Hallo!
Angeregt durch Sandhofer kommt nun Mark Twain zu Ehren. Und als erstes natürlich Tom Sawyer.
Ein Jugendbuch? - vielleicht, aber ganz sicher nicht nur. Ein Buch der Sehnsucht nach einer besseren Welt, nach dem früher, das immer die Jugend ist und die aus einem gewissen Abstand verklärt erscheint. Twain kann wunderbar erzählen, von den kleinen Eitelkeiten, verwegenen Träumen der Heranwachsenden, immer grundiert von einer gewissen Traurigkeit, Ernsthaftigkeit, die sich auch im Leben der Jungen schon widerspiegelt. Das Verklärend-Schöne dieses Zustandes ist die Unbedenklichkeit der Jugend bzw. Kindheit, nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt wird wohl auch der Schmerz im Augenblick intensiver empfunden, er aber verschwindet auch umso schneller und macht einer Hoffnung Platz, die in dieser Form das Privileg des noch nicht Erwachsenen ist. Wobei - was die Eitelkeiten und Träume anlangt, vor allem jene zauberischer Natur, sich viele auch in späterer Zeit noch diesen Wunderlichkeiten hingeben. Die unzähligen Stellen abergläubischer Natur haben ihre Entsprechungen auch im 21. Jahrhundert (Tante Polly ist angeblich der Mutter Twains nachgebildet, die sich mit Vergnügen mit Quacksalbern und Wunderheilern umgab - auch dies aktuell).
Der Verlust von Natürlichkeit, den Twain beklagt, einem Leben in Natur, Ursprünglichkeit ist mutatis mutandis in jeder Generation feststellbar. Wenn ich einen meiner seltenen Besuche in meiner Heimatstadt mache, sind die Änderungen im Leben der Kinder ebenso offenkundig: Dort, wo wir Schlitten- oder Tretrollerfahrten organisierten, ist heute eine asphaltierte Straße, zugeparkt mit unzähligen Autos, nirgendwo ein Kind (sie könnten auch nirgends spielen). Der angrenzende Wald ist erhalten geblieben, ein besonders schöner, romantischer Mischwald: Aber keine Kinder, auf meine Nachfrage, ob hier noch gespielt würde, ein klares "nein". Man spielt zu Hause, auf speziellen Spielplätzen, unter Aufsicht. Gerade dieser Wald war für mich der Inbegriff von Freiheit, Glück: Dort dem Zugriff eines nicht gerade freundlichen Elternhauses entzogen waren meine Träume denen von Tom, Joe und Huck sehr änlich, mangels eines größeren Flusses (von Schluchten und Kalksteinhöhlen hinreichend ersetzt) wurden einzig der Twainsche Pirat durch seine an Land gebliebenen Entsprechungen ersetzt.
lg
orzifar