Author Topic: Primo Levi: Ist das ein Mensch?  (Read 8422 times)

Offline mombour

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Primo Levi: Ist das ein Mensch?
« on: 16. Juli 2009, 15.23 Uhr »
Hallo,

Als Mitglied einer Partisanengruppe und weil er Jude war,  wurde Primo Levi am 13. Dezember 1943 von der faschistischen Miliz festgenommen. Er kam „nach Fossoli bei Modena, wo ... Menschengattungen zusammengezogen wurden, die der neukonstituierten faschistisch-republikanischen Regierung nicht genehm waren.“ Am 21. Februar 1944 erfuhr man, dass tags darauf alle Juden fortkommen würden, man müsse sich auf eine vierzehntägige Zugfahrt einrichten. Von polnischen und kroatischen Flüchtlingen erfuhr man, was solch eine Zugfahrt bedeutete. In der Nacht nahm jeder Abschied vom Leben. Keiner der Wachen „traute sich anzusehen, was Menschen tun, die wissen, daß sie zu sterben haben.“

Quote from: Primo Levi
Wie meuchlings traf uns das Morgengrauen;  als verbündete sich die neue Sonne mit den Menschen im Vorsatz, uns auszurotten.

Und dann die Entmenschlichung  beim Appell: „Wieviel Stück?“....sechshundertfünfzig „Stück“. Im Lager Buna (Auschwitz III Monowitz) wird aus Primo Levi Häftling174517; das tätowierte Mal fürs Leben eingebrannt. Brot und Suppe bekommt man nur, wenn man die Nummer vorzeigt.

Im Vernichtungslager entwickeln sich Überlebensstrategien, wie sie sich warscheinlich nur hinter solch furchbarem Stacheldraht entwickeln können. Da lassen sich Häftlinge Goldkronen herausnehmen und verkaufen sie in Buna für Brot oder Tabak. Eine brenzlige Sache, da alles Gold im Lager Lagereigentum ist. Das Gold in den Zähnen gehört der SS, sei es von den Lebenden oder von den Toten. Andere verkaufen ihr Hemd, welches ebenso dem Lager gehört.Wenn der Kapo merkt, dass jemand kein Hemd hat, gibt es eine Befragung. Das Hemd habe man im Waschraum verloren, heißt es dann und damit kommt man durch, obwohl jeder weiß, dass sie es aus Hunger verkauft haben. Vom Kapo kassieren sie eine Tracht Prügel und bekommen ein neues Hemd zugeteilt, mit dem man wieder ein Tauschgeschäft tätigen kann. Pfleger des Krankenbaus bringen „Kleidung und Schuhe der Toten oder der nackt nach Birkenau geschafften Selektionierten wieder billig in den Handel.“  Die Pfleger machen auch große Geschäfte aus dem Handel mit Löffel. Jeder Neuankömmling bekommt keinen Löffel, obwohl die Suppe nur mit solchem Besteck gegessen werden kann. Häftlinge, Schlosser und Blechschmiede, stellen nebenher im Buna-Werk heimlich Löffel her, die dann an Neuankömmlinge des Krankenbaus verkauft werden (ein Löffel kostet eine halbe Brotration ein Löffelmesser eine dreiviertel  Brotration). Wenn die Genesenen aus dem Krankenbau entlassen werden, wird ihnen der Löffel wieder abgenommen und in den Verkauf gestellt.

Quote from: Primo Levi
Der Diebstahl in Buna wird von der zivilen Direktion geahndet, aber von der SS autorisiert und begünstigt; der Diebstahl im Lager wird von der SS streng bestraft, aber von den Zivilisten als gewöhnlicher Tauschakt betrachtet.....

Was ist im Stacheldraht von menschlicher Moral übriggeblieben, da Unterscheidungen zwischen gut und böse zerfließen? Hier existieren ganz andere Gesetze, als in der Welt da draußen. Das Leben im Vernichtungslager war eine Auflösung jedweger Vorstellung menschlicher Gesellschaftsnorm, und das besondere an Primo Levis Bericht ist, dass er sich mit der Sozialisation  des Lagers beschäftigt.

Quote from: Primo Levi
Hier wird der Kampf um das Überleben ohne Erbarmen geführt, denn jeder ist verzweifelt und grausam allein.

Überleben kann nur, wer „Organisator, Kombinator, Prominenter“ wird.

„Durch Intrigen und verbissenen Kampf“ gelang es einigen Juden „Prominente“ zu werden, d.h., sie wurden Lagerfunktionäre (Kapos, Köche, Pfleger, Nachtwächter usw.).

Quote from: Primo Levi
Sie sind das typische Ergebnis der Struktur des deutschen Lagers: Man biete einigen Individuen, die ein Sklavendasein führen, eine privilegierte Stellung, gewisse Annehmlichkeiten und die Aussicht zu überleben, man fordere dafür dem Verrat an der natürlichen Solidarität mit ihren Kameraden, und einer von ihnen wird sich gewiß dazu bereitfinden. Er wird dem allgemeinen Gesetz nicht mehr unterstehen und unantastbar werden; darum wird er um so gehässiger und gehaßter sein, je mehr Macht er erhält...

In „Die Atempause“ (Primo Levis Bericht über seine neunmonatige Odyssee von Auschwitz nach Turin) erzählt Levi von einem ehemaligen Kapo:

Quote from: Primo Levi
Wenn es im Kinderblock Selektionen stattfanden, war er es, der aussuchte. Empfand er keine Reue? Nein, warum sollte er? Gab es denn eine andere Art zu überleben?

Dem Tod geweiht sind meistens die, die sich an die Lagerdiziplin halten, alles machen was befohlen, nur ihre Ration essen, die für sie bestimmt sind. Das hält nur in Ausnahmefällen jemand länger als drei Monate aus, so Levi.

Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Präzision und Sachlichkeit Primo Levi vom Vernichtungslager spricht, ohne Zorn und Eifer, er, der diese Barbarei erleben musste, .

Quote from: Primo Levi
Lächerlich sind wir, abstoßend. Montags sind unsere Schädel kahl, samstag sind sie mit kurzem, dunkelbraunem Flaum bedeckt. Wir haben aufgequollene, gelbe Gesichter...wir haben lange knotige Hälse wie gerupfte Hühner.

Liebe Grüße
mombour
« Last Edit: 17. Juli 2009, 20.59 Uhr by mombour »
Thomas Hardy: Herzen in Aufruhr
Fernando Pessoa: Buch der Unruhe

arbor

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Re:Primo Levi: Ist das ein Mensch?
« Reply #1 on: 16. Juli 2009, 18.07 Uhr »
Bemerkenswert finde ich bei Primo Levi (auch bei anderen), dass sie das "Lager in sich" nie los geworden sind und er sich noch Jahrzehnte später umbrachte (s. auch Jean Améry).
Die grausamen Taten derer, die das zu verantworten haben, wirken also noch lange weiter. Ein Grund mehr, für mehr Menschlichkeit zu kämpfen.

Offline wanderer

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Re:Primo Levi: Ist das ein Mensch?
« Reply #2 on: 26. Januar 2010, 23.40 Uhr »
Hallo Mombour,

hast Du von Primo Levi auch seines letztes Buch, Die Untergegangenen und die Geretteten, das 1986 ein halbes Jahr vor seinem Tod erschienen ist, gelesen? Ich kann das Buch Dir empfehlen.

Gruß
wanderer

Hier kannst Du eine ausführliche Darstellung der Themen finden. Aber ich glaube, Du kennst schon das Buch.

Offline mombour

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Re:Primo Levi: Ist das ein Mensch?
« Reply #3 on: 27. Januar 2010, 11.12 Uhr »
Hallo wanderer,

danke für die Empfehlung. Ich denke, ich werde auf Primo Levi später zurückkommen. Bisher habe ich noch "Die Atempause" gelesen.

Liebe Grüße
mombour
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Offline wolves

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Re:Primo Levi: Ist das ein Mensch?
« Reply #4 on: 20. Oktober 2010, 10.10 Uhr »
Eine tolle Rezension, mombour!

Mittlerweile habe ich das Buch auch gelesen und wollte noch meinen Leseeindruck hinzufügen.

Primo Levi beschreibt seinen Aufenthalt von Februar 1944 bis zum Januar 1945 in Ausschwitz unglaublich sachlich und sehr eindringlich. Gerade deshalb ging mir dieser Bericht besonders nahe. Denn noch nie war mir der tägliche Kampf ums überleben so klar geworden; das Quäntchen Glück, das über Sterben und Leben entschied. Wie im Grunde selbstverständliche Dinge wie ein Löffel sich erst „erworben“ werden musste und was es bedeutete, wenn sie verloren gingen.

Was der eigentliche Sinn des Lebens ist. Es geht nicht mehr um hochgeistige Dinge, sondern um scheinbar profanes wie die Sonne, die Wärme spendet. Es geht um Nahrung. Sich in einem Ort zurechtzufinden, der voller unbekannter Regeln funktioniert, die man sich schnellst möglichst aneignen sollte, um das eigene Überleben zu sichern, auch gegen alle Sprachbarrieren.

Dieses Buch war für mich so besonders eindringlich, weil es mir klargemacht hatte, was ein Mensch ist. Wie er ist, wenn er um sein nacktes Überleben kämpft, falls er kämpft. Menschlichkeit sucht man da vergebens. Und sich überhaupt tief im innern ein Stück Menschlichkeit zu bewahren, ist eine unglaubliche Leistung.

Dieses Buch mag ich ganz besonders empfehlen, es ist nicht nur wieder ein Stück Bericht über den Holocaust, es geht weit darüber hinaus. Und das ist auch der Tatsache zu verdanken, dass Levi ein sehr guter Schriftsteller ist bzw. war. Der über die Worte verfügte, die einem klar werden lassen, was vorher eher zwischen den Zeilen zu lesen war.


Offline orzifar

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Re:Primo Levi: Ist das ein Mensch?
« Reply #5 on: 21. Oktober 2010, 14.57 Uhr »
Hallo!

Auf nur 200 Seiten findet sich eine Darstellung, die konzis das Erlebte wiederspiegelt, die sich sämtlicher Moralisierungen enthält, nur berichtet, ohne Pathos, das nackte Innenleben eines KZ-Insassen. Das Buch liefert keine Erklärung für das Verhalten der anderen Seite, es zeigt nur, wie man das von außen als unvorstellbar Anzusehende zu überleben imstande ist, wie man von Tag zu Tag dahinvegetiert, wie sich ein Mensch in solchen Extremsituationen durch den Automatismus des Lebenswillens von Minute zu Minute hinschleppt. Immer wieder erwähnt Levi die größte Gefahr, die Gefahr des Nachdenkens über die eigene Situation, des Denkens an die anderen, Daheimgebliebenen, an die ermordeten Frauen und Kinder, an die eigene, fast unwirkliche Vergangenheit. Nirgends Hasstiraden, nur fast erstauntes Bemerken, wozu Menschen fähig sind, sowohl die Täter als auch die Opfer.

Die Tragik des Buches ist das Leben Levis und dessen Ende, dass er mit Jean Amery oder Paul Celan teilte. Levi galt als einer der ganz wenigen, die sich "freigeschrieben" zu haben schienen, aber über 40 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz haben seine Peiniger doch noch eine Art von "Sieg" errungen: Das "Überlebenssyndrom" holte auch ihn ein, er stürzte sich in Turin zu Tode.

Levi aber hat nicht bloß einen der vielen Überlebendenberichte geschrieben, er ist auch einer der ganz großen seines Fachs. Seine schriftstellerischen Qualitäten sind außergewöhnlich (nicht nur in jenen Büchern, die sich auf die KZ-Vergangenheit beziehen, zu erwähnen wäre etwa der "Ringschlüssel"). Oft gibt und gab es eine (verständliche) Art von Beißhemmung gegenüber solchen Werken: Denn nicht jedem KZ-Insassen war auch die Fähigkeit des Schreibens gegeben. Bei Levi sind solche Bedenken irrelevant: Er gehört m. E. zu den besten Autoren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dem man ohne die  geringsten Bedenken hätte den Nobelpreis verleihen können (oder müssen).

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline orzifar

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Re:Primo Levi: Ist das ein Mensch?
« Reply #6 on: 21. Oktober 2010, 15.15 Uhr »
hast Du von Primo Levi auch seines letztes Buch, Die Untergegangenen und die Geretteten, das 1986 ein halbes Jahr vor seinem Tod erschienen ist, gelesen? Ich kann das Buch Dir empfehlen.

Wiewohl die Empfehlung an mombour gerichtet war bin ich so frei, sie auch für meine Zwecke zu verwenden ;).

Hier kannst Du eine ausführliche Darstellung der Themen finden. Aber ich glaube, Du kennst schon das Buch.

Der Link führt ins Nirvana. Wenns mit dem Einfügen nicht klappt, dann einfach die Url reinkopieren. Wenn du den Link noch irgendwo hast.

lg

orzifar
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Offline wanderer

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Re:Primo Levi: Ist das ein Mensch?
« Reply #7 on: 21. Oktober 2010, 18.33 Uhr »
Hallo Orzifar!


Leider den alte Link habe ich nicht mehr.

Hier unter ein andere Link:

höffentlich er verschind nicht in Nirvana

Beste grüße und gute Lektüre.
wandere