen muss es Rocco unter den Fingernägeln brennen, wenn er es wagt, auszubrechen, und nochmal die direkte Konfrontation zu einer Dienstmagd sucht. Eigentlich ist das Verbrechen, eine Beziehungstat, völlig sinnlos gewesen. Das persönlich Tragische eines Menschen wird hier einer Diktatur gegenübergestellt, die sogar Priester (zu Unrecht) verbannt.

„Freunde“ (1937)


Der geschichtliche Hintergrund der Erzählung ist Mussolinis Einfall in Abessinien (=Äthiopien) im Jahre 1935. Das Land wurde von grausamen Massakern überrollt, es gab sogar Konzentrationslager.

Zwei Freunde, sie erinnern sich an früher, natürlich auch an die Mädchen von früher. Der eine, der Rote, ist erst aus Afrika heimgekehrt, aus dem Krieg. Celestino, der andere, ist inzwischen verheiratet und hat sich sehr verändert. Der Rote macht sich ein wenig lustig über ihn, weil er keinen Wein mehr trinkt. Seine Frau mag keine nach alkoholstinkenden Männer.

„..sie würde nichts sagen wegen Carmela, aber sie würde in helle Wut geraten, wenn ich nach einem guten Trunk heimkäme.“

Es fällt auf, der Rote erzählt von Afrikaerlebnissen, als ob der Aufenthalt dort nur ein frivoles Abenteuer gewesen wäre. Doch der Ernst blinkt auch durch diese Geschichte

„Aber ich habe gemerkt: Krieg machen darf man nur zu vielen. Aber einen umbringen – das ist zum Verrücktwerden.“

„Hast du welche umgebracht?“ sagte Celestino und stand auf.
„Ich weiß nicht. Niemand weiß das. Ich habe sie gesehen, wenn sie schon tot waren. Das schon".


Ganz schön harte Sätze. Die unpersönliche Konfrontation mit dem Feind. Der Schütze am Abzug bekommt gar nicht das morden mit. Er drückt nur ab, der Feind ist so weit, dass er ihn gar nicht in die Augen blicken kann. Der Wahnsinn des Krieges. Umbringen wollte der Rote niemanden. Er wäre doch nie so unbekümmert geblieben, wenn es ein Kampf von Mann zu Mann gegeben hätte. So macht er sich humorvoll ein wenig lustig, dass Celestino seine äußere Freiheit aufgegeben hat, in dem sein Freund in den Stand der Ehe eingetreten ist. Die Geschichte über die Freunde ist auch eine Geschichte ihrer Entfremdung. Ihr Schicksal verläuft diametral.

Ob er wenigstens Orangensaft trinken darf, fragt der Rote.

„Das Idol“ (1937)


Eine herrliche Geschichte über die Unerreichbarkeit einer Frau schildert der Autor in „Das Idol“. Leserinnen können nun nachvollziehen, wie Männer leiden, wenn sie eine bestimmte Frau nicht bekommen können. Inhaltlich etwas verwandt mit Dino Buzzatis Roman „Amore“. Mina, eine Freundin des Erzählers, arbeitet inzwischen in einem Bordell....“Ihr Männer wollt immer die, die nicht da ist“, heißt es auch noch. Die Thematik einer vergangenen Jugend haucht durch die Geschichte, die Guido nicht mehr zurückholen kann.

Die Unerreichbarkeit zur Weiblichkeit geht bei Pavese so weit, dass der Mann, die Leidenschaft einer Frau auf die Nerven geht, er die Leidenschaft kategorisch ablehnt. Es geht um die Geschichte

„Die Selbstmörder“ (1938 )


"Es sollte ein für allemal klar sein, daß wir uns nur aus Langeweile liebten, aus schlechter Angewohnheit, aus irgendeinem beliebigen Beweggrund..."

Wieso denn? So beginnt die Erzählung:

"Es gibt Tage, wo die Stadt, in der ich lebe, die Leute, der Verkehr, die Bäume, wo alles am Morgen mit einem seltsamen Aussehen erwacht, gewohnt und doch fremd, etwa wie in jenen Augenblicken, wenn man sich in den Spiegel betrachtet und fragt: >Wer ist das wohl? Für mich sind das die einzigen liebenswerten Tage im Jahr."

Er erkennt sich nicht mehr im Spiegel, weil er sich nicht mehr mit dem, was man Leben nennt, identifiziert. Für ihn ist das geradezu ein Segen, weil er „innerhalb weniger Jahre Enttäuschungen und brennende Gewissensqualen erlitten..“ hat. Das hinter den Qualen eine Frau steckt, die wohl enttäuscht hat, zeigt dieses:

"Ich bin für die Stürme und für den Kampf nicht geschaffen; wenn ich auch an manchen Vormittagen hinuntergehe, zitternd vor Verlangen, die Straßen dzu durcheilen, und mein Schritt einer Herausforderung gleicht, so wiederhole ich: nichts fordere ich vom Leben, als daß es sich betrachten läßt."

Außenstehend das Leben betrachten, Einsamkeit und Langeweile, innere Leere, dem Leben überdrüssig sein. Das vermitteln mir solche Worte. Solche eine Existenz ist absurd. Wir Menschen legen dem Leben immer einen Wert bei. Einen Genuss, Freude, von mir aus auch Trauer. Wir nehmen Schönes war, wir finden irgendetwas furchtbar. Die Existenz dieses Niemandes in der Erzählung, erfährt einfach nur Nichts: Blanke Existenz der Dinge. Man stelle sich die Umwelt als lebloses Atomgewirr vor, und die Frau in der Geschichte als 66% Wasser und aus verbleibenden Rest andere biochemischen Verbindungen, dann können wir vielleicht erahnen, wie der Protagonist die Umwelt erlebt. Dieses Herauskatapultieren aus dem Leben kommt schon einem Selbstmord gleich.


"Hochzeitsreise" (1936)



In „Hochzeitsreise“ ist der Mann mit einer Frau verheiratet. Der Mann aber, der die Einsamkeit einer Ehe vorzieht, warum ist dieser mit der Frau verheiratet? Auch hier erscheint die Verbindung zu der Frau völlig sinnlos. Sie macht einen Aufstand, weil der Mann des Nachts nur mal alleine spazieren gehen wollte.

Diese Entfremdungen, dieses offenbar Sinnlose, die Frage nach dem Dasein, genau, das ist es, was hängenbleibt.


„Die Familie“ (1941)


Die längste Erzählung und es hat doch lange gedauert, bis sich erschlossen hat, warum die Erzählung „Die Familie“ heißt und bisher die Erste, in der der Ich-Erzähler über jemanden anders erzählt, nämlich über Corradino, einem Mann, und das ist typisch Pavese, der Kontakte zu einigen Frauen pflegt, ohne sich je binden lassen zu wollen, weil er offenbar aus extremer Schüchternheit jeder Verantwortung als Mann versagen möchte.

"...wenn eine Frau Widerstand leiste, sei für den Schüchternen viel gewonnen."

Das ist schon tragischkomisch.

"Ich habe mir nie Kinder geleistet, ich habe mich nie an jemanden binden mögen. Das ist meine Natur..."

und begegnet er Cate, mit der er, ohne seines Wissens, ein Kind gezeugt hatte. Wenn wir den Titel der Geschichte nun anschauen, so haben wir jetzt wirklich eine Familie zusammen, aber, wie es sich heraustellt, ziemlich brüchig. Eine Familie, die keine wirkliche Familie ist, aber in Corradino schlummert doch ein wenig Sehnsucht an eine Familie.

Und jetzt kommt es, worauf es hinauszugehen scheint:

"diesmal fand ihn die Krise als Mann, sie bot ihm statt Torheiten Wirklichkeiten Leben von Menschen, das Problem, wie er sich verhalten sollte; und das entriß ihn seiner Isoliertheit."

Wie schon im Erzähler von „Die Selbstmörder“ sehen wir in Corradino einen Mann, der eigentlich außerhalb des Lebens steht.

Die Geschichte beginnt ja in der Erinnerung an eine Bootsfahrt. Man fuhr damals mit einem Mädchen im Boot hinaus. Es scheint so, als ob damals, als Corradino Cate mitnahm, irgendetwas passiert ist, warum er nun sehr verschüchtert dahinlebt (Das ist mein Eindruck). Vielleicht der "Schock" einer ersten erotischen Begegnung.


"Die Wiese der Toten" (1941)



Eine sehr düstere Geschichte, ja, grausig. Was mag Pavese hier getrieben haben?. Vielleicht ist der Schatten des Krieges auf seinen Schreibbogen gefallen.

Der Mond, die Nacht, der "Lärm des Orchesters", die Toten auf der Wiese. Das sind hier die Vokabeln des Grauens.

Die Wiese, die mit hölzernen Baracken weiter hinten abgeschlossen war. Ich assoziiere einen Hinrichtungsplatz. Der Erzähler schaut aus einem Fenster auf die Wiese, unter dem Fenster floss ein Kanal, dessen Wasser durch schwarzes Gitter unter den Häusern hervorquoll. Allein dieses Bild zeichnet schon Schrecken genug, abgesehen davon, dass sich früher Selbstmörder in den Kanal stürzten.

Ein Hinrichtungsplatz der Faschisten?

Im Mondesschein gehrt ein Paar auf die Wiese. Vor dem Verbrechen ein Meinungsaustausch.

"Ich möchte wetten, daß das Opfer, wenn es einen Schrei ausstieß, erstickt, als wäre es ein Seufzer, und wenn es, selten genug, danach auf dem Gras liegen blieb, röchelte und noch um sich schlug, plötzlich zu der Einsicht kam, es habe immer gewußt, daß es so enden werde."

Und noch ein Zitat:

"Auch der Mörder fehlte nicht, der nach vollbrachter Tat unentschlossen stehenblieb, um den Himmel, den niederen Horizont zu betrachten. Warscheinlichfragte er sich, wie der Platz wohl am hellen Tag aussähe, und suchte ihn seines mondhaften Schreckens zu entkleiden und ihn sich vorzustellen alsa irgendeinen beliebigen Ort unter der Sonne, wie die ganze Stadt hinten von Hügeln umrahmt. Das waren die Augenblicke , wo man über die Häuser hinweg den Lärm des Orchersters oder aufprallende Bocciakugeln hörte. Da riß der Mörder aus."

Es reizt hier zu interpretieren: Italien ist im Krieg. Es wird sinnlos gemordet. Die Faschisten herrschen mit Gewalt. Mal wird ein Mädchen gemordet, dann kommen zwei Männer. Einer von denen wird vom anderen umgebracht. Sinnlos diese Gewalt, die Pavese im Mondlicht schreckhaft gezeichnet hat.

In den späten Erzählungen geht Pavese sehr oft in seine Kindheit und Jugendzeit zurück, in das Dorfleben, zu den Hügeln des Piemont.

Die Erzählung "Signor Pietro" (1942) beginnt autobiografisch, es sieht sogar so aus, als ob die erste Seite dieser Erzählung 100% biografisch ist:

„Mein Vater starb, als ich sechs Jahre alt war...

Meine Mutter hatte versucht, mich so streng zu erziehen, wie es ein Mann tun würde, aber sie hatte damit nur erreicht, daß es bei uns weder einen Kuß noch ein Wort zuviel gab und ich nicht wußte, was eine Familie ist.

Ich war lieber am Hauptbahnhof, dessen geschäftiges Hin und Her mir gefiel, oder wanderte in bestimmten, von dem unseren entfernten Vierteln umher, wo es Fabriken, Lärm, aber auch manche Einsamkeit gab.“


In "Altes Handwerk" (1941) finden wir in fantastischer Weise seine Heimatverbundenheit wieder: Das LAND.

„...man spürte, wie sich der ganze Karren und das Pferd bewegten und sich unter einem dehnten; manche Stellen der Landstraße erkannte ich an den plötzlichen Stößen. Je nachdem, ob der Karren unter einer Berglehne hinfuhr oder zwischen Feldern, an einem Bogengang vorbei, an einer Mauer oder über eine Brücke, gab das Geräusch der Räder einen anderen Wiederhall: es war ein Laut, der uns Gesellschaft leistete, mehr als das Schellenhalsband, das die Pferde zum Klingeln brachte....“

Der Erzähler (Pavese?) erzählt das rückblickend, und wehmütig bekennt er, wenn er heute des Nachts keinen Schlaf findet, höre er keine Pferdekarren mehr, sondern das Getöse der Autos.

„Das Meer“(1942) u.a. Erzählungen


Die Erzählung „Das Meer“ handelt der Sehnsucht, das Meer einmal zu sehen, und zwei Jungens reißen aus. Sogar der Fluss Belbo findet sich in der Geschichte wieder, ein kleiner Fluss etwa 10 Kilometer von Santa Stefano Belbo, Paveses Geburtsort, entfernt. Und wie treffend, der Belbo führt direkt ins Meer.

Oft sind es zwei Jungen, deren Abenteuer erzählt wird. Einer der Jungs ist ein schüchterner Typ, manchmal denke ich, es könnte Pavese sein. So auch in „Die Häuser“ (1943). Im letzten Satz heißt es:

„Aber jetzt gibt es Tage oder manche Sonntage, wo ich ihn beneide.“

Er beneidet seinen Freund, der die Tabakverkäuferin geheiratet hat.

„Die Stadt“ (1942) erzählt von zwei Freunden, die in der Stadt (Turin) studieren. Im Sommer fährt man ins Dorf, besucht seine Verwandten, und geht dann wieder in die Stadt zurück. Auch Pavese hat von der Stadt aus immer wieder sein Heimatdorf besucht. Als sich in den etwas schüchternen Jungen in der Geschichte ein Mädchen verliebt, verscherzt er es aber mit ihr.

In „Geheimnis“ (1943) schreibt er über die hügelige Gegend seiner Heimat:

„Die Straße führt zu den Wolken empor, die in der Sonne über dem Dunst der Ebene auseinanderbrachen.“

Heute kann man in Santo Stefano Belbo Urlaub machen. Es gibt Hotels, Ferienhäuser....manchmal seht es mich dorthin. Das hat Cesare Pavese mit seiner wunderbaren zart anmutenden Prosa bei mir erreicht. :D

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 25. Juli 2009, 14.22 Uhr by mombour »
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