Hallo Anna!
Anm.: Ich schreibe ja selten, aber wenn, dann lang.
Und so trefflich!
Es ist die reine Freude deine Ausführungen zu lesen!
Auch wenn ich natürlich einige "Ja, aber" einzuwenden hätte. Zum Beispiel hier:
Was die Darstellung von Sinnlichkeit und Erotik betrifft, macht Nabokov so leicht keiner etwas vor.
Ja, aber manchmal gleitet er eben auch ins Dumpf-Zotige ab:
… mit dem einzigen Erfolg, dass er auf der Willkommen-Matte vergoss, was sie hilfsbereit gern mit ins Haus gebracht hätte
Peinlich auch, wenn von Vans
Zauberstab die Rede ist oder die Mädels im Traum an Maiskolben lutschen. Das ist St. Pauli-Nachrichten-Metaphorik, da merkt man die 6oer (
die Gewagtheiten von gestern, sind die Platitüden von heute)Aber wie du schreibst, man verzeiht ihm Entgleisungen und Ungereimtheiten, weil er so hervorragend schreibt und Atmosphäre und Gefühle evozieren kann, die in einem nachschwingen. Ich glaube übrigens, dass Sebald, in dessen
Ausgewanderten Nabokov als der Schmetterlingsmann herumschwirrt und dem ähnliches gelingt, von ihm gelernt hat.
Auch den arroganten Blick und den Mangel an „Herzenswärme“ nehme ich N. nicht übel. Wo die Natur, das Seiende, pathetisch gesagt, die Schöpfung so mit Liebe bis in feinste Verästelung ihrer Erscheinungen nachgeschaffen, ja mit Worten gefeiert wird, da ist schon Wärme und ein Leuchten, da bedarf es keiner den kritischen Blick auf die Welt ausgleichenden mütterlichen „Herzenswärme“.

Und da ich bis jetzt außer „Ada“ nur noch „Dolores“ und „Pnin“ kenne, habe ich noch einige schöne Nabokov-Erlebnisse vor mir.
Auch mich hat es veranlasst durch Ada nach mehr Nabokov verlangt und ich habe seine frühen Romane
Maschenka - eine in ihrer Melancholie und Leichtigkeit an Joseph Roth erinnernde Erzählung - und die
Gabe gelesen.
Die Gabe ist ein wunderbares Buch. Vom Aufbau her zwar eigenwillig, aber… Z.B. werden Expeditionen ins Innere Asiens beschrieben! Trojanow kann einpacken.
Übrigens gibt es in diesem Forum bereits eine ausführliche lobende Besprechung der
Gabe von Bartlebooth, der hab ich eigentlich nichts hinzuzufügen.
Das wahre Leben des Sebastian Knight, N.s erstes auf enlisch geschriebenes Buch, habe ich angefangen.
Gruß
Gontscharow
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Schließlich werde ich bei jeder Ausweisverlängerung mit schönster Regelmäßigkeit gefragt, ob ich aus der BRD oder aus der DDR komme.
Immer noch?

Ich kenne das. Schon damals sprach aus der an mich gerichteten Frage die tiefe Unkenntnis der Verhältnisse
Vieni dalla Germania di qua (verlegenes Lächeln) o da quella di la? - und da gab es noch eine real existierende DDR !
Die ewige bange Frage eines jeden Lesers. Auch ich gerate langsam in Panik, weil ich zu glauben beginne, dass ich es vor meinem Ableben nicht mehr schaffe, alle Bücher zu lesen, die ich noch lesen möchte. Hermann Löns hatte Unrecht: Nicht die ungeküssten Küsse, sondern die ungelesenen Bücher, das ist das bitterste Weh.
Ars lunga, vita brevis! Seit langem schon mein geheimer Kummer.