Author Topic: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster  (Read 3911 times)

Offline sandhofer

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Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« on: 28. November 2011, 08.13 Uhr »
Hallo zusammen!

Auch mit Doderer geht es nun weiter: "Die erleuchteten Fenster" schildert, wie ein Amtsrat, der nach seiner Pensionierung umzieht, am neuen Wohnort zum Spanner wird. Faszinierend ist das Ganze im Moment (ich muss ungefähr in der Mitte dieses für Doderer winzigen Werkleins stecken) durch die Diskrepanz zwischen den im sachlichen Amtston gehaltenen Notizen darüber, welches Fenster zu welcher Zeit von nackten Damen bevölkert ist, und der tatsächlichen abendlichen Tätigkeit des alten Herrn mit seinem kleinen Feldstecher ...

Grüsse

sandhofer
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

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Re: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« Reply #1 on: 28. November 2011, 08.47 Uhr »
Was für ein Zufall! Ich habe just am Wochenende dieses für Doderer extrem schlanke Stück auch gelesen.

... die Diskrepanz zwischen den im sachlichen Amtston gehaltenen Notizen darüber, welches Fenster zu welcher Zeit von nackten Damen bevölkert ist, und der tatsächlichen abendlichen Tätigkeit des alten Herrn mit seinem kleinen Feldstecher ...

Ich verrate hoffentlich nicht zuviel, aber es ist einfach köstlich zu lesen, wie sich der Amtsrat später diese Spannerei als "conzeptmäßig und in der Ordnung befindlich" zurechtbiegt.

Etwas geheimnisvoll fand ich die Geschichte der kleinen Porzellanvenus. Vielleicht erzählst Du bei Gelegenheit, welchen Reim Du Dir darauf gemacht hast.

Weiterhin viel Vergnügen mit Amtsrat Julius Zihal!

Tom   

Offline orzifar

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Re: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« Reply #2 on: 29. November 2011, 00.31 Uhr »
Das Zihaloid ist im übrigen eine Leihgabe von Herrn von und zu Gütersloh, Doderer hat ihn angeblich gebeten, ihm diese Figur zu überlassen. Hat schon was, der gute Amtsrat (der auch in der Strudlhofstiege sich diverser Auftritte erfreut und namensgebend für eine ganze Gruppe von Personen mit spezifischen chemischen Eigenschaften wird) - oder in seinen Worten: Ist als gelungen anzusehen ;).

lg

orzifar

p. s.: An die Porzellanvenus vermag ich mich nicht mehr zu erinnern, vielleicht Zeit zum Wiederlesen (das xte Mal, aber offenbar noch nicht oft genug).
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« Reply #3 on: 29. November 2011, 08.01 Uhr »
Hallo!

Die Porzellanvenus ist eine dieser kleinen Nebenfigürchen (im wahrsten Sinne des Wortes: es ist ja eine Nippesfigur), die bei Doderer an der Peripherie der Handlung umher schwirren. Einen Reim darauf machen kann ich mir auch keinen. Soll sie das Symbol der wahren, reinen Liebe sein? Aber Doderer pflegt ansonsten nicht so plump-symbolisch zu schreiben. Und Zihal ist eine viel zu gelungene Figur, als dass ich diesen Abstieg glauben möchte.

Grüsse

sandhofer
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Re: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« Reply #4 on: 29. November 2011, 08.30 Uhr »
Die Porzellanvenus ... das Symbol der wahren, reinen Liebe ...?

Moin,

meine ersten Überlegungen gingen auch in diese Richtung. Aber wie Du schon sagst: Das ist nicht Doderer. Belassen wir es dabei, denn "Die erleuchteten Fenster" sind viel zu gelungen, um über dieses Detail lang zu grübeln.

LG

Tom

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Re: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« Reply #5 on: 01. Dezember 2011, 12.33 Uhr »
Manchmal muss man eine Geschichte zweimal lesen, um sie zu mögen. "Die erleuchteten Fenster" sind ein gutes Beispiel. Die Erstlektüre vor einigen Jahren ließ mich einigermaßen kalt, die Zweitlektüre hat mich hingegen beeindruckt. Der subalterne Beamte Julius Zihal, der im Ruhestand in Ermangelung des Amts seine voyeuristischen Neigungen penibel systematisiert und administriert, ist eine der besten Karikaturen des Spießbürgers, die ich seit langem gelesen habe. Der biedere Voyeurismus des Pensionärs entspringt einer mir sehr verhassten kleinbürgerlichen Kontrollsucht, gepaart mit Machtphantasien: "Er [Julius Zihal] wußte, daß es in seiner Macht stehe, ein solches [Fern]Rohr zu erwerben, daß also die Sterne gewissermaßen in seiner Macht standen, in der Griffweite seiner Wünsche … Und damit wäre eine Art Diktatur, eine totale, schrankenlose Herrschaft … über einen weiten Umkreis … errichtet. Selbst die Waldfee [= das liebste Beobachtungsobjekt des Spanners] würde tiefer herab aus dem Himmel steigen müssen, herausgezogen und herangezogen aus ihrer geheimnisvollen Raumtiefe: und profaniert!"

Auch sexuelle Neurosen spielen ein Rolle. Er sieht in dem Fernrohr "ein gewaltiges Organ, ein riesenhaft aus seiner Person, aus seinem Leben vorspringendes, ein nicht zu übersehendes, ein Trotz gegen Feen und Göttinnen! Eine Waffe, die … mit dem Kämpfer selbst das Übergewicht bekommen konnte, endlich alles in Ende und Scherben reißend."   

Alles in allem: Ein wunderbares, leider ein wenig kurzes Spießerportrait vom Feinsten, das Lust auf gaaanz viel mehr macht!

LG

Tom

Offline orzifar

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Re: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« Reply #6 on: 02. Dezember 2011, 01.46 Uhr »
Nur ein Spießer? Auch - aber nicht nur, auch nicht bloß Voyeur (in jeder Hinsicht unterscheidet er sich hier von Wänzrich, der seinen Sternenhimmel profaniert), ein k. u. k. Beamter und Systematiker seiner Perversion, aber eben über den bloßen platten Voyeurismus hinausgehend. Sollte ich wieder einmal lesen.

Zihal als bloßer Spießbürger scheint mir zu kurz gegriffen: Beamtentypus mit seltsam-abgründigen Neigung und Sinn für Katalogisierung derselben - um sie unter Verschluss zu halten?

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« Reply #7 on: 02. Dezember 2011, 07.49 Uhr »
Persönlich finde ich ja, dass Doderer hier mit seiner Figur weit über das hinausgeht, was Kafka mit den seinen versucht hat. Die Irrationalität des "Alltags" ist bei Zihal viel besser in Szene gesetzt, gerade weil Zihal seine irrationalen Handlungen gar nicht als solche durchschaut, seine irrationalen Situationen ebensowenig. (Ich meine: Wo gäbe es das, dass der eine Voyeur einem andern Einlass in seine Stube gewähren würde, zwecks Ausübung des gemeinsamen Hobbys?)

(Im Gegensatz zu Reich-Ranicki halte ich Doderer und auch Canetti in seiner Blendung für die interessanteren Schilderer der absurden conditio humana.)

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Offline Sir Thomas

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Re: Heimito von Doderer: Die erleuchteten Fenster
« Reply #8 on: 02. Dezember 2011, 12.17 Uhr »
Zihal als bloßer Spießbürger scheint mir zu kurz gegriffen ...

Bloßer Spießbürger? Diese Spezies Mensch ist mMn. ziemlich komplex und vielfältig!  ;D Aber vielleicht stimmt es, dass in der Figur Zihal mehr steckt, als ich derzeit erkenne. Das ist doch das Schöne an guter Literatur: Sie ist offen für viele verschiedene Aspekte.

Persönlich finde ich ja, dass Doderer hier mit seiner Figur weit über das hinausgeht, was Kafka mit den seinen versucht hat.

Hm, interessanter Gedanke. Doderers Figur ist für mich zumindest plastischer und greifbarer als Kafkas K.

LG

Tom