Autor Thema: Günter Grass: Ein weites Feld  (Gelesen 2336 mal)

Offline orzifar

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Günter Grass: Ein weites Feld
« am: 04. Mai 2015, 02.05 Uhr »
Hallo!

Nach einer mehr-weniger erzwungenen Pause mach ich mich wieder an den Grass heran (flankiert von Nürnbergers mehr als umfangreicher Fontane-Biographie: Man will schließlich wissen, was da Zitat und was Grass ist). Eine angenehme, gefällige Lektüre, Grass gelingt es recht gut, die Sprache Fontanes nachzuahmen und seinem Buch eine Art der Betulichkeit zu verleihen, die an den Stechlin erinnert. Das kann (und wird, falls sich nichts ändert) allerdings nicht zu einer entsprechenden Aufarbeitung des DDR-Regimes dienen: Mir will scheinen, dass Grass mit diesem "Fonty" möglicherweise schon länger schwanger gegangen ist und ihn nun in diesem Rahmen verwurstet. Ein reiner Verdacht - aber trotzdem ...

Außerdem habe ich langsam meine Zweifel, ob dieses Doppelspiel Fonty-Wuttke und Fontane den ganzen Roman hindurch trägt: Das wirkt manchmal schon sehr bemüht, ein wenig penetrant (wenngleich, wie erwähnt, gut gemacht). Wirklich überzeugt bin ich von dem Roman nach 100 Seiten also nicht, ich vermute, dass ich mit fortschreitender Seitenzahl dieser ständigen An-Spielerei müde werde.

lg

orzifar
Derzeitige Lektüre:

Marcel Proust: Im Schatten junger Mädchenblüte
Karlheinz Deschner: Kriminalgeschichte des Christentums. Die Frühzeit.
Nick Bostrom: Superintelligenz. Szenarien einer kommenden Revolution.
Eckhard Keßler: Die Philosophie der Renaissance. Das 15. Jahrhundert.
Adrián Paenza: Mathematik durch die Hintertür
Michaela Masek: Geschichte der antiken Philosophie
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Niall Ferguson: Der Westen und der Rest der Welt. Die Geschichte vom Wettstreit der Kulturen.

Offline orzifar

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Re: Günter Grass: Ein weites Feld
« Antwort #1 am: 21. Mai 2015, 01.29 Uhr »
Hallo!

Irgendwie kann ich sie alle teilen, die Urteile: Den Verriss durch MRR, aber auch Dostoevskijs Feststellung, dass er das Buch gern gelesen habe. Und Karamzins Kritik.

Die Grundkonzeption des Werkes besteht darin, permanente historische Parallelen zu ziehen: Wuttke (auch Fonty genannt), die Hauptfigur des Romans, ist genau 100 Jahre nach Fontane geboren, verehrt den "Unsterblichen" und lebt dessen Leben - mehr-weniger - nach. Und neben diesem wiederauferstandenen Fontane gibt es auch den ewigen Geheimdienstmitarbeiter Hoftaller (Tallhover), eine Figur, die sich Grass aus einem anderen Roman (von Joachim Schädlich) ausgeborgt hat und der schon vor der 1848iger Revolution in der Überwachung unliebsamer Zeitgenossen tätig war. Und so wird ständig zitiert aus den Werken Fontanes, die politische Situation verglichen - oder gar gleichgesetzt und ein historisch-literarischer Blick auf die Gegenwart versucht. Versucht ...

Als ein Werk über die DDR, über die Wende, halte ich das Buch für grandios misslungen. Eine belletristische Behandlung des Themas lässt ja einen bestimmten Mehrwert erwarten, Einsichten und Ansichten, die über das bloß Historische hinausgehen oder aber eine bestimmte Facette des Geschehens auf originelle, besondere Weise beleuchten. Das nun erwartet man hier vergebens: Des Fontane-Wiedergängers Wuttke Auslassungen über die Einheit oder die Treuhand sind recht banal (wie auch die seines "Schattens" Hoftaller), nichts, was man nicht auch an Stammtischen zur Genüge vernommen hat. Kritik, die so berechtigt wie offensichtlich ist (war): "Abgewickelte" Betriebe en masse, sich bereichernde, selbstgefällige Wessis, Korruption allerorten. Und wenig Aussicht auf blühende Landschaften, die von der "regierenden Masse" (Kohl) versprochen worden waren.

Hoftaller, der ewige Geheimdienstmitarbeiter, bleibt auch eine mehr als fragwürdige Figur. Eigentlich ist dies kein ewiger Spitzel oder Agent, sondern ein ewiger und äußerst dienstbeflissener Beamter. Er übernimmt sehr viel häufiger die Funktion des Schutzengels denn des gefürchteten Zuträgers, bewahrt Wuttke vor so mancher Verfolgung (auch schon im Dritten Reich, später in der DDR) und wird schlussendlich zum Krankenpfleger des maroden Fonty. Bestenfalls repräsentiert er ein verknöchertes Beamtentum, keinesfalls aber geht Gefahr von ihm aus: Seine Drohungen sind so durchsichtig wie harmlos und dienen meist dazu, irgendein Unglück von Wuttke bzw. dessen Familie abzuhalten. Die Staatssicherheit stellt man sich nicht nur anders vor, sie war auch anders.

Durch diese ganzen, oft hanebüchenen Parallelen zwischen 19. und 20. Jahrhundert, die Darstellung des fürsorglichen Stasi-Mitarbeiters, die simpel gestrickten Charaktere (sowohl Fontys Söhne als auch etwa der namentlich nie genannte Rohwedder) und die banale Kritik am Einigungsprozess kann man einen völligen Verriss durchaus nachvollziehen. Das Eigenartige aber: Ich habe das Buch trotzdem ganz gern gelesen, weil es Grass recht gut gelingt, Fontanes Sprache zu kopieren, weil es auch immer wieder geistreiche Dialoge oder ebensolche Einfälle gibt, sodass man sich ganz gut unterhalten fühlt. Es scheint mir ein typisches Buch eines sprachgewaltigen Autors über ein ihm völlig entgleitendes Thema zu sein: Die Fontane-Doppelung könnte in einem anderen Zusammenhang durchaus brauchbar sein, wirkt aber in Verbindung mit der Wende deplatziert und aufgesetzt. Und die historische Aufarbeitung der DDR ist ein gänzlicher Fehlschlag: Zwischen Banalität und seltsam anmutender Verharmlosung, die aus der DDR einen Staat macht, der Republikflüchtlinge nicht erschossen, sondern sich etwas betulich und bevormundend um seine Bürger gekümmert hat. Trotz amüsanter Passagen und sprachlich teilweise gelungenen Anleihen bei Fontane ein sehr zweifelhaftes Stück Literatur.

lg

orzifar
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Offline sandhofer

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Re: Günter Grass: Ein weites Feld
« Antwort #2 am: 22. Mai 2015, 11.22 Uhr »
Den Verriss durch MRR, [...]

Der ja, wie ich vor kurzem festgestellt habe, nicht nur zum Streit zwischen Reich-Ranicki und Grass geführt hat: Auch Rühmkorf hat sich wegen dieses Ver- und Zerrisses mit MRR verkracht. Allerdings hat Rühmkorfs Versöhnungsangebot 5 Jahre später bei Reich-Ranicki besseren Widerhall gefunden als das von Grass ...

Grass hat übrigens auf dem Roten Sofa an der Leipziger Buchmesse dieses Jahr sich durchaus positiv und konstruktiv zu MRR geäussert.
Wo nehme ich nur all die Zeit her, so viel nicht zu lesen? - Karl Kraus

Offline sandhofer

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Re: Günter Grass: Ein weites Feld
« Antwort #3 am: 23. Mai 2015, 06.58 Uhr »
Auch Rühmkorf hat sich wegen dieses Ver- und Zerrisses mit MRR verkracht.

Weil's sinngemäss hier hineinpasst: Ich habe gerade den Briefwechsel zwischen MRR und Rühmkorf gelesen, und ihn - auch mit Schwerpunkt auf die "Affäre Grass" 'verbloggt'O0
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