Zwischenbericht: Langsam beginne ich die Kritik zu verstehen. Gaddis verzettelt sich in Beschreibungen, übertriebene Abschweifungen und verletzt eines der wichtigsten Gebote des Schriftstellers: Sich zu bescheiden und nicht jedem Einfall die Zügel schießen zu lassen. Außerdem, da die Hauptfigur sich v. a. mit Malerei beschäftigt, droht mir zusätzliches Ungemach: Ich hasse Beschreibungen von Kunstwerken, Bildern, Statuen, Reliefen etc. Nichts langweiliger (für mich) als seitenlange Schilderungen bildnerischer Kunst, die dann doch immer nur Stückwerk bleiben, blasse Schemen.
Kurz zum Inhalt: Anfangs eine Art Familiensaga der Gwyons, die über viele Generationen als Pastoren tätig waren. Dieser Beginn ist äußerst vielversprechend, mit viel Witz wird etwa die bigotte Schwester des Pastors geschildert, deren Hass auf den Katholizismus, der keine Abstrusität auslässt, ihre Verachtung für den Schwiegervater des Pastors, ein dem Alkohol zugeneigter, gutmütig-bodenständiger Mann. Die Erziehung Wyatts, des einzigen Sohnes, ist durch die Familienstruktur nicht dazu angetan, den Knaben Sicherheit, Geborgenheit zu vermitteln; er entdeckt seine Begabung für die Malerei, muss aber auch diese Neigung vor seiner Tante verbergen, da sie in einem eigenständigen Gemälde eine Art Gotteslästerung zu erkennen meint.
Im zweiten Kapitel sieht man den jungen Mann in Paris, sich erfolglos als Maler betätigend, schließlich verheiratet mit einer eher dubiosen Person namens Esther. Der Lesefluss aber geht zusehends verloren, zu viele Abschweifungen, manchmal auch kryptische Schilderungen (Übersetzung?). Etwa: "Als er hier (...) mit der Restaurierung alter Gemälde begonnen hatte, schlug sich das in der Anmutung des Zimmers zunächst kaum wieder." Was bitte ist eine "Anmutung"? Mutet jedenfalls seltsam an.
Schade, dass der Schwung des ersten Kapitels so schnell verebbt ist. So könnten die 1240 Seiten tatsächlich zur Qual werden. Und ich bin völlig ohne masochistische Ader ...
lg
orzifar