Author Topic: Mark Twain: Tom Sawyer  (Read 4535 times)

Offline sandhofer

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Mark Twain: Tom Sawyer
« on: 11. September 2011, 17.09 Uhr »
Hallo zusammen!

Mit Mark Twain - und dann vor allem wiederum mit Tom Sawyer - sind die USA in der sog. Weltliteratur angekommen. Twain ist es gelungen, einen ganz eigenen Ton zu finden, kolloquial, wo nötig, ohne derb oder obzön zu werden. Tom Sawyer verlebt seine Kindheit in einer Kleinstadt am Ufer des Missouri, zu einer Zeit, wo jemand, der aus dem 20 km entfernten Nachbarstädtchen zuwanderte, schon als weitgereist galt. Tom ist seit Jahrzehnten das Sinnbild des Streiche spielenden Lausbuben, ein amerikanischer Max und Moritz in Personalunion, ohne die latente Bösartigkeit der Busch'schen Gestalten. Wir erhalten Einblick in eine amerikanische Kindheit um 1830, in die Spiele, in die Gedankenwelt jener Zeit. Aberglaube, Bibel- und anderes Halbwissen bestimmen den Alltag der Kinder. Auch wenn wohl jedem von uns aus irgendeiner Verfilmung die Szene im Gedächtnis haften geblieben ist, wo Tom durch seine Schlauheit aus einer ungeliebten Strafaufgabe - dem Streichen des Zauns rund um das Haus der Tante - eine Aufgabe macht, um deren Erledigung sich alle seine Kameraden reissen und wo er sogar dafür bezahlt wird, dass diese sie für ihn erledigen dürfen: Toms Welt ist nicht heiter und sorglos. Nachts ängstigen ihn Träume und Geräusche, er und Huckleberry Finn werden Zeugen eines Mordes und laufen seither in der Angst herum, vom Indianer Joe, dem Mörder, ebenfalls aus dem Weg geräumt zu werden.

Ein Jugendbuch vielleicht, aber kein Heile-Welt-Buch. Also auch für Erwachsene geeignet. Ich lese die 2010 bei Hanser erschienene Neuübersetzung von Andreas Nohl. Empfehlenswert. (Von der Aufmachung her - Dünndruckpapier! - allerdings ein Buch, wie es Tom Sawyer in seinen kühnsten Träumen sich nicht vorstellen könnte, und das wohl auch weniger auf die Jugend als Lesepublikum abzielt.)

Grüsse

sandhofer
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Offline mombour

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Re: Mark Twain: Tom Sawyer
« Reply #1 on: 11. September 2011, 18.33 Uhr »
Ein Jugendbuch vielleicht, aber kein Heile-Welt-Buch. Also auch für Erwachsene geeignet.


Im letztem Jahr wurde Tom Sawyer/ Huckleberry Finn im Literaturclub vorgestellt. Dort wurde gesagt, der Tom Sawyer zähle noch zur Jugendliteratur, während der Huckleberry Finn (aus div. Gründen) zur großen amerikanischen Literatur zählt. Kann man das sagen? Kennst du den Huckleberry Finn?
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Tom Sawyer
« Reply #2 on: 11. September 2011, 20.11 Uhr »
Im letztem Jahr wurde Tom Sawyer/ Huckleberry Finn im Literaturclub vorgestellt. Dort wurde gesagt, der Tom Sawyer zähle noch zur Jugendliteratur, während der Huckleberry Finn (aus div. Gründen) zur großen amerikanischen Literatur zählt. Kann man das sagen? Kennst du den Huckleberry Finn?

Ich kenne beide Bücher, habe sie - allerdings schon vor Jahren und in einer andern Übersetzung - schon einmal gelesen. Ich vermute, dass die Vorstellung anlässlich des Erscheinens der von mir jetzt gelesenen Übersetzung stattfand. Ich würde Tom Sawyer nicht als reine Jugendliteratur bezeichnen; Jugendliteratur allenfalls im Sinne, wie vieles von Karl May auch für die Jugend geeignet oder gar ursprünglich geschrieben war. Wobei im Gegensatz zu Karl May die "Helden" bei Mark Twain durchaus Schiss haben, hinterlistig agieren können - auch wenn im entscheidenden Moment das gute Herz durchbricht. Auch technisch ist Mark Twain dem Sachsen natürlich überlegen und geht über ein reines Jugendbuch hinaus: Tom Sawyer weist z.B. eine bewusst repetitive Erzählstruktur auf, die über ein Jugendbuch hinausweist und im Grunde genommen nur von einem erwachsenen, erfahrenen Leser goutiert werden kann. Ausserdem könnte der Nachname von einer Figur aus Dickens' Pickwick Papers übernommen worden sein - ein "Insiderwitz", den ein junger Leser kaum nachvollziehen kann.

Huckleberry Finn ist sicher vom Stil, von der Thematik her noch "erwachsener". Aber ich werde ihn erst noch lesen, im Anschluss an den Tom Sawyer. Und dann hier berichten.
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Offline sandhofer

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Re: Mark Twain: Tom Sawyer
« Reply #3 on: 13. September 2011, 20.19 Uhr »
Sodele - fertig mittlerweile. Es ist natürlich ein Jugendbuch, auch wenn Twain das eine oder andere Zuckerl für die erwachsenen Leser deponiert hat. Gerade realistisch genug, um einem Erwachsenen nicht zu missfallen, abenteuerlich und mit einem märchenhaften Ende, das auch Jugendliche befriedigen wird. Es gibt Gewalt, aber es wird weder geflucht noch gef...t. Geraucht wird, auch von Jugendlichen. Nebenbei, die Frage: Wie als sind Tom Sawyer und Huckleberry Finn? 8? 12? Sie scheinen ganz merkwürdig zu oszillieren.

Alles in allem habe ich die Lektüre nicht bereut und ich kann die neue Übersetzung nur empfehlen.  :hi:
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Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Tom Sawyer
« Reply #4 on: 14. September 2011, 00.25 Uhr »
Ich muss zu meinem grenzenlosen Erschrecken feststellen: Kein Tom Sawyer im Haus. Kaum zu glauben ...

lg

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Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Tom Sawyer
« Reply #5 on: 19. September 2011, 15.31 Uhr »
Doch noch was gefunden. Allerdings ein Taschenbuch, 190 Seiten, relativ klein gedruckt und ohne Hinweis darauf, ob es sich nicht um eine gekürzte Version handelt. Könnte es sich ausgehen, dass auf diesen wenigen Seiten sich eine ungekürzte Ausgabe befindet? Wieviele Seiten hat deine Ausgabe, sandhofer?

lg

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Offline Sir Thomas

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Re: Mark Twain: Tom Sawyer
« Reply #6 on: 19. September 2011, 15.49 Uhr »
... ein Taschenbuch, 190 Seiten, relativ klein gedruckt und ohne Hinweis darauf, ob es sich nicht um eine gekürzte Version handelt. Könnte es sich ausgehen, dass auf diesen wenigen Seiten sich eine ungekürzte Ausgabe befindet?

Ein "durchschnittlicher" Tom Sawyer hat 300 Seiten. Wahrscheinlich kann man mit kleiner Typographie und geringstem Zeilenabstand auch auf 190 Seiten ohne Kürzungen kommen. Garantieren kann ich Dir das allerdings nicht ...

LG

Tom 

Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Tom Sawyer
« Reply #7 on: 19. September 2011, 16.27 Uhr »
Danke für die Antwort. Ich habe diese Ausgabe vom J & H - Verlag, Bildchen vorn drauf, Bildchen hinten, der Titel in einem barocken, roten Plüschetikett, ein Verlag, der berühmte Jugendbücher (oder solche, die es sein sollen) verlegt (Onkel Toms Hütte, Die drei Musketiere, Robinson Crusoe). Werd mal auf die Bibliothek gehen und mit einem Exemplar vergleichen. Die Ausgaben auf Amazon haben alle etwa 250 Seiten, da könnte es schon hinkommen (und das alles wegen meines Horrors vor gekürzten Ausgaben, bei Tolstoi ist mir so etwas mal passiert).

lg

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Offline orzifar

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Re: Mark Twain: Tom Sawyer
« Reply #8 on: 28. Oktober 2011, 15.10 Uhr »
Hallo!

Angeregt durch Sandhofer kommt nun Mark Twain zu Ehren. Und als erstes natürlich Tom Sawyer.

Ein Jugendbuch? - vielleicht, aber ganz sicher nicht nur. Ein Buch der Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach dem früher, das immer die Jugend ist und die aus einem gewissen Abstand verklärt erscheint. Twain kann wunderbar erzählen, von den kleinen Eitelkeiten, verwegenen Träumen der Heranwachsenden, immer grundiert von einer gewissen Traurigkeit, Ernsthaftigkeit, die sich auch im Leben der Jungen schon widerspiegelt. Das Verklärend-Schöne dieses Zustandes ist die Unbedenklichkeit der Jugend bzw. Kindheit, nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt wird wohl auch der Schmerz im Augenblick intensiver empfunden, er aber verschwindet auch umso schneller und macht einer Hoffnung Platz, die in dieser Form das Privileg des noch nicht Erwachsenen ist. Wobei - was die Eitelkeiten und Träume anlangt, vor allem jene zauberischer Natur, sich viele auch in späterer Zeit noch diesen Wunderlichkeiten hingeben. Die unzähligen Stellen abergläubischer Natur haben ihre Entsprechungen auch im 21. Jahrhundert (Tante Polly ist angeblich der Mutter Twains nachgebildet, die sich mit Vergnügen mit Quacksalbern und Wunderheilern umgab - auch dies aktuell).

Der Verlust von Natürlichkeit, den Twain beklagt, einem Leben in Natur, Ursprünglichkeit ist mutatis mutandis in jeder Generation feststellbar. Wenn ich einen meiner seltenen Besuche in meiner Heimatstadt mache, sind die Änderungen im Leben der Kinder ebenso offenkundig: Dort, wo wir Schlitten- oder Tretrollerfahrten organisierten, ist heute eine asphaltierte Straße, zugeparkt mit unzähligen Autos, nirgendwo ein Kind (sie könnten auch nirgends spielen). Der angrenzende Wald ist erhalten geblieben, ein besonders schöner, romantischer Mischwald: Aber  keine Kinder, auf meine Nachfrage, ob hier noch gespielt würde, ein klares "nein". Man spielt zu Hause, auf speziellen Spielplätzen, unter Aufsicht. Gerade dieser Wald war für mich der Inbegriff von Freiheit, Glück: Dort dem Zugriff eines nicht gerade freundlichen Elternhauses entzogen waren meine Träume denen von Tom, Joe und Huck sehr änlich, mangels eines größeren Flusses (von Schluchten und Kalksteinhöhlen hinreichend ersetzt) wurden einzig der Twainsche Pirat durch seine an Land gebliebenen Entsprechungen ersetzt.

lg

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