„New York erdrückt Dich! Du kannst nicht atmen. Es ist nicht der Lärm und der Staub, auch nicht der Verkehr, auch nicht die Menschenmassen – es ist die entsetzliche Flachheit, Hässlichkeit, Eintönigkeit und Gleichförmigkeit von allem.“
Henry Miller lebt schon einige Jahre in Europa, bevor er diese Reise unternimmt. In einem überlangen Brief an seinem Freund Alfred Perlès, der ihm eine Stelle bei einer Pariser Zeitung vermittelt, beschreibt er in bissigem und derbem Stil von seinem Missfallen gegenüber dem amerikanischen Kontinent. Hier wird nichts ausgelassen. Alles, was Amerika auszeichnet, wird mit bitterem Zynismus niedergemacht. Seien es die Frauen, die Technisierung, Theater, Clubs, die gigantischen Konstruktionen, Traditionen, …
„Alles kolossal. Kolossal kolossal. Das Theater selbst prachtvoll – moderne Architektur auf dem neuesten Stand. Sobald Du hustest, geht die Lüftung an – automatisch. Per Thermostat. Eine mittlere Durchschnittstemperatur von 22 Grad Celsius, ob Winter, Frühling oder Sommer. Rauchen verboten. Überall ist Rauchen verboten, nur im Variété nicht. Das einzige, was Dir bleibt, ist furzen. Und, wie ich schon sagte, sogar das wird sofort per Thermostatregelung weggeblasen …“
Jede Situation wird abfällig kommentiert und mit dem positiven Pendant Europas, genauer, dem des französischen Gegenstücks verglichen. Miller hat einen Hang zu Übertreibungen, lässt sich von den Schmähungen mitreißen. Das Buch ist voller subjektiver Eindrücke, aber eines scheint nach der Lektüre klar: Er mag Amerika nicht. „Amerika ist ein Misthaufen, aber klimatisiert.“
Ein Drittel dieser 120 Seiten spielen auf dem holländischen Schiff, wo er auf kuriose Typen fällt. Von der Galasängerin, die ihre Biografie von ihm geschrieben haben möchte, von seinem holländischen Kabinenmitbewohner, der nur gebrochen englisch spricht und dem verrückten Mannheim, ebenfalls Holländer. Auch wenn er das Lästern auf dem Schiff nicht loswird, schlussfolgert er:
„Du darfst übrigens nicht den Eindruck bekommen, dass es den Holländern an Intelligenz mangelt. Im Gegenteil, ich würde sagen, dass sie sehr intelligent sind, sogar noch intelligenter als der Seehund oder der Otter. Zum Beispiel, einen Salzhering auf den Salat legen! An den ersten sechs Tagen bekamen wir nichts als pure Salatblätter, ohne Soße. Als der Koch merkte, dass niemand mehr den Salat aß, holte er prompt (d.h. sechs Tage später – für die Holländer prompt!) die Salzheringe heraus und ließ sie über die Salatblätter legen. Mit dem Ergebnis, dass man die Salatblätter isst, um den Heringsgeschmack aus dem Mund zu kriegen.“
Das vorliegende Buch ist ein sehr kurzweiliges Abenteuer von einem Europa-Liebhaber, der genau meinen Humor trifft. Ich könnte noch viele Zitate einfügen. Der unterhaltende Faktor überwiegt, wenn man nicht jedes Wort allzu ernst nimmt. Das gilt auch für die antisemitischen Äußerungen über Juden und Schwarze. Er ist ein Kind seiner Zeit, betont diesen Umstand in einer Fußnote, die 20 Jahre später eingefügt wurde. Erfrischend „politically incorrect“, sagt treffend der Buchrücken.
„Amerika! Wie weit fort das zu sein scheint! Die Entfernung erklärt es nicht. Da ist noch etwas anderes. Wenn ich an New York denke, denke ich an ein Riesenbaby, das mit Sprengstoff spielt. Weniger neu als vielmehr unmenschlich. Die gesamten Lebenserfahrungen gelten nichts mehr. Man wacht am Morgen auf und blickt auf einen jungfräulichen Kontinent ohne Geschichte. Ein glatter Sprung, ohne Übergang, von der Barbarei in den Irrsinn der Zivilisation."
Gruß,
dumbler