Author Topic: Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?  (Read 10970 times)

Offline Dostoevskij

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Moin, Moin!

Bei Hesse (und Dostojewski - mit Abstrichen) kann ich die Faszination nach Abschluss der Adoleszenzphase kaum bzw. gar nicht verstehen. Das ist spezifische Jugendliteratur, das hat (etwa der Steppenwolf) etwas Renitentes, Anarchisches oder aber man findet sich in Narziss und Goldmund (oder dem Glasperlenspiel) wieder, weil man von dieser vergeistigten Welt fasziniert ist, Bücher liebt. Paradigmatisch etwa der "Traktat" im Steppenwolf: Einsamkeitsattitüde, in der sich viele Heranwachsende wiedererkennen - aber wenn man das später liest, hat man doch nur den Eindruck einer Peinlichkeit.

Möglicherweise ist das bei mir anders, weil ich Hesse als über 20-Jähriger entdeckt habe. Ich mag die, wenns um Hesse geht, meist zuerst genannten Prosawerke wie Demian und Steppenwolf weniger. Die Zweitklektüre des letzten ließe mich so schulterzuckend zurück, wie du es als Normalfall für den annimmt, der Jugendlektüren noch mal vorzerrt. Ich lernte Hesse zurerst durch sein Leben kennen - und er war ja einer der größten Briefeschreiber des 20. Jahrhunderts -, durch die mehr oder weniger autobiografischen Schriften, die bibliomanen. Hier entwickelt er auch den Humor, der in seinen Prosawerken vermißt wird. Dadurch daß er in seinen Erzählungen die Kindheit so herausstellt und thematisiert, könnte er u.U. für älter Werdende wieder interessant werden, die sich den Blick zurück wieder gönnen. Und wie Nachgeborenen & Friedenskinder dürfens zumeist tun und eine vergangene Welt entdecken, wie auch Hesse sie entdeckte. Nämlich einfach durch die Zeit, die verging, die Dinge, die sich veränderten, ein Kontrastprogramm zu heute. Komischerweise werde ich bei Hesse nie satt, auch wenn in seinen Töpfen Themen köcheln, die man sich bis zum Überdruß zu Gemüte geführt hat. Bei mir nicht. Bei mir ist die Frage 'Warum lebe ich heute eigentlich noch, während doch rings um mich alles zu beschissen ist?' Tag für Tag von neuem der Renner.
« Last Edit: 16. Juli 2009, 18.25 Uhr by Dostoevskij »
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Offline Dostoevskij

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ebenso teilen wie das Vergnügen an Rosendorfer.

EH preist uns als 'Buch der Woche' einen neuen Roman von Rosendorfer an.
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Offline orzifar

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Hallo Dostoewskij,

nochmals ausführlicher, auch um dem Verdacht einer bloß arrogant-erhabenen Hesseverurteilung vorzubeugen.

Möglicherweise ist das bei mir anders, weil ich Hesse als über 20-Jähriger entdeckt habe. Ich mag die, wenns um Hesse geht, meist zuerst genannten Prosawerke wie Demian und Steppenwolf weniger. Die Zweitklektüre des letzten ließe mich so schulterzuckend zurück, wie du es als Normalfall für den annimmt, der Jugendlektüren noch mal vorzerrt.

Aber seine anderen Bücher sind den erwähnten doch auch sehr ähnlich, ob nun Narziss und Goldmund, Glasperlenspiel, Siddharta, Unterm Rad, Peter Camenzind - oder auch die kürzeren Erzählungen wie "Klein und Wagner" oder der "Klingsor". Die skizzierten Lebensläufe pendeln zwischen vergeistigter Kontemplation und mehr-weniger exzessiven Ausschweifungen. Und es sind diese beiden Pole, zwischen denen ein Heranwachsender schwankt, erwachende Sexualität, Lebenshunger und - weil mit den ersten entsprechenden Erfahrungen Enttäuschungen, Trauer etc. auf dem Fuß folgen - das Zurückziehen, das (demonstrative) Entsagen, altkluge Attitüden, eine pubertäre Weltverachtung mit asketischem Touch (wobei der Grund für diese Haltung einzig darin liegt, dass Silvia, Eva, Doris oder Andrea sich unverständlicherweise mit Peter, Paul, Max oder Moritz - und nicht mit dem schwer Trauernden eingelassen haben). Diese Reaktionen sind verständlich und ich möchte sie keineswegs lächerlich machen, mein eigenes jugendliches Leiden war beträchtlich, noch schwerwiegender möglicherweise das von mir zugefügte. Aber das gehört wohl zum Prozess der Menschwerdung wie eben - möglicherweise, zumindest bei mir war's so - die Hesselektüre.

Die Enttäuschungen, die Trauer bleiben zumeist, der Umgang damit wird aber in späteren Jahren ein anderer. Mit 30 oder 40 pflegt man Liebeskummer (oder was es immer an emotionalen Widrigkeiten zu bewältigen gilt) nicht mehr mit dem Wunsch nach klösterlicher Kontemplation zu begegnen - oder wenn doch, dann besteht diese Entgegnung in der Durchführung, nicht bloß gedanklichen Ausführung des Plans. Die Strategien zur Bewältigung werden - hoffentlich - weniger plakativ, sie werden einfach realer; das zur Schau gestellte Unglück a la Hesse (das im Grunde doch nur dazu dient, die angebetete Silvia doch noch vom Wert des Bewerbers zu überzeugen) wird aufgegeben zugunsten der Erkenntnis, dass das Gegenüber dieses Spiel durchschauen werde. Wenn das eben nicht der Fall ist und sich Erwachsene wie Pubertierende gerieren, habe ich einfach das Gefühl, dass hier ein Prozess noch auf seinen Abschluss wartet. 

Ich lernte Hesse zurerst durch sein Leben kennen - und er war ja einer der größten Briefeschreiber des 20. Jahrhunderts -, durch die mehr oder weniger autobiografischen Schriften, die bibliomanen. Hier entwickelt er auch den Humor, der in seinen Prosawerken vermißt wird. Dadurch daß er in seinen Erzählungen die Kindheit so herausstellt und thematisiert, könnte er u.U. für älter Werdende wieder interessant werden, die sich den Blick zurück wieder gönnen. Und wie Nachgeborenen & Friedenskinder dürfens zumeist tun und eine vergangene Welt entdecken, wie auch Hesse sie entdeckte. Nämlich einfach durch die Zeit, die verging, die Dinge, die sich veränderten, ein Kontrastprogramm zu heute. Komischerweise werde ich bei Hesse nie satt, auch wenn in seinen Töpfen Themen köcheln, die man sich bis zum Überdruß zu Gemüte geführt hat. Bei mir nicht. Bei mir ist die Frage 'Warum lebe ich heute eigentlich noch, während doch rings um mich alles zu beschissen ist?' Tag für Tag von neuem der Renner.

Die Frage ist das eine, das andere die Antwort, die Hesse darauf gibt oder geben kann. "Jeder normale Mensch hat schon an Selbstmord gedacht" heißt's bei Camus und das würde ich durchaus unterschreiben. Aber Hesse kann ich heute zu diesem meinem Seinsproblem nicht mehr befragen - bzw. finde ich die Antworten, die er in seinen Büchern präsentiert, ähnlich aufschlussreich wie eine Plakataktion zum Jugendkatholikentag. Oder wie ich auch Coelhos Erbauungsschrifttum wenig erbauend finde (obschon ein Vergleich der beiden nicht wirklich statthaft ist). 

Als Jugendlicher spielt man gerne ein frivoles Spiel mit dem Morbiden, später wird aus diesem Spiel eigenartiger Ernst und spätestens nachdem eigene Freunde und Bekannte sterben und man in diesem Sterben nur noch das Grausame, Traurige sieht und so ganz und gar nichts Romantisches, vergeht einem dieses Kokettieren. (Ganz ähnlich ist es mit dem verklärenden Verrücktsein: Solche Verrückten oder im Verrücktsein Begriffenen sind einzig in der Literatur als exotisches, interessantes Akzidens brauchbar. In der Realität ist derlei entwürdigend, erniedrigend, es sind zittrige, trippelnde Medikamentwracks in psychiatrischen Kliniken, von der Glorie "Genie und Wahnsinn" mitnichten umgeben.)

Liebe Grüße

orzifar
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