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Lektüren, Rezensionen => Bistro => Topic started by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 17.56 Uhr

Title: Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 17.56 Uhr
Quote from: orzifar
Den Autoren scheint zum einen der Mut, zum anderen das Talent zu fehlen. Und die Verlage legen wenig wert auf Qualität, sind es zufrieden, wenn da eben gefällig, nett, spannend erzählt wird - und nach Möglichkeit im Abstand eines Jahres ein Büchlein erscheint. Unterhaltung mit Pseudoanspruch.

Quote from: mombour
Dieses Thema wäre ein eigener Thread wert.

Gute Idee, auch wenn ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob mir der Threadtitel gefällt. Jedenfalls stelle ich seit geraumer Zeit eine etwas befremdliche Entwickliung fest. Zum einen lernen Schriftsteller immer mehr das Handwerk des Schreibens. Das kommt mir einerseits entgegen, denn ich bin kein Anhänger des Musenkusses und habe Texte, die nicht vor allem als Handwerk begriffen werden, immer als ziemlich ätzend empfunden.

Jedoch geht die Entwicklung vielleicht zu weit. Das Handwerk wird gelernt, das heißt, man lernt die flüssige Sprache, man lernt, eoinen Plot zu schmieden, man lernt vielleicht sogar, wie man seine Stoffe findet.

Aber gehört zur Schriftstellerei und eben auch zur Beherrschung des Handwerks der Schriftstellerei nicht mehr? Ist sie nicht vor allem auch ein Medium der Reflexion menschlicher Probleme und Geheimnisse?

Wahrscheinlich renne ich bei euch offene Türen ein, wenn ich sage, dass mir diese "creative writing"-Welle langsam etwas auf den Zeiger geht. Und zwar nicht etwa, weil ich finde, man können Schreiben nicht lernen. Sondern weil ich den Eindruck habe, dass auf einen wichtigen Teil dieses Lernprozesses allzu leichtfertig verzichtet wird, nämlich auf das Wissen, auf eine gewisse Grundinstruiertheit, ohne die man sich bei dem, was ich wirklich "Literatur" nennen würde, was also über den Status des Gebrauchstextes hinausgeht, praktisch nur lächerlich machen kann. Erstaunlich allerdings, dass das das Feuilleton nur in Teilen so sieht. Sollte die "creative writing"-Welle auch dieses bereits erfasst haben?
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: orzifar on 15. Juli 2009, 18.00 Uhr
Hallo!

Zum einen lernen Schriftsteller immer mehr das Handwerk des Schreibens. Das kommt mir einerseits entgegen, denn ich bin kein Anhänger des Musenkusses und habe Texte, die nicht vor allem als Handwerk begriffen werden, immer als ziemlich ätzend empfunden.

Der Künstler, der die brennenden Lippen seiner Muse spürt und entrückt unter hingebungsvoller Betrachtung des Mondes an seinen Werken arbeitet, ist mit Sicherheit eine Mär. Kunst ist hauptsächlich und vor allem Arbeit, Geduld, Ausdauer, ist Schreiben und Verwerfen - und auch Handwerk. Letzteres zu beherrschen scheint Grundvoraussetzung (und so einfach nicht, wie es klingt). Nie aber kann bloß gefälliges Handwerk die wirkliche Arbeit ersetzen, nicht den Einfall, die Idee. Wobei auch diese Dinge mit Vorsicht behandelt werden sollten: Es sind nicht die schlechtesten Bücher, die einen stark autobiographischen Bezug haben, es ist nicht jedem (im Gegenteil: Den wenigsten) gegeben, Geschichten zu erfinden. (Hier sollte es mal zu einer Leserunde der "Tante Julia und der Kunstschreiber" kommen: _Das_ nenne ich Geschichten erfinden!!!)

Aber gehört zur Schriftstellerei und eben auch zur Beherrschung des Handwerks der Schriftstellerei nicht mehr? Ist sie nicht vor allem auch ein Medium der Reflexion menschlicher Probleme und Geheimnisse?

Genau das. Ich glaube aber, dass das Haupthindernis für ein solches Schreiben in den Redaktionen der Verlage liegt, in den Lektoren, in einem Geschäftsprinzip, das auf Risikominimierung und Gewinnmaximierung gerichtet ist. Bücher, Literatur werden heute unter merkantilem Gesichtspunkt betrachtet (was nun noch nicht schlecht sein muss), aber kaum ein Verlag, eine Redaktion (insofern ist sicher auch das Feuilleton betroffen) "riskiert" etwas. Dazu gibt es eine unselige Verquickung verschiedener großer Verlage mit der Tagespresse (in Österreich gibt es im Grunde ganz wenige Konzerne, die dieses Geschäft betreiben; die eine Zeitung gehört zu diesem Verlag, wobei der andere wieder zu 50 % zum gleichen Mutterkonzern gehört etc.), wodurch es zu einer samtweichen Besprechung aller irgendwie im selben Konzern erscheinenden Bücher kommt. Und dazwischen ist kein Platz, für einen kleineren Verlag mit "anspruchsvollem" Programm gibt es gar keine Möglichkeit in die Öffentlichkeit zu treten: Wenn nirgends etwas vom Erscheinen eines Buches bekannt wird, kann es auch nicht verkauft werden.

Dazu kommt, dass auch die Verkaufsstellen meist schon zu den Verlagen gehören; es gibt, etwa in Graz, nur noch einige wenige Großbuchhandlungen, die allesamt 100 Exemplare von Roches "Feuchtgebieten" ins Schaufenster legen. Erfolgreiche Schriftsteller werden nun jene, die bei durchschnittlichem Talent und handwerklichen Fähigkeiten sich irgendwo anbiedern. (Glavinic wurde etwa in seiner Anfangszeit mit obskuren Artikeln in der öst. Kronenzeitung beworben, eines Blättchens, das doppelt so häufig gelesen wird wie die BILD in Deutschland, jedoch qualitativ noch weit unter BILD-Standard ist. Wer in solchen Revolverblättchen für sich Werbung machen lässt, hat wohl auch kein Bedürfnis, mehr als lockeres Blendwerk zu verfassen - und auch kein Problem damit, wenn ihm vom Lektor etwaige Kanten und Ecken brav abgeschmirgelt werden.)

Im übrigen ist auch der Umkehrschluss nicht zulässig: Dass also Obskures, Befremdliches, gegen den Strich Gebürstetes unbedingt künstlerisch wertvoll sein muss. Eine Zeitlang musst man etwa beim Bachmann-Preis irgendwas Auf-, Er- oder Anregendes haben, worüber dann boulvardesk hergezogen werden konnte. (Ob etwa der "Kinderficker"-Text wirklich so toll war (in den 80igern?) darf bezweifelt werden, aber der Skandal war groß, es gab Diskussionsrunden im Fernsehen (und das war damals wirkich was Besonderes), aber man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da bewusst und ohne künstlerischen Anspruch provoziert wurde.)

Leid taten mir in diesem Zusammenhang immer jene, die sich wirklich bemühten, wenig schrieben, nicht bloß auf Skandal und Geschrei oder brav geglättete Texte aus waren. Aber ein Autor, der bestenfalls alle 10 Jahre ein Buch herausbringt, ist nicht vermarktbar - und die meisten merken ohnehin keinen Unterschied zwischen der erwähnten Zuckerwatte und sperrigeren Inhalten. Wobei: Sie merken's schon, aber es schmeckt halt nicht so gut, ist anstrengend. Bei Kindern gibts angeblich ähnliche Phänomene: Füttert man ihnen möglichst viel chemische Nahrung mit Geschmacksverstärkern, werden sie alles andere bald als fad empfinden, weil ihnen der Sinn für Nuancen verloren geht.

Liebe Grüße

orzifar

der noch weiterschreiben wollte, aber seinen eigenen Sprössling nun ganz ohne Geschmacksverstärker durch die Nacht füttern muss ...
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 18.04 Uhr
(Hier sollte es mal zu einer Leserunde der "Tante Julia und der Kunstschreiber" kommen: _Das_ nenne ich Geschichten erfinden!!!)
Noch nie gehört, von wem ist das denn?

Ich glaube aber, dass das Haupthindernis für ein solches Schreiben in den Redaktionen der Verlage liegt, in den Lektoren, in einem Geschäftsprinzip, das auf Risikominimierung und Gewinnmaximierung gerichtet ist. Bücher, Literatur werden heute unter merkantilem Gesichtspunkt betrachtet (was nun noch nicht schlecht sein muss), aber kaum ein Verlag, eine Redaktion (insofern ist sicher auch das Feuilleton betroffen) "riskiert" etwas.
Das ist zum einen sicherlich richtig, easy follower haben es leichter als Trendsetter, wenn ich hier ein bisschen Marketingdeutsch sprechen darf. Gerade Hanser (wenn wir beim Beispiel Glavinic bleiben) gehört aber durchaus zu den risikofreudigeren Verlagen. Problematisch ist aus meiner Sicht vor allem, dass es erstens nicht ausreichend gute Schriftsteller gibt und dass zweitens das Publikum diese wenigen nicht einmal flächendeckend zu schätzen weiß, sondern lieber Gebrauchsliteratur von Auftragsschreibern liest (was ich nicht den Schreibern oder den Verlagen, sondern ganz klar dem Publikum anlaste).

Leid taten mir in diesem Zusammenhang immer jene, die sich wirklich bemühten, wenig schrieben, nicht bloß auf Skandal und Geschrei oder brav geglättete Texte aus waren. Aber ein Autor, der bestenfalls alle 10 Jahre ein Buch herausbringt, ist nicht vermarktbar

Das glaube ich nicht mal. Aktuelles Gegenbeispiel ist Marcel Beyer, man könnte aber auch an Christoph Ransmayr denken, der auch nurt alle paar Jahre etwas Neues vorlegt. Diese Leute lassen sich bei entsprechender Qualität schon vermarkten.

und die meisten merken ohnehin keinen Unterschied zwischen der erwähnten Zuckerwatte und sperrigeren Inhalten.
Das glaube ich nicht, sie merken den Unterschied, aber wie die Leute immer dicker werden, weil sie lieber Junkfood fressen, so werden sie auch immer träger, was ihre Lektüre angeht. Leibesverfettung und metaphorische Hirnverfettung als die großen Zivilisationskrankheiten sind deutlich auf dem Vormarsch.
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: orzifar on 15. Juli 2009, 18.08 Uhr
Hallo!

Quote from: orzifar
(Hier sollte es mal zu einer Leserunde der "Tante Julia und der Kunstschreiber" kommen: _Das_ nenne ich Geschichten erfinden!!!)
Quote from: Bartlebooth
Noch nie gehört, von wem ist das denn?

Mario Vargas Llosa. Ein Buch, geschichten- und ideensprühend, wie es seinesgleichen sucht. Eins meiner absoluten Lieblingsbücher ...

Quote from: Bartlebooth
Das ist zum einen sicherlich richtig, easy follower haben es leichter als Trendsetter, wenn ich hier ein bisschen Marketingdeutsch sprechen darf. Gerade Hanser (wenn wir beim Beispiel Glavinic bleiben) gehört aber durchaus zu den risikofreudigeren Verlagen. Problematisch ist aus meiner Sicht vor allem, dass es erstens nicht ausreichend gute Schriftsteller gibt und dass zweitens das Publikum diese wenigen nicht einmal flächendeckend zu schätzen weiß, sondern lieber Gebrauchsliteratur von Auftragsschreibern liest (was ich nicht den Schreibern oder den Verlagen, sondern ganz klar dem Publikum anlaste).

Eigentlich glaube ich nicht daran, dass es nicht ausreichend gute Schriftsteller gäbe. Aber einer, der Erfolg haben will, muss sich biegsam und nachgebig gerieren; und dass er das oft tut, kann ihm gar nicht immer vorgeworfen werden. Ich sehe nun zu wenig auf Neuerscheinungen, um beurteilen zu können, inwieweit von den Verlagen ein Risiko eingegangen wird.

Der Großteil des Publikums liest natürlich lieber Trivialliteratur, den meisten Menschen macht gedankliche Anstrengung, Auseinandersetzung keinen Spaß. Umso mehr schiene mir die Verantwortung beim Verlag zu liegen, auch Anspruchsvolleres zu verlegen, zu unterstützen, denen aber meist das ökonomische Hemd näher ist denn der künstlerische Rock. Das wäre im übrigen auch ein Bereich für die staatliche Kulturförderung, die sich eher auf die Unterstützung von Großveranstaltungen beschränkt (etwa die Salzburger Festspiele), weil hier ein enormes Wirtschaftsinteresse dahinter steht. Es geht hier nicht um künstlerische, sondern um pekuniäre Interessen. Hingegen werden etwa kleine Verlage kaum (gar nicht?) gefördert, die Förderung richtet sich (wenn vorhanden) meist nach dem Umsatz (und hat Ähnlichkeiten mit der EU-Landwirtschaftsförderung). Nach Fischart scheißt man "gern zum größten Haufen".

Quote from: Bartlebooth
Das glaube ich nicht mal. Aktuelles Gegenbeispiel ist Marcel Beyer, man könnte aber auch an Christoph Ransmayr denken, der auch nurt alle paar Jahre etwas Neues vorlegt. Diese Leute lassen sich bei entsprechender Qualität schon vermarkten.

Ransmayr ist sicher eine Ausnahme, vor allem seit seine "Letzte Welt" so sehr gelobt wurde (zu Recht), kann er sich derlei leisten. Andere Autoren werden durchaus aufgefordert, in nicht allzu großem Zeitabstand Bücher herauszubringen, um im Gedächtnis der Öffentlichkeit zu bleiben. Ansonsten muss man den Werbeaufwand (von bekannten Ausnahmen wie eben Ransmayr abgesehen) erneut betreiben. - An das Kriterium mit der Qualität glaube ich nur bedingt, der Chef des Residenzverlages (eines in Ö sehr anerkannten Verlages) ließ sich wie folgt vernehmen: "Ich verkaufe keine Bücher, ich verkaufe Menschen!" Und genau diese Haltung spiegelt etwa Roches Verkaufserfolg wider.

Quote from: Bartlebooth
Das glaube ich nicht, sie merken den Unterschied, aber wie die Leute immer dicker werden, weil sie lieber Junkfood fressen, so werden sie auch immer träger, was ihre Lektüre angeht. Leibesverfettung und metaphorische Hirnverfettung als die großen Zivilisationskrankheiten sind deutlich auf dem Vormarsch.

Ich habe ohnehin geschrieben: "Wobei: Sie merken's schon, aber es schmeckt halt nicht so gut, ist anstrengend." Und was die adipösen Tendenzen angeht: Vollste Zustimmung!

Liebe Grüße

orzifar
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 18.12 Uhr
Eigentlich glaube ich nicht daran, dass es nicht ausreichend gute Schriftsteller gäbe. Aber einer, der Erfolg haben will, muss sich biegsam und nachgebig gerieren; und dass er das oft tut, kann ihm gar nicht immer vorgeworfen werden.
Das ist eine Mär, der ich in dieser Allgemeinheit nicht mehr zustimmen kann, seitdem ich die Arbeit von Verlagen von innen kenne. Sicher sind Verlage Wirtschaftsunternehmen und verlangen eine gewisse Verkäuflichkeit von Texten. Das heißt aber nicht immer Stromlinienform. Bei den großen Publikumsverlagen ist das zweifellos so, die bedienen aber die Forderungen der Leser, die Anderes ja durchaus auch zur Auswahl haben, das aber nicht lesen. Und das ist nicht nur die Schuld einer skrupellosen Marketingmaschinerie.

Ich sehe nun zu wenig auf Neuerscheinungen, um beurteilen zu können, inwieweit von den Verlagen ein Risiko eingegangen wird.
Nun, ich sehe unverlangt eingesandte Manuskripte und schreibe Gutachten für angeforderte Titel. Glaub mir, wenn du auf ein bestimmtes Umsatzvolumen kommen musst, musst du auch Bücher publizieren, die dir nicht rundweg großartig erscheinen - einfach mangels Klasse in der Masse.

Der Großteil des Publikums liest natürlich lieber Trivialliteratur, den meisten Menschen macht gedankliche Anstrengung, Auseinandersetzung keinen Spaß. Umso mehr schiene mir die Verantwortung beim Verlag zu liegen, auch Anspruchsvolleres zu verlegen, zu unterstützen, denen aber meist das ökonomische Hemd näher ist denn der künstlerische Rock.
Dieses Argument habe ich noch nie verstanden. Was nützt es, wenn Verlage an ihrem künstlerischen Anspruch zugrunde gehen? Nein, das Publikum muss anderes fordern, in den Verlagen, auch in den großen, sitzen genug Leute, die bereit sind, ihnen nicht nur Massenware vorzusetzen. Um erfolgreich zu sein, müssen Verlage heutzutage einfach auf eine Mischkalkulation setzen, wobei es hier natürlich Unterschiede in der Risikobereitschaft gibt, was wiederum von den programmverantwortlichen Personen abhängt, die mehr oder weniger risikofreudig sind - eben ein Querschnitt aus dem menschlichen Spektrum bilden. Per Dekret lässt sich das nicht ändern, auch per Appell nicht.
Ich halte nichts davon, das Publikum so stark aus der Verantwortung zu entlassen.
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: orzifar on 15. Juli 2009, 18.15 Uhr
Quote from: Bartlebooth
Das ist eine Mär, der ich in dieser Allgemeinheit nicht mehr zustimmen kann, seitdem ich die Arbeit von Verlagen von innen kenne. Sicher sind Verlage Wirtschaftsunternehmen und verlangen eine gewisse Verkäuflichkeit von Texten. Das heißt aber nicht immer Stromlinienform. Bei den großen Publikumsverlagen ist das zweifellos so, die bedienen aber die Forderungen der Leser, die Anderes ja durchaus auch zur Auswahl haben, das aber nicht lesen. Und das ist nicht nur die Schuld einer skrupellosen Marketingmaschinerie.

Ich kenne die Arbeit von Verlagen nur mittelbar, insofern kann ich für die Authentizität nicht bürgen. Mit Biegsamkeit meinte ich nicht nur, dass in Texten gestrichen, geschönt werden muss (so ist etwa in Österreich Religionskritisches nur sehr schwer publizierbar, da die Verlage - Styria, NÖP - entweder direkt einer Diozöse unterstehen oder nachdrücklich konservativ sind), sondern auch eine gewisse Integration in das Kulturleben erfolgen muss. Matinees, Vernisagen etc., x kennt y, der sich an z wendet und das alles in die Wege leitet, dafür aber von x bestimmte Konzessionen verlangt. Anna Mitgutsch hat über die "Halbwertszeit in der Literatur" einen sehr guten Beitrag im "Standard" verfasst, leider ist dieser mittlerweile nur noch kostenpflichtig abrufbar. Und sie klagt - m. E. mit Recht - über das Gebaren der Verlage, die Oberflächlichkeit, die Unmöglichkeit, die Öffentlichkeit zu erreichen, wenn man nicht überall besprochen wird oder im Verlagsprogramm irgendwo erscheint. Sie empfand es als frustrierend, nach langer Arbeit an einem Text als wahrscheinlich nicht besonders verkaufsfähig eingestuft zu werden, unter "ferner liefen" zu figurieren, während für Bohlen oder Roche Werbung gemacht wird. Und im Kulturteil der Zeitungen wird auftragsmäßig besprochen, wird das erwähnt, was sich gut verkauft (im "Profil" finden sich Bestsellerlisten nebst Kommentaren, nie und nirgends aber Besprechungen relativ unbekannter, aber begabter Autoren), werden die Bücher jener Verlage erwähnt, zu dem auch die Zeitung, Zeitschrift gehört (und sie werden - selbstredend - gelobt, weil das im Interesse des Konzerns ist).

Und Literatur ist ungeheuer schnelllebig, Mitgutsch schreibt von etwa 3 Monaten, innerhalb derer etwas verkauft werden muss. Ein Bekannter berichtete mir von maximal 6 Monaten, dazu die Hoffnung, vor Weihnachten verlegt zu werden, im Sommer wird nichts gelesen und wer im Frühjahr erscheint, verkauft dementsprechend weniger. Was nach einem halben Jahr nicht verkauft ist, ist Makulatur, kann als Brennstoff Verwendung finden.

Quote from: Bartlebooth
Dieses Argument habe ich noch nie verstanden. Was nützt es, wenn Verlage an ihrem künstlerischen Anspruch zugrunde gehen?

Versteh ich jetzt nicht. Das ist keine Frage des Nutzens. Es _ist_ ganz einfach. Ist der Anspruch zu hoch, geht's schief. Aber es müsste einfach eine Möglichkeit geben, wie ein Verlag trotz Anspruch überleben kann.

Quote from: Bartlebooth
Nein, das Publikum muss anderes fordern, in den verlagen, auch in den großen, sitzen genug Leute, die bereit sind, ihnen nicht nur Massenware vorzusetzen. Um erfolgreich zu sein, müssen Verlage heutzutage einfach auf eine Mischkalkulation setzen, wobei es hier natürlich Unterschiede in der Risikobereitschaft gibt, was wiederum von den programmverantwortlichen Personen abhängt, die mehr oder weniger risikofreudig sind - eben ein Querschnitt aus dem menschlichen Spektrum bilden. Per Dekret lässt sich das nicht ändern, auch per Appell nicht. Ich halte nichts davon, das Publikum so stark aus der Verantwortung zu entlassen.

Nun, das Publikum _müsste_ anderes fordern. Es tut dies aber nicht, weder in der Literatur noch im Fernsehen (das vielleicht den Mainstream-Geschmack noch sehr viel besser widerspiegelt). Dieses "muss" kann ich zwar unterschreiben, ist aber eine irgendwie utopische Forderung. Mir fiele noch einiges ein, was denn der Mensch muss (oder müsste), Dinge, der Unsinnigkeit leichter einzusehen und zu begründen wären als die Forderung nach besserer Literatur. Ich staune noch tagtäglich über Blödheit und Ignoranz, über politische, gesellschaftliche, religiöse Dummheit. (Letzeres ist natürlich im Besonderen geeignet, um das Ausmaß der Dummheit zu demonstrieren: Glauben doch rund 85 % an einen Wüstengott, der vor etwa 5000 Jahren einem wahrscheinlich unter Hitze und Durst leidenden Beduinen erschienen ist, glauben, dass dieser die Welt erschaffen hat nebst starker und schwacher Kernkraft und all dem Teilchenkroppzeug, glauben, dass er sich dann aus x Milliarden Galaxien und ebenso viel Sonnensystemen die Erde rausgepickt hat, nachdem er 15 Milliarden Jahre unter Langeweile gelitten hat, Moses zum Steinmetz ausbildete, einen Sohn produzierte (als Spermagesandter diente ein Engel nebst Heiligem Geist), diesen umbrachte zum Wohle der Menschheit und jetzt nach all der Arbeit damit beschäftigt ist, kleine Kinder beim Klauen im Supermarkt zu überwachen, um sie später in Hölle zu schicken. Dieser Nonsens wird in jeder Schule unterrichtet, wird sogar auf staatlichen (wissenschaftlichen!) Universitäten gelehrt und so gut wie niemand nimmt von diesem abgrundtiefen Schwachsinn Notiz. (Aber man regt sich über die Kreationisten auf, als ob das nun so viel dämlicher wäre.) Würde man eine Osterhasenfakultät oder ein Max Planck Insitut zur Erforschung des Yeti und seiner Verwandtschaft zum Ungeheuer von Loch Ness gründen, es wäre um keinen Deut weniger schwachsinnig. Im übrigen ist keine Religion klüger, ob's ein paar hundert Dämonen im Bhuddismus sind oder Elefantengötter ist doch ziemlich wurscht ... )

Womit ich sagen will: Das Publikum wird gar nichts fordern, weil es mit Denken und geistiger Anstrengung dort nicht weit her ist. Ich weiß auch nicht, wie das zu verbessern wäre, außer eben mit einer Art staatlichen Förderung (gegen die ich aber auch Bedenken habe, das aber wäre eine andere Diskussion). Das Problem verschärft sich durch eine zunehmende Kommerzialisierung der Kunst, der Literatur, dadurch, dass das Publikum (Ausnahmen außen vor) sich gerne berieseln lässt, dass die Autoren eher an ihren eigenen Erfolg denken als an die Kunst (was ich noch eher verstehen kann, wer verhungert schon gern, obschon die wirtschaftlichen Umstände für ein künstlerisches Leben in unserer westlichen Welt so gut sind wie nie zuvor). Ob nun in den Verlagen tatsächlich - wie du behauptest - Personen sitzen, die "Anspruchsvolleres" gerne verlegen würden, weiß ich nicht. Wenn sie's tun, werden sie weniger verdienen wie die Konkurrenz, die derlei nicht unternimmt. (Die BILD oder die Kronenzeitung verkaufen sich besser als anspruchsvolle Zeitungen - und hier würde die gleiche Behauptung gelten: Das Publikum _müsste_ anderes fordern.)

Gute Literatur ist immer nur ein Minderheitenprogramm. Sie zu verlegen scheint in Zeiten zunehmender wirtschaftlicher Prosperität aber schwieriger zu werden, weil sie nun auch den Marktgesetzen gehorcht. Im übrigen sind die Literaturforen doch ein recht gutes Beispiel für den status quo, die Diskussionen erschöpfen sich häufig in "hat mir gut gefallen" - "hihi, mir auch, ich vergebe 12 Mäuse und 26 Ratten". Womit gesagt wurde: Ich wurde unterhalten, zuerst vom Buch, dann von Big Brother, anschließend vom Promitalk. Drüber nachdenken will ich nicht! Punktum.)

Liebe Grüße

orzifar
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 18.17 Uhr
Anna Mitgutsch hat über die "Halbwertszeit in der Literatur" einen sehr guten Beitrag im "Standard" verfasst, leider ist dieser mittlerweile nur noch kostenpflichtig abrufbar. Und sie klagt - m. E. mit Recht - über das Gebaren der Verlage, die Oberflächlichkeit, die Unmöglichkeit, die Öffentlichkeit zu erreichen, wenn man nicht überall besprochen wird oder im Verlagsprogramm irgendwo erscheint. Sie empfand es als frustrierend, nach langer Arbeit an einem Text als wahrscheinlich nicht besonders verkaufsfähig eingestuft zu werden, unter "ferner liefen" zu figurieren, während für Bohlen oder Roche Werbung gemacht wird. Und im Kulturteil der Zeitungen wird auftragsmäßig besprochen, wird das erwähnt, was sich gut verkauft (im "Profil" finden sich Bestsellerlisten nebst Kommentaren, nie und nirgends aber Besprechungen relativ unbekannter, aber begabter Autoren), werden die Bücher jener Verlage erwähnt, zu dem auch die Zeitung, Zeitschrift gehört (und sie werden - selbstredend - gelobt, weil das im Interesse des Konzerns ist).

Na, na, na, so ist es aber nun wirklich nicht, das klingt ja wie eine totale verquickung, bei der Verkäuflichkeit künstlich hergestellt wird. Tatsache ist, dass man nicht für jedes Buch gleichviel Werbung machen kann (begrenzte Mittel, das Phänomen, dass sich, wenn alle im Theater aufstehen, auch alle wieder setzen können usw.); Tasache ist natürlich auch, dass vielversprechendere Titel besser platziert werden als andere; Tatsache ist drittens, dass man damit Überraschungen erlebt und sich manchmal Titel durchsetzen, die weder besonders beworden, noch besonders besprochen werdenoder aber nur besprochen werden, weil das Feuilleton mit den Marketingschwerpunkten nicht einverstanden ist. So einseitig, wie du es schilderst ist es wirklich nicht, wobei die österreichischen Verhältnisse sicher etwas anders sind als die deutschen). Die Klage von Frau Mitgutsch klingt aber ein bisschen nach dem Sermon, den jede/r Autor/in ablässt. Selbstkritik ist in den allerseltensten Fällen die Sache von Kulturschaffenden.

Und Literatur ist ungeheuer schnelllebig, Mitgutsch schreibt von etwa 3 Monaten, innerhalb derer etwas verkauft werden muss. Ein Bekannter berichtete mir von maximal 6 Monaten, dazu die Hoffnung, vor Weihnachten verlegt zu werden, im Sommer wird nichts gelesen und wer im Frühjahr erscheint, verkauft dementsprechend weniger. Was nach einem halben Jahr nicht verkauft ist, ist Makulatur, kann als Brennstoff Verwendung finden.

Auch das Remissionsrecht ist eine eigene Diskussion wert. Sind die Verlage schuld, weil sie so schnell so viel auf den Markt werfen? Sind die Buchhandlungen schuld, weil sie z.T. schon nach drei Montane remittieren? Eine Frage, die wir ein bisschen differenzierter betrachten müssten.

Versteh ich jetzt nicht. Das ist keine Frage des Nutzens. Es _ist_ ganz einfach. Ist der Anspruch zu hoch, geht's schief. Aber es müsste einfach eine Möglichkeit geben, wie ein Verlag trotz Anspruch überleben kann.

Die Frage ist: wie? Öffentliche Zuschüsse halte ich für sehr bedenklich. Eine Verquickung von Buchmarkt und öffentlicher Hand in Bezug auf Inhalte von Literatur erscheint mir wenig erstrebenswert. Aber das räumst du ja auch ein (ich nehme wenigstens an, dass deine Bendenken daher rühren).

Womit ich sagen will: Das Publikum wird gar nichts fordern, weil es mit Denken und geistiger Anstrengung dort nicht weit her ist.

Nun, dann haben wir die Literatur, die wir verdienen. Und ich muss dir sagen, ich habe noch immer ausreichend Lesestoff für den rest meines Lebens. Natürlich ärgert es mich, wenn gute Autor/innen sich nur schlecht verkaufen, aber was hilft es? Ohne das breite Publikum kein kommerzieller Erfolg, das liegt in der Natur der Sache. Solange sich also der Massengeschmack nicht wandelt, sehe ich keine andere Chance auf bessere Literatur.

Ob nun in den Verlagen tatsächlich - wie du behauptest - Personen sitzen, die "Anspruchsvolleres" gerne verlegen würden, weiß ich nicht. Wenn sie's tun, werden sie weniger verdienen wie die Konkurrenz, die derlei nicht unternimmt. (Die BILD oder die Kronenzeitung verkaufen sich besser als anspruchsvolle Zeitungen - und hier würde die gleiche Behauptung gelten: Das Publikum _müsste_ anderes fordern.)

Ja, orzifar, wenn du aber in die zweite Reihe schaust, dann relativiert sich das doch. Die zwet- und drittgrößten Zeitungen sind (von den Regionalblättern mit tausend Lokalausgaben wie der WAZ mal abgesehen) die großen überregionalen Qualitätszeitungen, wie Zeit, FAZ, Welt, Süddeutsche. Und ich kann dir versichern: Auch mit Anspruchsvollen können Verlage kommerziell erfolgreich sein. Selten mit ausschließlich Anspruchsvollem,da der anspruchsvolle Leser viel schwerer kalkulierbar ist als der triviale, aber auch die großen Publikumsverlage haben immer mal wieder Titel mit durchaus literarischem Ansprcuh, die es auch auf die Bestsellerlisten schaffenb. Willst du Beispiele?

Gute Literatur ist immer nur ein Minderheitenprogramm. Sie zu verlegen scheint in Zeiten zunehmender wirtschaftlicher Prosperität aber schwieriger zu werden, weil sie nun auch den Marktgesetzen gehorcht. Im übrigen sind die Literaturforen doch ein recht gutes Beispiel für den status quo, die Diskussionen erschöpfen sich häufig in "hat mir gut gefallen" - "hihi, mir auch, ich vergebe 12 Mäuse und 26 Ratten". Womit gesagt wurde: Ich wurde unterhalten, zuerst vom Buch, dann von Big Brother, anschließend vom Promitalk. Drüber nachdenken will ich nicht! Punktum.)

Grundsätzliche Zustimmung, wenn ich auch nicht glaube, dass gute Literatur jemals ein Mehrheitenprogramm war. Womit ich deinem kulturpessimistischen Grundtenor entgegentreten möchte.

Herzlich, Bartlebooth.
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: orzifar on 15. Juli 2009, 18.23 Uhr
Hallo!

Na, na, na, so ist es aber nun wirklich nicht, das klingt ja wie eine totale verquickung, bei der Verkäuflichkeit künstlich hergestellt wird. Tatsache ist, dass man nicht für jedes Buch gleichviel Werbung machen kann (begrenzte Mittel, das Phänomen, dass sich, wenn alle im Theater aufstehen, auch alle wieder setzen können usw.); Tasache ist natürlich auch, dass vielversprechendere Titel besser platziert werden als andere; Tatsache ist drittens, dass man damit Überraschungen erlebt und sich manchmal Titel durchsetzen, die weder besonders beworden, noch besonders besprochen werdenoder aber nur besprochen werden, weil das Feuilleton mit den Marketingschwerpunkten nicht einverstanden ist. So einseitig, wie du es schilderst ist es wirklich nicht, wobei die österreichischen Verhältnisse sicher etwas anders sind als die deutschen). Die Klage von Frau Mitgutsch klingt aber ein bisschen nach dem Sermon, den jede/r Autor/in ablässt. Selbstkritik ist in den allerseltensten Fällen die Sache von Kulturschaffenden.

Diese drei "Tatsachen" (wenn es denn welche sein sollten) ändern an der Grundaussage nichts. Und tatsächlich ist Österreich in bezug auf die Presselandschaft schlechter dran als jede Bananenrepublik, ich kenne kein Land, in dem Zeitungen/Zeitschriften von so wenig Konzernen kontrolliert werden. (Beispielhaft die Zeitungslandschaft: Kronenzeitung fast 50 %, dann die Kleine mit etwa 12 % (im Besitz der Styria, die wieder in dem der Diozöse Seckau), Kurier etwa 9, der Rest konservative Wirtschafts- (Presse, Standard) und Regionalblätter, wobei auch die Presse zum Styria-Verlag gehört, der Kurier zur Hälfte der WAZ-Gruppe, die ebenfalls die Hälfte der Kronenzeitung besitzen. Linke Zeitungen gibt es außer dem Falter, der hauptsächlich auf Wien beschränkt ist (ich könnte den hier in der Nähe gar nicht erwerben), überhaupt nicht. Eine solche Konzentration ist in Europa einzigartig, der Einfluss der Krone enorm (obwohl die Qualität dieser Zeitung noch weit unter der BILD liegt), es wäre denkbar unmöglich, _gegen_ diese Zeitung zu regieren. Haider (mit bis zu knapp 30 %) war ein praktisch ausschließliches Kronzenzeitungphänomen.) Dass die Leute diese Zeitung lesen, hat nun wenig mit Kulturpessimismus zu tun sondern ist auch ein schlichte Tatsache.

Fast alle diese Zeitungen sind mit Verlagen verflochten, dort schaut's ähnlich aus. Ich kenne Frau Mitgutsch viel zu wenig, um ihr übergroße Wehleidigkeit, Mimosenhaftigkeit zu unterstellen. Sie scheint mir aber das Gebaren von Verlagen recht gut beschrieben zu haben, auch wenn sie vielleicht damit ein persönliches Motiv verfolgte.

Auch das Remissionsrecht ist eine eigene Diskussion wert. Sind die Verlage schuld, weil sie so schnell so viel auf den Markt werfen? Sind die Buchhandlungen schuld, weil sie z.T. schon nach drei Montane remittieren? Eine Frage, die wir ein bisschen differenzierter betrachten müssten.

Was du mit einer differenzierteren Behandlung des Remittentenrechtes meinst verstehe ich jetzt nicht.

Die Frage ist: wie? Öffentliche Zuschüsse halte ich für sehr bedenklich. Eine Verquickung von Buchmarkt und öffentlicher Hand in Bezug auf Inhalte von Literatur erscheint mir wenig erstrebenswert. Aber das räumst du ja auch ein (ich nehme wenigstens an, dass deine Bendenken daher rühren).

Ja, das ist höchst problematisch, da die Wahrscheinlichkeit der (in-)direkten Einflussnahme groß ist. Ich bin noch nicht einmal ein Gegner des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, nur dürfte man nicht mit den eingenommenen Geldern dem Unterschichten-TV Konkurrenz machen, sondern sich auf reine Information (ohne Werbung) beschränken (nebst einem, natürlich immer schwierig zu definierenden Kulturauftrag). Angeblich funktioniert das bei der BBC ganz gut. Ein solches Konzept könnte auch bei der Verlagsförderung greifen, das Geld dazu wäre durchaus vorhanden. Aber mir ist klar, dass das trotzdem eine höchst diffizile und komplizierte Sache ist. Und dem gemeinen Staatsbürger schwer zu verkaufen. (Wie etwa erklären, dass nun Hansi Hinterseer nur noch privatim per Satellit vor sich hin trällert, während man offiziös "ach nun ist's mit uns vorbei ..." nebst papageniöser Baumbesteigung zwecks Selbstermordung hört.)

Nun, dann haben wir die Literatur, die wir verdienen. Und ich muss dir sagen, ich habe noch immer ausreichend Lesestoff für den rest meines Lebens. Natürlich ärgert es mich, wenn gute Autor/innen sich nur schlecht verkaufen, aber was hilft es? Ohne das breite Publikum kein kommerzieller Erfolg, das liegt in der Natur der Sache. Solange sich also der Massengeschmack nicht wandelt, sehe ich keine andere Chance auf bessere Literatur.

Das steht zu befürchten. Und Lesestoff werde ich auch genügend haben bis zum Ende meiner Tage, aber ich bin schon recht froh, nicht nur auf Gegenwartsliteratur verwiesen zu werden.

Ja, orzifar, wenn du aber in die zweite Reihe schaust, dann relativiert sich das doch. Die zwet- und drittgrößten Zeitungen sind (von den Regionalblättern mit tausend Lokalausgaben wie der WAZ mal abgesehen) die großen überregionalen Qualitätszeitungen, wie Zeit, FAZ, Welt, Süddeutsche.

Das aber trifft auf Österreich schlicht nicht zu. Von Qualitätszeitung kann hier keine Rede sein, die letzte ("Die Presse") wurde 1991 verkauft und gehört nun dem "Katholischen Medien Verein Privatstiftung", was unübersehbar ist.

Grundsätzliche Zustimmung, wenn ich auch nicht glaube, dass gute Literatur jemals ein Mehrheitenprogramm war. Womit ich deinem kulturpessimistischen Grundtenor entgegentreten möchte.

Natürlich war Literatur nie ein Mehrheitenprogramm. Zwei Tendenzen scheinen mir für die Gegenwart aber typisch zu sein: Zum einen die Nivellierung (in der Form, wie wir sie bei manchen Autoren konstatiert haben, die brav, handwerklich geschickt agieren), zum anderen eine noch stärker auf den kommerziellen Erfolg ausgerichtete Strategie, die durchaus darin besteht (bestehen kann), dass das Erfolgreiche auch das Gute ist (Ähnlichkeiten mit der Hegelschen Geschichtstheorie sind zufällig und ungewollt). Für die letzten 20, 30 Jahre kann ich zumindest in jenem geographischen Teil Österreichs, in dem ich lebe, einen beinahe völligen Verfall einer literarischen Kultur konstatieren. Hier gab es Kaffeehauslesungen, Literaturveranstaltungen en masse, und das Ereignis konnte so klein gar nicht sein, dass nicht in Zeitungen (die es nicht mehr gibt) oder aber im Hörfunk darüber berichtet wurde. Und es gab auch Geld: So wurde ich als völlig Unbekannter zu Lesungen eingeladen - Honorar: 1000 Schilling. Das entsprach damals fast dem Monatsgehalt eines Lehrlings. (Ob's denn verdient war, darf mit Fug und noch mehr Recht bezweifelt werden - aber solches wäre heute schlicht undenkbar.)

Liebe Grüße

orzifar
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 18.24 Uhr
Lieber orzifar,

ich verstehe ja deinen Frust über die österreichischen Zustände, aber die Reduzierung der Eingangsfragestellung auf sie erscheint mir dann doch etwas eindimensional.
Also, mal abgesehen von den alpenländischen Verflechtungen: Gibt es nicht auch eine eigenartige Verschiebung im Verhältnis von Arbeit und Talent in der zeitgenössischen Literatur? Und wenn ja, wie sieht die aus?

Herzlich, Bartlebooth.
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: orzifar on 15. Juli 2009, 18.25 Uhr
Lieber Bartlebooth!

Das hat weniger mit Frustration oder Einengung zu tun - die österreichischen Verhältnisse sind eben jene, die ich - ein wenig - besser kenne. Über deutsches, schweizerisches, anderes Treiben kann ich aufgrund rudimentärer Kenntnisse noch weniger sagen.

Wie's mit dem Talent bestellt ist, wage ich kaum zu beurteilen. Festhalten kann man (ich) eine Art Nivellierung, ein wenig originelles, geschichtenorientiertes Schreiben. Der kürzlich weggelegte Köhlmeier als Beispiel, ein zu Besonderheiten neigendes Personal, Mordfälle, Außergewöhnliches, da und dort ein Genie oder eine Heilige. Meines Erachtens nicht zu Unrecht verglichen mit amerikanischen Schriftstellern a la Irving oder Auster, handwerklich geschicktes Verknüpfen von Erzählsträngen, "creative writing" - wie gehabt. Schlink wäre auch ein Beispiel, Mercier, ganz sicher auch Suter, mit Abstrichen Markus Werner (dem ich Talent konzedieren würde, der aber aus welchen Gründen auch immer sein Erzählen geschichtenmäßig verpacken zu müssen glaubt und insofern auch beispielhaft ist). Kehlmann hat ziemlich sicher Talent, produziert aber brav vor sich hin, gefällig, verkäuflich. Darf er nicht anders, will er nicht anders? Nun, er dürfte längst, man würde ihn ob seiner Bekanntheit in jedem Fall verlegen, er könnte sich 15 Jahre Zeit lassen mit seinem nächsten Buch. Aber es dürfte denn doch auch höchst verführerisch sein, sich im Jahrestakt feiern zu lassen, im Mittelpunkt zu stehen - und es dürfte im Gegenzug sehr schwer sein, darauf freiwillig zu verzichten und statt Ruhm und Schulterklopfen still an seinem Schreibtisch zu sitzen und zu arbeiten.

"Geschichtenorientiert" schrieb ich weiter oben, aber das ist natürlich unscharf, verwaschen. Nichts gegen Geschichten, nichts gegen welches Konzept auch immer, wenn's denn gut und ansprechend gemacht wird. (Das Geschichtenerfinden scheint aber eher ein Privileg der Lateinamerikaner zu sein, oder Rushdies - wenngleich es der manchmal übertreibt. (Nicht in den Mitternachtskindern, die ich sehr genossen habe.)) Das Geschichtenerzählen, wie es von den obengenannten Autoren betrieben wird, langweilt mich jedoch, weil es entweder bloße Unterhaltung bietet oder aber der philosophische Hintergrund mit Anlauf und Vorankündigung präsentiert wird (gedankenschwangere Metaphorik bei Mercier).

Was eine Ursache für diese sterile Künstlichkeit, das glatt Polierte und handwerklich ansprechend Gemachte zu sein scheint, ist das Fehlen von Erlebtem, Persönlichem. Erfindungsreichtum ist keineswegs ein unbedingt notwendiges Ingrediens (kann, muss aber nicht). Das stark autobiographisch Eingefärbte war nicht das Schlechteste, was Autoren produzierten - im Gegenteil: Handkes "Wunschloses Unglück", Bernhards autobiographische Erzählungen gehören zum Besten ihres Werks. Ebenfalls erwähnenswert: Wolfgruber, Innerhofer, Schwaiger, Mitgutsch. Wobei hier die Gefahr besteht, dass man sich sehr früh "ausgeschrieben" hat, Innerhofer wäre hier zu nennen: Seine ersten beiden Bücher tief beeindruckend, das Späte eklatanter Mist. Er hatte schlicht nichts mehr zu erzählen, hat dies wohl auch gespürt, gewusst. Sein späteres Leben, der Selbstmord sind von dieser Erkenntnis ganz sicher nicht zu trennen. Für Deutschland fällt mir Uwe Timm ein: Auch bei ihm ist Authentizität immer spürbar, kein mühseliges Ausdenken, Konstruieren, keine bemühte Originalität. (Aber was macht das "ausgeschrieben" schon: Wenn jeder Schriftsteller auch nur ein gutes Buch schreiben würde, in welch wundervoller literarischer Welt würden wir leben.)

Arbeit und Talent sind im übrigen ganz sicher nicht zu trennen, eins ergibt ohne das andere höchst mittelmäßige Werke. Ein gutes Beispiel scheint Th. Mann zu sein, der das Schreiben wie ein Schichtarbeiter betrieb: Ohne diesen ungeheuren Fleiß, die Qual, Ausdauer sind seine Werke nicht denkbar, es gibt unzählige Berichte darüber, dass er sich mit wenigen Sätzen ganze Vormittage quälte. Oder auch keinen einzigen zustande brachte. Dazu gehört auch das entsprechende Quellenstudium, Kenntnis der Philosophie, Geschichte (oder beim Faustus der Musiktheorie, obschon er dabei kompetente Helfer hatte "o du schöner Wiesengrund" ;-)), auch das sicherlich nicht immer angenehm, sondern einfach Knochenarbeit. (Naja, die meisten waren Arbeitstiere: Proust, Musil, Kafka, haben gestrichen, gefeilt, verbessert, verworfen). Wenn jemand unbeleckt von allem philosophischen Grundwissen seine Figuren über dies und jenes nachgrübeln lässt, wird dann rechtschaffene Gymnasialliteratur daraus.

Vielleicht ist's gerade das. Man fabuliert in einigermaßen wohlgeformten Sätzen vor sich hin wie weiland Hesse, mit einem mehr-minder trivialen phil. Hintergrund (wie etwa H. Hallers Gedanken über Selbstmord jeder Brigitte-Leserin wenig Ehre einbringen würden), verpackt das in ein Geschichtchen mit einem gewissen Spannungsmoment und gewinnt alsobald ein großes Publikum. (Hesse hat sich ja hauptsächlich eines Motivs bedient, dass auch schon bei J. Londons Seewolf zu finden ist: Jugendfreunde trennen sich und treffen irgendwann wieder aufeinander. Oder das Hans im Glück Motiv von jenem der auszieht und irgendwann wieder heimfindet.) Schlink und Mercier bedienen die rezente Hesse-Klientel. Das, was du bei Glavinic beanstandet hast, trifft auf sehr viele Autoren zu: Ihr geistiger Hintergrund ist der eines Abiturienten. Man kennt Zitate einzelner Philosophen, verwurstet sämtliche Versatzstückchen und hat Erfolg genau bei jenen, die auf einem ebensolchen geistigen Fundament stehen. Wobei: Mehr Schwemmsand denn Fundament. Möglicherweise speist sich mein Unbehagen an der zeitgenösssichen Literatur der letzten Jahre daraus, dass man mir ständig Bücher in die Hand drückt, deren Gedankenreichtum über eine Wald- und Wiesenphilosophie a la Hesse nicht hinausgekommen ist.

Liebe Grüße

orzifar
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Bartlebooth on 15. Juli 2009, 18.28 Uhr
Wie's mit dem Talent bestellt ist, wage ich kaum zu beurteilen. Festhalten kann man (ich) eine Art Nivellierung, ein wenig originelles, geschichtenorientiertes Schreiben. Der kürzlich weggelegte Köhlmeier als Beispiel, ein zu Besonderheiten neigendes Personal, Mordfälle, Außergewöhnliches, da und dort ein Genie oder eine Heilige. Meines Erachtens nicht zu Unrecht verglichen mit amerikanischen Schriftstellern a la Irving oder Auster, handwerklich geschicktes Verknüpfen von Erzählsträngen, "creative writing" - wie gehabt.
Genau! Die Frage ist nun, woher kommt das? Ächzten wir vor Jahr und Tag noch über die philosophischen und leider manchmal auch etwas küchenpsychologischen deutschen Schreibversuche, so scheint sich inzwischen das Muster des amerikanischen Schreibens in Anekdoten und interessanten Figurenkonstellationen durchgesetzt zu haben, das sich von einer kleinen Geschichte zur nächsten hangelt. Nur: Ist das eine amerikanische Erfindung? Ich meine nein. Die Amerikaner stehen hier in einer realistischen Tradition, was die Findung der Themen und die Erzählweise betrifft. Sie sind zum anderen durch die Novellistik inspiriert, angefangen bei den frühen Novellenzyklen bis hin zu den Novellen des Realismus des 19. Jahrhunderts - unter Beiseitelassung alles Übrigen. Ins Blaue geschrieben möchte ich mutmaßen: Das (Spät)Mittelalter und das 19. Jahrhundert - darauf begründet sich im Augenblick zu großen Teilen das Erzählen der Zeitgenossen.

"Geschichtenorientiert" schrieb ich weiter oben, aber das ist natürlich unscharf, verwaschen. Nichts gegen Geschichten, nichts gegen welches Konzept auch immer, wenn's denn gut und ansprechend gemacht wird. (Das Geschichtenerfinden scheint aber eher ein Privileg der Lateinamerikaner zu sein, oder Rushdies - wenngleich es der manchmal übertreibt. (Nicht in den Mitternachtskindern, die ich sehr genossen habe.)) Das Geschichtenerzählen, wie es von den obengenannten Autoren betrieben wird, langweilt mich jedoch, weil es entweder bloße Unterhaltung bietet oder aber der philosophische Hintergrund mit Anlauf und Vorankündigung präsentiert wird (gedankenschwangere Metaphorik bei Mercier).
Das ist natürlich ein weiteres Problem,über das man trefflich am Beispiel streiten kann. Und obwohl ich ihn nicht mag, würde ich Irving nicht pauschal in diese Ecke stecken bzw. die Lateinamerikaner - etwa Márquez - davon freisprechen.

Was eine Ursache für diese sterile Künstlichkeit, das glatt Polierte und handwerklich ansprechend Gemachte zu sein scheint, ist das Fehlen von Erlebtem, Persönlichem. Erfindungsreichtum ist keineswegs ein unbedingt notwendiges Ingrediens (kann, muss aber nicht). Das stark autobiographisch Eingefärbte war nicht das Schlechteste, was Autoren produzierten - im Gegenteil: Handkes "Wunschloses Unglück", Bernhards autobiographische Erzählungen gehören zum Besten ihres Werks. (...) Für Deutschland fällt mir Uwe Timm ein: Auch bei ihm ist Authentizität immer spürbar, kein mühseliges Ausdenken, Konstruieren, keine bemühte Originalität.
Eine interessante Überlegung und sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Man kann sich zumindest darauf verlassen, dass die Leute wissen, worüber sie schreiben, wenn sie sich in irgendeiner Form an ihrer Biographie orientieren. Nur: das tut zB Irving auf. Die Versatzstücke, die immer wieder in seinen Romanen auftauchen, wie etwa Bären, Wien, Grillparzer oder das Ringen, die nimmt er aus der eigenen Anschauung.

Arbeit und Talent sind im übrigen ganz sicher nicht zu trennen, eins ergibt ohne das andere höchst mittelmäßige Werke. (...) Dazu gehört auch das entsprechende Quellenstudium, Kenntnis der Philosophie, Geschichte (...). Wenn jemand unbeleckt von allem philosophischen Grundwissen seine Figuren über dies und jenes nachgrübeln lässt, wird dann rechtschaffene Gymnasialliteratur daraus.
Volle Zustimmung. Kehlmann hat sicher Quellen studiert, verstanden hat er sie nicht, aber er extrahiert daraus einen faden Sud, den auch das Publikum noch ohnen größere geistige Anstrengung irgendwie verarbeiten kann. Etwas, was man von den Gesprächen zwischen Settembrini und Naphta sicher nicht behaupten kann.

Möglicherweise speist sich mein Unbehagen an der zeitgenösssichen Literatur der letzten Jahre daraus, dass man mir ständig Bücher in die Hand drückt, deren Gedankenreichtum über eine Wald- und Wiesenphilosophie a la Hesse nicht hinausgekommen ist.
Die Frage ist: Sind nur die erfolgreich oder gibt es die anderen nicht?

Herzlich: Bartlebooth.
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: orzifar on 15. Juli 2009, 18.29 Uhr
Hallo!

Quote from: Bartlebooth
Genau! Die Frage ist nun, woher kommt das? Ächzten wir vor Jahr und Tag noch über die philosophischen und leider manchmal auch etwas küchenpsychologischen deutschen Schreibversuche, so scheint sich inzwischen das Muster des amerikanischen Schreibens in Anekdoten und interessanten Figurenkonstellationen durchgesetzt zu haben, das sich von einer kleinen Geschichte zur nächsten hangelt. Nur: Ist das eine amerikanische Erfindung? Ich meine nein. Die Amerikaner stehen hier in einer realistischen Tradition, was die Findung der Themen und die Erzählweise betrifft. Sie sind zum anderen durch die Novellistik inspiriert, angefangen bei den frühen Novellenzyklen bis hin zu den Novellen des Realismus des 19. Jahrhunderts - unter Beiseitelassung alles Übrigen.

Ich wage nicht zu beurteilen, wer das Geschichtchenerzählen erfunden hat. Meine Vermutung ist eher, dass diese Art des Schreibens im Zusammenhang mit einer Kommerzialisierung des Buches steht, Verkaufszahlen und -listen, Wunsch nach ökonomischen Erfolg. Heute lesen mehr Menschen denn je (bezogen auf die westliche Welt; der Grund liegt schlicht in einem Mehr an Freizeit, das Buch ist ein Konkurrenzmedium zu TV, Kino, Internet und darf, um bei dieser Konkurrenz bestehen zu können, keine allzu großen intellektuelllen Ansprüche stellen), der Markt ist größer, es kann mehr verkauft werden. Und es wird mehr verkauft. Und um das zu gewährleisten wird (bewusst-unbewusst) eine Nivellierung vorgenommen. Lesen gilt ja trotz allem noch immer als eine den meisten anderen Freizeitgestaltungen "überlegene", anspruchsvollere Tätigkeit, es bildet (angeblich) - und Kindern wird selten das Buch verboten, häufig aber das Fernsehen (wohl mit Recht). Um diesem anspruchsvollen Ruf nun gerecht zu werden, wird vielen Werken eine philosophische Zierleiste appliziert: Franzen lässt seinen Protagonisten Schopenhauer lesen (passt wie die Faust auf's Auge), der im anderen Thread erwähnte Botton hat's mit den alten Griechen und selbst in trivialen Sachbüchern kommt man ohne Derartiges nicht aus: So lese ich eben ein Buch über die Kaufsucht in der westlichen (besonders us-amerikanischen) Welt, in der die Autorin ständig Platon (oder Mill, Keynes oder andere "Autoritäten") zitiert, ohne auch nur mehr als ein paar plakative Sprüchlein (vielleicht einem philosophischen Jahreskalender entnommen) zu kennen. Sie hat ganz offenkundig nicht die geringste Ahnung - aber das macht nichts - weil es ohnehin keiner merkt. Zurückbleibt die Erinnerung an ein Buch, das klug gewesen sein muss, weil sogar Platon in ihm erwähnt wurde.

Quote from: Bartlebooth
Ins Blaue geschrieben möchte ich mutmaßen: Das (Spät)Mittelalter und das 19. Jahrhundert - darauf begründet sich im Augenblick zu großen Teilen das Erzählen der Zeitgenossen.

Über den Satz muss ich - um dazu etwas sagen zu können, noch ein wenig nachgrübeln ...

Quote from: Bartlebooth
Das ist natürlich ein weiteres Problem,über das man trefflich am Beispiel streiten kann. Und obwohl ich ihn nicht mag, würde ich Irving nicht pauschal in diese Ecke stecken bzw. die Lateinamerikaner - etwa Márquez - davon freisprechen.

Die Erwähnung der Lateinamerikaner war - von mir - positiv gemeint (deren Privileg: In dem Sinne, dass sie dies auch beherrschen). Im Gegensatz zu den US-Amerikanern vermag ich den Geschichtenreichtum eines Marquez (oder Llosas) zu genießen, das scheint mir sogar beispielhaft: Die Qualität der Metaphorik der genannten Autoren im Vergleich zu den mediokren Höhenflügen eines Mercier.

Quote from: Bartlebooth
[Autobiographisches ...]Eine interessante Überlegung und sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Man kann sich zumindest darauf verlassen, dass die Leute wissen, worüber sie schreiben, wenn sie sich in irgendeiner Form an ihrer Biographie orientieren. Nur: das tut zB Irving auf. Die Versatzstücke, die immer wieder in seinen Romanen auftauchen, wie etwa Bären, Wien, Grillparzer oder das Ringen, die nimmt er aus der eigenen Anschauung.

Natürlich. Aber leider ist das - auch wenn es ein bestimmtes Maß an Authentizität garantiert - noch kein hinreichender Grund für Qualität. Sodass der Umkehrschluss leider nicht zulässig ist, dass, wer über Erlebtes schreibt, in jedem Fall schon passable Bücher schafft. - Ich will aber grade Irving gar nicht so stark kritisieren (auch wenn ich die ihm teilweise entgegengebrachte Begeisterung gar nicht teilen kann), kenne von ihm nur den Garp, den Wassertrinker und Gottes Werk und Teufels Beitrag, in Owen Meany hab ich bloß reingelesen; hab mich teilweise unterhalten gefühlt (Wassertrinker), dann wieder ziemlich gelangweilt (Garp), aber den Eindruck gewonnen, dass das keinesfalls ein großer Schriftsteller ist, einer, für den ich mich begeistern könnte, von dem ich mehr, alles lesen will. Das ist Lektüre für's Arztwartezimmer zwischen Gesprächen über Hämorrhoiden und offene Beine, für die Zugfahrt, wenn das gepiercte Mädchen hinter mir eine Stunde lang ihrer Freundin via Handy ihre neuesten Abenteuer erzählt.

Quote from: Bartlebooth
Volle Zustimmung. Kehlmann hat sicher Quellen studiert, verstanden hat er sie nicht, aber er extrahiert daraus einen faden Sud, den auch das Publikum noch ohnen größere geistige Anstrengung irgendwie verarbeiten kann. Etwas, was man von den Gesprächen zwischen Settembrini und Naphta sicher nicht behaupten kann.

*lach* - das trifft's ziemlich gut: Settembrini und Naphta für Arme. Aber gerade bei ihm könnte ich mir vorstellen, dass er es auch besser könnte. Warum er's nicht tut bleibt Spekulation - und vielleicht ist meine Vermutung auch schlicht falsch.

Quote from: Bartlebooth
Die Frage ist: Sind nur die erfolgreich oder gibt es die anderen nicht?

Ersteres offenbar ja. Aber andererseits glaube ich, dass es die anderen sehr wohl gibt, dass heutzutage ebenfalls gute Bücher geschrieben werden. Dass sie aber recht schwer zu finden sind (wenigstens ich hab meine liebe Mühe damit).

Mir stellt sich in diesem Thread immer wieder eine andere (neue) Frage, und ich trage mich mit dem Gedanken, eine neue Diskussion zu eröffnen: Was liest man als Jugendlicher heute, sind das dieselben üblichen Verdächtigen wie vor 30 oder 50 Jahren, inwiefern hat sich der Schulkanon geändert? Und welche Auswirkungen hat das auf die Lese- und Schreibkultur?

Liebe Grüße

orzifar
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Dostoevskij on 16. Juli 2009, 09.20 Uhr
Moin, Moin!

Schon interessant, daß orzifar und ich ausgesprochene Vargas-Llosa-Leser sind, bei Hesse aber so divergente Ansichten haben. Was Gegenwartsliteratur betrifft: Ich habe keine Probleme, Nachschub zu finden. Die Palette ist bunt und vielfältig. Ich finde vorzügliche Romane wie Annette Pehnts "Mobbing" oder Sasa Stanisic' "Wie der Soldat das Grammofon repariert". Aber auch ausgewalzte irvinghafte Romane wie "Neue Vahr Süd" sind unterhaltsam, wenn auch ungeeignet für einen mehrseitigen Eintrag in einer Literaturgeschichte. Kann und soll nicht jeder Autor einen so erkennbar eigenen Sound haben wie Thomas Bernhard. Daß ich konventionell erzählte Literatur, je älter ich werde, bevorzuge, beobachte ich freilich. Mehr und mehr schiebe ich mal einen Unterhaltungsroman, einen Krimi oder Thriller ein. Und dann stürze ich mich wieder auf ein Buch von Lobo Antunes, das schwerer verdaulich ist. Dieser Mix aus '(Lese)Arbeit' und 'Vergnügen' tut mir gut, wobei mein Faible eindeutig bei Autoren erkennbar ist, die skurrile Bücher schreiben: Rosendorfer und Michael Schulte.
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: orzifar on 16. Juli 2009, 13.33 Uhr
Hallo Dostoevskij!

Schon interessant, daß orzifar und ich ausgesprochene Vargas-Llosa-Leser sind, bei Hesse aber so divergente Ansichten haben.

Es gibt schon mehr Übereinstimmungen: Ich kann deine nebenan geäußerte Begeisterung für "Die Liebe in den Zeiten der Cholera" ebenso teilen wie das Vergnügen an Rosendorfer. Bei Hesse (und Dostojewski - mit Abstrichen) kann ich die Faszination nach Abschluss der Adoleszenzphase kaum bzw. gar nicht verstehen. Das ist spezifische Jugendliteratur, das hat (etwa der Steppenwolf) etwas Renitentes, Anarchisches oder aber man findet sich in Narziss und Goldmund (oder dem Glasperlenspiel) wieder, weil man von dieser vergeistigten Welt fasziniert ist, Bücher liebt. Paradigmatisch etwa der "Traktat" im Steppenwolf: Einsamkeitsattitüde, in der sich viele Heranwachsende wiedererkennen - aber wenn man das später liest, hat man doch nur den Eindruck einer Peinlichkeit.

Dazu wäre vielleicht ein Thread "Lesesozialisation" interessant, was man warum in seiner Jugend bzw. heute liest (immer noch Hesse?), aber im Moment gebricht es mir absolut an Zeit.

lg

orzifar
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: arbor on 16. Juli 2009, 13.41 Uhr
Ich stelle schon seit Jahren fest, dass mich die zeitgenössische deutschsprachige Literatur (vor allem die Prosa) nicht mehr anspricht; sie haben einfach nichts zu sagen (darüber kann keine noch so glatt geschliffene Sprache hinwegtäuschen).

W. G. Sebald war so ziemlich der letzte Schriftsteller, der m.E. noch eine eigene Sprache entwickelt hat, die ich auch gerne gelesen habe.

Ansonsten greife ich lieber zu den (noch lebenden) "großen Alten" wie Lenz, Grass, Walser.

Vieles an der Misere sind in der Tat die Verlage Schuld, die genausogut Seife verkaufen könnten; denn es geht nur ums Marketing, nicht um Inhalte. Ein Autor, der ihnen in bewährter Manier alle ein, zwei Jahre ein solches Produkt liefert, ist eine Markenname, den man verkaufen kann.
Wirklich ernsthafte Lektorate gibt es eh nicht mehr; es sind Verwalter einer stromlinienförmigen Verlagsstrategie.

Spannendes, Neues entdeckt man oft nur noch in engagierten Kleinverlagen (oft Ein-Mann/Frau-Betriebe), die sich nur mit Mühe über Wasser halten können...
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Dostoevskij on 16. Juli 2009, 14.41 Uhr
Moin, Moin!

Bei Hesse (und Dostojewski - mit Abstrichen) kann ich die Faszination nach Abschluss der Adoleszenzphase kaum bzw. gar nicht verstehen. Das ist spezifische Jugendliteratur, das hat (etwa der Steppenwolf) etwas Renitentes, Anarchisches oder aber man findet sich in Narziss und Goldmund (oder dem Glasperlenspiel) wieder, weil man von dieser vergeistigten Welt fasziniert ist, Bücher liebt. Paradigmatisch etwa der "Traktat" im Steppenwolf: Einsamkeitsattitüde, in der sich viele Heranwachsende wiedererkennen - aber wenn man das später liest, hat man doch nur den Eindruck einer Peinlichkeit.

Möglicherweise ist das bei mir anders, weil ich Hesse als über 20-Jähriger entdeckt habe. Ich mag die, wenns um Hesse geht, meist zuerst genannten Prosawerke wie Demian und Steppenwolf weniger. Die Zweitklektüre des letzten ließe mich so schulterzuckend zurück, wie du es als Normalfall für den annimmt, der Jugendlektüren noch mal vorzerrt. Ich lernte Hesse zurerst durch sein Leben kennen - und er war ja einer der größten Briefeschreiber des 20. Jahrhunderts -, durch die mehr oder weniger autobiografischen Schriften, die bibliomanen. Hier entwickelt er auch den Humor, der in seinen Prosawerken vermißt wird. Dadurch daß er in seinen Erzählungen die Kindheit so herausstellt und thematisiert, könnte er u.U. für älter Werdende wieder interessant werden, die sich den Blick zurück wieder gönnen. Und wie Nachgeborenen & Friedenskinder dürfens zumeist tun und eine vergangene Welt entdecken, wie auch Hesse sie entdeckte. Nämlich einfach durch die Zeit, die verging, die Dinge, die sich veränderten, ein Kontrastprogramm zu heute. Komischerweise werde ich bei Hesse nie satt, auch wenn in seinen Töpfen Themen köcheln, die man sich bis zum Überdruß zu Gemüte geführt hat. Bei mir nicht. Bei mir ist die Frage 'Warum lebe ich heute eigentlich noch, während doch rings um mich alles zu beschissen ist?' Tag für Tag von neuem der Renner.
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: Dostoevskij on 16. Juli 2009, 23.39 Uhr
Moin, Moin!

ebenso teilen wie das Vergnügen an Rosendorfer.

EH preist uns als 'Buch der Woche' einen neuen Roman (http://www.youtube.com/watch?v=gLRyCUJpU9o) von Rosendorfer an.
Title: Re:Arbeit und Talent. Wie gut sind die zeitgenössischen Schriftsteller?
Post by: orzifar on 30. Juli 2009, 18.11 Uhr
Hallo Dostoewskij,

nochmals ausführlicher, auch um dem Verdacht einer bloß arrogant-erhabenen Hesseverurteilung vorzubeugen.

Möglicherweise ist das bei mir anders, weil ich Hesse als über 20-Jähriger entdeckt habe. Ich mag die, wenns um Hesse geht, meist zuerst genannten Prosawerke wie Demian und Steppenwolf weniger. Die Zweitklektüre des letzten ließe mich so schulterzuckend zurück, wie du es als Normalfall für den annimmt, der Jugendlektüren noch mal vorzerrt.

Aber seine anderen Bücher sind den erwähnten doch auch sehr ähnlich, ob nun Narziss und Goldmund, Glasperlenspiel, Siddharta, Unterm Rad, Peter Camenzind - oder auch die kürzeren Erzählungen wie "Klein und Wagner" oder der "Klingsor". Die skizzierten Lebensläufe pendeln zwischen vergeistigter Kontemplation und mehr-weniger exzessiven Ausschweifungen. Und es sind diese beiden Pole, zwischen denen ein Heranwachsender schwankt, erwachende Sexualität, Lebenshunger und - weil mit den ersten entsprechenden Erfahrungen Enttäuschungen, Trauer etc. auf dem Fuß folgen - das Zurückziehen, das (demonstrative) Entsagen, altkluge Attitüden, eine pubertäre Weltverachtung mit asketischem Touch (wobei der Grund für diese Haltung einzig darin liegt, dass Silvia, Eva, Doris oder Andrea sich unverständlicherweise mit Peter, Paul, Max oder Moritz - und nicht mit dem schwer Trauernden eingelassen haben). Diese Reaktionen sind verständlich und ich möchte sie keineswegs lächerlich machen, mein eigenes jugendliches Leiden war beträchtlich, noch schwerwiegender möglicherweise das von mir zugefügte. Aber das gehört wohl zum Prozess der Menschwerdung wie eben - möglicherweise, zumindest bei mir war's so - die Hesselektüre.

Die Enttäuschungen, die Trauer bleiben zumeist, der Umgang damit wird aber in späteren Jahren ein anderer. Mit 30 oder 40 pflegt man Liebeskummer (oder was es immer an emotionalen Widrigkeiten zu bewältigen gilt) nicht mehr mit dem Wunsch nach klösterlicher Kontemplation zu begegnen - oder wenn doch, dann besteht diese Entgegnung in der Durchführung, nicht bloß gedanklichen Ausführung des Plans. Die Strategien zur Bewältigung werden - hoffentlich - weniger plakativ, sie werden einfach realer; das zur Schau gestellte Unglück a la Hesse (das im Grunde doch nur dazu dient, die angebetete Silvia doch noch vom Wert des Bewerbers zu überzeugen) wird aufgegeben zugunsten der Erkenntnis, dass das Gegenüber dieses Spiel durchschauen werde. Wenn das eben nicht der Fall ist und sich Erwachsene wie Pubertierende gerieren, habe ich einfach das Gefühl, dass hier ein Prozess noch auf seinen Abschluss wartet. 

Ich lernte Hesse zurerst durch sein Leben kennen - und er war ja einer der größten Briefeschreiber des 20. Jahrhunderts -, durch die mehr oder weniger autobiografischen Schriften, die bibliomanen. Hier entwickelt er auch den Humor, der in seinen Prosawerken vermißt wird. Dadurch daß er in seinen Erzählungen die Kindheit so herausstellt und thematisiert, könnte er u.U. für älter Werdende wieder interessant werden, die sich den Blick zurück wieder gönnen. Und wie Nachgeborenen & Friedenskinder dürfens zumeist tun und eine vergangene Welt entdecken, wie auch Hesse sie entdeckte. Nämlich einfach durch die Zeit, die verging, die Dinge, die sich veränderten, ein Kontrastprogramm zu heute. Komischerweise werde ich bei Hesse nie satt, auch wenn in seinen Töpfen Themen köcheln, die man sich bis zum Überdruß zu Gemüte geführt hat. Bei mir nicht. Bei mir ist die Frage 'Warum lebe ich heute eigentlich noch, während doch rings um mich alles zu beschissen ist?' Tag für Tag von neuem der Renner.

Die Frage ist das eine, das andere die Antwort, die Hesse darauf gibt oder geben kann. "Jeder normale Mensch hat schon an Selbstmord gedacht" heißt's bei Camus und das würde ich durchaus unterschreiben. Aber Hesse kann ich heute zu diesem meinem Seinsproblem nicht mehr befragen - bzw. finde ich die Antworten, die er in seinen Büchern präsentiert, ähnlich aufschlussreich wie eine Plakataktion zum Jugendkatholikentag. Oder wie ich auch Coelhos Erbauungsschrifttum wenig erbauend finde (obschon ein Vergleich der beiden nicht wirklich statthaft ist). 

Als Jugendlicher spielt man gerne ein frivoles Spiel mit dem Morbiden, später wird aus diesem Spiel eigenartiger Ernst und spätestens nachdem eigene Freunde und Bekannte sterben und man in diesem Sterben nur noch das Grausame, Traurige sieht und so ganz und gar nichts Romantisches, vergeht einem dieses Kokettieren. (Ganz ähnlich ist es mit dem verklärenden Verrücktsein: Solche Verrückten oder im Verrücktsein Begriffenen sind einzig in der Literatur als exotisches, interessantes Akzidens brauchbar. In der Realität ist derlei entwürdigend, erniedrigend, es sind zittrige, trippelnde Medikamentwracks in psychiatrischen Kliniken, von der Glorie "Genie und Wahnsinn" mitnichten umgeben.)

Liebe Grüße

orzifar