Autor Thema: Edward Craig: David Hume  (Gelesen 1435 mal)

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Edward Craig: David Hume
« am: 22. September 2015, 04.25 Uhr »
Hallo!

Das Buch versteht sich als eine Einführung in das Denken Humes, erhebt aber explizit den Anspruch, einen Mehrwert auch für Hume-Kenner zu besitzen. Als Einführung ist es nur mit Einschränkungen zu empfehlen: Ohne Kenntnis des Humeschen Denkens wird man von den Ausführungen nicht viel haben und so weist Craig auch immer wieder auf die einschlägigen Textpassagen hin. (Hier verbirgt sich eine umständliche Kuriosität: Craig zitiert auf Englisch, verweist auf Herrings Übersetzungen und beanstandet diese im gleichen Atemzuge (manchmal). Das macht es für den Leser schwer, den Erläuterungen zu folgen: Man hat einen englischen Begriff, eine schlechte Übersetzung und eine deutsche Neuinterpretation. Warum sich Craig nicht der Mühe - die so groß nicht gewesen wäre - unterzogen hat, die entsprechenden Textpassagen in eigener Übersetzung einzufügen - zumindest hätte ihm der Lektor dies ans Herz legen sollen - bleibt ein wenig rätselhaft.)

Und auch mit den Interpretationen war ich nicht immer glücklich: Denn Craig scheint ein gewisses Faible für das Auffinden unklarer Terminologien zu haben (nicht nur bei Übersetzungen). Dies ist nun bei Hume durchaus berechtigt (das Problem der "Perzeption" wurde in der Literatur mehrfach erlörtert), trotzdem aber einigermaßen unnotwendig. Denn im Grunde bemüht sich Hume sehr um Klarheit, die ihm unterlaufenden Fehler sind zumeist leicht auszumachen und nicht wirklich misszuverstehen. Deshalb lesen sich (für mich) viele Passagen dieses Buchs sonderbar: Ein Dozent, der sich darum bemüht, Inkonsistenzen ausfindig zu machen und - sofern sie wörtlich verstanden werden - ihren Widersinn darzustellen. Das ist ein zwar akademisch häufiges, dennoch befremdliches Unterfangen.

Daneben gibt es aber auch interessante Interpretationsansätze, indem der Autor Hume auf dem Hintergrund des historisch-philosophischen Denkens betrachtet und seine Philosophie zu den Denkidealen dieser Zeit in Bezug setzt (wie etwa der Ähnlichkeit von menschlichem und göttlichem Denken bzw. der Vorstellung von Gottes Erkenntnis als dem Modell der Wahrnehung oder der Mathematik angepasst). Bei den (gerade leseründlich aktuellen) Dialogen über die natürliche Religion unterläuft ihm jedoch ein häufig vorkommender Fehler: Er interpretiert den Ansatz des Cleanthes als teleologisch, was dieser aber mitnichten ist. Denn von einem Endzweck, einem "telos" kann hier nirgendwo die Rede sein, Cleanthes operiert vielmehr mit Topitschs technomorphen bzw. biomorphen Modellen. Nirgendwo Teleologie im Sinne Aristoteles'.

Abschließend gibt es ein kurzes, aber interessantes Kapitel über die Verbindung zwischen Hume und Kant: Obwohl auch hier wieder Craigs Terminologiefetischismus zuschlägt und unter - vorgeblich - genauer Analyse interessante Gedankengänge zu den Grundfragen verbirgt: Nimmt Hume Kant vorweg oder wird Hume durch Kant ersetzt? (Weder noch - nach Ansicht des Autors, dem ich hier zustimme.)

lg

orzifar
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