Author Topic: Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten  (Read 3835 times)

Offline sandhofer

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Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten
« on: 19. Dezember 2011, 20.53 Uhr »
Hallo zusammen!

Nun wieder ein Schub Freud. "Der Witz ..." - ich erinnere mich gut, wie ich dieses Werk zum ersten Mal gelesen habe, in Zusammenhang mit einer Vorlesung über das Komische. Schon damals fand ich zwar die von Freud erzählten Witze nicht über, verblüffend anti-semitisch ebenfalls. Aber: Freud gelingt m.M.n. weder die im Titel versprochene Anbindung ans Unbewusste noch überhaupt eine stringente und brauchbare Theorie des Witzes oder des Komischen. Das liegt wohl zum Teil daran, dass er die Aussagen der Witzfiguren analysiert, als wären sie lebende Wesen, während sie doch in Tat und Wahrheit der Exemplifizierung von gewissen (in Freuds Beispielen: meist als "typisch jüdisch [ostjüdisch]") Geisteshaltungen dienen sollen. So kommen wir nirgends hin, Herr Freud ...

Grüsse

sandhofer
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Offline Gontscharow

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Re: Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten
« Reply #1 on: 19. Dezember 2011, 22.38 Uhr »

Doch ;). Zumindest für sein Sujet, dafür dass er überhaupt nach so etwas wie einem Zusammenhang zwischen einem  banalen Alltagsphänomen und der Seele sucht, gebührt ihm Anerkennung … Nichts ist zu gering … Wo gab es das vorher? Er hat den Weg gebahnt. Ohne Freuds Pionierarbeiten sind all die Levi-Strauss’, Roland Barthes, Watzlawicks und  wer uns sonst durch scharfsinnige Alltagsbeobachtungen erfreut hat, undenkbar.

Offline sandhofer

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Re: Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten
« Reply #2 on: 20. Dezember 2011, 07.50 Uhr »
Doch ;). Zumindest für sein Sujet, [...]

Hm ... mag sein. Doch sein Sujet interessierte mich damals nicht, interessiert mich auch heute nicht. Jedenfalls nicht im Zusammenhang mit den Phänomen "Witz", bzw. "Komik". Und das Phänomen "Witz" konnte Freud nicht erklären. (Konnte Vischer nicht, konnte Bergson nicht. Konnte nicht einmal der grosse Jean Paul. Der allerdings noch am ehesten.) Freud konnte einen Witz nicht einmal richtig verstehen ...  ::)
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Offline Gontscharow

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Re: Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten
« Reply #3 on: 20. Dezember 2011, 12.09 Uhr »

Doch sein Sujet interessierte mich damals nicht, interessiert mich auch heute nicht.

Hm.. Dann wird’s allerdings schwierig mit einer Einschätzung, die dem Text gerecht wird. ;)
Es geht Freud ja nicht um „Komik“ an sich, um eine  Wesensbestimmung des Komischen, sondern um die gesellschaftlich legitimierte Spielwiese namens Witz, auf der Witze-Erzähler wie –goutierer quasi gesellschaftlich ungestraft Tabubruch begehen düfen und im Lachen so etwas wie Triebabfuhr und Angstabbau erfahren. Es geht ihm um die Funktion des Witzes für die Psyche. So jedenfalls habe ich ihn annodazumal verstanden und das hat mir in jungen Jahren dankenswerterweise geholfen, schenkelklopfende männliche Kollegen müde lächelnd  zu ertragen. Wie so vieles bei Freud ist das natürlich schon längst Allgemeingut. Kaum etwas entlarvt jemanden sosehr wie das, worüber er Witze macht. Diese „Denke“ verdanken wir Freud.

Freud konnte einen Witz nicht einmal richtig verstehen ...  ::)

   ??? Beispiel?
Kaum etwas ist so von den gesellschaftlichen und kulturellen Konventionen abhängig und damit der Zeit und dem jeweiligen Kulturkreis unterworfen wie der Witz. Besonders deutlich wurde mir das mal beim Anschauen eines frühen „Kulturfilms“ aus Pionierzeiten des Dokumentarfilms über Samoa, glaube ich. Da wurden Einwohner gezeigt, die sich offensichtlich so etwas wie einen Witz erzählten, was an der der Erzählung folgenden Lachsalve zu erkennen war. Aus der peinlich genauen Übersetzung in denUntertiteln war aber für uns Mitteleuropäer in gar keiner Weise zu erkennen, was die Menschen an dem Erzählten zum Lachen fanden. Um das zu verstehen hätte man wahrscheinlich erstmal tief in die dortigen und damaligen kulturellen Zusammenhänge eintauchen müssen. Keine Gesichtsbemalung und keine seltsame Hüttenarchitektur vermittelte so das Gefühl des Fremdseins wie dieses gänzliche Unverständnis für die Heiterkeit der Samoaner…

Offline sandhofer

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Re: Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten
« Reply #4 on: 20. Dezember 2011, 13.01 Uhr »
Es geht Freud ja nicht um „Komik“ an sich, um eine  Wesensbestimmung des Komischen, sondern um die gesellschaftlich legitimierte Spielwiese namens Witz, auf der Witze-Erzähler wie –goutierer quasi gesellschaftlich ungestraft Tabubruch begehen düfen und im Lachen so etwas wie Triebabfuhr und Angstabbau erfahren.

Ja. Das löst mir aber zwei Fragen nicht:

a) Warum reisst der eine für Triebabfuhr und Angstabbau einen Witz und der andere schreibt einen Roman?
b) Und wichtiger: Wenn Triebabfuhr und Angstabbau die wesentlichen Elemente sind, was ist dann der Unterschied zwischen einem Witz und - sagen wir - "Werthers Leiden"?

Freud konnte einen Witz nicht einmal richtig verstehen ...  ::)

   ??? Beispiel?

Seine Analyse der Schadchen-Witze. Er behandelt die handelnden Personen, als ob sie seine Patienten wären. D.h., er geht davon aus, dass ein Schadchen im Ernst negative Eigenschaften der zu verkuppelnden Braut ausplaudern würde, und dazu noch in der Form, wie das im Witz geschieht. Freud übersieht völlig die Artifizialität der Situation, ja den sprachlich-artifizellen Aufbau eines Witzes bis hin zur Pointe. Für ihn ist es erzählte Realität.
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Offline sandhofer

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Re: Sigmund Freud: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten
« Reply #5 on: 20. Dezember 2011, 15.37 Uhr »
a) Warum reisst der eine für Triebabfuhr und Angstabbau einen Witz und der andere schreibt einen Roman?

Na gut - die Frage ist zu blöd. Ich ziehe sie zurück ...
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