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Lektüren, Rezensionen => Gerade am Lesen ... => Topic started by: sandhofer on 27. April 2015, 07.47 Uhr
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Gestern Abend noch damit begonnen. Weit bin ich noch nicht. Uff, das sind beinahe 1'500 Seiten. Kleingedruckt. Aber der Stil hat mich gleich gepackt. Ich kann das italienische Original leider nicht lesen; aber der Übersetzer hat hier gute Arbeit geleistet.
Da ich parallel noch in den philosophischen Werken Dante Alighieris lese, werde ich kaum schnell voran kommen. Aber dieser Frühling wird zu meiner italienischen Phase... ;D
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Aber der Stil hat mich gleich gepackt.
Wie würdest du ihn beschreiben?
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Blumicht. Melodiös. Aber wie gesagt: Auf den ersten paar Seiten...
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Der d'Arrigo kommt locker und beschwingt daher, aber ich merke, dass ich nicht mehr als eine Handvoll Seiten an einem Wochenende lesen kann. Das schwingt dann irgendwie lange nach. Faszinierend...
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Ja, ich lese mal wieder alles andere als den d'Arrigo. Aber er ist gut ...
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Es geht auf den ersten 250 Seiten oder so ums Erzählen, ein Gegen-den-Tod-an-Erzählen. Und darum, dass Mit-den-Augen-Sehen halt dem Nur-gehört-Haben überlegen ist. Was in sich ein Widerspruch ist, ein Widerspruch, der den Hauptcharakter ausmacht.
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’Ndrja Cambrìa, der Focus des Romans (Hauptfigur oder Protaginist wäre nicht ganz korrekt) ist nach rund einem Drittel des Texts nun zurück im heimatlichen Dorf in Sizilien. Der Roman hat vier Achsen oder Himmelsrichtungen: Vergangenheit, Gegenwart (des ’Ndrja Cambrìa), Märchen/Mythos, Traum. Denen überlagern sich die Hauptthemen: die Liebe, der Tod (im Italienischen weiblich!), die Sexualität, die Armut. Das heisst, im Grunde genommen ist der Roman bipolar, weil die "Fere" (so nennen die Sizilianer den Delfin des Mittelmeers) immer wieder auftaucht (im wahrsten Sinn des Wortes): Monster und Geliebte ...
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Irgendwo - war's in der NZZ, war's in der Zeit? - hat ein Kritiker davon geschrieben, dass 'Ndrja Cambrìa eine zersplitterte Welt zusammenzuhalten versucht. Oder so ähnlich. Jedenfalls "zersplittert". Ich weiss noch nicht, ob ich dem zustimmen kann. Eines ist sicher: Cambrìa stellt so was wie den rationalen Menschen in diesem Roman dar. Zugleich ist er Beobachter. Der Analytiker seiner Epoche (nicht Psychoanalytiker lesen, bitte!).
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Cambroa Senior, der sich geziert hatte, seinen Sohn zu erkennen, tut es schlussendlich doch. Und stürzt sich nun in eine lange Erzählung, warum er sich vom Dorf mehr oder weniger abgesondert hat. Jeder scheint hier für sich zu leben - und doch nicht ohne den andern leben zu können...
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Überhaupt scheint mir eine Erzählung die vorhergehende immer revidieren zu wollen. So schwankt der Leser beständig zwischen Realität und Mythos.
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[...] dass 'Ndrja Cambrìa eine zersplitterte Welt zusammenzuhalten versucht.
Hm ... Cambrìas Welt besteht aus Bruchstücken. Aber bis jetzt vermag der Erzähler sie zusammenzuhalten, indem er diese Bruchstücke miteinander verschweisst, verlötet, verklebt. Da wandert dasselbe Motiv von einem Splitter in den nächsten, oder dieselbe Situation eines (Tag-)Traums oder ähnliches.
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Ich bin immer noch platt, habe aber versucht, meiner Plattheit im Blog Ausdruck zu geben: http://blog.litteratur.ch/WordPress/?p=6402