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Gemeinsam Lesen => Leserunden => Topic started by: sandhofer on 01. Mai 2011, 10.26 Uhr

Title: Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 01. Mai 2011, 10.26 Uhr
Hallo zusammen und herzlich willkommen zur Nolten-Leserunde!

Mörikes "Maler Nolten" erschien zum ersten Mal 1832 - als "Novelle in zwei Teilen". Ich lese diese Fassung, in der einbändigen Mörike-Ausgabe, die seinerzeit bei Hanser von Herbert G. Göpfert herausgegeben und in Lizenz u.a. von "Ex Libris" nachgedruckt wurde. Das Werk umfasst darin die Seiten 325-720. Wenn ich mich recht erinnere (Ich habe den "Nolten" vor Jahren in einer andern Ausgabe schon mal gelesen) und es beim raschen Durchblättern auch recht sehe, existieren keine durch Überschriften oder Sonstiges abgetrennte Kapitel - ausser eben "Teil 1" und "Teil 2". Wir werden uns also Mühe geben müssen beim Zitieren, damit wir einander folgen können  ;).

So, nun gehe ich die ersten paar Seiten lesen ....

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 01. Mai 2011, 11.25 Uhr
Hallo

Vorausdeutende Gemälde? Unglückliche Liebesgeschichten und Totentanz. Komponiert von einem verrückten Maler. Jedenfalls schon auf den ersten 10 Seiten eine volle Packung Schauerromantik.  >:D

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 01. Mai 2011, 16.12 Uhr

Quote from:  Mörike
Ein heiterer Juliusnachmittag besonnte die Straßen der Residenzstadt. Der ältliche Baron Jaßfeld machte nach längerer Zeit wieder einen Besuch bei dem Maler Tillsen  ...

Eine fast klassisch betuliche Einleitung: mit Angaben zu Jahreszeit, Meteorologie, Schauplatz und Personen…
Dann ein wahrhaft fulminanter Auftakt, der den Leser seitenlang gespannt sein lässt: Wer steckt hinter dem Kreativitätsschub des Künstlers  oder wer hat den Pinsel für ihn geführt: Seine Frau ( man denke an Camille Claudel und Rodin ) oder gar der Teufel?
 
Vorausdeutende Gemälde? Unglückliche Liebesgeschichten und Totentanz. Komponiert von einem verrückten Maler.

Da es für dich ein Re-read ist, ein wohl eher rhetorisches Fragezeichen?
Ich fühlte mich bei der Beschreibung der Gemälde spontan an Arnold Böcklin und Anselm Feuerbach erinnert. Sie waren  jedoch erst etwa fünf bzw. drei Jahre alt, als der Roman erschien. Ja, auch bei Goya gibt es schauerromantische Sujets, die sind aber viel grausamer und weniger ästhetisierend als die hier beschriebenen. Gibt es eures Wissens in der Sekundärliteratur Hinweise, an welche Bilder Mörike gedacht haben könnte?
Oder hat er Bilder vorfantasiert, wie sie dann erst eine Generation später en vogue waren?
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 01. Mai 2011, 16.36 Uhr
Vorausdeutende Gemälde? Unglückliche Liebesgeschichten und Totentanz. Komponiert von einem verrückten Maler.

Da es für dich ein Re-read ist, ein wohl eher rhetorisches Fragezeichen?

Ich erinnere mich an praktisch gar nichts mehr - ausser an einige Allgemeinheiten und dass ich das Werk (lange nachher, denn ich habe den "Nolten" vor selbst dem "Dr. Katzenberger" gelesen) in seiner Stimmung recht an Jean Paul erinnert. Ausser dass am Schluss bei Mörike - anders als bei Jean Paul -,wenn ich mich recht erinnere, tatsächlich alles den Bach 'runter geht.
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 01. Mai 2011, 16.56 Uhr
Hallo!

Zur Ausgabe: Mein Text folgt der "zweiten erweitertender J. G. Cotta'schen Buchhhandlung" von 1961, zwei Teile, 386 Seiten, dann folgt in meiner Ausgabe die Romanversion.

Betulich - ja. Spannend? Naja. Das Beschreiben von Gemälden, Skulpturen etc. nervt mich prinzipiell, als ob mir einer ein Mozart-Klavierkonzert in Öl präsentieren würde und von mir verlangte, die Schönheit der Töne zu erkennen. Außerdem dienen diese sinnigen Gemälde meist - wie Sandhofer schon angedeutet hat - einer allegorischen Unterfütterung des Ganzen und stoßen bei mir auf ähnliche Abneigung wie geträumte Metaphern.

Aber ich bin zumindest froh, dass der zuerst unbekannte Maler nicht in der Psychiatrie ist, das wäre ein Gemeinplatz zuviel gewesen. (Von verrückten Genies mag ich seit Ende der Adoleszenz nichts mehr hören, das ist zumeist eine kindisch-simplifizierende Darstellung, die der echten Tragik des Verrücktseins nicht im mindesten gerecht wird.)

Also: Bisher alles sehr "klassisch", die Einführung der Personen, Andeutung erotischer Verwirrungen, Verliebtheit in Angehörige adliger Kreise, Mythologisches. Wie aus vorstehenden Zeilen zu entnehmen ist meine Begeisterung bislang eher reserviert zu nennen. Aber nach so wenigen Seiten ist selbstredend kein Urteil möglich.

Mörike ging mit Vischer zur Schule: Dessen Roman "Auch einer" schein - ganz zu Unrecht - ziemlich vergessen. Kennt dieses ziemlich verrückte Stück Literatur außer mir noch jemand?

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 01. Mai 2011, 18.03 Uhr
Hallo!

Mir gefällt bisher und vor allem Mörikes Sprache. Der Inhalt ist - wie orzifar schon sagte - bisher recht konventionell.

Vischer hielt ja auch Mörikes Grabrede ...

Mörike ging mit Vischer zur Schule: Dessen Roman "Auch einer" schein - ganz zu Unrecht - ziemlich vergessen. Kennt dieses ziemlich verrückte Stück Literatur außer mir noch jemand?

A.E.s Kampf mit der Tücke des Objekts? Sicher.  ;)

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 01. Mai 2011, 20.53 Uhr

Das Beschreiben von Gemälden, Skulpturen etc. nervt mich prinzipiell ...

Mit dieser deiner Abneigung hast du ja schon früher nicht hinterm Berg gehalten.Tja, bei einem Liebes, Bildungs- und Künstlerroman wirst du dich wohl auf weitere Kunstbetrachtungen einstellen müssen. ;D

Außerdem dienen diese sinnigen Gemälde meist einer allegorischen Unterfütterung des Ganzen ...

Was soll das sein? Wie man in Moby Dick naturgemäß etwas über Seefahrt erfährt (jeder, den die Beschreibung von Maritimem nervt, sollte davon die Finger lassen), werden wir in Maler Nolten eben mit dem Thema Malerei konfrontiert. Und ich finde, das ist auch gut so …

Mörike ging mit Vischer zur Schule: Dessen Roman "Auch einer" schein - ganz zu Unrecht - ziemlich vergessen. Kennt dieses ziemlich verrückte Stück Literatur außer mir noch jemand?

Ja.
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 01. Mai 2011, 21.14 Uhr
Außerdem dienen diese sinnigen Gemälde meist einer allegorischen Unterfütterung des Ganzen ...
Was soll das sein? Wie man in Moby Dick naturgemäß etwas über Seefahrt erfährt (jeder, den die Beschreibung von Maritimem nervt, sollte davon die Finger lassen), werden wir in Maler Nolten eben mit dem Thema Malerei konfrontiert. Und ich finde, das ist auch gut so …

Nein, das meinte ich nicht. Über die Malerei etwas zu erfahren ist das eine, aber ein Bild bzw. dessen Thematik (wie etwa jene der Meerjungfrau nebst eifersüchtigem Satyr und hübschen Knäbchen) wird häufig als vorausschauende Allegorie für den Romaninhalt (bzw. den "Sinn" desselben) missbraucht - ähnlich wie's bei Träumen zu gehen pflegt. Und das stört mich.

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 01. Mai 2011, 22.35 Uhr

Ja, ich verstehe ;), aber Du sprachst davon, dass dich die Beschreibung von Malerei prinzipiell nerve (s.o.).
Was an  Vorausdeutungen (auch transportiert durch ein Bild oder einen Traum) per se schlecht sein soll, leuchtet mir nicht ein. Vorausdeutungen sind doch ganz „legitime“ und bewährte Mittel der Verdichtung eines Textes und der Einstimmung des Lesers, die allerdings "nerven" können, wenn sie allzu penetrant und offensichtlich daherkommen. Ist das hier der Fall? Selbst sandhofer, der den Text schon mal gelesen hat, hat es mit einem Fragezeichen versehen.
Auch stört mich in diesem Zusammenhang der Begriff Allegorie: mMn die dingliche Darstellung abstrakter Gedanken und Begriffe (z. B. Gerechtigkeit als Frau mit Waage und Schwert)
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 02. Mai 2011, 00.11 Uhr
Ich glaube auch, dass du (mich) verstehst ;). Über Malerei (etwa beim Grünen Heinrich) etwas zu erfahren ist nicht das Problem. Wobei auch ohne metaphorischen Aufputz mir reine Beschreibungen von Kunstwerken nur veritables Gähnen entlocken. Links eine Eiche, rechts ein Birkenwäldchen, dazwischen ein Quell mit Seerosen und drei Nymphen, welche goldene, silberne Accesoires um sich haben, dazu zwei Statuen, drei Brunnen, das Sternbild des Orion, Narziss im Tulpenfeld, der Gefahr läuft, von einem Bagger überfahren zu werden ... Es gibt ein Kapitel im Dorian Gray (dessen Wohnung beschrieben wird), das genau diese exzessive Beschreiberei zelebriert. (Bei Eco sind's Kirchenfresken, ich ertappe mich dann häufig dabei nachzugucken, wie lange die Manie der Beschreibung noch anhält.) Mich langweilt's halt, andere freut's. Ist eben ähnlich wie mit gemalter oder beschriebener Musik (Ausnahme: Die Sonate op 111, von Wendell Kretzschmar vorgetragen ;)).

Zur Allegorie: Das erste Bild (zur Verdinglichung von Liebe und Eifersucht anhand mythologischer Gestalten) wär schon so was. Und es ist nicht prinzipiell schlecht, aber ich habe als Leser häufig den Eindruck, dass mir da neben den mythologischen Kenntnissen des Autors auch noch eine sinnige Deutung des Werkes untergejubelt wird. Damit ich's ja richtig versteh.

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 02. Mai 2011, 08.33 Uhr
Betulich - ja. Spannend? Naja.

Die Sprache Mörikes wirkt irgendwie einlullend. Man liest weiter und weiter und weiter ...  ;D

Das Personal ist Jean Paul'sch bis ins Mark. Der naive Held, der nichts kennt ausser sich selber, schon gar nicht die Frauen. Ein erster Doppeltgänger, ebenfalls Künstler, der alles kennt ausser sich selber. Ein verrückter Doppeltgänger. Eine naive Heldin. Eine strahlende (und natürlich adlige) Adorata. + Beigemüse.

Neben der Gemäldeschilderung (die bei Jean Paul fehlt) dann das Jean Paul'sche Maskenspiel. Natürlich bedeutungsschwanger.

Summa summarum: Sehr viel Jean Paul bisher + ein bisschen Schauerromantik.
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 02. Mai 2011, 19.11 Uhr
Hallo!

Für mich ist der Roman auch ein Re-read, aber ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, dass am Schluss alles den Bach runter geht. Doch so wird es wohl sein, denn das „Gespensterorchester“ kündet von Tod und Verderben. Obwohl mein visuelles Vorstellungsvermögen ähnlich schwach ausgeprägt ist wie das orzifars, fand ich die Bildbeschreibungen sehr anschaulich. Diese schicksalsträchtigen Vorausdeutungen würden mich stören, wenn es sich um einen modernen Roman handelte, aber in der Literatur jener Epoche gehörten sie zu den üblichen Ausdrucksformen. Ob Mörike reale Vorbilder für seine Bildbeschreibungen hatte, weiß ich nicht, aber es sind ja gängige Sujets, da wird er wohl genug Auswahl gehabt haben.

Der Roman schlägt gleich ziemlich düstere Töne an. In der Silvesternacht tauchen rätselhafte Gestalten auf: der merkwürdige Hofrat, die als Nachtwächter verkleidete Frau, auch Noltens Freund Larkens scheint von schwankendem Gemüt zu sein. Agnes vermeintliche Treulosigkeit, ihre Erkrankung, die Prophezeiung der Zigeunerin, Larkens kleines Ränkespiel mit den Briefen, das wahrscheinlich zu noch mehr Verwicklungen führen wird, alles bekannte Motive und Konstellationen. Aber mir geht es wie sandhofer. Ich mag die Sprache Mörikes. Bisher lässt sich das Buch gut lesen.

Gruß
Anna
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 02. Mai 2011, 20.08 Uhr
Für mich ist das Buch weniger ein Lesegenuss als literaturhistorische Feldforschung. Mir fällt es schwer, einigermaßen ernsthaft von schamhaften, einfach-einfältigen, devoten Jungfrauen zu lesen, die periodisch zum inbrünstigen Gebet in die Knie sinken. Das erfordert eine ironische Distanz zwischen mir und dem Buch, sonst käme ich stante pede in Versuchung, hier Kitsch zu orten.

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 02. Mai 2011, 20.44 Uhr
Das Wort "Lesegenuss" habe ich ausdrücklich vermieden, um nicht den Spott Gontscharows auf mich zu ziehen. ;) Ich mag einfach die Sprache, sie wirkt tatsächlich ein wenig einlullend, man kann das Buch angenehm herunterlesen. Klar, dass der Inhalt einen nicht um und um treibt. Reine Jungfrauen und schöne Seelen waren damals eben en vogue und die Männer hatten alle eine edle Stirn.

Gruß
Anna

Sind devote Jungfrauen, die periodisch zum inbrünstigen Gebet in die Knie sinken, nicht ein alter Männertraum?
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 02. Mai 2011, 23.33 Uhr
Sind devote Jungfrauen, die periodisch zum inbrünstigen Gebet in die Knie sinken, nicht ein alter Männertraum?

 ;D ;D  Ich muss diese Frage an den männlichen Rest des Forums delegieren: Denn zum Repertoire der orzifarschen Phantasien ist derlei nicht gehörig. Meine Vermutung geht eher in die Richtung der Anhänger der Parthenogenese, wo sich metaphysisches Bedürfnis mit hormonellen Überschüssen paart (sofern nicht diesem Überschuss durch die Anwesenheit leichtbekleideter, minderjähriger Ministranten bereits abgeholfen wurde).

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 03. Mai 2011, 08.04 Uhr
Meine Vermutung geht eher in die Richtung der Anhänger der Parthenogenese, wo sich metaphysisches Bedürfnis mit hormonellen Überschüssen paart (sofern nicht diesem Überschuss durch die Anwesenheit leichtbekleideter, minderjähriger Ministranten bereits abgeholfen wurde).

Mörike war allerdings protestantischer Pfarrer ...  >:D
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 03. Mai 2011, 10.41 Uhr

Meine Vermutung geht eher in die Richtung der Anhänger der Parthenogenese, wo sich metaphysisches Bedürfnis mit hormonellen Überschüssen paart (sofern nicht diesem Überschuss durch die Anwesenheit leichtbekleideter, minderjähriger Ministranten bereits abgeholfen wurde).

Mörike war allerdings protestantischer Pfarrer ...  >:D

Was ihn jedoch nicht dagegen feit, an die Jungfrauengeburt zu glauben ... (ex Maria pura, sancta, semper virgine nasceretur (Schmalkaldische Artikel von 1537))
Ja, der  Roman hat schon etwas Bigottes und sexuell Verklemmtes ...
 
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 03. Mai 2011, 11.31 Uhr
Mörike war allerdings protestantischer Pfarrer ...  >:D

Was ihn jedoch nicht dagegen feit, an die Jungfrauengeburt zu glauben ... (ex Maria pura, sancta, semper virgine nasceretur (Schmalkaldische Artikel von 1537))

Ja. Aber der hormonelle Überschuss konnte zumindest nicht von berufswegen stattfinden ...  ;D

Ja, der  Roman hat schon etwas Bigottes und sexuell Verklemmtes ...

Ja. Allerdings ist das mal primär unsere heutige Sichtweise, wie orzifar und Anna ja schon angedeutet haben. Noch Gutzkow hat 1850 in den "Rittern vom Geiste" ähnliche Frauengestalten gebastelt. Das Pendant zu  diesen Jungfrau-Variationen ist das dämonische Weib, sexuell und intellektuell (Lilith!) ... Darauf warte ich im Moment noch beim "Maler Nolten".  ;)
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 06. Mai 2011, 15.18 Uhr
Hallo!

Liest da noch wer außer mir? - Nach wie vor ein eher durchwachsenes Vergnügen, eigentlich eine Liebesgeschichte mit Irrungen und Wirrungen, eine Zigeunerin, die aus (mir noch) unerfindlichen Gründen in Nolten verliebt ist und die daher ein Interesse hatte, der ersten Liebe Noltens, Agnes, mit einer entsprechenden Prophezeihung ihn ihr unleidlich zu machen. Und wie die holde Weiblichkeit in diesem Roman zu sein pflegt: Man glaubt es selbstredend, verschweigt (dies ist auch Inhalt der Prophezeihung), wird krank, verzweifelt, während der Maler, über diese Wirrnisse nur unzureichend informiert, an der Unschuld seiner Maid zweifelt. Dazu noch verliebt er sich in die schöne Gräfin und versäumt es nicht, diese in einer künstlichen Grotte an seinen heißen Busen zu drücken (jaja, Tamino), worauf ein Nebenbuhler erscheint und verschwindet und auch die Gräfin in ihrer Reaktion unbestimmt bleibt (um den Fortgang der Handlung zu gewährleisten).

Schließlich das eingefügte Stück über den "König von Orplid", dessen Inhalt auf einen Regenten sich zu beziehen scheint (und den nachzuerzählen hier ich mir versage). Was dieses Buch aber nicht ist: Kein Roman, der der Romantik angehörig wäre. So sind Auflösungen wie jene an das Stück angeschlossene (dass eben darin der Regent bzw. dessen eigentümliches Schicksal dargestellt werde) für die Romantik vollkommen untypisch; derartige Rationalisierungen werden dort ausgespart oder ins Wunderbare und Metaphysische gehoben. Mit dem Maler Nolten befinden wir uns im Übergang zwischen Romantik und Realismus, das ist feinstes Biedermeier. Im übrigen finde ich die Sprache oft amüsant, elegant, auch das Schattenspiel über den König war nun so sentimental nicht wie ich befürchtete. Dass Mörike mit der Sprache umzugehen wusste wird unzweifelhaft, dass für unseren heutige Geschmack allzu viel von Tugend, Jungfernschaft und Unschuld geschwafelt wird, auch. Trotzdem ist der Roman nicht nur ein solch moralisierendes Gebilde: Gerade der auch allüberall auftretende Wispel als Inbegriff des kleinen Gauners (und in seiner realen Form ebenfalls für die Romantik gänzlich untypisch) erzeugt einen Bruch in der Handlung, unterfüttert diese ironisch, satirisch.

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 06. Mai 2011, 16.16 Uhr
Liest da noch wer außer mir?

Hallo!

Sicher. Ich mutiere allerdings, was Leserunden betrifft, mehr und mehr zum reinen Wochenendleser. Mehr von mir wird also erst in ein paar Tagen geben. ;)

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 07. Mai 2011, 09.36 Uhr


Quote from:  autor:orzifarDatum/Zeit: Gestern um 15:18
Liest da noch wer außer mir ?

Latürnich! Ich glaube, mit dem Schattenspiel, der Entdeckung von Noltens angeblichem Doppelspiel durch die Gräfin und ihrem Verrat an ihm habe ich den Zenit des Romans überschritten, jetzt geht es nur noch bergab….
Diese mehr oder weniger fein gesponnenen Intrigen und Gegenintrigen, die  unwahrscheinlichen Zufälle, die sich später als arrangiert herausstellen, der angeblich aus Altruismus sich ins Leben der anderen einmischende Larkens und vor allem dass das alles funktioniert wie geschmiert, bringt den Roman in die Nähe der Kolportage und des Trivialen: Les mystères du Bade-Wurtemberg… Ja, manchmal fühle ich mich an Eugène Sues Geheimnisse.. erinnert.
   
Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 15:18
eigentlich eine Liebesgeschichte mit Irrungen und Wirrungen

Ja, Maler Nolten ist gar nicht – wie überall zu lesen ist - ein Bildungs- und Künstlerroman, vielleicht wird er das ja noch im zweiten Teil(?), bis jetzt geht es um Wechselspiele der Liebe, Verirrungen der Gefühle, Treue, Eifersucht. Diese Irrungen und Wirrungen gehen aber nicht aus der Sache selbst, aus den Beziehungen, der Liebe, den Charakteren hervor, sondern werden von außen aufgestülpt. Dabei ist es angelegt: Agnes hat, bevor ihr irgendeine Zigeunerin etwas prophezeit und sie sich blöde davon beeinflussen lässt, ihre Zweifel an der Beziehung zu Theobald und sie findet den jungen Landvermesser attraktiv. Die Zigeunerin (Elisabeth)hat ihr nur genau zugehört. Theobald vergisst seine Agnes verdächtig schnell und total um sich der schönen Gräfin zu widmen; bedurfte es überhaupt eines Briefes des Nebenbuhlers ? Und die mehrfach getäuschte Gräfin, eine sonst als souverän geschilderte Frau, lässt sich mit dem schon seitt längerem um sie herumschlawenzelnden Herzog ein, aber widerwillig und hilflos… aus enttäuschter Liebe zu Theo!
Wie Feigenblätter werden diese inszenierten Missverständnisse und Enttäuschungen etc. als Handlungsmotive den Personen aufgepappt. So bleibt Agnes das unschuldige Försterliesel, die Gräfin die hehre frouwe, Theobald der tadellose Kavalier.
Wie souverän und um wieviel ehrlicher geht Goethe in den Wahlverwandtschaften und in Stella mit dem Thema um. Bei ihm gibt es das sehr wohl, dass die Liebe nicht beständig ist, dass man zwei Personen lieben kann, gleichzeitig oder nacheinander, ohne dass der andere etwas „verschuldet“ hat, etc. Ach, ich musste manchmal wehmütig an die „Gefährlichen Liebschaften“ denken. Abründe, Bedrohliches  ist bei Mörike projiziert in irgend eine Geisterwelt, ins Numinose, menschliche Abgründe gibt es nicht. Das ist wohl Biedermeier: Die Toteninsel mit Goldrand überm gemütlichen Sofa. Behaglich / Unbehaglich scheinen Lieblingswörter Mörikes zu sein.

Nun ja, die Sprache gefällt mir auch. Auch in Orplid, da besonders das Geraune der Elfenkinder. Mörike ist eben Lyriker.
Ja, und die karikierten Nebenpersonen Wispel und der Hofrat gefallen mir auch! Der Hofrat ist ein Typ wie von Spitzweg gemalt!
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 07. Mai 2011, 19.34 Uhr
Ja, manchmal fühle ich mich an Eugène Sues Geheimnisse.. erinnert.

Bitte nicht. Ich bin ja hartgesotten und habe - mit Ausnahme der Quitzows - sogar alle Kolportageromane von Karl May von A bis Z gelesen. Aber Sue war für mich zuviel des Guten. Sicher, die Grenzen sind fliessend - natürlich. So wie Sue ja auch einerseits Erbe des Schauerromans ist und andererseits in den Realismus/Naturalismus vorausweist. (Und hin zu Karl May.)

Auf Orplid freue ich mich, nebenbei gesagt. Da habe ich praktisch keine Erinnerungen mehr, aber ich weiss, dass für Arno Schmidt "Orplid" auch die Metapher für das vom Schriftsteller frei geschaffene Phantasiereich war.
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 08. Mai 2011, 09.34 Uhr
Hallo!

Nach wie vor ein eher durchwachsenes Vergnügen, [...] eine Zigeunerin, die aus (mir noch) unerfindlichen Gründen in Nolten verliebt ist und die daher ein Interesse hatte, der ersten Liebe Noltens, Agnes, mit einer entsprechenden Prophezeihung ihn ihr unleidlich zu machen.

Ja - die Verrückte, die ihrerseits die Naive verrückt macht. Hier zumindest befinden wir uns noch voll und ganz in der Romantik. Schauerromantik vom Feinsten - Monk Lewis lässt grüssen.

Dazu noch verliebt er sich in die schöne Gräfin und versäumt es nicht, diese in einer künstlichen Grotte an seinen heißen Busen zu drücken

"das herrliche Weib" - auch so ein Standardausdruck ...

Und natürlich sind die auktoriellen Hinweise darauf, dass wir Leser dieses oder jenes noch erfahren würden, ebenfalls zuunterst aus der schauerromantischen Trickkiste hervorgekramt.

Gerade der auch allüberall auftretende Wispel als Inbegriff des kleinen Gauners (und in seiner realen Form ebenfalls für die Romantik gänzlich untypisch) erzeugt einen Bruch in der Handlung, unterfüttert diese ironisch, satirisch.

Als Doppeltgänger ist er zwar sehr wohl eine romantische Figur, aber da er offenbar der Doppeltgänger einer beliebigen Person sein kann (zuerst Noltens, dann des italienischen Bildhauers), führt er das Doppeltgängermotiv sofort wieder ad absurdum. Was die Romantik selber noch nicht gewagt hat. Auch nicht Jean Paul. Als Kleinganove, glaube ich, wirklich neu. Da weist er voraus auf realistische und naturalistische Figuren und markiert so die Grenzsituation, auf der "Maler Nolten" konstruiert wurde. Kein Wunder, versuchte Mörike eine "realistischere" Überarbeitung.
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 09. Mai 2011, 18.05 Uhr
Hallo!

Ein Bildungs- und Künstlerroman ist es tatsächlich nicht (eher eine etwas umfänglich geratene Novelle), wobei man für die Einschätzung wohl auch den Romanentwurf kennen müsste. Den Spitzweg-Vergleich finde ich gelungen, den Hofrat kann man sich tatsächlich sehr gut als eine solche Figur vorstellen. Vergleichbar mit Sues "Geheimnissen"? Ich kenne diese nur in einer verkürzten (und von mir lange schon vergessenen) Version, weshalb ich dies weder bestätigen noch in Abrede stellen kann. Mich erinnert's - teilweise - an Eichendorff, im "Schloss Dürande" etwa gibt es ähnlich viele herzerhebende Szenen, unschuldige Jungfern, brave Hausmütterchen und edle Gräfinnen. Allerdings werden bei Mörike die Dinge wenigstens teilweise relativiert. Wie es auch mit den romantischen Einsprengseln geschieht: Bevor man die gute alte Erde in Richtung Feen- und Wunderwelt verlässt, liefert Mörike dann doch die Auflösung (die manchmal allerdings etwas hanebüchen ausfällt).

Was von Arno Schmidts Literaturempfehlungen zu halten ist, wurde schon im Klassikerforum allenthalben erwähnt. Darauf gebe ich rein gar nichts, er ist der beste Beweis dafür, dass man schreiben können und gleichzeitig höchst mediokre Stückchen zur hohen Literatur erklären kann.

Der eigentliche Plot nervt mich, das ganze Gesülze um große Gefühle, diese grauenhafte Zettelwirtschaft, das Unterschieben fingierter Nachrichten, Auftauchen von Aufzeichnungen und Tagebüchern usf. Wenn etwa Larkens von inbrünstiger Hingabe an die Unschuld erfasst wird, so reizt das zum Gähnen, wenn er allerdings von seinem eigenen Weltschmerz erzählt, dann spüre ich den Wunsch, davon, von diesem Nebenschauplatz, mehr erfahren zu wollen. Bei der Figur der Elisabeth bin ich ähnlich zerrissen: Eigentlich ist sie gut gezeichnet, auch ihr periodisches Auftauchen etc. Andererseits sind die Implikationen ihrer Prophezeihungen ein wenig unglaubwürdig, wenngleich diese Interpretation möglicherweise meinem diesbezüglich etwas nüchternen Geiste zuzuschreiben ist.

lg

orzifar

der sich zu Anfang des zweiten Teiles befindet, nachdem nun Nolten über die Intrigen seines Freundes einige Aufklärung erhalten hat und der Liebe so ganz doch nicht zu entsagen die Absicht hat. Das übrigens, was Larkens dem Nolten vorhält, als dieser sich zölibatär nur noch der Kunst zu widmen verspricht, fand ich treffend, wenig romantisch und schon auf den Realismus hinweisend.
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 10. Mai 2011, 09.14 Uhr
Hallo!

Ein Bildungs- und Künstlerroman ist es tatsächlich nicht

Was ist ein Bildungs- und Künstlerroman? Mir kommt als Beispiel nur mal gerade Der Grüne Heinrich in Sinn. Wilhelm Meisters Lehrjahre mag ein Bildungsroman sein - es ist kein Künstlerroman, denn Wilhelm Meister ist eben gerade kein Künstler. Überhaupt will mir scheinen, dass sich die Begriffe "Bildung" und "Künstler" sich eher zu beissen denn zu überschneiden.

Die "Auflösung" der Orplid-Szenen scheint mir eher unterdurchschnittlich. Klar braucht Mörike die daraus entstehenden Verwicklungen, denn dass unsere beiden Helden diese Majestätsbeleidigung ungeschoren überstehen werden, ist doch wohl unwahrscheinlich. Eine ganz vorsichtige Kritik - ein ganz klein bisschen Vormärz im Biedermeier.

Mich erinnert's - teilweise - an Eichendorff, im "Schloss Dürande" etwa gibt es ähnlich viele herzerhebende Szenen, unschuldige Jungfern, brave Hausmütterchen und edle Gräfinnen.

Spätromantik - ein weiteres Etikettchen zum Drankleben.  ;D

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 10. Mai 2011, 16.44 Uhr
Hallo!

Ich bin natürlich auch noch dabei und habe ebenfalls mit dem zweiten Teil begonnen.

Elemente aus dem Künstler-, Bildungs- und Entwicklungs-, meinetwegen auch aus dem Schicksals- und dem Schauerroman, sind im „Maler Nolten“ fraglos enthalten, aber einer bestimmten Gattung lässt er sich meiner Meinung nach nicht zuordnen, ebenso wenig einer bestimmten literarischen Strömung. Er trägt noch deutlich romantische Züge, schon allein wegen des Themas der Vergänglichkeit, das den Roman von Anfang an bestimmt, daneben ist er auch vom schwäbischen Pietismus und der bürgerlichen Empfindsamkeit beeinflusst, und es sind, wie orzifar schreibt, bereits Übergänge zum Realismus vorhanden. Der seine Töchter mit Lehmkügelchen beschießende Pfarrer Nolten ist wieder so eine komisch-realistische Figur, die das rätselhafte Geschehen um die Zigeunerin am Ende des ersten Teils satirisch auflockert.

Behagliches Biedermeier mit Goldrand? Ich weiß ja nicht, die Stimmung in dem Roman ist größtenteils eher mies. Magische Verstrickungen, wirre Ahnungen, unheilvolle Vorzeichen – sicher spielt das Fatum bei Mörike eine große Rolle, wobei er zwischen dem „Grobfatalistischen“ und der „natürlichen Entfaltung des Notwendigen“ unterscheidet. Neben der Schicksalsverfallenheit der Figuren deuten sich doch aber auch seelische Abgründe an, labile Gemütszustände, innere Unruhe und Zerrissenheit, ein Leiden am Leben. Das Intrigenspiel Larkens oder die Einflüsterungen Elisabeths verstärken diese Zustände nur, sie lösen sie nicht direkt aus. Agnes, Nolten, auch Larkens, alles mehr oder weniger schwankende Gemüter. Nolten wirkt für eine Hauptfigur ohnehin merkwürdig schemenhaft und passiv. Konturen gewinnt er immer nur über die verschiedenen Frauengestalten, die – von Agnes bis Adelheid - alle greifbarer sind als er. Larkens würde man heute wohl als manisch-depressiv bezeichnen.

Die Liebeswirren halten sich in Grenzen. Der Landvermesser und der Herzog sind für Agnes bzw. Constanze keine wirkliche Option, es geht nur um Nolten, der zwischen zwei Frauen steht, die wiederum zwei verschiedene Gesellschaftsklassen repräsentieren. Während Agnes dunkel ahnt, dass eine vorteilhafte Partie Noltens künstlerische Laufbahn befördern würde, glaubt Larkens, dass sich das Talent des Freundes nur in der schlichten Beschaulichkeit der bürgerlichen Sphäre entfalten kann. Womit wir beim Thema Bürgertum – Künstlertum – Adel wären.

Gesülze um große Gefühle? Solange Agnes nicht in der Nähe ist, ist es doch auszuhalten. ;) Sonderlich moralisierend finde ich den Roman auch nicht, eher zeigen sich schon erste Ansätze zur psychologischen Deutung der Figuren. Ich lese das Buch nach wie vor gern, auch wenn die Welt darin nicht mehr die unsere ist. Mörikes Sprache macht alles wett.

Gruß
Anna
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 11. Mai 2011, 00.32 Uhr

Quote from:  Autor:Anna, Datum/Zeit: Gestern um 16:44
Der seine Töchter mit Lehmkügelchen beschießende Pfarrer Nolten ist wieder so eine komisch-realistische Figur, die das rätselhafte Geschehen um die Zigeunerin am Ende des ersten Teils satirisch auflockert.

Diesen lethargisch sadistischen Familienvater und Mann Gottes in Pantoffeln und mit Pensionsberechtigung finde ich viel unheimlicher und bedrohlicher als die klischeehaft mysteriöse Zigeunerin! So ist das bei Mörike: Das Rätselhafte, Abgründige wird projiziert auf das Fremde, gar in die Geisterwelt, dabei liegt es so nah. Das Nahe wird zur Humoreske oder Idylle. Zugegeben, es währt nicht lange.

Quote from:  Anna, Datum/Zeit: Gestern um 16:44
Behagliches Biedermeier mit Goldrand?

Das habe ich so  nicht gesagt:
Quote from:  Gontscharow,Datum/Zeit: 07. Mai 2011, 09.36 Uhr 
Das ist wohl Biedermeier: Die Toteninsel mit Goldrand überm gemütlichen Sofa.

Also das (ins Bild der Toteninsel) quasi extrojizierte Abgründige und Bedrohliche ermöglicht die biedermeierliche Behaglichkeit.

Quote from:  Anna,Datum/Zeit: 07. Mai 2011, 09.36 Uhr
Während Agnes dunkel ahnt, dass eine vorteilhafte Partie Noltens künstlerische Laufbahn befördern würde…

Hast du dafür Anhaltspunkte im Roman? Ich meinte nur herausgelesen zu haben, dass sie fürchtet ihm intellektuell und bildungsmäßig nicht zu genügen, weshalb sie sie Mandolinenunterricht beim Landvermesser nimmt …
Bezeichnenderweise soll laut Larkens Nolten aber gerade an  ihrer Unbedarftheit "genesen".

Mit vielem, was du schreibst, bin ich einverstanden, vor allem auch was die Psychologisierung der Personen betrifft. Das nimmt ja im zweiten Band noch zu...
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 11. Mai 2011, 00.53 Uhr

Quote from:  Autor:Anna, Datum/Zeit: Gestern um 16:44
Der seine Töchter mit Lehmkügelchen beschießende Pfarrer Nolten ist wieder so eine komisch-realistische Figur, die das rätselhafte Geschehen um die Zigeunerin am Ende des ersten Teils satirisch auflockert.

Diesen lethargisch sadistischen Familienvater und Mann Gottes in Pantoffeln und mit Pensionsberechtigung finde ich viel unheimlicher und bedrohlicher als die klischeehaft mysteriöse Zigeunerin! So ist das bei Mörike: Das Rätselhafte, Abgründige wird projiziert auf das Fremde, gar in die Geisterwelt, dabei liegt es so nah. Das Nahe wird zur Humoreske oder Idylle. Zugegeben, es währt nicht lange.

Das ist das Skurrile, Groteske an Mörike, an die seltsamen Schnurren des Hutzelmännchens erinnernd. Auch ein bisschen boshaft, ein wenig Wilhelm Busch. Und damit das Lesenswerte. Wenn nur die ganzen Liebesschmonzetten nicht wären ;).

lg

orzifar

der in den nächsten Tagen hofft, wieder mehr zum Lesen zu kommen.
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 13. Mai 2011, 16.26 Uhr
So, im zweiten Teil allerhand idyllische Aspekte, aber, wie Anna schon bemerkt hat, alles mit einem drohenden Unterton, nie hat man wirklich das Gefühl, dass sich am Ende alles und jedes kriegt und da lebt, wenn es noch nicht gestorben ist. Mittlerweile habe ich auch den Eindruck, dass Mörike seine mit allzu viel Gefühl unterfütterten Passagen auch mit ein wenig Ironie betrachtet, die allenthalben mit Inbrunst zum Gebet sich faltenden Hände haben etwas derart Hingebungsvolles, dass mir ein Augenzwinkern des Autors nicht unwahrscheinlich deucht.

Larkens Selbstmord ist ein wenig unmotiviert, vor allem will sich mir (bislang) nicht erschließen, warum der Gute ausgerechnet nach dem Wiedersehen Noltens sein Leben beschließt. Natürlich - depressiv, zweifelnd, vielleicht auch unglücklich verliebt. Seine Briefe, die er im Namen Noltens schreibt, sein Schicksal erinnern ein wenig an Cyrano de Bergerac - und, da ich gerade beim Bekenntnis Noltens bin betreffs dieser Briefe, so scheint auch Agnes eine ähnliche Reaktion wie Roxane zu zeigen und festzustellen, dass sie nun ihren Geliebten ein zweites Mal verloren hat. (Dieses Geständnis Noltens ist nach meinem Dafürhalten in Versen abgefasst, auch wenn die Textgestalt dies nicht explizit kennzeichnet.)

Ich gewärtige nun einige Dramatik auf den letzten Seiten, Dahinsiechen der Braut, überhaupt hohe Begräbnisfrequenz und sehr viel Schicksal. Schicksal, Bestimmung etc. scheint überhaupt eines der Kennzeichen des Romans zu sein, der mich sprachlich immer mehr in seinen Bann geschlagen hat.

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 14. Mai 2011, 15.38 Uhr
Hallo

Ich stecke ja immer noch im ersten Teil - und im Moment komme ich nicht so wirklich vorwärts. Die Sprache gefällt mir zwar immer noch, aber wenn ich lese, wie Constanze, nachdem sie die angeblichen Briefe der ländlichen Geliebten des Malers gelesen hat, eine schlechte Nacht verbringt, dann mit ihrem Bruder ins Treibhaus geht, um zu sehen, ob die Pflanzen dort den Nachtfrost überlebt haben; wie die Pflanzen offenbar überlebt haben, zu sinnieren, dass sie vielleicht doch einen innern Schaden davon getragen haben, der sie bis heute Abend umbringen wird ... dann wird mir so ganz plümerant.

Ich habe dafür noch Mozarts Reise nach Prag gelesen, um mich zu versichern, dass ich Mörike nicht so völlig falsch in Erinnerung habe. Nein, habe ich nicht - diese Novelle ist wirklich gut. Aber meine positiven Erinnerungen an Maler Nolte von vor über 30 Jahren kann ich im Moment nicht so recht verstehen.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 16. Mai 2011, 15.24 Uhr
Hallo!

Also, das Gemetzel ist beendet. Hier den Nostradamus zu spielen war allerdings nicht allzu schwer. Insgesamt ist dieser zweite Teil aber wesentlich besser strukturiert als der erste, alles ist klarer, übersichtlicher, die Motivationen nachvollziehbarer (und weniger an den Haaren herbeigezogen) - außer vielleicht bei Larkens Selbstmord. Während im ersten Teil allerhand Zettelchen und Briefchen die Übergänge kitten und verkleben mussten, hat man beim zweiten Teil den Eindruck, eine Novelle (was denn tatsächlich eher entspricht) aus einem Stück zu lesen. Ein Bildungs- oder Entwicklungsroman ist dies keinesfalls, auch kein Künstlerroman (über Malerei erfährt man so gut wie gar nichts), im Grunde werden nur die emotionalen Verstrickungen Noltens abgehandelt.

Nach diesem zweiten Teil bleibe ich einigermaßen versöhnt zurück, denn neben der allzu intensiven Gefühlsduselei hat mich zu anfangs hauptsächlich die oft hanebüchene Konstruktion gestört. Aber auch Gefühle "kann" Mörike: Die Beschreibung von Agnes' Wahnsinn hat mich positiv überrascht, keine dummen Klischees, vielmehr ein sehr vorsichtiges, einfühlsames Porträt eines Mädchens, dessen Wirklichkeit ver-rückt wurde und die es nicht mehr schafft, diese neue Wirklichkeit für sich zu ordnen. In diesem zweiten Teil fand ich viel von dem Erzähler Mörike, der in der Mozartschen Reise nach Prag nicht nur Sandhofer, sondern auch mich beeindruckt hat.

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 16. Mai 2011, 15.50 Uhr
Hallo!

Nach diesem zweiten Teil bleibe ich einigermaßen versöhnt zurück, denn neben der allzu intensiven Gefühlsduselei hat mich zu anfangs hauptsächlich die oft hanebüchene Konstruktion gestört. Aber auch Gefühle "kann" Mörike:

Das macht Mut und beruhigt  :). Mag sein, dass meine Erinnerungen dann auf dem zweiten Teil basieren. Anyway: Ich weiss, dass ich immer irgendwo nach den ersten 100 Seiten oder so Mühe habe mit meinen belletristischen Büchern. Also ist mein Unbehagen wohl auch nur das bei mir übliche Unbehagen in diesem Stadium. Ich lese schon noch zu Ende - keine Angst!

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 19. Mai 2011, 11.50 Uhr

Quote from: Datum/Zeit: 16. Mai 2011, 15.24 UhrAutor: orzifar
Nach diesem zweiten Teil bleibe ich einigermaßen versöhnt zurück

Trotz oder wegen Sätzen wie diesen?

Quote from:  Eduard Mörike, Maler Nolten, Teil II etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Nun weiß ich endlich, woher H. Kohls Schwulstmetapher vom Mantel der Geschichte bzw. Bismarcks Saum am Mantel Gottes, der durch die Geschichte geht stammt.
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 19. Mai 2011, 14.25 Uhr
Trotz oder wegen Sätzen wie diesen?
Quote from:  Eduard Mörike, Maler Nolten, Teil II etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Gesteh, Unselige - aus dir spricht der blanke Neid. Nie wurden inbrünstig an deinem Rocksaum die heißen Lippen der Verzweiflung gekühlt, niemand lechzte nach dem Staub deiner Sohlen, vergoss bittere Tränen der Reue und Hingabe, wollte sich laben an deinem huldvollen Antlitz. Und auch metaphysische Gnade ward dir nicht zuteil, kein Blutstropfen von der Stirne unseres Herrn hat dich geletzt, kein gnadenvoller Blick der Jungfrau deine Sehnsucht gestillt. Die Invidia treibt dich um, mit spöttischem Geifer versündigst du dich an den allerheiligsten Gefühlen, bitterer Hohn ergießt sich aus deinem Munde über all das Geheiligte, Hochherzige, Erhebende.

Vade retro ...
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 19. Mai 2011, 17.17 Uhr
Hallo!

Quote from:  Anna, Datum/Zeit: Gestern um 16:44
Behagliches Biedermeier mit Goldrand?

Das habe ich so  nicht gesagt:

Weiß schon. Das war auch nur eine kleine Verballhornung Deiner Sätze.  ;)

Quote from:  Anna,Datum/Zeit: 07. Mai 2011, 09.36 Uhr
Während Agnes dunkel ahnt, dass eine vorteilhafte Partie Noltens künstlerische Laufbahn befördern würde…

Hast du dafür Anhaltspunkte im Roman?

Entschuldige, da habe ich mich ungeschickt ausgedrückt. Ich hätte schreiben sollen „als ob sie ahnte“. Das ergibt sich für mich aus der Konstellation Agnes – Constanze. Als Agnes Zweifel kommen, ob sie Nolten als Gefährtin intellektuell genügen könnte, hat er bereits die Gräfin kennen gelernt, die ebenso wie seine Braut mit Herzensgüte und Seelenschönheit bestückt ist, darüber hinaus aber auch das hat, was Agnes fehlt: Bildung und Kultiviertheit.

Mittlerweile habe ich auch den Eindruck, dass Mörike seine mit allzu viel Gefühl unterfütterten Passagen auch mit ein wenig Ironie betrachtet

An einer Stelle geradezu mit Selbstironie, dort nämlich, wo Nolten mit Befremden die profanen irdischen Geräusche vernimmt, die die engelsgleiche Agnes bei der Hausarbeit von sich gibt (Pfeifen und Trillern) und ihm dämmert, dass sie vielleicht doch mehr von dieser Welt ist, als er wahrhaben will.

Den zweiten Teil finde ich erzählerisch auch stärker. Die Gefühlsduselei nimmt nie überhand, weil immer wieder bodenständige Figuren wie die des Försters, des betriebsamen Pfarrers Amandus und des sich um gesellschaftliche Konventionen nicht scherenden Naturmenschen Raymund auftreten. Die bedrohlichen Untertöne scheinen zunächst Nachwirkungen der überstandenen Krise zu sein (Agnes Weigerung, Mandoline zu spielen; Noltens Angst, der fremde Offizier könne der Bruder Constanzes sein), aber das Wort „Todeswollust“ macht alles klar. Noltens Fatalismus hängt irgendwie mit der Geschichte seines Onkels zusammen, dessen Geschick sich offensichtlich im Neffen erfüllt, wie der spätere Brief des Hofrats andeutet. Während er sich seinem Ende passiv entgegen treiben lässt, arbeitet Larkens aktiv an seinem Untergang mit. In die Handwerkerrolle ist er wohl weniger geschlüpft, um in einem werktätigen Leben unter einfachen Menschen seinen Frieden zu finden, sondern um dem Leben selbstquälerisch zu entsagen (ähnlich wie die Frauen in früheren Romanen nach einer Liebesenttäuschung ins Kloster gingen). Dass er den schon im ersten Teil angekündigten Selbstmord begeht, als Nolten auftaucht, scheint mir eigentlich ganz logisch: In dem Moment wird ihm wohl endgültig bewusst, dass der Freund ihn nicht mehr vor dem Abgrund retten kann, wie er es schon einmal getan hat. Außerdem steht ihm das für ihn unerreichbare Glück von Agnes und Nolten vor Augen, die Erinnerung an seine verstorbene Jugendliebe, die wahrscheinlich auch eine Art Agnes war, mag da mit hineinspielen.

So gut wie zu meinen Studienzeiten gefällt mir das Buch heute auch nicht mehr. Wahrscheinlich ist man in jungen Jahren anfälliger für den Weltschmerz und die unbestimmte Todessehnsucht der Romanfiguren. Trotzdem habe ich es wieder recht gern gelesen, in erster Linie natürlich wegen der Sprache (über die schwülstigen Stellen habe ich geflissentlich hinweggesehen). Was ich inhaltlich auch heute noch interessant finde, sind die verschiedenen Gesellschafts- und Kultursphären, die im Roman dargestellt werden: Künstlertum (Nolten, Larken und Raymund), der Adel (Gräfin, Herzog), das protestantische Bildungsbürgertum (Margot), der Handwerksstand. Die zentrale Gestalt, vor allem im zweiten Teil, ist meiner Meinung nach nicht der blasse Nolten, sondern Agnes. Sie ist die Vertreterin eines pietistisch-bürgerlichen Milieus und besitzt die entsprechenden Tugenden: Frömmigkeit, Schlichtheit, Demut. Eher vom Gefühl als vom Verstand geleitet, füllt sie ihren kleinen Wirkungskreis mit Sorgfalt und Hingabe aus. Allem, was außerhalb ihrer beschränkten Welt liegt, begegnet sie mit Unverständnis, Angst und Abwehr. Ob das die Zigeunerin ist, Raymund mit seinem lockeren Lebenswandel, die gut gemeinte Intrige Larkens oder die vorübergehende Verirrung Noltens zu der Gräfin, Beweggründe und Verhaltensweisen bleiben ihr völlig fremd. Bezeichnenderweise duldet sie auch die fortschrittliche, vernunftbestimmte, sich lieber mit den Naturwissenschaften als mit Handarbeiten beschäftigende Margot nicht mehr in ihrer Nähe, als sie krank wird. Vor der ihr unbegreiflichen Realität flüchtet sie sich in den Wahnsinn und in die Religion.
Agnes erscheint im Roman als Idealgestalt für alle. Nicht nur für Nolten und Larkens, sondern auch für die Gräfin und für Margot. Gerade in ihrer Beschränktheit und Schlichtheit verkörpert sie die Hoffnung auf Harmonie und Beständigkeit in einer Welt wirrer Gefühle und innerer Abgründe. Die Welt der Agnes, das ist Biedermeieridylle, aber eine, die am Ende gründlich scheitert.

Die Sprache gefällt mir zwar immer noch, aber wenn ich lese, wie Constanze, nachdem sie die angeblichen Briefe der ländlichen Geliebten des Malers gelesen hat, eine schlechte Nacht verbringt, dann mit ihrem Bruder ins Treibhaus geht, um zu sehen, ob die Pflanzen dort den Nachtfrost überlebt haben; wie die Pflanzen offenbar überlebt haben, zu sinnieren, dass sie vielleicht doch einen innern Schaden davon getragen haben, der sie bis heute Abend umbringen wird ... dann wird mir so ganz plümerant.

Metaphorik für Dummies. Da hat Mörike wohl an die nachfolgenden Generationen von Schülern und Studenten gedacht, die sich mit Referaten über den Roman abplagen müssen. ;D

Gruß
Anna
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 19. Mai 2011, 18.28 Uhr
Sehr schöne Beschreibung, insbesondere der "Typus" Agnes ist wunderbar getroffen.

Zum Noltenschen Suizid: Mir hat die ganze Konstruktion sauer aufgestoßen, diese Dickenschen Zufälle, das Sich-Wieder-Treffen, Mithören von Gesprächen etc. Und es liegt wohl auch daran, dass ich Selbstmorde für häufig recht billige Lösungen in der Literatur halte. Wer die Verzweiflung nicht beschreiben will (oder kann), meuchelt einen seiner Protagonisten, womit die Verzweiflung post festum denn doch wieder bewiesen ist. Dazu der sinnige Auftritt, man sieht einander wieder, flieht - und stirbt flugs in der nächsten Nacht. Ein Wiedersehen, Wiedersprechen - das wäre natürlich schwieriger gewesen, da hätte begründet und erklärt werden müssen, wären Fragen gestellt worden - und wenn dann Nolten in selbiger Nacht sich umgebracht hätt', dann wäre das Gespräch auf die Motivation dieses Tuns hin untersucht worden. So aber bleibt alles ganz elegant offen, Mörike delegiert die Verantwortung an den Leser (wie das auch bei Träumen geschieht). - Ich habe, wie schon des öfteren bekundet ;), eine Abneigung gegen solche Entwürfe, sie wollen mir billig erscheinen und als Ausflucht für den Autor, der sich dadurch der Mühe des Begründens begibt. Hier trifft das alles zu: Großstadt, der Nebenraum eines Bierkellers, der Diener David Copperfields belauscht das für den weiteren Handlungsverlauf unerlässliche Gespräch ...

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 20. Mai 2011, 07.47 Uhr
Hallo zusammen!

Ich seh' schon: Ihr wollt mich zum Weiterlesen überreden. Keine Angst, werde ich auch. Trotzdem weiss ich jetzt, wieso ich über 30 Jahre lang mir vorgenommen hatte, den "Malter Nolten" mal wieder zu lesen und dennoch die Energie dazu nicht aufbrachte.

Ob's dieses und nächstes Wochenende viel mit Lesen wird, wissen die Götter. Am Donnerstag steht Umzug an. Danach habe ich zwar wieder alle meine Bücher (hoffentlich!), aber alle noch in Umzugskartons. Ausserdem werde ich nun wohl viel Zeit verbringen müssen mit Einpacken, Auspacken, Möbel aufstellen, Möbel umstellen, Bücherregal einfüllen ...

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 20. Mai 2011, 09.39 Uhr

Quote from:  Autor: orzifar Datum/Zeit: Gestern um 14:25
Gesteh, Unselige - aus dir spricht der blanke Neid. Nie wurden inbrünstig an deinem Rocksaum die heißen Lippen der Verzweiflung gekühlt, niemand lechzte nach dem Staub deiner Sohlen…

Ich gestehe - dergleichen ist mir nie widerfahren – ich vade ja schon retro und lass euch weiter in Schwülstigem schwelgen ... 

 
Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17Autor: Anna
über die schwülstigen Stellen habe ich geflissentlich hinweggesehen.

Aber nun mal im Ernst, warum eigentlich? Die von mir zitierte Stelle ist ja nur die Spitze des …

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 18:28Autor: orzifar
Sehr schöne Beschreibung …

Das finde ich auch. Eigentlich schöner und stimmiger als die Geschichte selbst. ;)

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17 Autor: Anna
Was ich inhaltlich auch heute noch interessant finde, sind die verschiedenen Gesellschafts- und Kultursphären, die im Roman dargestellt werden: Künstlertum (Nolten, Larken und Raymund), der Adel (Gräfin, Herzog), das protestantische Bildungsbürgertum (Margot), der Handwerksstand.

Gerade die  Darstellung der Gesellschaftschichten finde ich klischeehaft, bestenfalls genrebildartig, die unteren Schichten werden gönnerhaft dargestellt, das alles wirkt auch für 1832 antiquiert bzw. pseudozeitlos, von geringem  Realitätsgehalt und bewegt sich manchmal auf Komödiantenstadl-Niveau.

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17 Autor: Anna
Die Gefühlsduselei nimmt nie überhand, weil immer wieder bodenständige Figuren wie die des Försters, des betriebsamen Pfarrers Amandus und des sich um gesellschaftliche Konventionen nicht scherenden Naturmenschen Raymund auftreten.

Bodenständige Förster, betriebsame Pfarrer und sich um gesellschaftliche Konventionen nicht kümmernde Naturmenschen sind, scusa, Personnagen des Heimatfilms, Gefühlsduselei par excellence.

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17 Autor: Anna
Die bedrohlichen Untertöne scheinen zunächst Nachwirkungen der überstandenen Krise zu sein … aber das Wort „Todeswollust“ macht alles klar.

Was macht das ominöse Wort "Todeswollust" denn klar? Unter anderem um das zu erfahren habe ich die Textstelle in den Raum gestellt.

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17Autor: Anna
Agnes erscheint im Roman als Idealgestalt für alle. Nicht nur für Nolten und Larkens …. Gerade in ihrer Beschränktheit und Schlichtheit verkörpert sie die Hoffnung auf Harmonie und Beständigkeit in einer Welt wirrer Gefühle und innerer Abgründe.

Sie ist nicht nur das simple und geradlinige Wesen, sondern von Anfang an auch gefährdet und todessehnsüchtelnd und spätestens seit der ersten Begegnung mit der Zigeunerin „gebrochen“. Sie ist nicht ideales Gegen- sondern Spiegelbild Noltens: Lange vor dem Geständnis, das sie vollends verrückt machen wird, sinniert N. darüber,

Quote from: Mörike: Maler Nolten  Mitte II.Teil
ob denn das Rätselwesen … dazu bestimmt sein könne, durch ihn glücklich zu werden, oder ihm ein dauerndes Glück zu gründen … Er dachte weiter nach und musste finden, dass eben jene dunkle Klippe, woran Agnesens sonst so gleichgewiegtes Leben zum erstenmal sich brach, dieselbe sei, nach der auch sein Magnet von früh an unablässig strebte, ja dass (man gönne uns immer das Gleichnis) die schlimme Zauberblume, worin des Mädchens Geist zuerst mit unheilvollen Ahnungen sich berauschte, nur auf dem Grund und Boden seines eigenen Schicksals aufgeschossen war. Notwendig daher und auf ewig ist er mit ihr verbunden, Böses und Gutes kann für sie nur in einer Schale gewogen sein.

Dann folgt die Stelle mit dem Saum am Kleide der Gottheit. Das Ganze eine Schlüsselstelle, wie ich meine.

Ich bin noch nicht ganz fertig mit dem Roman, hoffe ihn aber in den nächsten Tagen zu beenden. Vielleicht sieht dann ja vieles anders aus.





Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 22. Mai 2011, 08.07 Uhr
Hallo!

Ich habe mal wieder 3 oder 4 Seiten weiter gelesen. Die ganze Brieftaschenzettelkomödie entpuppt sich schon nach einer weiteren halben Seite als Werk Larkens. Ich weiss nicht, wieweit wir Mörike Unrecht tun und er einfach mehr im Stil der Zeit schrieb als wir im 21. Jahrhundert goutieren können und wieweit er absichtlich "Metaphorik für Dummies" verfasste, d.h., in vollem Bewusstsein diese hanebüchenen Vergleiche zwischen den durch Nachtfrost bedrohten Gewächshauspflanzen und dem "herrlichen Weib" herstellt. Jedenfalls ist mir aufgefallen - und zwar für einmal positiv -, dass Larkens für seine Handlung, i.e. das Zuspielen echter und gefälschter Briefe Noltens und dessen ländlicher Liebe, vom Autor herb getadelt wird. Es war falsch, was er tat; und hätte Larkens alle Zusammenhänge gekannt, hätte er anders gehandelt. So hat kein Jean Paul seinen Leibgeber getadelt. Leibgeber - bis weit in das Ende des Titan - ist einer, der die Zusammenhänge immer richtig erkennt und immer richtig handelt. Der Doppeltgänger auch als Deus ex machina. Das ist Larkens nicht mehr. Er hat und tut Unrecht. (Gut, wenn man genau hinschaut, tun das die beiden Clowns Siebenkäs und Leibgeber auch, denn sie richten Siebenkäs' Gattin gnadenlos zugrunde. Jean Pauls Idylle ist immer schon eine gebrochene. Aber Mörikes ist - spätestens ab hier - eigentlich gar keine mehr.)

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 23. Mai 2011, 00.14 Uhr

Meine Hoffnung, der letzte Teil würde das Ganze vielleicht noch herausreißen, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil. Zum Ende hin gleitet die Geschichte völlig ins Melodramatische ab. Gefühlsausbrüche und langatmige Schilderungen von Umnachtungszuständen, die moritatenhafte Häufung von monströsen Todesfällen stellen Geduld und Toleranz auf die Probe. Dann kommen noch neue Personen hinzu, ein seltsam salbungsvoller Präsident, der das Ganze kommentiert und moderiert und ein „blinder Seher“ in Form eines Gärtnerknaben, der Nolten schließlich mit seiner Anima ins Jenseits entschwinden sieht…

Der Roman  mit seiner ungemein komplizierten Handlung, den Interludien, Verwicklungen,Verstrickungen und schicksalhaften Bestimmungen scheint mir überfrachtet, der Autor irgendwie überfordert. Es gibt blinde Motive, Ansätze, die versanden. Im ersten Teil heißt es z. B. über das Verhältnis Larkens zu Nolten:

Quote from:  Mörike Maler Nolten I.Teil Mitte
Inzwischen war der gute Einfluss nicht zu misskennen, den Noltens Umgang, sein kräftiger Sinn, auf jenes verdunkelte Temperament ausübte, denn wennngleich unser Maler selbst an einer gewissen Einseitigkeit leiden mochte, so war doch sein sittlicher Grundcharakter unerschütterlich, und ein Streben nach voller geistiger Gesundheit beurkundete sich zeitig in der mehr und mehr zum allgemeinen aufsteigenden Richtung seiner Kunst, mit Bereinigung all dessen, was ihm von einer phantastischen Entwicklungsperiode noch anklebte.

Wer den Roman kennt, weiß, dass die Künstlerthematik und dieses Motiv der Parallelität von künstlerischer und emotionaler Entwicklung etc keine Rolle mehr spielen und sich alles auf die Gefühlsschiene verengen wird. Zudem wird der „unerschütterliche sittliche Grundcharakter“ Noltens sich als in seinen Grundfesten erschütterbar erweisen.
Es gibt eine Reihe solcher Stellen, die den Leser auf die falsche Fährte setzen. Der Erzähler drückt sich auch manchmal  vor der Zusammenführung  von Handlungssträngen bzw. der Auflösung rätselhafter Motive. So beim Selbstmord Larkens: Der auktoriale Erzähler, der Nolten auf den Grund der Seele schauen kann (und sogar sieht, wie er den Saum am Kleide der Gottheit küsst) sagt über Larkens Abschiedsbrief, den der (wie der Leser) nach Aufklärung lechzende Nolten begierig liest:

Quote from:  Mörike Maler Nolten II.Teil
Von dem Inhalt des hinterlassenen Schreibens wissen wir nur das Allgemeinste, da Nolten selbst ein Geheimnis daraus machte. So viel wir darüber erfahren konnten…(und einige Zeilen weiter:)
Einige Jahre später hörten wir von Bekannten des Malers die Behauptung geltend machen, dass der Schauspieler …

Ist ja schön! Der sonst allwissende Erzähler zieht sich hier plötzlich auf die Rolle des Berichterstatters zurück, der alles nur vom Hörensagen weiß. Ein erzähltechnischer Bruch, der es ihm ermöglicht, sich (bequem und billig) aus der Affaire zu ziehen. Für den Leser allerdings bleibt alles unklar.

Mörikes Stärke scheint eher die kleine Form zu sein. Er hat wunderbare Gedichte geschrieben und seine Novelle Mozart auf der Reise nach Prag, die ich jetzt noch flugs gelesen habe, ist einfach gut!
Auch in seinem Großwerk gibt es sprachliche Perlen und überzeugende Passagen, besonders wenn er Gemütszustände oder skurille Charaktere und Situationen beschreibt. Auch ist so manches originell oder sogar seiner Zeit voraus, ich denke an das „blutsaugende Gespenst der Zeit“ und die  „auf dem Grund des Schicksals aufgeschossene schlimme Zauberblume“, die die Fleurs du mal antizipieren.
Aber immer wieder diese Wendung zum Konventionellen,Trivialen, Sentimentalen und Salbungsvollen!
Der Roman hat für mich etwas zutiefst Resignatives, Zaghaftes.
Immer einen Schritt vor und zwei zurück. Ähnlich resignativ und zaghaft wie Mörikes Leben …
 
Allen, die sich den Maler Nolten zum zweiten Mal antun oder angetan haben, zolle ich Respekt! Auch für H.Hesse gab es ein Re-read:

"Beim Wiederlesen des "Maler Nolten""
Autor: Hermann Hesse

Bescheiden klopf' ich wieder an dein Tor
Und tret' in den geliebten Garten ein,
Da atm' ich meiner Jugend Lieblingsflor
Aufs neue mit geschärften Sinnen ein.

Herüber duftet aus der Jugendzeit
Begeisterung entrückter Lesestunden;
Doch hab' ich nie so tief wie jetzt im Leid
Geliebter Dichtung innigen Wert empfunden.

Aus kühlen Grotten ruft mir Blütenglut
Und süße Leidenschaft ihr Lied ins Herz,
Und heilig wird, was sonst so wehe tut.
Die Dichtung winkt, und lächeln lernt der Schmerz
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 23. Mai 2011, 21.00 Uhr
Hallo!

Ich weiss nicht, wieweit wir Mörike Unrecht tun und er einfach mehr im Stil der Zeit schrieb als wir im 21. Jahrhundert goutieren können und wieweit er absichtlich "Metaphorik für Dummies" verfasste, d.h., in vollem Bewusstsein diese hanebüchenen Vergleiche zwischen den durch Nachtfrost bedrohten Gewächshauspflanzen und dem "herrlichen Weib" herstellt.

Das mit der „Metaphorik für Dummies“ habe ich doch nicht ernst gemeint. Natürlich hat er sie nicht absichtlich verfasst, und ich denke auch, dass man das, was wir heute in dem Roman als Gefühlsduselei, Schicksalsschwüle und Schwulst ansehen, damals nicht so empfunden hat.

Allen, die sich den Maler Nolten zum zweiten Mal antun oder angetan haben, zolle ich Respekt! Auch für H.Hesse gab es ein Re-read:

Also, sandhofer und mich als Re-reader mit Hesse und seinem schwülstigen Gedicht in Verbindung zu bringen, ist wirklich fies, Gontscharow.  :wut:

Gerade die  Darstellung der Gesellschaftschichten finde ich klischeehaft, bestenfalls genrebildartig, die unteren Schichten werden gönnerhaft dargestellt, das alles wirkt auch für 1832 antiquiert bzw. pseudozeitlos, von geringem  Realitätsgehalt und bewegt sich manchmal auf Komödiantenstadl-Niveau.

Mörikes Jugendroman ist sicherlich kein Meisterwerk und es lässt sich einiges daran bemängeln. Man kann ihn sogar als gescheitert bezeichnen in seinem Versuch, magische Schicksalsverfallenheit und psychologische Motivation miteinander zu verbinden. Aber dass die Darstellung von Adel, Bürgertum, Künstlertum und Handwerkerschicht schon für 1832 antiquiert wirkt und klischee- bzw. gönnerhaft erscheint, finde ich nicht. Ich glaube schon, dass Mörike hier die gesellschaftlichen Konstellationen, auch politische Strömungen seiner Zeit, so wie er sie sah, wiedergegeben hat, natürlich typenhaft verkürzt, die sozialen Schichten werden ja nicht dezidiert beschrieben, sondern nur über ihre jeweiligen Vertreter sichtbar gemacht. Mörike deutet oft nur an, lässt vieles im Ungewissen, im Grunde ist die Lyrik sein Metier. Mir kommt „Maler Nolten“ wie eine Art Anti-Entwicklungsroman vor. Der Held bricht aus seinem engen, bürgerlich-protestantischen Milieu in die Welt auf, macht dort seine Erfahrungen und kehrt dann zurück in seine altes, beschränktes Leben, aber nicht innerlich gewachsen und gereift, sondern desillusioniert und orientierungslos. Orientierungslos wie die anderen vier Todeskandidaten auch.

Bodenständige Förster, betriebsame Pfarrer und sich um gesellschaftliche Konventionen nicht kümmernde Naturmenschen sind, scusa, Personnagen des Heimatfilms, Gefühlsduselei par excellence.

Na ja, ein Förster macht noch keinen Heimatfilm. ;) Statt bodenständig könnte man auch normal, alltäglich sagen. Diese Stelle finde ich nun gerade gut gemacht. Denn zum einen holt Mörike die Geschichte aus den seligen Gefilden, in denen das wiedervereinte Paar wandelt, auf den Boden zurück, zum anderen ist sie ein retardierendes Moment in der Abwärtsbewegung. Noch einmal wird Agnes Welt gezeigt, die nicht von Gefühlsduselei bestimmt ist, sondern von Freundschaft, Vertrautheit, Geborgenheit, ein privater Rückzugsort, wo in eng begrenzten Maße eine gewisse Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit gegeben ist, ohne dass man wegen eines blöden Schattenspiels gleich in den Bau kommt. Dass auch dieses kleine Idyll brüchig ist, sehen wir dann. Raymund ist ein Naturmensch im Sinne des individualistischen, kraftvollen, ganz aus sich selbst schöpfenden Originalgenies. Ein Typus, der in der Literatur der Romantik ja öfter vorkommt.

Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17 Autor: Anna
Die bedrohlichen Untertöne scheinen zunächst Nachwirkungen der überstandenen Krise zu sein … aber das Wort „Todeswollust“ macht alles klar.

Was macht das ominöse Wort "Todeswollust" denn klar? Unter anderem um das zu erfahren habe ich die Textstelle in den Raum gestellt.

Damit meinte ich nur, dass dieses Wort nicht gerade ein Happy End erwarten lässt. Hier handelt es sich tatsächlich um eine Art Schlüsselstelle, weil nun die Unausweichlichkeit des Geschicks, das Fatum, das über alle Figuren verhängt und Grund für die grassierende Todessehnsucht ist, ins Spiel kommt. Auf das Unbewusste, die psychologischen Vorgänge wiederum deuten die Worte Noltens beim Anblick der toten Agnes hin:

Quote
"O Leben! o Tod! Rätsel aus Rätseln! Wo wir den Sinn am sichersten zu treffen meinten, da liegt er so selten, und wo man ihn nicht suchte, da gibt er sich auf einmal halb und von ferne zu erkennen, und verschwindet, eh man ihn festhalten kann!"

Alle Romanfiguren befinden sich in einer Sinn- und Identitätskrise, sind von unbewussten Wünschen, Ängsten und inneren Widersprüchen erfüllt. Das Dilemma des Romans ist, dass Mörike den Begriff des Schicksalhaften mit dem Psychologischen verbindet. Dadurch ist der Roman nichts Halbes und nichts Ganzes.


Quote from: Datum/Zeit: Gestern um 17:17Autor: Anna
Agnes erscheint im Roman als Idealgestalt für alle. Nicht nur für Nolten und Larkens …. Gerade in ihrer Beschränktheit und Schlichtheit verkörpert sie die Hoffnung auf Harmonie und Beständigkeit in einer Welt wirrer Gefühle und innerer Abgründe.

Sie ist nicht nur das simple und geradlinige Wesen, sondern von Anfang an auch gefährdet und todessehnsüchtelnd und spätestens seit der ersten Begegnung mit der Zigeunerin „gebrochen“. Sie ist nicht ideales Gegen- sondern Spiegelbild Noltens: Lange vor dem Geständnis, das sie vollends verrückt machen wird, sinniert N. darüber,

Sie ist eine Frau ohne Falsch, um mal den schönen Ausdruck zu benutzen. Verstellung, Lüge Hinterlist sind ihr fremd. Genau das macht sie für die anderen Romanfiguren zur Idealgestalt. Denn alle sind ja in ein Geschehen um Wirklichkeit und Schein, Wahrheit und Täuschung verwickelt. Aber auch sie hat kein stabiles Innenleben. Als sie fällt, fallen alle. Nolten glaubt an eine magische Schicksalsverstrickung zwischen ihnen. Spiegelbild? Ja, vielleicht. Sie sind sich ähnlich, beide empfindsame, sehr beindruck- und beeinflussbare, eher passiv-träumerische Menschen.

Zum Noltenschen Suizid: Mir hat die ganze Konstruktion sauer aufgestoßen, diese Dickenschen Zufälle, das Sich-Wieder-Treffen, Mithören von Gesprächen etc. Und es liegt wohl auch daran, dass ich Selbstmorde für häufig recht billige Lösungen in der Literatur halte. Wer die Verzweiflung nicht beschreiben will (oder kann), meuchelt einen seiner Protagonisten, womit die Verzweiflung post festum denn doch wieder bewiesen ist. Dazu der sinnige Auftritt, man sieht einander wieder, flieht - und stirbt flugs in der nächsten Nacht. Ein Wiedersehen, Wiedersprechen - das wäre natürlich schwieriger gewesen, da hätte begründet und erklärt werden müssen, wären Fragen gestellt worden -

So beim Selbstmord LarkensDer sonst allwissende Erzähler zieht sich hier plötzlich auf die Rolle des Berichterstatters zurück, der alles nur vom Hörensagen weiß. Ein erzähltechnischer Bruch, der es ihm ermöglicht, sich (bequem und billig) aus der Affaire zu ziehen. Für den Leser allerdings bleibt alles unklar.

Das zufällige Wiedersehen Larkens und Noltens ist willkürlich, seinen Selbstmord in dieser Nacht finde ich folgerichtig. Larkens ist für mich der psychologisch stimmigste, am wenigsten rätselhafte Charakter des Romans. Ein depressiver, unruhiger, gehetzter Mensch, der weder künstlerisch noch gesellschaftlich oder privat seinen Platz findet. Der Verlust der Stellvertreterrolle, die ihm für einige Monate eine Art Identität geliehen hat, gibt ihm den Rest (darum geht es sicher in dem Abschiedsbrief an Nolten). Mit Selbstmordplänen trägt er sich schon länger, beim Wiedersehen mit Nolten wird ihm sein Scheitern vollends klar, einem Gespräch entzieht er sich. Ein zum Suizid entschlossener, depressiver Mensch will nicht mehr reden. Ich weiß nicht, ob Mörike sich hier aus der Affäre ziehen will oder ob es gar nicht seine Absicht ist, die psychologischen Motive und seelischen Abgründe Larkens noch näher zu erklären. Schließlich wird das Innenleben aller Figuren doch als rätselhaft und nicht recht fassbar beschrieben.

Der Roman hat für mich etwas zutiefst Resignatives, Zaghaftes.
Immer einen Schritt vor und zwei zurück. Ähnlich resignativ und zaghaft wie Mörikes Leben …

Mörikes Leben scheint in der Tat nicht allzu glücklich gewesen zu sein. Seine beunruhigende Liebe zu der Landstreicherin Maria Meyers, seine geplatzte Verlobung mit Luise Rau, der ungeliebte Beruf des Pfarrers, vor allem das verhasste Predigenmüssen, das Scheitern der Ehe nach fünfundzwanzig Jahren, die Ängstlichkeit und Gehemmtheit im Umgang mit fremden Menschen, nach Biedermeieridylle sieht das nicht aus. Aber zumindest schien die Kunst ihm Halt und Inhalt zu geben. Bei Nolten scheitert auch diese Möglichkeit, obwohl sie an einer Stelle kurz aufblitzt. Als er aus der Haft entlassen wird und für einige Tage jeglichem Einfluss entzogen und ganz auf sich gestellt wieder zu malen anfängt, scheint für einen Moment die Aussicht zu bestehen, dass er die Vergangenheit überwinden und ein neues Leben ohne Agnes, Constanze und Larkens beginnen könnte, bis er den Brief Larkens liest, der ihn praktisch zwingt, wieder zu Agnes und zu seinem alten Leben zurückzukehren.

Das Wiederlesen von „Maler Nolten“ bringt mich sicher nicht dazu, ein Gedicht darüber zu schreiben. Ich kann die Kritikpunkte Gontscharows durchaus nachvollziehen, auch wenn ich das Salbungsvolle und Triviale nicht so stark empfinde. Die Sprache Mörikes hat mir im Großen und Ganzen wieder gefallen. Inhaltlich ist der Roman vor allem literaturgeschichtlich interessant, gerade im Hinblick auf die Versuche der Psychologisierung seiner Figuren. Aber jetzt bin ich froh, wieder in die Welt der Guermantes und zur spitzzüngigen, sich für geistreich haltenden Herzogin Oriane zurückkehren zu können.


Gruß
Anna













Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 24. Mai 2011, 13.19 Uhr
Großes Lob für die Anna-lyse (außer dort, wo sie mir widerspricht, etwa beim Selbstmord Larkens ;)). Mörike war im übrigen selbst auch der Meinung, dass vor allem der erste Teil einer Überarbeitung bedurfte hätte, den zweiten wollte er weitgehend unverändert lassen (ob mit oder ohne Saum am Kleide der Gottheit weiß ich nicht). Ich werde vielleicht noch in den Roman hineinlesen, allerdings scheint der von einem Herausgeber bearbeitet (was ich nicht sehr schätze).

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 24. Mai 2011, 15.28 Uhr
Wenn man mich hier schon Anneliese zu nennen beginnt, muss ich aufpassen. :cherie: Dabei wäre noch so manches zu analysieren. In meinem Mörike-Band, den ich wohl in einem Seminar benutzt haben muss, sind etliche Stellen angestrichen, von denen ich bei vielen nicht weiß, warum eigentlich. Aber es finden sich auch exakt drei Bleistiftnotizen am Rande und die sind bestimmt nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern stammen sicherlich vom Seminarleiter. Neben dem „Lied vom Feuerreiter“ steht politische Anspielung, neben "Orplid" Goldenes Zeitalter /Idealismusdebatte und zum blinden Gärtnersjungen heißt es Henni/Rosenkreuzer. Aber dazu weiß uns bestimmt sandhofer noch etwas zu sagen. ;)

@ orzifar, wenn Du die Möglichkeit hast, in die zweite Fassung reinzuschauen, tu das doch bitte gelegentlich. Es würde mich wirklich interessieren, ob es Mörike in seiner Überarbeitung tatsächlich gelungen ist, das Verhalten seiner Figuren etwas realistischer und psychologisch nachvollziehbarer darzustellen als in der ersten Fassung.

Gruß
Anna
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 24. Mai 2011, 16.43 Uhr
Quote from:  Anna
Aber jetzt bin ich froh, wieder in die Welt der Guermantes und zur spitzzüngigen, sich für geistreich haltenden Herzogin Oriane zurückkehren zu können

Auch ich wollte mich nun eigentlich anderem (die Gefährlichen Liebschaften müssten jetzt ganz erfrischend sein) zuwenden. Aber ich muss wohl nochmal.

Quote from:  Anna
dass die Darstellung von Adel, Bürgertum, Künstlertum und Handwerkerschicht schon für 1832 antiquiert wirkt und klischee- bzw. gönnerhaft erscheint, finde ich nicht.

Was sagst dazu:

Quote from:  Mörike
Unsere Gesellschaft (Nolten Agnes, Nannette) war in dem besten Gasthofe untergebracht, und während diese sich auf ihre Weise gütlich tut, möge der Leser es nicht verschmähen, auf kurze Zeit an einer entfernten Trinkgesellschaft aus der niedern Volksklasse teilzunehmen.

Dann werden wir (eigentlich auch nur aus Gründen der Erzähltechnik) Zeugen volkstümlichen Treibens im Bierkeller. Tümelnd auch der im Grunde seines Herzens treuherzige Randalierer Büchsenmacher, der den Leser durch seine ungeschlachte Trauer um Larkens rühren soll.

Quote from:  Mörike
Hieß er mich nicht immerdar sein liebes Vieh?

Na toll.
Im ersten Teil nervt der kunstsinnige hofnahe Adel mit seinen Grotten und Bosquetten, in denen der bürgerliche Nolten eigentlich nichts verloren hat und auf dem Lande der gütige weise Baron …, durch dessen Tod Nolten „einen anderen Vater“, der bodenständige, äh normale Förster den „würdigsten Freund“ verliert.
Nicht klischeehaft und antiquiert? Woyzeck z. B., ist etwa zur selben Zeit entstanden. Werther mit seiner Adelskritik noch früher…

 
Quote from:  Anna
Na ja, ein Förster macht noch keinen Heimatfilm.
;D

Nein, aber im Verbund  mit dem umtriebigen Pfarrer und dem frischen Naturburschen schon. Mit den Epitheta hast du mir natürlich Steilvorlagen geliefert. Fehlt nur noch der "treuherzige Kutscher" (Konrad) …

Quote from: Anna
Ich weiß nicht, ob Mörike sich hier aus der Affäre ziehen will oder ob es gar nicht seine Absicht ist, die psychologischen Motive und seelischen Abgründe Larkens noch näher zu erklären. Schließlich wird das Innenleben aller Figuren doch als rätselhaft und nicht recht fassbar beschrieben.

Das meinte ich auch nicht. Die Figuren mögen rätselhaft angelegt sein und bleiben. Was einen hier als Leser verärgert, sind die  Ungereimtheiten der Handlung und dass ein zentraler, zugegeben heikler und problematischer Teil der Handlung ausgespart und vernebelt wird, indem man dem Leser u. a. den Inhalt des klärenden oder zumindest interessanten Briefes mit unlogischer fadenscheiniger Begründung vorenthält. Es kommt mir so vor, als wenn  M. vor der eigenen Thematik den Schwanz einzieht. Und es ist übrigens Larkens Selbstmord (und nicht Agnesens), der den Domino-Effekt auslöst.

Quote from:   Anna
Mörikes Leben scheint in der Tat nicht allzu glücklich gewesen zu sein.

Nicht nur nicht glücklich: Er bringt nicht den Mut auf, sich mit seiner Liebe (Maria/Peregrina) zusammenzutun, trauert ihr aber (zeitlebens) nach. Er lässt sich zum Theologen ausbilden, hasst aber das Predigen (und die sonstigen Anforderungen seines Amtes) und lässt sich im Alter von Ende 30 frühestpensionieren, er heiratet spät, kehrt dann aber noch zur Mutter und Schwester zurück. Ein ständiges Vor- und Zurück, Halbheiten, Rückzug, Duckmäusertum. Das sehe ich eben auch im Roman! Wie vergleichsweise "welthaltig" fängt das Ganze an und wie verengt es sich immer mehr zum Liebes–Melodram. Der Roman handelt nicht nur von Depressiven er ist auch spürbar von einem Depressiven geschrieben.

Quote from: Anna
Das Dilemma des Romans ist, dass Mörike den Begriff des Schicksalhaften mit dem Psychologischen verbindet. Dadurch ist der Roman nichts Halbes und nichts Ganzes.

Ja, und ich finde dass noch eine Reihe weiterer Themen und Motive angelegt sind, die dann irgendwie versanden oder im Raum stehen bleiben - weil der Autor überfordert ist, weil er die Handlungsfäden nicht sinnvoll zusammenkriegt und/oder aus Angst vor der eigenen Courage! Schade!

Er hat so etwas Ambitioniertes nie wieder versucht, hat sich fürderhin beschränkt auf kleine Formen, gerne  auch Gelegenheitsgedichte. Ein gereimtes "Gurkenrezept", "An eine Lampe" etc. Mozart auf der Reise …, ein feines duftiges Prosastück, sollte auf  Wunsch des Autors  zusammen mit anderen Stücken " Kleine Gemälde von Eduard Mörike" heißen. Ja, das  passt. Das kann er, schon in seinem Roman. Die demütige Formel „Euer Hochwohlgeboren untertäniger Dr. Eduard Mörike“ (Ja, ich weiß, das war ganz normal zu der Zeit) in den an (Freiherrn von) Cotta gerichteten Briefen, die im Anhang aufgeführt werden, versetzte mir in diesem Zusammenhang  einen Stich.

Quote from: Anna
Inhaltlich ist der Roman vor allem literaturgeschichtlich interessant, gerade im Hinblick auf die Versuche der Psychologisierung seiner Figuren

Ja, auf jeden Fall, das finde ich auch ! Über den Umgang mit ihrer(Geistes-) Krankheit sagt Elisabeth z. B. einmal:

Quote from: Mörike
… Seid nur nicht bang… wenn mein Leid mich übernimmt…Ich gehe dann immer allein beiseite

und von Nolten heißt es, dass  …
  
Quote from: Mörike
...er die ganze Zeit von sich selbst wie abgeschnitten war

Erstaunlich einfach, sprachlich treffsicher und modern …

Quote from:  Anna
@ orzifar, wenn Du die Möglichkeit hast, in die zweite Fassung reinzuschauen, tu das doch bitte gelegentlich...

Ja bitte, und setze uns in Kenntnis. :ciao: Es winkt die Kunst...
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 25. Mai 2011, 14.47 Uhr
Hallo!

@gontscharow et alii: Auch im Werther ließen sich genügend inbrünstige und wollüstige Stellen finden. Wenn man derlei ausfindig machen will, wird man auch fündig, von Goethe über Mörike, Hölderlin, Rilke wieder zurück zu Ovid. Ich sehe mich in der seltsamen Situation einen Roman zu verteidigen, der mir ein nur bescheidenes Lesevergnügen bereitet hat. Ihn aber mit den Augen des 21. Jahrhunderts zu beurteilen ist mehr als zweifelhaft, stilistische Mittel zu beanstanden (weil sie in unseren Augen antiquiert wirken), ist nur unter Berücksichtigung der historischen Umstände möglich.

Wenn die Repräsentanten einer bestimmten Schicht exemplarisch dargestellt werden (und in einer Form, die der Postromantik entspricht), so besteht die Gefahr des Klischeehaften natürlich (die besteht auch in der griechischen Tragödie, wenn die Personifizierungen von Eigenschaften auftreten). Und man kann natürlich immer jene Züge betonen, die dann ein simplifizierendes Bild ergeben. Aber Raymund ist nicht nur Naturbursche, er hat - auch - anarchische Züge, wenn er etwa eine offizielle Heirat weit von sich weist und lächerlich macht. In all den Figuren findet man (je nachdem, was man zu demonstrieren sich anheischig macht) Modernes und Reaktionäres, Kitschiges, so ließe sich die nuturwissenschaftlich gebildete Tochter als eine Vorkämpferin des Feminismus interpretieren.

Du erwähnst als Gegenbeispiel den Werther: Dort eben diesen Kitsch auszumachen ist ein Leichtes (wenn etwa die biedere Lotte mit der Schar ihrer Geschwister vor dem entzückten Auge Werthers auftaucht) - genauso wie in den Wahlverwandtschaften oder dem Wilhelm Meister. Schillers Frauengestalten sind (mir) ein einziger Horror, die ganze Romantik ist bevölkert von den Vorgängerinnen Agnesens (diese Agnes aber ist, im Gegensatz zu den anderen Frauengestalten, sehr differenziert beschrieben). Dazu kommt, dass wir uns über Wörter wie Inbrunst oder Wollust echauffieren, Wörter, die man heute ohne ironischen Unterton kaum noch gebrauchen kann, die aber in der damaligen Zeit in sehr viel geringerem Maße als gefühlsduselig angesehen wurden. Böhme in seiner Sokrates-Typologie weist auf ein ähnlich gelagertes Problem hin, nämlich die Schwierigkeit, arete, kalokagathie und ähnlich Begriffe angemessen zu übersetzen. Da sich die meisten platonischen Übertragungen auf die Schleiermachersche Arbeit beziehen, ist das Problem ein doppeltes: Die so oft strapazierte "Tugend" hat sowohl im 18. und 19. Jahrhundert etwas anderes bezeichnet als etwa in heutiger Zeit (von Tugend spricht man nur noch in Zusammenhang mit moralinsauren, älteren Jungfern oder spröden höheren Töchtern aus katholischen Internaten), während dieser Begriff im platonisch-sokratischen Zusammenhang eigentlich ein spezifisch männlicher war (Mann und Tugend geht heute nicht mehr zusammen ;)).

Ich werde sicher noch in die Romanversion hineinlesen (wie gesagt: Verändert wurde hauptsächlich der erste Teil) und dann berichten. Zumindest scheint Mörike sich des auch hier kritisierten, etwas mühselig gesponnenen Handlungsablaufes bewusst gewesen zu sein. Diese Version ist in meiner Ausgabe allerding von einem Herrn Julius Klaiber bearbeitet und geschönt worden, was in eine allfällige Beurteilung miteinfließen muss.

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 25. Mai 2011, 16.58 Uhr
Diese Version ist in meiner Ausgabe allerding von einem Herrn Julius Klaiber bearbeitet und geschönt worden, was in eine allfällige Beurteilung miteinfließen muss.

So zwischen Stuhl und Bank, bevor ich PC & Co. demontiere für den Umzug morgen:

Gem. den Anmerkungen in meiner Ausgabe gibt's nur diese "Roman"version. Mörike scheint (mein Herausgeber bezieht sich auf die kritische Ausgabe) selber fast nichts an Änderungen getätigt zu haben. Was wir als Roman haben, stammt von Klaiber.  :hi:
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 25. Mai 2011, 19.53 Uhr
@ orzifar!

Danke, dass du mich daran erinnerst, bei der Bewertung von Stil und Inhalt älterer Werke den historischen Kontext zu berücksichtigen. Ich glaube, darum bemühe ich mich, soweit das hier in diesem Rahmen möglich ist. Daher habe ich ja auch zeitgenössische bzw. ältere Werke zitiert. Den Werther übrigens nur in Bezug auf die Darstellung gesellschaftlicher Zustände! Ich sprach von Adelskritik. Ich hätte es genauer sagen sollen: Es geht um das, was Werther in der Zeit seiner Anstellung bei Hofe erlebt (Briefe von 0ktober- März 1771) Nur um daran zu erinnern, dass man die Adelsgesellschaft schon anders, realistischer, differenzierter etc. dargestellt hat und darstellen kann.
Dass der Werther voll ist von Gefühlsseligkeit und –überwschwang, wer wollte das leugnen? Denke nur an die Szene, in der die Träne quillt, allein weil der Name  „Klopstock“ fällt. Es würde mir nicht im Traum einfallen, den Werther als Gegenbeispiel für Gefühligkeit anzuführen,
Mörikes stilistische Mittel habe ich nirgendwo als antiquiert beanstandet. Auch dieses Wort bezog sich auschließlich auf die Darstellung der Gesellschaftsschichten und ich sagte ausdrücklich antiquiert für 1832 . Ich hätte dieses Thema gar nicht angeschnitten, hatte es schon unter „so sah er (man)  das halt damals“ abgelegt, wenn nicht Mörikes Gesellschaftsdarstellung als besonders positiv hervorgehoben worden wäre!

Interessant dein Hinweis auf Böhmes Übersetzungsschwierigkeiten bzw. das dahinter liegende Problem. Wenn ich in einem lateinischen Text virtus lese oder das Wort vertu im frz. Drama des 17. Jahrhunderts auftaucht, weiß ich, dass die Konnotationen andere sind als die des Übersetzungsworts Tugend heute. Genauso hatten Inbrunst und Wollust im 19.Jahrhundert natürlich einen anderen Klang als heute. Schon deshalb würde ich nicht auf die Idee kommen, mich über diese Worte zu echauffieren! Das Wort war Todeswollust - ein anderes Kaliber- eingebettet in einen verschwurbelten Satz an zentraler Stelle, der mir immer noch unklar ist.

Fazit: Ich bemühe mich den Roman wie jedes Werk, das Jahre angesetzt hat, nicht nur „mit den Augen des 21. Jahrhunderts“ zu sehen und zu beurteilen! Du hast sicher mehr historische und literarische Kenntnisse als ich. Da wäre es hilfreicher gewesen, du hättest mal konkret zu einzelnen Punkten deine Kritik beigesteuert, als mir jetzt einen  Pauschalvorwurf um die Ohren zu hauen.
Manches ist auch Geschmacksache. Den „hanebüchenen“ Vergleich zwischen Gräfin und Gewächshauspflanzen finde ich im Verhältnis gar nicht so hanebüchen und das inbrünstige Beten, das dich so gestört hat, habe ich als schwäbische Folklore abgebucht.     
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 25. Mai 2011, 20.16 Uhr
Fazit: Ich bemühe mich den Roman wie jedes Werk, das Jahre angesetzt hat, nicht nur „mit den Augen des 21. Jahrhunderts“ zu sehen und zu beurteilen! Du hast sicher mehr historische und literarische Kenntnisse als ich. Da wäre es hilfreicher gewesen, du hättest mal konkret zu einzelnen Punkten deine Kritik beigesteuert, als mir jetzt einen  Pauschalvorwurf um die Ohren zu hauen.

Ach, das sollte nun keineswegs als Vorwurf* erscheinen, schon gar nicht pauschalierend (v. a. auch deshalb, weil ich viele der von dir monierten Stellen als gleichfalls beanstandungswürdig betrachte).

Im Gegenteil: Mir liegt daran festzuhalten (inbrünstig und mit Wollust), dass ich - bei durchaus unterschiedlichen Auffassungen - diese Diskussionen für äußert anregend halte und als angenehm empfinde, gerade weil dadurch (bei mir) eine intensivere Auseinandersetzung mit den Werken (Zeno oder Maler Nolten) stattfindet; ein Zeno wäre mir nie in Erinnerung geblieben (möglicherweise gar nicht zu Ende gelesen worden), wenn es nicht derart unterschiedliche Meinungen, daraus folgend Diskussionen, gegeben hätte.

Was nun die Adelskritik bei Werther anlangt: Man könnte diese vielleicht mit der von mir angedeuteten Religionskritik seitens Raymund vergleichen. Will sagen: Derart kritische Untertöne sind auch beim Nolten zu finden (wenn auch nicht in ständespezifischer Hinsicht, man müsste diesbezüglich auch in Erfahrung bringen, inwieweit die Zensur hiebei ein Rolle spielt, Grillparzer hat in der selben Zeit ja erheblich gelitten). Aber Kritik ist - implizite - auch in der fast lächerlich-willkürlich erscheinenden Verhaftung von Larkens-Nolten enthalten, frei von solchen Anspielungen ist der Nolten jedenfalls nicht.

Büchner, den du auch anführtest, ist für mich fast "unvergleichlich", er ist sowohl sprachlich als auch inhaltlich (und das als Jungspund) seiner Zeit weit voraus.

lg

orzifar

*) An der Grenze des guten Geschmacks war allerdings der Vergleich mit dem Hessegedicht, der hätte mich getroffen ;)
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 26. Mai 2011, 16.23 Uhr
Diese Todeswollust (oder Sehnsucht) in Verbindung mit Wahnsinn ist in der Romantik häufig anzutreffen. Man denke an Nathanael aus dem "Sandmann": Ganz ähnlich wie Agnes stürzt auch er sich - umnachtet - in den Tod, aber, im Unterschied zu Mörike, kann man bei Hoffmanns Nachtstücken nicht zwischen Übernatürlichem und Realem unterscheiden. Pragmatische Lösungen dunkler Sachverhalte bleiben Mörike vorbehalten, seine Elisabeth entpuppt sich ganz trivial als Tochter des Hofrats, während bei Hoffmann solches immer im Ungewissen bleibt. Zum anderen unterscheidet sich diese Todeswollust von klassischen, das Individuelle stärker betonenden Romanen wie etwa den Wilhelm Meister. Denn unser Nolten hat mit der Kantschen Forderung an das Individuum nichts mehr zu tun, er könnte sich seines Verstandes bedienen wie er will, Schicksal und Verhängnis sind ungleich stärker.

Gerade als Gegenbewegung zu einer rationalen Weltauffassung sind solche morbiden Haltungen häufig im Schwange. So ist die Affinität von Jugendlichen zum Abgründigen, Geheimnisvollen, oft auch Morbiden zu beobachten, schwarze Kleidung, Totenkopfsymbolik, allerlei geheimnisumwitterter Krimskrams von den Rosenkreuzern bis zum Druidenfuß. (Ich hatte vor einigen Jahren mit "Gothics" Kontakt, die in ihrer obskuren und oft auch grotesken Wiederbelegung des Mittelalters durchaus in eine Art romantische Strömung gehören.)

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 30. Mai 2011, 19.23 Uhr
Hallo!

Ich hätte dieses Thema gar nicht angeschnitten, hatte es schon unter „so sah er (man)  das halt damals“ abgelegt, wenn nicht Mörikes Gesellschaftsdarstellung als besonders positiv hervorgehoben worden wäre!

Wälz jetzt nicht die ganze Schuld auf mich ab, Gontscharow!  ;D

Ich meinte nicht, dass Mörike im „Nolten“ ein besonders treffendes Porträt der Gesellschaft entwirft, da habe ich mich wohl missverständlich ausgedrückt (je länger ich in Italien lebe, desto mehr scheint mir die sprachliche Präzision abhanden zu kommen, wenn ich die überhaupt jemals besessen habe). Ich fand interessant, dass Mörike, der zu der Zeit, als er den Roman schrieb, selbst in einer Lebenskrise steckte, seinem Helden verschiedene gesellschaftliche und individuelle „Lebensmodelle“, wenn man so will, vor Augen führt, die entweder scheitern oder zumindest keine wirklichen Perspektiven bieten. Dabei ist auch Mörikes Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Bedingungen spürbar. In der Episode um das Märchenspiel steckt doch ziemlich deutliche Kritik an den reaktionären Kreisen, an obrigkeitsstaatlicher Willkür und Zensur, an der demütigenden Abhängigkeit der Künstler vom Hofe. Die Hoffnung auf eine Annäherung zwischen Adel und Bürgertum durch eine Verbindung zwischen Nolten und Constanze (eine Heirat, wie die Gräfin sie erwägt, wäre sicherlich noch keine realistische Möglichkeit gewesen) zerschlägt sich, weder das einfache Leben unter ungehobelten, aber „treuherzigen“ Handwerkern noch der Rückzug in das bürgerlich-protestantische Milieu funktionieren. Raymund mit seiner lockeren Sexualmoral, der in einer unglücklichen Ehe lebende Präsident, die intellektuelle, von der Gesellschaft schon desillusionierte Margot, nirgendwo scheint es Sinn und Halt zu geben. Selbst die Religion - Mörike war immerhin Pfarrer – bietet keinen Trost mehr. Ein ziemlich düsteres Buch, fast wirkt es schon nihilistisch. Unter biographischen und literaturgeschichtlichen Aspekten finde ich den Roman eigentlich immer noch lesenswert, wenn er auch erzähltechnische Schwächen hat und einen nicht gerade vor Leselust erbeben lässt (man heißt doch schließlich nicht Hesse!).

Gruß
Anna

@ Gontscharow, an den zynischen Machenschaften des Adels in „Gefährliche Liebschaften“ wirst Du sicher viel Spaß haben, zumal garantiert kein gütiger Baron darin vorkommt. ;) Wenn Du das Buch gelesen hast, berichte doch mal kurz. Ich kenne bis jetzt nur die gleichnamige Verfilmung. Ach ja – Valmont. Das war noch ein umsichtiger Verführer und erotischer Genießer… Wenn man sich heute diese Leute wie Hugh Hefner und Konsorten anschaut – traurig!
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 31. Mai 2011, 15.55 Uhr

Quote from: orzifar,Datum/Zeit: 26. Mai 2011, 16.23 Uhr
Ich sehe mich in der seltsamen Situation einen Roman zu verteidigen, der mir ein nur bescheidenes Lesevergnügen bereitet hat. Ihn aber mit den Augen des 21. Jahrhunderts zu beurteilen ist mehr als zweifelhaft, stilistische Mittel zu beanstanden (weil sie in unseren Augen antiquiert wirken), ist nur unter Berücksichtigung der historischen Umstände möglich.

Nicht pauschalierend? Kein Vorwurf ?  :) Mir fällt ein Stein vom Herzen!

Ich habe die Lektüre jetzt mal ein paar Tage sacken lassen. Auch der zeitliche Abstand macht es nicht besser. Durch Raymund und Margot kommen kritische Untertöne hinein? Mag sein, mir scheinen das aber, wenn überhaupt, nur Farbtupfer zu sein im allgemeinen Sittengemälde. Keine Figur nimmt wirklich Anstoß an oder leidet unter den gesellschaftlichen Bedingungen.

Quote from: Anna, Datum/Zeit: Gestern um 19:23
Dabei ist auch Mörikes Unzufriedenheit mit den gesellschaftlichen Bedingungen spürbar. In der Episode um das Märchenspiel steckt doch ziemlich deutliche Kritik an den reaktionären Kreisen, an obrigkeitsstaatlicher Willkür und Zensur, an der demütigenden Abhängigkeit der Künstler vom Hofe.

Sollte man meinen. Schön wär's. Das Einsitzen wegen des despektierlichen Schattenspiels, letzlich die Intrige einer Liebeskranken, der wiederum übel mitgespielt wurde, ist jedoch selbst nur eine Farce, von Nolten als schmerzlich empfunden, weil seine Beziehung zur Gräfin unterbrochen ist, von Larkens, weil er kompromittierende Enthüllungen aus seiner „befleckten Vergangenheit“ fürchtet. Niemand ist empört ob obrigkeitsstaatlicher Willkür, fühlt sich gedemütigt oder als Künstler drangsaliert. Hier Gesellschaftskritik zu sehen, entspringt (germanistischem) Wunschdenken. Im Roman koexistieren Adel und Kunst ja auch sonst in bestem Einvernehmen. Die erste Person, der wir im Roman begegnen, ist der ältliche Baron Jaßfeld, ein feinsinniger Freund und Förderer der Kunst, und so geht es weiter...
Wenn es Untertöne gesellschaftspolitischer Art im Nolten gibt, dann sind es eher reaktionäre, rückwärtsgewandte. So z. B in der von Anna erwähnten Ballade, die den volkstümlichen Sagenstoff um den Feuerreiter mit einer Anspielung auf die Französische Revolution verbindet: Der Vorreiter mit der (jakobinischen) roten Mütze als Gespenst und Kinderschreck, der Feuerbrand der Revolution, von dem nur noch ein wohlig unheimlicher Schauer übrigbleibt! Mörike lässt das Lied einen jungen Mann aus dem Volke zur Belustigung der Gäste vortragen… Übrigens gab es in Württemberg eine revolutionäre Studetenvereinigung namens Feuerreiter, der Mörikes Studienkollege Hauff angehörte. Mörike, bekanntermaßen kein Freund politischer Aktivitäten, hielt sich fern und nicht viel davon...

Bevor ich mich weiter unbeliebt mache, noch etwas zu unserem Lieblingsthema:

Quote from: orzifarDatum/Zeit: 26. Mai 2011, 16.23 Uhr
Diese Todeswollust (oder Sehnsucht) in Verbindung mit Wahnsinn ist in der Romantik häufig anzutreffen. Man denke an Nathanael aus dem "Sandmann"…

Ja, dann könnte man es irgendwie einordnen. Merkwürdigerweise wird aber an besagter Stelle Todeswollust in einem Atemzug mit Gottvertrauen genannt:
 
Quote from:  Mörike "Maler Nolten" TeilII etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Daraus sollte eher Lebenswollust entstehen.
Nach wie vor erschließt sich mir diese „Schlüsselstelle“ nicht.
.
Quote from:  Anna=Datum/Zeit: Gestern um 19:23
…an den zynischen Machenschaften des Adels in „Gefährliche Liebschaften“ wirst Du sicher viel Spaß haben, zumal garantiert kein gütiger Baron darin vorkommt.

Ja  ;D, aber nicht deshalb gelüstet es mich nach dem Buch, sondern wegen der völlig unsentimentalen, witzigen, kühlen und brillanten Art der Darstellung. Schon seltsam, dass mir das 18. Jahrhundert oft näher ist als das 19.!
Ich habe den Roman übrigens schon mal gelesen, den Film - mit Malkovichs/Valmonts sardonischem Lächeln – kenne ich auch. Ich werde das Buch wohl jetzt doch nicht noch mal lesen. Mich daran zu erinnern, hat mir schon geholfen!
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 31. Mai 2011, 16.24 Uhr
. Schon seltsam, dass mir das 18. Jahrhundert oft näher ist als das 19.!

Nun ja - die 150 Jahre nach Goethe sind gekennzeichnet durch ein Überhandnehmen einer verklemmten Sentimentalität. Nicht, dass es die nicht schon vorher gegeben hätte, aber selbst ein "Werther" ist erfrischend direkt im Vergleich zu einem Stifter oder auch zu einem Fontane.

Ich bin übrigens noch keine Zeile weiter ...  :(
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 01. Juni 2011, 01.00 Uhr

Bevor ich mich weiter unbeliebt mache, noch etwas zu unserem Lieblingsthema:

Quote from: orzifarDatum/Zeit: 26. Mai 2011, 16.23 Uhr
Diese Todeswollust (oder Sehnsucht) in Verbindung mit Wahnsinn ist in der Romantik häufig anzutreffen. Man denke an Nathanael aus dem "Sandmann"…

Ja, dann könnte man es irgendwie einordnen. Merkwürdigerweise wird aber an besagter Stelle Todeswollust in einem Atemzug mit Gottvertrauen genannt:
 
Quote from:  Mörike "Maler Nolten" TeilII etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Daraus sollte eher Lebenswollust entstehen.
Nach wie vor erschließt sich mir diese „Schlüsselstelle“ nicht.

Nur so kurz: Gottvertrauen ist angesichts des Todes für viele durchaus angebracht; man fühlt sich aufgehoben, glaubt an den liebenden Gott und Engelsgesänge und vertraut, derselben teilhaftig zu werden, während man hofft, dass siedende Pechkessel, vielgeschwänztes teuflisches Personal nebst Bratenrost einem erspart bleibt. Man ist also selbst im Sterben und im Tod noch in Gottes freundlicher Hand und kann sich ohne von des Gedankens Blässe angekränkelt zu sein in die gefahrvolle Nähe des Todes begeben. So irgendwie ... Irgendwo gibts eine Stelle bei Schleiermacher, die, wenn ich mich recht erinnere, auch etwas Ähnliches beschreibt und der gute Schleiermacher war in der Romantik recht beliebt. Allerdings schaffe ich es derzeit nicht, das alles nachzuschlagen bzw. aufzubereiten (ich glaube, man muss Mörike bzw. seine Ansicht der Gesellschaft im Lichte der Restauration von 1815 betrachten).

In der Hoffnung, dass der mir die Dienste immer öfter versagende Körper mehr Zeit lässt in Zukunft

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 03. Juni 2011, 01.27 Uhr
Hallo!

Hier Gesellschaftskritik zu sehen, entspringt (germanistischem) Wunschdenken.

Erst wird man in einem Atemzug mit Hesse genannt, dann wird einem germanistisches Wunschdenken vorgeworfen... Bei dem Versuch, Papa Mörike unter die Arme zu greifen, muss man sich allerhand anhören. ;)

Quote from:  Mörike "Maler Nolten" TeilII etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

Daraus sollte eher Lebenswollust entstehen.
Nach wie vor erschließt sich mir diese „Schlüsselstelle“ nicht.

Nur so kurz: Gottvertrauen ist angesichts des Todes für viele durchaus angebracht; man fühlt sich aufgehoben, glaubt an den liebenden Gott und Engelsgesänge und vertraut, derselben teilhaftig zu werden, während man hofft, dass siedende Pechkessel, vielgeschwänztes teuflisches Personal nebst Bratenrost einem erspart bleibt. Man ist also selbst im Sterben und im Tod noch in Gottes freundlicher Hand und kann sich ohne von des Gedankens Blässe angekränkelt zu sein in die gefahrvolle Nähe des Todes begeben. So irgendwie ...

Soweit ich verstehe, ist mit der „Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet“ kein personaler Gott gemeint, sondern das Fatum, die dunkle Schicksalsmacht, im Grunde der Tod selbst. Das Bewusstsein seiner Todesverfallenheit und der Unausweichlichkeit seines Schicksals, das Nolten seit seiner Begegnung mit Elisabeth im Wald verspürt, führt bei ihm wohl zu einer Art fatalistischer Euphorie. Jede Verantwortung fällt weg, er kann sich, ohne handeln und kämpfen zu müssen, willenlos seinem vorbestimmten Geschick überlassen. Ich habe übrigens nicht das Gefühl, dass Nolten bzw. Mörike an dieser Stelle künftige Engelschöre vorschweben.

In der Hoffnung, dass der mir die Dienste immer öfter versagende Körper mehr Zeit lässt in Zukunft

Das ist hoffentlich nicht so dramatisch, wie es sich anhört!

Gruß
Anna
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 03. Juni 2011, 09.30 Uhr
Soweit ich verstehe, ist mit der „Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet“ kein personaler Gott gemeint, sondern das Fatum, die dunkle Schicksalsmacht, im Grunde der Tod selbst. Das Bewusstsein seiner Todesverfallenheit (erzeugt eine) Art fatalistischer Euphorie. Jede Verantwortung fällt weg, er kann sich, willenlos seinem vorbestimmten Geschick überlassen...

Danke Anna, ich glaube, diese Stelle lässt sich nicht anders verstehen. Und gerade das verstehe ich nicht, beziehungsweise erfüllt mich mit Unbehagen! Es hat etwas Wagnereskes, Aschenbachisches! Allerdings überzuckert mit Kinderbuchfrömmigkeit. Für mich eine Brechreiz erzeugende Mischung …
Dass die Person, durch die Nolten an sein "dunkles Fatum" gebunden ist bzw deren Schicksal er wiederholen /vollenden muss, sich postum als biedermeierliche Hofschranze entpuppt, ist das Ironie oder sollen wir das ernst nehmen?
 
Quote from:  orzifar Datum/Zeit: 01. Juni 2011, 01.00 Uhr
ich glaube, man muss Mörike bzw. seine Ansicht der Gesellschaft im Lichte der Restauration von 1815 betrachten

Ja, das meine ich auch!

Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 03. Juni 2011, 14.21 Uhr
In der Hoffnung, dass der mir die Dienste immer öfter versagende Körper mehr Zeit lässt in Zukunft
Das ist hoffentlich nicht so dramatisch, wie es sich anhört!

Naja, dramatisch. Hat ja im Forum eigentlich nichts verloren. Macht mich nur manchmal wütend, nicht in der Lage zu sein, für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens ;) Sorge zu tragen: Mörikes Verhältnis zu Schleiermacher und dessen romantisch-christlicher Todesvorstellung zu untersuchen (die von dir erwähnte Gleichsetzung Schicksal - Tod findet sich dort) oder über das Verhältnis von konservativ und revolutionär in Restaurationsepochen mich zu ergehen. Weil's chronisch zwickt und piesackt und ich auf das rein körperliche Vegetieren beschränkt werd.

Aber dem armen Mörike ist hier schon so am Zeug geflickt worden, dass ich seinen Thread nicht noch als Paraphrase eines Arztwartezimmergespräches missbrauchen will. (Obwohl ich mir mal Notizen während einer solchen Wartephase machte, welche durchaus als Grundlage zu einem absurden Theaterstück zu gebrauchen wären, insofern findet man allüberall literarisch Verwertbares.)

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 03. Juni 2011, 15.16 Uhr
Dass die Person, durch die Nolten an sein "dunkles Fatum" gebunden ist bzw deren Schicksal er wiederholen /vollenden muss, sich postum als biedermeierliche Hofschranze entpuppt, ist das Ironie oder sollen wir das ernst nehmen?

Gestern habe ich ein wenig im Internet nachgelesen. In den letzten Jahren hat die Forschung Mörike und besonders Maler Nolten „für sich entdeckt“, mit anderen Worten, die armen Doktoranden haben ein Feld gefunden, das noch nicht gründlich beackert ist. Nach neueren Forschungsmeinungen soll angeblich mehr Ironie in dem Roman stecken, als schlichte Leser wie Du und ich zu erkennen vermögen, aber ich fürchte, die Figur des Hofrats entbehrt ihrer gänzlich. Wird er bei seinem ersten Auftreten noch als skurriles, vor sich hin grantelndes Männchen beschrieben, tritt er später als liebenswürdiger Gönner und Förderer auf. Es ist auch nicht nachzuvollziehen, warum er sich Nolten nicht zu erkennen gibt. Aber wahrscheinlich ahnt auch er, dass hier ein dunkles Geschick erfüllt werden muss. ::)


Soweit ich verstehe, ist mit der „Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet“ kein personaler Gott gemeint, sondern das Fatum, die dunkle Schicksalsmacht, im Grunde der Tod selbst. Das Bewusstsein seiner Todesverfallenheit (erzeugt eine) Art fatalistischer Euphorie. Jede Verantwortung fällt weg, er kann sich, willenlos seinem vorbestimmten Geschick überlassen...

[...]ich glaube, diese Stelle lässt sich nicht anders verstehen. Und gerade das verstehe ich nicht, beziehungsweise erfüllt mich mit Unbehagen! Es hat etwas Wagnereskes, Aschenbachisches! Allerdings überzuckert mit Kinderbuchfrömmigkeit.

Ja, es fehlt das Laszive, Dekadente, Abgründige. Aber worauf bezieht sich diese "Kinderbuchfrömmigkeit"? Larkens spricht, als er Leopold Noltens Aufzeichnungen zu lesen gibt, von einer „unbekannten höheren Macht“, die oft den Gang der Menschen planvoll in wunderliche Bahnen leite. Das Wort Gott fällt überhaupt nicht.

Weil's chronisch zwickt und piesackt und ich auf das rein körperliche Vegetieren beschränkt werd.

Beruhigend klingt das nicht. Ich hoffe, Du hast zwischendurch auch mal bessere Tage.  :hi:

Gruß
Anna
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 04. Juni 2011, 10.50 Uhr
Hallo!

So dümple ich denn hinterher ...

Immerhin habe ich gestrn wieder 2 Seiten gelesen. Es diskutieren der Fürst und seine Schwester des langen und des breiten darüber, ob nun Nolten (und damit a fortiori Larkens, denn sie sind ja ein Herz und eine Seele, wie das Geschwisterpaar befindet) wegen Majestätsbeleidung belangt werden könne oder nicht. Die beiden machen in dieser Diskussion einen sehr aufgeklärten Eindruck. Interessant allerdings, wie der König jr. (denn die Beleidung träfe ja allenfalls seinen Vater  ;) ) völlig nebulös bleibt und nur durch seinen brüderlichen Gehilfen agiert.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 05. Juni 2011, 07.32 Uhr

Quote from:  Anna Datum/Zeit: 03. Juni 2011, 15.16 Uhr
Aber worauf bezieht sich diese "Kinderbuchfrömmigkeit"? Larkens spricht, als er Leopold Noltens Aufzeichnungen zu lesen gibt, von einer „unbekannten höheren Macht“, die oft den Gang der Menschen planvoll in wunderliche Bahnen leite. Das Wort Gott fällt überhaupt nicht.

Bei Larkens natürlich nicht. Er ist ja auch ein Freigeist, der im Gegensatz zu Nolten sogar Verständnis dafür hat, wenn Frauen sich dieselbe Freiheit nehmen wie Männer. >:D
Ich habe an die mehrfach zitierte Stelle gedacht, die Noltens Gemütsverfassung beschreibt. Da ist von fromm, Gott, geweihtes Kind in einem Atemzug mit Todeswollust usw. die Rede. Fromme Todeswollust das ist ja fast ein Oxymeron.
Gegen Ende häufen sich Zeugnisse naiver Religiosität - z.B. wird das (zugegeben schöne) altkatholische Lied Jesu benigne zitiert- und gehen mit der Todessehnsuchts /Lebensüberdruss- Stimmung eine wie ich finde schwer verdauliche Verbindung ein.

Quote from: Anna Datum/Zeit: 03. Juni 2011, 15.16 Uhr
Nach neueren Forschungsmeinungen soll angeblich mehr Ironie in dem Roman stecken, als schlichte Leser wie Du und ich zu erkennen vermögen, aber ich fürchte, die Figur des Hofrats entbehrt ihrer gänzlich. Wird er bei seinem ersten Auftreten noch als skurriles, vor sich hin grantelndes Männchen beschrieben, tritt er später als liebenswürdiger Gönner und Förderer auf. Es ist auch nicht nachzuvollziehen, warum er sich Nolten nicht zu erkennen gibt
.
Dass die Figur des Hofrats jeder Ironie entbehrt, hatte ich schon befürchtet. Ich glaube, Ironie im Nolten entdecken zu wollen, ist ein verzweifelter Rettungsversuch.
Was du über den Hofrat sagst, hat mich auch gestört. Ich finde übrigens, dass auch andere Romanpersonen Ungereimtheiten, Brüche und Widersprüche aufweisen, besonders Nolten und Larkens, was mich des öfteren denken ließ, dass sie zunächst anders konzipiert waren, ja der ganze Roman anders verlaufen sollte …

Ich bin dann mal für eine Woche weg, hoffe aber, dass in meiner Abwesenheit Nolten weiter heiß diskutiert wird. :angel:
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: orzifar on 06. Juni 2011, 16.47 Uhr
Hallo!

Wegen des Vergleichs Büchner - Mörike: Das sind halt typische Antagonisten einer Restaurationszeit, in der es immer revolutionäre und konservative Strömungen gibt. Mörike ein Vertreter des Konservativen, vielleicht nicht reaktionär, sicher aber resignativ. Wenn nun, wie nach 1815, die Repressionen einigermaßen erfolgreich sind (und das Bürgertum nach Möglichkeit von der politischen Macht ausgeschlossen wird), wird diesem ein apolitischer Bereich zugewiesen: Kunst oder auch Kunstmäzenatentum, dort aber, wo diese Kunst kritisiert, rebelliert, wird sie (wie bei Büchner) in eine radikale Position gedrängt.

Mörike mit seinem geistlichen Hintergrund (mit einer für mich resignativ anmutenden Haltung) versucht sich in der Darstellung eines vor-aufklärerischen Gesellschafts- und Familienideals, aber er begreift als ein nach der Aufklärung Geborener auch das Unzulängliche dieses Ideals. Das ist durchaus mit Ironie versehen (wie beim Kügelchen verschießenden pater familias) und es wird mit der Sehnsucht nach Kunst versetzt, die an sich eben schon etwas Subversives und Kritisches besitzt (wie im "Letzten König von Orplid" mit den Konsequenzen der Einkerkerung, die allerdings auch ein wenig gemütlich-bidermeierisch anmutet), eine Kunst, die - aus Mangel an politischen Möglichkeiten - zur Flucht aus der Realität wird. Der Kunst wohnt aber auch eine individuelle Gefahr inne, ein rasches Aufflammen und Vergehen (wie in der Mozart-Novelle thematisiert), wobei in dieser Novelle die Todeswollust anklingt wie im Nolten:

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
in welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehen
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe.

Dieses "böhmische Volkslied" wird Eugenie zum Orakel, den baldigen Tod des Genies verkündend. Auch Nolten ereilt dieser Tod, wobei ein Akzidens zur Gefahr der Kunst der Eros ist: Hier die Elisabeth, dort Don Juan.

Die Reaktion zeigt sich auch in Mörikes Schicksalsdenken, das ihm aus der Romantik zukommt: Man ist eben niemand, der kraft seines eigenen Verstandes aktiv sein Leben gestalten kann, sondern ist einer höheren Macht ausgeliefert. Dieses Rückwärtsgewandte in eine vermeintlich bessere Vergangenheit entspricht post-revolutionären Zeiten verbunden mit metaphysischem Brimborium. Von dieser Kunst-Metaphysik-Mittelalter-Romantik zehrt auch Mörike, wer die Gegenwart nicht zu ändern glaubt, schafft sich auf diese Weise ein Refugium (die von mir erwähnten Gothics, waren ebenfalls eminent unpolitisch, sie hatten ihre Parallelwelt und bekümmerten sich kaum oder gar nicht um das Tagesgeschehen). Mörikes Gesellschaftsentwurf hat etwas Idealisches (und erinnert in seiner Konzeption an Stifter), brave Bürger, ebensolche Adlige und Bauern - aber eben auch etwas Wurmstichiges: Wispel tritt allüberall auf (ja man braucht ihn sogar, um die Geschichte in Gang zu bringen) - etwas dem Tode Verfallenes. Insofern scheint mir hier mindestens so viel Gesellschaftskritik verborgen wie im erwähnten Werther, wobei ich glaube, dass man die beiden Werke nicht vergleichen kann. Das eigentliche Goethe-Vorbild (wenn es denn eines gibt) ist der Wilhelm Meister: Der aber fährt - seiner ratio geschuldet - durch die Welt und sucht (findet?) Erkenntnisgewinn - aber er ist kein gescheiterter Künstler, nicht dem Tode verfallen wie Nolten, Mozart (oder Don Juan), sondern endet im wohlgepolsterten Ohrensessel. Eine derart gerundete Biographie ist 1832 unmöglich, sie wäre dann tatsächlich Verklärung.

Vieles, was im Nolten ein wenig unbeholfen anklingt, hat Mörike in seine Mozartnovelle gepackt, komprimiert, altersweise, ohne Ab- und Umschweifungen. All diese aufgesetzten Handlungsstränge, intriganten Verwicklungen, explizit ausformulierten erotischen Gefahren erspart er sich dort - und Mörike spürte all diese Mängel ohnehin, sonst hätte er sich einer Neuauflage nicht konsequent verweigert. Aber es stimmt wohl Gontscharows Diktum: Er war ein Mann der kleinen Form, jedenfalls kann der Nolten Mozarts Reise nirgendwo das Wasser reichen: Weder formal, noch künstlerisch. Wenn auch vieles bereits durchscheint.

lg

orzifar
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Anna on 08. Juni 2011, 22.42 Uhr
Bei Larkens natürlich nicht. Er ist ja auch ein Freigeist, der im Gegensatz zu Nolten sogar Verständnis dafür hat, wenn Frauen sich dieselbe Freiheit nehmen wie Männer. >:D

Diese Stelle ist mir auch aufgefallen. :wut:

Gegen Ende häufen sich Zeugnisse naiver Religiosität - z.B. wird das (zugegeben schöne) altkatholische Lied Jesu benigne zitiert- und gehen mit der Todessehnsuchts /Lebensüberdruss- Stimmung eine wie ich finde schwer verdauliche Verbindung ein.

Diese Zeugnisse naiver Religiosität beziehen sich allerdings immer nur auf Agnes, deren reine Seele natürlich ins Jenseits hinüber gerettet werden muss. ;) Obwohl sie der Inbegriff pietistischer Frömmigkeit und Innerlichkeit ist, kann man bei ihr auch nicht gerade von fröhlichem Gottvertrauen und gläubiger Zuversicht sprechen. Die Zuwendung zur Religion am Schluss ist ja eher eine Flucht vor der unbegreiflichen Realität. Aber diese Mischung aus Religion, Wahnsinn, Todessehnsucht und Schicksalsverfallenheit ist wirklich schwer verdaulich, da stimme ich Dir zu.

@ orzifar, das war zum Abschluss noch mal eine sehr treffende Charakterisierung des Romans. Dem Diktum Gontscharows schließe ich mich natürlich ebenfalls an, Mozarts Reise und auch etliche von Mörikes Gedichten mit ihrer schönen fließenden Rhythmik gefallen mir wesentlich besser.

Gruß
Anna
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: Gontscharow on 24. Juni 2011, 13.12 Uhr

Quote from:  Datum/Zeit: 08. Juni 2011, 22.42 Uhr Autor: Anna
@ orzifar, das war zum Abschluss noch mal eine sehr treffende Charakterisierung des Romans.

Das kann ich nur unterschreiben, abzüglich dessen, was über Gesellschaftskritik und Ironie gesagt wird. Davon kann ich nach wie vor beim besten Willen im Nolten nichts entdecken! Im Gegenteil.

Ich habe jetzt noch  das Stuttgarter Hutzelmännlein gelesen. Mir gefällt das Skurrile, märchenhaft Pfiffige, Schnurrige, manchmal Burleske der Geschichte und die mit schwäbischen Dialektwörtern wie Bartefant, Habergeis und Schachzagel herrlich gewürzte Sprache! Auch die eingeschachtelte geheimnisvolle  Historie von der schönen Lau  gefällt mir. Wunderschön dann das glückliche Finale der Schustergesellengeschichte: Seppe findet nach Irrungen und Wirrungen schließlich seine Vrone und sie tanzen, angetan mit den Glücksschuhen des Hutzelmännchens und nur auf einander konzentriert, hoch über den Köpfen der Menge auf dem Seil. Doch bevor es zum alles besiegelnden Kuss kommt, zerplatzt (für mich) diese schöne Phantasie, denn anstatt dass diese jeder Erdenschwere enthobenen, über dem Abgrund der Gesellschaft tanzenden Wesen diese ignorieren oder ihr eine Nase drehen, macht Seppe...
 
Quote from:  Mörike
...bei der Kreuzstange halt, schwang seine Mütze und rief gar herzhaft: „Es sollen die gnädigsten Herrschaften leben!“- Da denn der ganze Markt zusammen Vivat rief, dreimal, und einem jeden Teil besonders…

Herzig, gell?
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 26. Juni 2011, 15.11 Uhr
Hallo!

So, den ersten Teil habe ich nun auch beendet.

Unsere beiden Helden sind glücklich in Haft; Mörike nutzt die Zeit, um einige Aufklärungen über deren Vergangenheit zu geben - nicht immer mit gleichem Geschick.

Larkens' Jugend wird nur kurz gestreift. Hier wirkt Mörike recht plump - er erklärt im auktorialen Stil, was denn nun der Leser von seinem Helden zu halten habe.

Bei Nolten liegt der Fall komplizierter. Auch hier greift Mörike zur Rückblende, und gar zur Rückblende in der Rückblende. Das ist einerseits zwar geschickter als die auktoriale Rückblende bei Larkens, weil hier die Figuren selbst erzählen. Dennoch ist es relativ plump gemacht - und vor allem: der romantische Tieck lässt grüssen, dessen Spezialität diese Form von Verschachtelung war (der späte Realist Tieck erzählt geradlinig), und der Romantiker Brentano. Und hinter beiden steht - heftig mit dem Zaunpfahl winkend - der Schauerromantiker "Monk" Lewis, dessen Spezialität es war, in langatmigen Rückblenden verwickelte Vorgeschichten zu erzählen, die mit ungeheuren Gefahrenmomenten die Leser in Atem halten sollten, aber nur Langeweile erzeugten, weil die handelnden Personen der Rückblende schon längst im Haupterzählstrang wieder vorgekommen waren, und man also wusste, dass sei sich auf die eine oder andere Weise aus den früheren Kalamitäten gezogen haben mussten. Im Unterschied zu den oben genannten Romantikern allerdings sind Mörikes Erklärungen ganz rational und realistisch: Die Larkens verfolgende Zigeunerin ist die Tochter seines Onkels, von den Zigeunern dem Erzeuger geraubt zur Strafe dafür, dass er ihnen die Mutter geraubt hatte.

Man sieht am Ende des ersten Teils doch die Pranke des Löwen. Oder vielleicht sollte ich besser sagen: die Pranke des Geparden, denn ein Löwe war Mörike nicht, dazu kann er zu schlecht auf den Baum des Romans klettern. Aber wie ein Geparde kann er zwischendurch eine erstaunliche Geschwindigkeit an den Tag legen, um seine Beute zu schlagen.

Grüsse

sandhofer
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 26. Juni 2011, 15.37 Uhr
Und da beginne ich gerade, mit dem Zweiten Teil und etwas versöhnt zu sein mit Mörike - da trifft der gute Nolten auf seine gute Agnes. Wo? Auf dem Friedhof, wo der Tischler gerade ein paar Bretter zum Trocknen an einen alten Grabstein gelehnt hat und Agnes selber Leintücher zum Bleichen auslegte. Das ist zwar schon besser als die mystischen Vorahnungen der Gräfin oder das dumpf-defätistische Gebrabbel Larkens' im Ersten Teil, aber trotzdem war meine erste Reaktion: Ach nöööö ...  ^-^
Title: Re:Eduard Mörike: Maler Nolten
Post by: sandhofer on 28. Juni 2011, 16.47 Uhr
Hallo!

So, nun bin ich auch fertig mit der Novelle, wie sie Mörike selber nannte. Novellenartig - leider ohne einen erkennbaren Falken, es sei denn, man nehme die Geschichte der von Larkens unter Noltens Namen geschriebenen Liebesbriefe - auch der Schluss, wo der Autor seine Protagonisten reihum niedermäht. Dennoch: Der zweite Teil ist wirklich besser gelungen als der erste.

Was Euren Lieblingssatz betrifft:

Quote from:  Mörike "Maler Nolten" TeilII etwa Mitte
Seine Gedanken verschwammen nach und nach in einer grundlosen Tiefe, doch ohne Ängstlichkeit; mit einer Art von frommer Todeswollust, mit überschwänglichem Vertrauen küsst er den Saum am Kleide der Gottheit, deren geweihtes Kind er sich empfindet.

[...]

Interessant finde ich ja an der Stelle, wie Mörike plötzlich vom Präteritum ins Präsens fällt. (Ich hätte die Stelle, ehrlich gesagt, überlesen, wenn ich nicht über diesen Tempus-Wechsel gestolpert wäre.) Dieses Gefühl bzw. diese mystische Handlung-Haltung müssen Mörike sehr wichtig gewesen sein, die Grundlage einer (seiner?) conditio humana, ohne die er sich das Leben nicht vorstellen konnte. Ein Leben vor dem Hintergrund des Todes. (Mörike, wenn ich psychologisieren darf, war, wie praktisch alle seine Geschwister, ein wenig lebenstüchtiger Mensch und mag sehr wohl den Tod so ähnlich empfunden haben.)

Grüsse

sandhofer