Author Topic: Schillers Dramen  (Read 9207 times)

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Schillers Dramen
« on: 28. Januar 2013, 01.34 Uhr »
Wie angekündigt werden hier in loser Folge Schillers sämtliche Dramen gelesen:

•    Die Räuber (1781)
•   Kabale und Liebe (1783)
•   Die Verschwörung des Fiesco zu Genua (1784)
•   Don Karlos (1787/88, heute meist Don Carlos)
•   Wallenstein-Trilogie (1799)
•   Maria Stuart (1800)
•   Die Jungfrau von Orléans (1801)
•   Die Braut von Messina (1803)
•   Wilhelm Tell (1803/04)

Kommentare sind willkommen. Auf ausführliche Inhaltsangaben wird verzichtet, die gibt es überall im Netz (Wiki z.B.) oder im Theaterführer.
 
Die Räuber. Schauspiel in fünf Akten
 
Schillers Erstlingswerk habe ich vorher nie gelesen und wahrscheinlich auch nie im Theater gesehen. Trotzdem war mir die Handlung irgendwie bekannt, nicht nur  „Franz heißt die Canaille“ oder „Dem Manne kann geholfen werden“: Ungleiche Brüder, ein guter und ein böser. Franz, am Futtertrog väterlicher Zuneigung zu kurz gekommen und deshalb böse, intrigiert. Der alte Vater, gramgebeugt, lässt sich von ihm täuschen. Karl, der Gute, ebenfalls Opfer der Intrige, meint sich vom Vater verstoßen und wird aus Trotz edler Räuberhauptmann, der ausgleichende Gerechtigkeit auf sein Panier geschrieben hat. Amalia, seine Verlobte, ist trotz widrigster Umstände treu und loyal. Alle sterben am Schluss bis auf Karl, der sich der weltlichen Gerechtigkeit übergibt.
Schubarts Erzählung“Zur Geschichte des menschlichen Herzens“ von 1775 gibt die Anregung zu dem Drama. Seit seinem 18. Lebensjahr hat Schiller das Werk in Arbeit und lässt es 1781 nach seiner  Entlassung aus der Karlsschule im Selbstverlag drucken. Der Intendant des Mannheimer Nationaltheaters Dalberg  regt eine Bühnenbearbeitung an. Die Uraufführung findet am 13. Januar 1782 in Mannheim in Anwesenheit Schillers statt. Schilderung der Zuschauerreaktionen durch einen Anwesenden :
"Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen,geballte Fäuste, stampfende Füße, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Thüre.
Es war eine allgemeine Auflösung wie im Chaos, aus deßen Nebel eine neueSchöpfung hervorbricht!
"
Kein Wunder, bei der Drastik des Dargebotenen, der fast expressionistischen Überzeichnung, den  pathetischen und sarkastischen Tönen und einem Realismus, der auch vor Obszönität nicht halt macht! Die französische  Dramendoktrin mit ihrer Forderung nach Mäßigung und Dezens ist außer Kraft. Shakespeares Macbeth und Hamlet stehen Pate. An den Grenzen der Menschheit wird gerüttelt. Das jünste Gericht, die Apokalypse werden beschworen! -  Kein Zweifel, das Stück trifft den Nerv der Zeit. Von seinem Landesherrn in Haft gesetzt, folgen weitere Aufführungen in anderen deutschen Städten: Hamburg, Leipzig, Berlin. Und das Stück wird schon bald ins Englische und Französische übersetzt. 1792 wird es im Pariser Theatre du Marais aufgeführt, was den Nationalkonvent dazu veranlasst, den Verfasser der revolutionären „Brigands“ zum citoyen francais zu erklären. Ich kann mir gut vorstellen , dass der genialische Sturm+Drang-Held Karl, leidenschaftlich, kühn und  grundgut mit seinen Deklamationen über die Ungerechtigkeiten der Welt und besonders auch über die Heuchelei der Religion die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hingerissen hat. Kostprobe:
"Da donnern sie Sanftmut und Duldung aus ihren Wolken und bringen dem Gott der Liebe Menschenopfer wie einem feuerarmigen Moloch - predigen Liebe des Nächsten… stürmen wider den Geiz und haben Peru um goldner Spangen willen entvölkert und die Heiden wie Zugvieh vor ihre Wagen gespannt…O über euch Pharisäer, euch Falschmünzer der Wahrheit, euch Affen der Gottheit! "
Auch Franz, der Böse, sagt, wenn er nicht gerade in pubertärer Weise rast, viel Wahres und Bedeutendes.
 
Aber gerade das ist es, was auch die Schwäche des Stücks ausmacht: Keine Person wird durch ihre Sprache charakterisiert, alle reden wie Schiller schreibt..., keine ist je sprachlos. Alles wird bis ins Letzte sprachlich ausgeleuchtet…
Auch dass die Dramatik des ganzen Stückes eigentlich nur von der Intrige Franzens angetrieben wird, empfinde ich als Manko. Carl und der Vater - Amalia ahnt ja zum Glück etwas - dürfen gegen jeden gesunden Menschenverstand nichts merken, was sie leichtgläubig und leicht dämlich aussehen lässt…
Aber Schiller hat das in seiner exzellenten „Selbstbesprechung im "Wirtembergischen Repertorium" von 1782 ja selbst bemerkt:
Schlechter bin ich mit dem Vater zufrieden. Er soll zärtlich und schwach sein, und ist klagend und kindisch. Man sieht es schon daraus, daß er die Erfindungen Franzens, die an sich plump und vermessen genug sind, gar zu einfältig glaubt.
Diese Selbstbesprechung ist überaus differenziert und klug, Ein Glücksfall für den Rezipienten seines Erstlings. Eine weitere Kostprobe:
Die Sprache und der Dialog dörften … im ganzen weniger poetisch sein. Hier ist dem Ausdruck lyrisch und episch, dort gar metaphysisch, an einem dritten Ort biblisch, an einem vierten platt. Franz sollte durchaus anders sprechen. Die blumigte Sprache verzeihen wir nur der erhitzten Phantasie, und Franz sollte schlechterdings kalt sein. Das Mädchen hat mir zuviel im Klopstock gelesen. Wenn man es dem Verfasser nicht an den Schönheiten anmerke, daß er sich in seinen Shakespeare vergafft hat, so merkt man es desto gewisser an den Ausschweifungen. Das Erhabene wird durch poetische Verblümung durchaus nie erhabener, aber die Empfindung wird dadurch verdächtiger. Wo der Dichter am wahrsten fühlte und am durchdringendsten bewegte, sprach er wie unser einer.
Im nächsten Drama erwartet man Besserung…


« Last Edit: 31. Januar 2013, 22.51 Uhr by Gontscharow »

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Schillers Dramen
« Reply #1 on: 02. Februar 2013, 23.34 Uhr »

Kabale und Liebe. Ein bürgerliches Trauerspiel in fünf Aufzügen

1782, im Jahr der Uraufführung der Räuber, an der Schiller in Mannheim heimlich und ohne Genehmigung teilgenommen hatte, und des von Karl Eugen daraufhin verhängten Arrests mit Androhung von Schreibverbot  floh Schiller aus dem Machtbereich seines Herzogs zunächst nach Oggersheim und begann dort bei seinem Freund Andreas Streicher mit der Arbeit an „Luise Millerin“, so der ursprüngliche Titel. Im Dezember übersiedelte er auf das Gut der Frau von Wolzogen in Bauerbach, wo er das Werk im Februar 1783 abschloss.
In den Räubern empört man sich gegen die Bedingungen der menschlichen Natur, gegen Gott und die Welt, also recht pauschal und diffus (weshalb es nicht ganz abwegig ist, dass die Räuber in verschiedenen Inszenierungen in unterschiedlichsten Kostümen auftreten - als Rocker, Rotgardisten, Neonazis bis zu hin zu Selbstmordattentätern). In Kabale und Liebe dagegen hat der Protest ein  ganz konkretes Ziel : den Adel , seine moralische Verkommenheit, Standesdünkel und Korruptheit. Schillers Erfahrungen am eigenen Leibe, sowohl was die Fürstenwillkür eines Karl Eugen, als auch was die Liebe zur Adligen Lotte von Wolzogen betrifft, werden hier mit eingeflossen sein. Das Stück ist verortet in der Geschichte: Im 2. Akt, 2.Szene wird berichtet über die Zwangsrekrutierung von Landeskindern, die für die Kolonialmacht England im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg kämpfen mussten und von deren Kopfgeld hier im Stück die Juwelen der Maitresse des Erzherzogs bezahlt werden.(Diese Passage wurde bezeichnenderweise in den Aufführungen lange ausgespart!)
Das Stück demonstriert die scheinbar unüberwindbare Kluft zwischen Adel und Bürgertum anhand einer Liebesbeziehung, die zum Scheitern verurteilt ist, da die Liebenden verschiedenen Ständen angehören.. .Die sechzehnjährige, intelligente und lebenskluge Tochter des Musikus Miller Luise und Ferdinand, Sohn des mächtigen Präsidenten, ein freiheitsliebender Hitzkopf im Stil des Sturm und Drang, lieben sich. Sie erfahren und betrachten die Liebe als "von Gott gestiftet", als ein natürliches Menschenrecht, bei dem Klassenunterschiede keine Rolle spielen. Natürlich sieht ihre Umwelt das ganz anders. Konflikte vorprogrammiert, Dramatik genug, sollte man meinen. Doch auch in diesem Sück gibt es eine haarsträubende Intrige. Ich hasse fingierte Briefe und erpresste Eide als Movens der Handlung. Das Gute hier: nicht nur die platte Bösartigkeit der Intrige, sondern auch bestimmte charakterliche Dispositionen der Personen führen die Katastrophe herbei. Überhaupt ist in diesem Stück die Personenzeichnung um einiges feiner. Musikus Miller ist, halten zu Gnaden,  in  seinem polternden und pfiffigen Bürgerstolz eine fast witzige Figur!
Dieses ist das zweite Theaterstück von Schiller, das ich seit langer Zeit lese. Und ich muss sagen, die vielgescholtene gestelzte und pathetische Sprache  Schillers, vor der es mich ein bisschen grauste, geht runter wie Butter! Sie ist voller Intelligenz und Schönheit. Ja, da ist diese Redundanz, diese rhetorische Aufgeblähtheit…. Fortsetzung folgt

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Schillers Dramen
« Reply #2 on: 11. Februar 2013, 23.23 Uhr »

Fortsetzung  Kabale und Liebe

Es ging zuletzt um Schillers Sprache. Hier ein vergleichsweise unspektakuläres Beispiel für die Art, wie Schiller seine Personen sprechen lässt:
 
Im 5.Aufzug/5.Szene ist Luise allein zu Hause, vorausgegangen ist ein furchtbarer Auftritt des Präsidenten, mit Drohungen und Beleidigungen, und eine Eifersuchtsszene Fedinands. Luise befürchtet, dass ihren Eltern, die immer noch nicht nach Hause gekommen sind, etwas zugestoßen sein könnte. Ihr wird langsam unheimlich. Und nun schleicht im Hintergrund Wurm, der Sekretär des Präsidenten, ins Zimmer…:
Luise:
…Wie wird mir? Warum geht mein Odem so ängstlich?
(Jetzt tritt Wurm in das Zimmer und bleibt im Hintergrund stehen, ohne von ihr bemerkt zu werden)
Es ist nichts Wirkliches - Es ist nichts als das schaudernde Gaukelspiel des erhitzten Geblüts - Hat unsre Seele nur einmal Entsetzen  genug in sich getrunken, so wird das Aug’ in jedem Winkel Gespenster sehn.
5/6:
Wurm ( kommt näher): Guten Abend, Jungfer.
Luise: Gott! Wer spricht da? (Sie dreht sich um, wird den Sekretär gewahr und tritt erschrocken zurück.) Schrecklich! Schrecklich! Meiner ängstlichen Ahndung eilt schon die unglückseligste Erfüllung nach. (Zum Sekretär mit einem Blick voll Verachtung.)…


So spricht und denkt man eigentlich nicht im Moment des Schreckens, schon gar nicht eine Sechzehnjährige. Der sprachliche Ausdruck von Angst und Schrecken sind Interjektionen …Höchst unwahrscheinlich, dass man die Ruhe und Gelassenheit aufbringt, seine Gefühle zu kommentieren und allgemeine Weisheiten daraus zu drechseln. Aber so ist das bei Schiller. Die Personen sind nicht nur Handelnde und Erleidende, sie stehen auch quasi neben sich, kommentieren und verallgemeinern das, was ihnen geschieht, etwas, was im antiken Drama der Chor übernimmt.
Gerade diese Passagen, Schillers gefürchtete Sentenzen, sind voll Witz und sprachlicher Schönheit, auch wenn das zugegebenermaßen streckenweise zu Redundanz und rhetorischem Overkill führt. Manchmal möchte man Einhalt gebieten, wenn ein Gedanke, und sei er noch so schön, ständig wiederholt und variiert wird:
 
Dann, Mutter - dann, wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen, wenn von uns abspringen all die verhassten Hülsen des Standes - Menschen nur Menschen sind … (Luise (1/3)
Oder:
Ich bin ein Edelmann - lass doch sehen, ob mein Adelsbrief älter ist als der Riß zum unendlichen Weltall? Oder mein Wappen gültiger als die Handschrift des Himmels in Luisens Augen…..(Ferdinand (1/4))

Aber kaum je wurden schönere Worte gefunden als von diesem 22jährigen gegen Fürstenwillkür und Verderbtheit des Adels. So auch hier:

Kann der Herzog Gesetze der Menschheit verdrehen, oder Handlungen münzen wie seine Dreier? - Er selbst ist nicht über die Ehre erhaben, aber er kann ihren Mund mit seinem Golde verstopfen. Er kann den Hermelin über seine Schande herwerfen….(Ferdinand 2/3)
Oder:
Die Wollust der Großen dieser Welt ist die nimmer satte Hyäne, die sich mit Heißhunger Opfer sucht. - fürchterlich hatte sie schon in diesem Lande gewütet - hatte Braut und Bräutigam zertrennt -hatte selbst der Ehen göttliches Band zerrissen -- hier das stille Glück einer Familie geschleift - dort ein junges unerfahrenes Herz der verheerenden Pest aufgeschlossen, und sterbende Schülerinnnen schäumten den Namen ihres Lehrers unter Fluchen und Zuckungen aus…(LadyMilford 2/3)

Mein absoluter Lieblingssatz aus Kabale und Liebe: Ferdinand 2/6 zu seinem Vater:
Es gibt eine Gegend in meinem Herzen, worin das Wort Vater noch nie gehört worden ist. Dringen Sie nicht in diese.

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Schillers Dramen
« Reply #3 on: 12. Februar 2013, 18.34 Uhr »
Die Verschwörung des Fiesko zu Genua. Ein republikanisches Trauerspiel

Mit Kabale und Liebe habe ich vorgegriffen. Schillers zweites Stück ist der Entstehungszeit nach der Fiesko. Ich folgte der Wikipedia-Dramen-Liste, der anscheinend die Chronologie der Uraufführungen zugrunde liegt. Fiesko ist  zwischen den Räubern und der Kabale entstanden, aber erst 1784 zum Leidwesen Schillers, der dringend Geld brauchte, nach etlichen von Dalberg geforderten Überarbeitungen angenommen und uraufgeführt worden. Übrigens mit viel geringerem Erfolg als Kabale und Liebe.
Fiesko ist ein ganz untypischer Schiller, jedenfalls für meine Begriffe. Untypisch, da ein empfindsamer oder schwärmerisch idealistischer Held fehlt. Dem Stück liegt ein  historischer Stoff zugrunde, den Schiller, wie er selbst in seiner Vorrede sagt, nach einer Geschichte aus der   Histoire des conjurations des Cardinal de Retz sehr frei gestaltet hat:
Genua um 1547 zur Zeit des Dogen Andrea Doria… Fiesco ist ein schöner, junger eleganter Mann, glatt , gewandt und …tückisch, wie Schiller in seinem Personenregister sagt. Er ist ein Renaissancemensch (wie der junge Schiller ihn sich vorstellt), spinnt zweifelhafte Intrigen und bedient sich zur Erreichung seiner Ziele eines skrupellosen muslimischen Tunesiers ( Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen.) Ich weiß nicht, ob der hündisch ergebene Vollstrecker, der in seiner Rolle als Medium und Werkzeug aufgeht, bereits ein literarischer Topos war oder erst durch Schiller einer wurde. Die Verschwörung geht gegen den brutalen, plump verbrecherischen Machtmenschen Gianettino Doria, der dabei ist, seinen Onkel  Andrea Doria zu entmachten und die Adels- Republik in eine absolutistische Monarchie mit ihm selbst an der Spitze umzumodeln. Fiesco, vom Volk und den Nobili als Befreier und Lichtgestalt gesehen und als Haupt der Verschwörung anerkannt, schwankt zwischen zwei Haltungen: Er weiß nicht, ob er nach erfolgtem Umsturz die Macht an sich reißen und „Herzog“ werden oder auf die Macht zugunsten der Republik verzichten soll, letzteres aber eigentlich nicht aus moralischen, patriotischen Gründen, sondern - ganz Renaissancemensch - aus einer eleganten Grandezza heraus: Ein Diadem erkämpfen ist groß. Es wegwerfen ist göttlich. (Entschlossen.) Geh unter, Tyrann! Sei frei, Genua, und ich (sanft geschmolzen) dein glücklichster Bürger!. Er steht zwischen dem Machtmenschen Gianetto und dem moralisch hehren Republikaner Verrina, der offensichtlich nach dem Vorbild des altrömischen Verginius seine unschuldige „geschändete“ Tochter als Unterpfand Genuas bis zur Wiederherstellung der Republik in Ketten gelegt und mit dem Tod bedroht hat. Schiller schwankte offensichtlich ebenfalls, wie er Fiesko sich entscheiden lassen sollte und so gibt es verschiedene Versionen des Stücks. Eine (die von mir gelesene) endet als Folge seiner Entscheidung für die ungeteilte Macht mit seinem gewaltsamen Tod, in einer anderen (die zur Aufführung kam) setzt er generös die Republik wieder ein und überlebt.
Dieses ist das dritte Schiller-Drama, das ich seit langer Zeit lese, und zum dritten Mal kommt am Ende die geliebte Frau durch die Hand des geliebten Mannes zu Tode. hinzu kommt hier noch das „Jungfrauenopfer“ des Verrina. Natürlich lässt das alles aus tiefenpsychologischer und feministischer Sicht ganz, ganz tief blicken, ist auch bestimmt schon untersucht worden, ich verzichte aber (erstmal) auf irgendwelche Spekulationen und Rückschlüsse auf Schillers Gefühlshaushalt.
Ähnlich wie in den Räubern ist auch hier - wohl ein Relikt aus der noch nicht lange zurückliegenden Zeit auf der Hohen Karlsschule -  eine Faszination für  das „Männerbündische“ und rhetorische Kraftmeierei spürbar:
Fiesco! bei allen Schauern der Ewigkeit, einen Strick wollt' ich drehen aus meinen eigenen Gedärmen und mich erdrosseln, daß meine fliehende Seele im gichtrischen Schaumblasen dir zuspritzen sollte. Das fürstliche Schelmenstück drückt wohl die Goldwage menschlicher Sünden entzwei, aber du hast den Himmel geneckt, und den Prozeß wird das Weltgericht führen.(Verrina zu Fiesco, kurz bevor er ihn ins Meer stürzt.)

Offline Gontscharow

  • Hero Member
  • *****
  • Posts: 595
Re: Schillers Dramen
« Reply #4 on: 19. Februar 2013, 23.47 Uhr »
Don Karlos . Ein dramatisches Gedicht.

Warum nennt Schiller sein bislang längstes Drama „Gedicht“? Vielleicht weil es als  erstes seiner  Dramen in gebundener Form, in durchgängig reimlosen fünffüßigen Jamben geschrieben ist? Vielleicht auch weil er nach den Querelen mit den Schauspielern am Mannheimer Theater, der Flickwort-Affaire und der Nicht-Verlängerung seines Vertrages als Mannheimer Theaterdichter signalisieren möchte, dass ihn die Theatertauglichkeit seines Stückes wenig interessiert?
 
Auf den Stoff in der Bearbeitung des  Abbé Saint-Réal hatte ihn von Dalberg, der Mannheimer Intendant, aufmerksam gemacht. Schiller bittet daraufhin den Meininger Bibliothekar Wilhelm Friedrich Hermann, seinen Freund und späteren Schwager, um eine Reihe von Büchern, darunter die Œuvres de Monsieur l’Abbé Saint-Réal…. Drei Jahre, zunächst in Bauerbach, später in Mannheim und Dresden arbeitet er mit Unterbrechungen am Don Carlos. Wieder wird es die sehr freie Adaptation eines historischen Stoffes: Spanien im 16. Jahrhundert zur Zeit Philipps des II zu Beginn des Achtzigjährigen Krieges, in dem die niederländischen Provinzen ihre Unabhängigkeit erkämpfen.

Don Karlos, der junge schwärmerische Infant von Spanien, liebt seine Stiefmutter Elisabeth von Valois, mit der er einst verlobt war, die aber sein Vater aus Gründen der Staatsraison zu seiner Frau gemacht hat. Philipp, ein einsamer rigider Machtmensch, der sich als Vater schwer tut,  regiert das spanische Weltreich mit eiserner Hand mithilfe und von Gnaden der Inquisition. Es geht also um einen Vater-Sohn-Konflikt und zugleich einen politischen Konflikt. Der spitzt sich zu durch das Erscheinen des freiheitsliebenden Granden Marquis Posa, der seinen Freund Carlos von seinen Liebeshändeln abzubringen und zum Widerstand gegen die Despotie seines Vaters in Flandern und den Niederlanden zu bewegen sucht. Nach diversen Intrigen und Verwicklungen am strengen spanischen Hof kommt es zur Katastrophe, der Marquis opfert sich für Carlos, Flandern und die Menschheit, wird vor den Augen seines Freundes getötet, Carlos aber wird von seinem zutiefst argwöhnischen und enttäuschten Vater, für den es keinen Weg zurück geben kann, der Inquisition überantwortet. Dieser selbst bleibt einsam und unglücklich zurück.

Die kommenden Ereignisse und Entwicklungen scheinen in dem Stück, das zwei Jahre vor der Revolution entstanden ist, ihre Schatten vorauszuwerfen. In der großen zentralen Szene, in der Posa und Philipp sich quasi als Vertreter des Alten und des Kommenden gegenüberstehen, überzeugt Posas flammendes Plädoyer für Freiheit und Selbstbestimmung (Geben Sie Gedankenfreiheit) nicht nur den Leser o. Zuschauer, sondern es erweicht auch den verknöcherten Machtmenschen Philipp, so dass dieser ihn zu seinem Vertrauten macht. Dann aber bedient sich Posa ähnlicher Mittel wie seine Gegner und wird so vom Freiheitshelden quasi selbst zum Tyrannen. Es ist, als habe Schiller hier die uns aus der französischen und späteren  Revolutionen bekannte Dialektik der Menschheitsbeglückung antizipiert.

Das Drama hat beklemmende, atmosphärisch dichte Szenen. Die letzte mit dem  steinalten Großinquisitor, der noch mächtiger ist als der mächtige gottgleiche Philipp, so dass er ihn maßregeln und ihm das Opfer seines Sohnes abverlangen kann, ist so eine. Sie verströmt  eine ungeheure Kälte. Das Drama begann mit jugendlichem Enthusiasmus und Feuer, am Ende bleiben diese grauenhhaften alten einsamen Männer zurück, die Strategen der Macht...

Offline Sir Thomas

  • Sr. Member
  • ****
  • Posts: 401
Re: Schillers Dramen
« Reply #5 on: 03. März 2013, 15.17 Uhr »
Die Räuber ... Aber gerade das ist es, was auch die Schwäche des Stücks ausmacht: Keine Person wird durch ihre Sprache charakterisiert, alle reden wie Schiller schreibt..., keine ist je sprachlos. Alles wird bis ins Letzte sprachlich ausgeleuchtet…

Da "Die Räuber" gerade in der Safranski-Biografie hinterfragt werden, hier noch einige Anmerkungen.

Der Biograf sieht in Schillers Erstling ein philosophisches Experiment, in dem er zwei Extremisten aufeinanderprallen lässt. Franz Moor repräsentiert den eiskalten Materialisten, der die Schöpfung für sinnlos und misslungen hält und daraus das Recht ableitet, sich auch als Zweitgeborener das zu nehmen, was er möchte, notfalls mit Gewalt. Karl Moor hingegen ist ein Extremist des hemmungslosen Individualismus, den der Zusammenbruch der festgefügten und väterlich geordneten Welt zum rücksichtslosen Outlaw macht. Beide, so Safranski, hadern mit der Sinnlosigkeit einer für sie aus den Fugen geratenen Weltordnung.

Seit den "Räubern" sind Drama und Theater für Schiller Maschinen zur Herstellung kalkulierter Wirkungen, insbesondere großer Gefühle*. Das erklärt die von Dir beschriebenen Schwächen des Stücks, das sich letztlich den Teufel schert um die Glaubwürdigkeit der Charaktere und der Handlung. Alles ist Sprache, Philosophie, Pathos. Alles ist: Schiller.

* Nachtrag: Richard Wagner hat dieses "Konzept" ein halbes Jahrhundert später für sein Opernschaffen übernommen.
« Last Edit: 03. März 2013, 15.37 Uhr by Sir Thomas »