Autor Thema: Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind  (Gelesen 961 mal)

Offline orzifar

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Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind
« am: 25. Mai 2012, 22.04 Uhr »
Hallo!

Ein Email-Roman (der erste? - wohl kaum, aber meine Kenntnis ist diesbezüglich als bescheiden anzusehen), elektronischer Briefwechsel und durch den "Brief" Teil einer großen literarischen Tradition. Außerdem: Liebesgeschichte - allerdings mit Fragezeichen.

Vorweg: Das Ganze ist witzig und unterhält, es ist allemal wert, gelesen zu werden. Glattauer lässt einen frustrierten Uni-Assistenten und eine Webdesignerin aufeinandertreffen, zufällig, wie es dem Medium Internet entspricht, wobei nur die Anonymität des Netzes eine solche Kommunikation überhaupt möglich macht. Und so ist es das Medium Sprache, die Art und Weise des Sich-Mitteilens, das die beiden langsam näherbringt, man liest zwischen den Zeilen, man durchschaut vermeintlich oder tatsächlich, bleibt vorurteilsbehaftet im Guten wie im Bösen. Und es entsteht Nähe, eine Nähe im Schutz von Anonymität, eine Nähe, die die Unkenntnis des anderen braucht, um Erwartungen und Wünsche projizieren zu können.

Leo und Emmi erzählen einander, was sie in ihrem Leben verschweigen, es erscheint ungefährlich und unverbindlich, obgleich das ein Irrtum ist, ein Irrtum, der umso größer wird, da sich bei einer möglichen Enttäuschung auch Träume und Sehnsüchte verflüchtigen. Man spielt damit, einander zu sehen, man lügt einander gegenseitig sexuelles Desinteresse vor, um alkoholbedingt umso stärker seine Sehnsucht nach einem - sofortigen - Treffen zu artikulieren. Aber man hat Angst vor dieser Enttäuschung, genug Angst, um den Treffen aus dem Weg zu gehen.

Dieses Wechselspiel von vorgestellter Realität, Traumgespinst, Erwartungshaltung und virtueller Nähe vermag Glattauer sehr gut einzufangen und lässt mich vermuten, (mich, der ich nicht wenige seltsame Emailfreundschaften gepflogen habe in den Anfängen des Internets) dass er nicht alles in seiner Geschichte bloß zu erfinden gezwungen war. Und hier setzt die Kritik ein: Auch wenn Glattauer zu erzählen versteht, so ist die reale Umgebung des Mailwechsels ihr Schwachpunkt, all jene Bereiche, die ihre Fühler bis in die Wirklichkeit erstrecken. Weder Emmis Freundin Mia, die zur Erkundung des "Fremden" ausgeschickt wird unter falschen Voraussetzungen noch der Ehemann Bernhard sind glaubwürdig (letzterer noch weniger als Mia), hier wird romanhaft eingegliedert, die reine Mailebene verlassen - und schon hat man den Eindruck des Erdichteten. Während hingegen der Prozess der Annäherung, der ersten Vertraulichkeiten, Verliebtheiten mit sehr viel Einfühlungsvermögen geschildert wird.

Kein großer Roman, dafür ist die Beschränkung auf virtuelle Kommunikation zu rigide, aber ansprechende Unterhaltung einer ganz spezifischen Welt, die schon bald den ersten großen Internetroman der Weltliteratur zutage fördern wird. So wie man den gesammelten Mailwechsel oder ausgewählte Chatschnipsel berühmter Schriftsteller veröffentlichen wird.

lg

orzifar
« Letzte Änderung: 11. Juli 2013, 04.05 Uhr von orzifar »
Derzeitige Lektüre:

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Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
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