Manchmal muss man eine Geschichte zweimal lesen, um sie zu mögen. "Die erleuchteten Fenster" sind ein gutes Beispiel. Die Erstlektüre vor einigen Jahren ließ mich einigermaßen kalt, die Zweitlektüre hat mich hingegen beeindruckt. Der subalterne Beamte Julius Zihal, der im Ruhestand in Ermangelung des Amts seine voyeuristischen Neigungen penibel systematisiert und administriert, ist eine der besten Karikaturen des Spießbürgers, die ich seit langem gelesen habe. Der biedere Voyeurismus des Pensionärs entspringt einer mir sehr verhassten kleinbürgerlichen Kontrollsucht, gepaart mit Machtphantasien: "Er [Julius Zihal] wußte, daß es in seiner Macht stehe, ein solches [Fern]Rohr zu erwerben, daß also die Sterne gewissermaßen in seiner Macht standen, in der Griffweite seiner Wünsche … Und damit wäre eine Art Diktatur, eine totale, schrankenlose Herrschaft … über einen weiten Umkreis … errichtet. Selbst die Waldfee [= das liebste Beobachtungsobjekt des Spanners] würde tiefer herab aus dem Himmel steigen müssen, herausgezogen und herangezogen aus ihrer geheimnisvollen Raumtiefe: und profaniert!"
Auch sexuelle Neurosen spielen ein Rolle. Er sieht in dem Fernrohr "ein gewaltiges Organ, ein riesenhaft aus seiner Person, aus seinem Leben vorspringendes, ein nicht zu übersehendes, ein Trotz gegen Feen und Göttinnen! Eine Waffe, die … mit dem Kämpfer selbst das Übergewicht bekommen konnte, endlich alles in Ende und Scherben reißend."
Alles in allem: Ein wunderbares, leider ein wenig kurzes Spießerportrait vom Feinsten, das Lust auf gaaanz viel mehr macht!
LG
Tom