Author Topic: Samuel Butler: Erewhon  (Read 3699 times)

Offline sandhofer

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Samuel Butler: Erewhon
« on: 30. Mai 2010, 17.58 Uhr »
Hallo zusammen

Entschuldige, orzifar, ich konnte, nachdem ich nur kurz hineinlesen wollte, dann gestern nicht mehr bremsen, und bin unterdessen bereits mit meinem namenlosen Erzähler in Erewhon eingetrudelt. Der junge Mann, nach eigenem Geständnis gilt er mehr für einen Adonis als für eine Geistesleuchte, beginnt seine literarische Karriere als Schäfer in einer nicht näher bezeichneten, aber unschwer als Neuseeland erkennbaren Gegend. Der Wunsch, durch eigene Schafzucht oder Goldwäscherei reich zu werden, zieht ihn in die bisher von den Weissen unerforschten Berge. Die ersten 6 oder 7 Kapitel sind denn auch Reisebericht - ohne Erewhon. (So, wie der Robinson Crusoe sich lange zieht, bis wir mit Robinson dann endlich auf der einsamen Insel stecken.) Die ersten Gedanken des Helden, als er dann wirklich von Erewhonianern aufgelesen wird, sind, dass es sich hier um die verlorenen 10 Stämme Israels handeln müsse, und dass er sie zum (anglikanischen) Christentum bekehren und taufen müsse. Und beide Male malt er sich aus, wie berühmt er wohl würde, wenn eine solche Tat bzw. Entdeckung von ihm bekannt würde. Die Erewhonianer stellen ihrerseits Schönheit und Gesundheit über alles, und so scheint einer glücklichen Zukunft des jungen Exil-Engländers in Erewhon nichts im Weg zu stehen.

Praktisch zeitgleich mit Bulwer-Lyttons The Coming Race erschienen, teilt Butler wohl mit diesem den Zweifel daran, dass die Entwicklung der Menschheit unbedingt und geradlinig ins Positive verlaufen müsse. Die Erewhonianer behandeln einen Schnupfen als Kapitalverbrechen, eine Veruntreuung aber wie eine Krankheit. Speziell ausgebildete "Straiteners" kommen ins Haus des an Veruntreuung Leidenden und kurieren ihn in Gesprächen. (Erinnert irgendwie an die Gerichtspsychologen und ihre Einschätzungen der Gefangenen ... ;).) Das Technikmuseum haben wir auch bereits gesehen, und unser junger Mann muss lernen, dass auch für den viktorianischen Engländer gelten kann, dass andere Länder andere Sitten haben, die eventuell sogar respektiert werden müssen.

Butler verteilt offenbar - hinter der harmlosen Maske des jungen Engländer versteckt - viele kleine Bosheiten an seine Zeit(genossen). Mal schauen, wie's weitergeht.

Grüsse

sandhofer
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Offline orzifar

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Re:Samuel Butler: Erewhon
« Reply #1 on: 01. Juni 2010, 18.14 Uhr »
Entschuldige, orzifar, ich konnte, nachdem ich nur kurz hineinlesen wollte, dann gestern nicht mehr bremsen

Mich meiner katholischen Wurzeln entsinnend bin ich nach eingehender Befragung meines Gewissens dahin gelangt, noch einmal Gnade vor Recht ergehen zu lassen und dir hochherzig zu verzeihen. Für die Zukunft aber kann selbst mein tiefes christliches Empfinden solches nicht garantieren und behält sich Pönalezahlungen in Form von Orzifars Wunschbücher vor.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Herbert Schnädelbach: Philosophie in Deutschland 1831 - 1933
Hans Albert: Kritik des theologischen Denkens
John Irving: Owen Meany

Offline sandhofer

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Re:Samuel Butler: Erewhon
« Reply #2 on: 01. Juni 2010, 20.44 Uhr »
Das Kapitel über die "Musical Banks" war recht erheiternd. Ich habe zuerst, da ich eine Analogie im ökonomischen Bereich suchte, gar nicht realisiert, dass Butler hier die (anglikanische) Kirche aufs Korn nimmt. Leider konnte er sich nicht enhalten, in einer späteren (der zweiten?) Auflage erklärende Zusätze beizufügen. Die sind zwar in meinem Penguin Classic markiert, aber ich lese sie natürlich trotzdem mit. Auch wenn sie mir im vorliegenden Fall ein Aha-Erlebnis beschert haben, finde ich so was doch eher überflüssig.

Die vorhergehenden Kapitel übrigens eher zäh, da theoretisch-explikativ. Ein begnadeter Erzähler war Butler wohl nicht. (Im Gegensatz zu Bulwer-Lytton!)
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Offline sandhofer

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Re:Samuel Butler: Erewhon
« Reply #3 on: 02. Juni 2010, 20.06 Uhr »
Ein begnadeter Erzähler war Butler wohl nicht.

Nein. Definitiv nicht. Das Kapitel 16 mit der Lovestory: Konventionell, kühl ...
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Offline sandhofer

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Re:Samuel Butler: Erewhon
« Reply #4 on: 03. Juni 2010, 20.10 Uhr »
Im nächsten Kapitel dann diese merkwürdige Gottheit, von allen verfemt, aber in ihren Taten folgen sie der Ydgrun. Mein Kommentar ist hierzu auch nicht sehr erhellend, es scheint sich bei Mrs. Grundy um eine damals sehr populäre Theaterfigur gehandelt zu haben. Aber weiter hilft mir diese Information auch nicht ...  ???
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