Hallo!
Christina von Braun: Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte. (abgebrochen) Ein überaus seltsames Buch. Der Untertitel scheint Programm, eigentlich aber geht es um eine seltsame Kritik der Blutsverwandtschaft, die - laut Autorin - im Westen u. a. den Kapitalismus begründet hat. Von Braun zählt allerlei andere Formen von "Verwandtschaft" auf (mit Recht), verbindet das aber ständig mit einer Wertung, so als ob der Individualismus des Westens (der angeblich auch auf dieser Blutsverwandtschaft beruht) etwas ganz Schreckliches sei und wir unbedingt von indigenen Völkern und deren Verwandtschaftskonzeptern etwas lernen müssten (das mag sogar so sein, aber in der Form, in der es vorgetragen wird, in dieser Selbstgefälligkeit, ist es äußerst nervig). Das liest sich folgendermaßen: "Die Zentrierung des Westens auf ein autonomes Ich ist umso erstaunlicher, als dieses genealogische Modell den Menschen auf eine biologisch vorgeschriebene Existenz festlegt, also wenig Raum für individuelle oder gar prozessuale Veränderungen bietet. Die Paradoxie, dass das Individuum in der westlichen Gesellschaft einerseits im Mittelpunkt steht, andererseits aber auch seinem biologischen Schicksal ohnmächtig ausgeliefert ist, hat dazu geführt, dass das Ich in der westlichen Gesellschaft in zweit Gestalten daherkommt: Auf der einen Seite ein kleines ich, dem ein kurzes Leben auf der Welt beschieden ist; auf der anderen Seite ein großes ICH, das Anspruch auf eine das eigenen Leben überdauernde Existenz erhebt, daber nur in entleibter Form lebensfähig ist: als Name, als Buchtitel, als Vermögen zum Beispiel. Dieses große ICH ist verwandt, aber nicht identisch mit dem Über-Ich der Psychoanalyse (womit die Verinnerlichung von Gesetz und Normen gemeint ist). Es ist ein Sprössling, des Unvergänglichkeitsgedanken, der mit der Schrift einhergeht und repräsentiert überwiegend Männlichkeit." Gequirlte Scheiße a la carte. Postmoderner Feminismus mit Kapitalismuskritik und psychoanalytischer Würze. Erinnert mich an Kristeva, wird so ein Geschwätz gedruckt, tut mir jedes kleinste Bäumchen leid, das dafür herhalten musste. Dass es bei der Blutsverwandtschaft sich ganz einfach um eine Art von natürlicher Beziehung handelt, kommt ihr scheinbar überhaupt nicht in den Sinn, all das, was in der Evolutionsbiologie über Verwandtenselektion geschrieben wurde, scheint ihr unbekannt oder unverständlich. Pseudokluges Gebrabbel, das in den Müll gehört.
lg
orzifar