Autor Thema: Stanislas Dehaene: Lesen  (Gelesen 1397 mal)

Offline orzifar

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Stanislas Dehaene: Lesen
« am: 07. Mai 2015, 23.59 Uhr »
Hallo!

Ein sehr interessantes und informatives Buch über das "Wunder" des Lesens. Dehaene geht der Frage nach, wie dieses Wunder zustande kommt, welche neurologischen Strukturen wir für das Lesen verwenden (Strukturen, die von der Evolution nicht für das Lesen vorgesehen sein konnten), wie wir die Zeichen verarbeiten (offensichtlich parallel, die Geschwindigkeit, mit der wir Texte zu verstehen in der Lage sind, lassen eine serielle Verarbeitung nicht zu: Die Prozessortechnologie zielt mittlerweile auf das gleiche Prinzip ab), wie die Verbindung Graphem - Phonem zustande kommt (bzw. was denn da zuerst ist: Der Laut oder das Zeichen) und welchen Beschränkungen wir in dieser Zeichenverarbeitung unterliegen. (Ein wunderbar lesbares Kapitel setzt sich auch mit dem Unfug des "ganzheitlichen" Lesens auseinander: Dehaene zeigt, warum dieses System anfangs gut, später dann kaum mehr funktioniert - außer bei Autisten.)

Und Dehaene spekuliert nicht: Er bezieht sich auf umfangreiche Studien, auf bildgebende Verfahren bzw. auf Untersuchungen an verschiedenen Primaten (denn es ist von Interesse, wofür jene Gehirnpartien - im speziellen Fall die linke Schläfenregion, die beim Menschen für das Lesen verwendet wird - bei den untersuchten Arten Verwendung findet: Offensichtlich diente dieser Bereich für die Spurensuche bzw. Orientierung an signifikanten Punkten, Untersuchungen an Ureinwohnern weisen ebenfalls in diese Richtung). Wobei unser Gehirn seine Anpassungsfähigkeit beweist: Verletzungen lassen andere Areale bestimmte Funktionen übernehmen (wenn auch mit geringerer Geschwindigkeit), während im "Idealfall" die neurologisch kürzest möglichen Wege beschritten werden (da aber unsere Gehirnstruktur nicht zum Lesen geschaffen wurde, ist "kürzest möglich" relativ:  Es werden die verschiedensten Regionen kreuz und quer verbunden; wäre unsere Schaltzentrale - wie im Intelligent Design vermutet, "erschaffen", so würde das nicht für den Demiurgen sprechen ;)) . Dazu kommen noch faszinierende Einblicke in de Funktionsweise des Gehirns: Der Autor liefert eine Erklärung für das bei sehr vielen Kindern auftretende "Spiegelphänomen": Der Unterschied zwischen "b" und "d" als auch "p" und "q" muss - weil so nicht vorgesehen - mühsam erlernt werden (klein Orzifar beginnt nur langsam die Fähigkeit zur Spiegelschrift zu verlieren).

Und weil wir anderswo über die Sinnhaftigkeit von Wissenschaften im kulturellen Bereich diskutierten - hier ein aufschlussreiches Zitat aus dem Buch: "Kulturelles Lernen beruht nicht auf allgemeinen Lernmechanismen, sondern auf bereits vorhandenen Schaltkreisen, deren Funktion eng begrenzt ist. Was das Lesen angeht, kennen wir die entsprechenden Schaltkreise immer genauer: Es sind die Kreise der invarianten visuellen Erkennung und ihre Verbindungen zu den Bereichen der gesprochenen Sprache. Ihre stark gegliederte Struktrur und ihre allen Primaten gemeinsame Lernfähigkeit schränken die Bandbreite akzeptabler Schriftsysteme ein.

Daraus ergibt sich zweitens, dass unsere Hirnstrukturen kulturellen Konstrukten Grenzen setzen. Unsere Erfindungsfähigkeit ist nicht unendlich; sie beruht auf der Funktion eines uns auferlegten neuronalen Ensembles. Soweit die Kulturen der Menschen den Anschein sehr großer Vielfalt erwecken, entspringt diese aus den exponentiellen Kombinationsmöglichkeiten eines beschränkten Fundus grundlegender kultureller Formen.

Im Fall des Lesens sind diese kulturellen Invariablen greifbare Realität. Von den chinesischen Schriftzeichen bis hin zum Alphabet beruhen alle Schriftsysteme auf einem morpho-phonologischen Prinzip: Sie repräsentierren sowohl Wortwurzeln als auch Lautstrukturen. Außerdem stützen sie sich auf einen kleinen Bestand visueller Formen, die überall verwendet werden. Der scheinbaren Vielfalt der Schriften liegt ein weit gespannter Fundus universeller, neurologisch eingeschränkter Merkmale zugrunde." (S. 352, Hervorhebungen von mir.)

Ein äußerst empfehlenswertes Buch, aus dem ich über Semiotik, Semiologie wesentlich mehr gelernt habe als aus so mancher "Fachliteratur".

lg

orzifar
« Letzte Änderung: 08. November 2016, 02.23 Uhr von orzifar »
Derzeitige Lektüre:

Hans-Joachim Dahms: Positivismusstreit
Marcel Proust: Im Schatten junger Mädchenblüte
Niall Ferguson (Hrsg.): Virtuelle Geschichte. Historische Alternativen im 20. Jahrhundert.
Nick Bostrom: Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution.
Peter Farb: Die Indianer. Entwicklung und Vernichtung eines Volkes.
Michel Onfray: Wir brauchen keinen Gott: Warum man jetzt Atheist sein muß.
Franz M. Wuketits: Naturkatastrophe Mensch. Evolution ohne Fortschritt.

Offline sandhofer

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Re: Stanislas Deahaene: Lesen
« Antwort #1 am: 08. Mai 2015, 07.40 Uhr »
Es werden die verschiedensten Regionen kreuz und quer verbunden; wäre unsere Schaltzentrale - wie im Intelligent Design vermutet, "erschaffen", so würde das nicht für den Demiurgen sprechen ;)

Wobei ... wenn ich mir ansehe, wie der durchschnittliche Programmierer ein Programm erweitert, kommt das dem von Dir Beschriebenen wiederum sehr nahe. Es wird hier ein Stückchen Code aufgebläht, dann wird auf einen ganz andern Teil im Programm verwiesen, wo man dann wieder herumschraubt ... Es gibt natürlich Leute, die behaupten, das wäre nicht intelligentes Programmieren ...  8)

Unsere Erfindungsfähigkeit ist nicht unendlich; sie beruht auf der Funktion eines uns auferlegten neuronalen Ensembles. Soweit die Kulturen der Menschen den Anschein sehr großer Vielfalt erwecken, entspringt diese aus den exponentiellen Kombinationsmöglichkeiten eines beschränkten Fundus grundlegender kultureller Formen.

Woran dann alle SF mit ihren Aliens leidet. Die sind immer so verdammt menschlich...
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus