Autor Thema: Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten  (Gelesen 1199 mal)

Offline orzifar

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Gerhard Roth: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten
« am: 19. August 2015, 03.34 Uhr »
Hallo!

Roth hat einige Bücher geschrieben, die sich - teilweise - mit dem Problem der Willensfreiheit beschäftigen (ein Hirnforscher stößt wohl ganz automatisch auf diese Problematik). Auch in diesem Buch ist ein Kapitel diesem Problem gewidmet - und es ist das relativ beste. Natürlich kann auch er den Widerspruch von Determination und Freiheit nicht auflösen, seine Auslassungen zum Thema sind aber durchdacht und intelligent (so wird man etwa nicht mit der oft zu lesenden Dummheit konfrontiert, dass die quantenphysikalischen Phänomene diese Willensfreiheit retten würden: Nichtvorhersagbarkeit hat aber mit Willensfreiheit gar nichts zu tun - im Gegenteil. Wäre man auf diese Weise durch den Zufall bestimmt, so wäre das das Ende jeder Willensfreiheit.)

Andere Teile des Buches sind weniger gelungen: So trägt die Aufzählung all der Hirnregionen, die an bestimmten Denktätigkeiten beteiligt sind, nichts zum Verständnis derselben bei. Das liest sich etwa wie folgt: "Das Ich als Träger von Emotionen ist gebunden an Aktivitäten im orbitofrontalen, ventromedialen, anterioren cingulären und insulären Cortex und im rechten unteren Temporallappen, und zwar im Zusammenwirken mit der Amygdala und anderen subcorticalen, limbischen Zentren." Dazu kann man dann die verschiedenen Regionen auf einer Abbildung nachsehen, ohne aber jemals wirklich einen Überblick über die Zusammenarbeit der Regionen zu bekommen (besser: Man bekommt ihn im Laufe des Textes trotz dieser sinnfreien Aufzählungen). Dehaene ist in seinem Buch die Einbindung der medizinisch-anatomischen Grundlagen sehr viel besser gelungen, er hat sich auf das Wesentliche beschränkt und gerade dadurch das Verständnis gefördert.

Ansonsten: Nicht wirklich viel Neues für jemanden, der sich mit sich selbst oder anderen schon ausführlicher zu beschäftigen gezwungen sah. Denn jeder, der mit seinem eigenen Funktionieren (oder dem seiner Umgebung) unzufrieden war, ist schon auf die Schwierigkeiten einer Verhaltensänderung gestoßen, an die Grenze reiner Rationalität, auf un- oder vorbewusste Mechanismen, die die schönsten Pläne zunichte machen. Oder aber hat auf seine Weise den von Bandura eingeführten Begriff der "Selbstwirksamkeit" entdeckt, der eine gewissen Kongruenz der unbewussten Motive mit den bewussten Zielen voraussetzt.

Ich werde mich einigen anderen Büchern von Roth (als Herausgeber bzw. in Zusammenarbeit mit Autoren wie M. Pauen) zuwenden, in denen die Frage des freien Willens im Zentrum der Ausführungen steht, dieses Buch hat mich (vielleicht aufgrund falscher Erwartungshaltung) ein wenig enttäuscht.

lg

orzifar
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Marcel Proust: Im Schatten junger Mädchenblüte
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Peter Farb: Die Indianer. Entwicklung und Vernichtung eines Volkes.
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