Autor Thema: M. Andreas Weber: David Hume und Edward Gibbon  (Gelesen 1224 mal)

Offline orzifar

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M. Andreas Weber: David Hume und Edward Gibbon
« am: 26. September 2015, 03.26 Uhr »
Hallo!

Beim vorliegenden Buch handelt es sich um eine überarbeitete Dissertation - mit all den damit verbunden Problemen. Der angehende Dr. phil. muss sich ein Thema in Absprache mit seinem Doktorvater suchen und er muss bei diesem Thema "eigene Forschungsarbeit" leisten - im Gegensatz zu simplen Seminararbeiten. Das zu leisten ist nicht jedermanns Sache und auch nicht jedes Thema eignet sich wirklich dazu.

So auch hier. Die Grundidee, Gibbons Arbeiten unter religionssoziologischem Aspekt zu betrachten und dabei den Einfluss von Humes Anschauungen zur Religion auf Gibbon zu analysieren, war offenbar nicht in dem Maße fruchtbar, wie sich der Autor dies wünschte. Daher liefert Weber über mehr als die Hälfte des Buches eine bloße Beschreibung der Humeschen Ansichten zur Religion (zum Gottesbegriff etc.) und versucht dann - ziemlich mühsam - deren Einflüsse in Gibbons "The History of Decline and Fall of the Roman Empire" nachzuweisen. Das mag nun teilweise gelingen, ist aber nichts weniger als trivial: Ein Nichtvorhandensein dieser Thesen hatte auch niemand behauptet, Gibbon selbst hat den Einfluss Humes zugestanden. So wird also der Beweis erbracht für eine Tatsache, die niemand je bezweifelt hat und deren Bedeutung fragwürdig bleibt. Denn die durchaus interessante Frage einer Wirkung des naturalistisch-individualistischen Ansatzes Humes auf die rezente Religionssoziologie wird auf knapp vier Seiten abgehandelt (wobei es schlicht bei der Feststellung bleibt, dass die einen diesen Ansatz verwerfen, anderen hingegen für nützlich erachten).

Humes Oszillationsthese (die sich Gibbon teilweise zu eigen macht) weist im übrigen die übliche Problematik geschichtlicher Theorien auf (eine prinzipielle methodologische Kritik solcher geschichtsphilosophischer Ansätze am Beispiel Humes und Gibbons hätte dem Buch gut getan). Man findet sowohl Beispiele für seine These als auch gegen sie. Und sie erweist sich deshalb als in sehr beschränktem Maße fruchtbar: Der von Hume propagierte zwangsläufige Wechsel von montheistischen und polytheistischen Glaubensvorstellungen lässt sich möglicherweise für die Spätantike nachweisen (obschon man zu diesem Zweck brav alle nicht ins Konzept passenden Bereiche mit Nichtachtung strafen muss), für die weitere Geschichte wird's hingegen ziemlich prekär: Zum einen muss der Heiligenkult des Christentums als partieller Polytheismus ausgewiesen (das mag noch angehen), zum anderen die Reformation als ein Rückkehr zum Monotheismus betrachtet werden. Wobei sich die Frage stellt, wie sich dieser Wechsel in den immer noch katholischen Gebieten darstellt. Das Ganze kann bestenfalls als eine Art Arbeitshypothese dienen.

Und so ist der Ertrag beim Lesen dieses Buches ein eher bescheidener: Hume und Gibbon (wieder-)lesen, das Literaturverzeichnis durchforsten (und teilweise fündig werden), sich auf die Suche nach neueren religionssoziologischen Arbeiten begeben.

lg

orzifar
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