Hallo,
Als Mitglied einer Partisanengruppe und weil er Jude war, wurde Primo Levi am 13. Dezember 1943 von der faschistischen Miliz festgenommen. Er kam
„nach Fossoli bei Modena, wo ... Menschengattungen zusammengezogen wurden, die der neukonstituierten faschistisch-republikanischen Regierung nicht genehm waren.“ Am 21. Februar 1944 erfuhr man, dass tags darauf alle Juden fortkommen würden, man müsse sich auf eine vierzehntägige Zugfahrt einrichten. Von polnischen und kroatischen Flüchtlingen erfuhr man, was solch eine Zugfahrt bedeutete. In der Nacht nahm jeder Abschied vom Leben. Keiner der Wachen
„traute sich anzusehen, was Menschen tun, die wissen, daß sie zu sterben haben.“Wie meuchlings traf uns das Morgengrauen; als verbündete sich die neue Sonne mit den Menschen im Vorsatz, uns auszurotten.
Und dann die Entmenschlichung beim Appell: „Wieviel Stück?“....sechshundertfünfzig „Stück“. Im Lager Buna (Auschwitz III Monowitz) wird aus Primo Levi Häftling174517; das tätowierte Mal fürs Leben eingebrannt. Brot und Suppe bekommt man nur, wenn man die Nummer vorzeigt.
Im Vernichtungslager entwickeln sich Überlebensstrategien, wie sie sich warscheinlich nur hinter solch furchbarem Stacheldraht entwickeln können. Da lassen sich Häftlinge Goldkronen herausnehmen und verkaufen sie in Buna für Brot oder Tabak. Eine brenzlige Sache, da alles Gold im Lager Lagereigentum ist. Das Gold in den Zähnen gehört der SS, sei es von den Lebenden oder von den Toten. Andere verkaufen ihr Hemd, welches ebenso dem Lager gehört.Wenn der Kapo merkt, dass jemand kein Hemd hat, gibt es eine Befragung. Das Hemd habe man im Waschraum verloren, heißt es dann und damit kommt man durch, obwohl jeder weiß, dass sie es aus Hunger verkauft haben. Vom Kapo kassieren sie eine Tracht Prügel und bekommen ein neues Hemd zugeteilt, mit dem man wieder ein Tauschgeschäft tätigen kann. Pfleger des Krankenbaus bringen
„Kleidung und Schuhe der Toten oder der nackt nach Birkenau geschafften Selektionierten wieder billig in den Handel.“ Die Pfleger machen auch große Geschäfte aus dem Handel mit Löffel. Jeder Neuankömmling bekommt keinen Löffel, obwohl die Suppe nur mit solchem Besteck gegessen werden kann. Häftlinge, Schlosser und Blechschmiede, stellen nebenher im Buna-Werk heimlich Löffel her, die dann an Neuankömmlinge des Krankenbaus verkauft werden (ein Löffel kostet eine halbe Brotration ein Löffelmesser eine dreiviertel Brotration). Wenn die Genesenen aus dem Krankenbau entlassen werden, wird ihnen der Löffel wieder abgenommen und in den Verkauf gestellt.
Der Diebstahl in Buna wird von der zivilen Direktion geahndet, aber von der SS autorisiert und begünstigt; der Diebstahl im Lager wird von der SS streng bestraft, aber von den Zivilisten als gewöhnlicher Tauschakt betrachtet.....
Was ist im Stacheldraht von menschlicher Moral übriggeblieben, da Unterscheidungen zwischen gut und böse zerfließen? Hier existieren ganz andere Gesetze, als in der Welt da draußen. Das Leben im Vernichtungslager war eine Auflösung jedweger Vorstellung menschlicher Gesellschaftsnorm, und das besondere an Primo Levis Bericht ist, dass er sich mit der Sozialisation des Lagers beschäftigt.
Hier wird der Kampf um das Überleben ohne Erbarmen geführt, denn jeder ist verzweifelt und grausam allein.
Überleben kann nur, wer
„Organisator, Kombinator, Prominenter“ wird.
„Durch Intrigen und verbissenen Kampf“ gelang es einigen Juden „Prominente“ zu werden, d.h., sie wurden Lagerfunktionäre (Kapos, Köche, Pfleger, Nachtwächter usw.).
Sie sind das typische Ergebnis der Struktur des deutschen Lagers: Man biete einigen Individuen, die ein Sklavendasein führen, eine privilegierte Stellung, gewisse Annehmlichkeiten und die Aussicht zu überleben, man fordere dafür dem Verrat an der natürlichen Solidarität mit ihren Kameraden, und einer von ihnen wird sich gewiß dazu bereitfinden. Er wird dem allgemeinen Gesetz nicht mehr unterstehen und unantastbar werden; darum wird er um so gehässiger und gehaßter sein, je mehr Macht er erhält...
In
„Die Atempause“ (Primo Levis Bericht über seine neunmonatige Odyssee von Auschwitz nach Turin) erzählt Levi von einem ehemaligen Kapo:
Wenn es im Kinderblock Selektionen stattfanden, war er es, der aussuchte. Empfand er keine Reue? Nein, warum sollte er? Gab es denn eine andere Art zu überleben?
Dem Tod geweiht sind meistens die, die sich an die Lagerdiziplin halten, alles machen was befohlen, nur ihre Ration essen, die für sie bestimmt sind. Das hält nur in Ausnahmefällen jemand länger als drei Monate aus, so Levi.
Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Präzision und Sachlichkeit Primo Levi vom Vernichtungslager spricht, ohne Zorn und Eifer, er, der diese Barbarei erleben musste, .
Lächerlich sind wir, abstoßend. Montags sind unsere Schädel kahl, samstag sind sie mit kurzem, dunkelbraunem Flaum bedeckt. Wir haben aufgequollene, gelbe Gesichter...wir haben lange knotige Hälse wie gerupfte Hühner.
Liebe Grüße
mombour